Konrad Falke ─ Die Göttliche Komödie

Hölle

Vorspiele

01 Vorspiel auf der Erde: Vergil. Rettet Dante vor den drei wilden Tieren des finstern Waldes.
02 Vorspiel im Himmel: Beatrice. Hat Vergil dem Dante zu Hilfe geschickt.
03 Vorspiel in der Hölle: Die feigherzigen Parteilosen (hinter einem Fähnlein herlaufend).

Obere Hölle

04 [Kreis 1] Im Höllenvorhof: Tugendhafte Heiden. Teils um das Feuer der menschlichen Vernunft geschart, teils im Schloß der Wissenschaften versammelt.
Unmäßige:
05 [Kreis 2] 1. Wollüstige (vom Sturme hingerafft)
06 [Kreis 3] 2. Schlemmer (im regengepeitschten Schlamme liegend)
07 [Kreis 4] 3. Geizige und Verschwender (einander Lasten entgegenwälzend)
08 [Kreis 5] 4. Zornwütige (im Sumpfe sich zerfleischend) und Missmutige (unter der Wasserfläche gurgelnd)
08-09 Vor der Festung der Stadt Dis. Widerstand der Teufel und Erinnyen. Der Bote Gottes.

Untere Hölle (oder Stadt des Dis)

09-11 [Kreis 6] Ketzerei: Unsterblichkeitsleugner (innerhalb der Festungsmauer in glühenden Särgen liegend)
Gewalttätige:
12 [Kreis 7] 1. gegen andere: Mörder und Räuber (im Blutbach gesotten, von Kentauren beschossen)
13 2. gegen sich selbst: Selbstmörder, Spieler, Vergeuder (in Bäume und Sträucher verwandelt, von Hunden durchrast)
14-17 3. gegen Gott, Natur und "Kunst" (Arbeit): Gotteslästerer, Homosexuelle, Wucherer (im Flammenregen auf Sand liegend, laufend, hockend) (Luftritt auf der Bestie Geryon!)
Betrüger (in zehn überbrückten Martermulden untergebracht):
18 [Kreis 8] 1. Kuppler und Verführer (von Teufeln ausgepeitscht)
2. Schmeichler (im Menschendreck eingetaucht)
19 3. Simonisten (köpflings in Felslöcher gesteckt)
20 4. Wahrsager (mit nach dem Rücken verdrehtem Antlitz)
21-22 5. Bestechliche Beamte (im Pechbrei gekocht)
23 6. Heuchler (von vergoldeten Bleimänteln belastet)
24-25 7. Diebe (von Schlangen gepeinigt)
26-28 8. Schlimme Ratgeber (von Flammen umloht)
28-29 9. Zwietrachtstifter (mit Schwertern zerhackt)
29-30 10. Fälscher (von Aussatz, Wahnsinn, Wassersucht und Fieber gequält)
31 (Niederstieg auf der Hand des Riesen Antäus!)
Verräter (im Eise des Gletscherloches eingefroren)
32 [Kreis 9] 1. an Verwandten (Kaïna)
32-33 2. an Parteigenossen (Antenora)
33 3. an Gastfreunden (Ptolemäa)
34 4. an Wohltätern (Giudecca)
5. an der Majestät (Judas; Brutus und Cassius: werden von den drei Rachen Luzifers zermalmt)
(Aufstieg nach der südlichen Erdhalbkugel, deren Oberfläche sie am Strande des Läuterungsberges betreten.)


Der Berg der Läuterung

Vorgelände

01 Ankunft am Strand aus dem Erdinnern: Dante und Vergil.
02 Ankunft am Strand übers Weltmeer: Jüngstverstorbene Seelen in der Engelsbarke.
03 Außerhalb der untersten Gürtelwand: Im Kirchenbann verstorbene Seelen; bleiben die dreißigfache Bannzeit von den Bußen ausgeschlossen.
04 Auf der ersten Bergterrasse: Seelen, die ihre Reue bis zuletzt hinausschoben; bleiben so lange, als ihr Erdenleben dauerte, von den Bußen ausgeschlossen.
05-07 Auf der zweiten Bergterrasse: Seelen, die durch gewaltsamen Tod abschieden; bitten, da sie ebenfalls eine Zeitlang ausgeschlossen bleiben, um fördernde Gebete der im Leben Zurückgebliebenen.
07-08 Im Tal der Fürsten: Herrscher, die über dem Erdenruhm ihres Seelenheils und guter Werke vergaßen.
09 Vor der Eingangspforte: Der Engel Pförtner ritzt Dante sieben P (Peccata =Todsünden) auf die Stirne.

Der Orte der Buße

10-12 [Gesims 1] Die Hochmütigen: kommen unter schweren Steinlasten dahergekeucht.
13-15 Die Neidischen: sitzen in Kutten, die Augen mit Draht zugenäht, an die Bergwand angelehnt.
15-17 Die Zornigen: wandeln unsichtbar in dichten Rauchwolken.
18-19 Die zum Guten Trägen: eilen, sich gegenseitig antreibend, dahin.
19-22 [Gesims 5] Die Geizigen und Verschwender: liegen gefesselt und mit dem Antlitz nach unten im Staube.
22-24 [Gesims 6] Die Schlemmer: leiden Hunger und Durst angesichts eines ihnen verbotenen früchtebehangenen Baumes.
25-27 [Gesims 7] Die Wollüstigen: wandern einander in flammendem Feuer entgegen.

Das irdische Paradies

28
Matelda erklärt Dante das irdische Paradies.

29
Der Triumphzug der Kirche.

30
Beatrices Erscheinung und Gericht über den Jugendgeliebten.

31
Dantes Beichte und Absolution.

32
Die Verwandlungen des Triumphwagens.

33
Beatrices Prophezeiung und Dantes Vorbereitung zum Aufflug ins himmlische Paradies.


Das himmlische Paradies

Das untere Paradies

01 Anrufung Apollons. Aufstieg zur Feuersphäre.
02-05 [Engel] Erste Sphäre: Mond. Geister, die die Erfüllung ihres Keuschheitsgelübdes versäumten.
05-07 [Erzengel] Zweite Sphäre: Merkur. Geister, die mehr auf irdischen Ruhm als auf fromme Vertiefung bedacht waren.
08-09 [Fürstentümer] Dritte Sphäre: Venus. Geister, die zu sehr der Liebe lebten. (Bis hierher reicht die Spitze des Schattenkegels, den die Erde ins Weltall wirft!)

Das mittlere Paradies

10-14 [Mächte] Vierte Sphäre: Sonne. Berühmte Philosophen und Theologen (kreisen in drei Lichterreigen).
14-18 [Kräfte] Fünfte Sphäre: Mars. Glaubenskämpfer und Märtyrer (erfunkeln an einem Lichtkreuz, an welchem der verklärte Christus sichtbar ist). Cacciaguida, Dantes Ururgroßvater, entrollt ein Bild der guten alten Zeit in Florenz und prophezeit seinem Urenkel die nahe Verbannung. Menschlicher Mittelpunkt des Paradieses!
18-20 [Herrschaften] Sechste Sphäre: Jupiter. Weise und gerechte Fürsten (formen mit ihren Lichtern einen Adler als Sinnbild der römischen Weltherrschaft, die auf Erden die Gerechtigkeit anstrebt).
21-22 [Throne] Siebente Sphäre: Saturn. Beschauliche Geister (steigen eine leuchtende Himmelsleiter auf und nieder).
(Dante verläßt das wandelbare Reich der Planeten!)

Das obere Paradies

22-27 [Cherubim] Achte Sphäre: Der Fixsternhimmel. Wird von Dante im Zeichen der Zwillinge erreicht, in welchem er geboren wurde. Christi Triumphzug und Krönung Marias (äußere Schau). Dante von Petrus, Jakobus, Johannes über Glaube, Hoffnung, Liebe geprüft (innere Schau).
27-31 [Seraphim] Neunte Sphäre: Kristallhimmel oder Primum mobile. Die neun Engelsreigen (umkreisen in konzentrischen Ringen den unendlich kleinen und unendlich scharfen Lichtpunkt Gottes).
30-33 [Gott] An zehnter Stelle: Das Empyreum, der raum- und zeitlose Sitz der Gottheit. Lichtstrom zwischen blühenden Gestaden: verwandelt sich zum Lichtsee, aus welchem wie aus ihrem goldenen Kern die Himmelsrose sich erhebt. Auf ihren umgebogenen konzentrischen Blättern sitzen die Seligen des Alten und Neuen Bundes; Engel schweben zwischen ihnen und der hl. Dreieinigkeit auf und nieder, in welcher Dante, auf Fürbitte des hl. Bernhard, Beatrices und Marias, in verzückter Anschauung sich verliert.

Inmitten auf der Fahrt durch unser Leben
Fand ich mich jäh in einem finstern Walde,
Dieweil der recht Weg mir ging verloren.
Zur Rüste ging der Tag; und graues Dämmer
Enthob die Wesen, die da sind auf Erden,
All ihren Müh'n: nur ich, allein und einzig,
»Durch mich gelangt man in die Stadt der Qualen,
Durch mich gelangt man in das ewige Leiden,
Durch mich gelangt man zum verlornen Volke.
Brach da den tiefen Schlaf in meinem Haupte
Ein dumpfer Donner so, daß ich emporfuhr
Wie einer, der gewaltsam wird geweckt.
Also stieg ab ich aus dem ersten Kreise
Zum zweiten hin, der mindern Raum umgürtet,
Doch um so größern Schmerz, zum Schreien zwingend,
Bei Rückkehr des Bewußtseins ─ das sich zuschloß
Vorm jammervollen Los der zwei Verwandten,
Das mit Betrübnis gänzlich mich verwirrte -;
»Papè Satan, papè Satan, aleppe!«
Hub Plutus an mit seiner rauhen Stimme;
Doch jener weise Mann, dem alles kund war,
Fortfahrend, sag' ich denn, daß schon viel früher,
Als wir zum Fuß des hohen Turms gelangten,
Sich unsre Blicke nach der Zinne hoben,
Die Farbe, die mir Feigheit außen malte,
Als meinen Führer ich sah wiederkehren,
Trieb rascher seine neue ihm zurück.
Nun zieht dahin auf schmal-entlegnem Pfade,
Zwischen den Festungsmauern und den Martern,
Der Meister mein; und ich in seinem Rücken.
Am obern Randsaum eines hohen Hanges,
Den große Felsentrümmer ringsher schufen,
Stießen wir auf noch schlimmeres Gedränge;
Es war der Ort, wo wir hangab zu steigen
Anlangten, rauh und ─ durch das, was noch dort war! -
Derart, daß jeder Blick ihn gern vermiede.
Noch war nicht Nessus drüben angekommen,
Als wir uns durch ein Wäldchen hinbegaben,
Das da von keinem Pfade war gezeichnet.
Weil denn die Liebe zu dem Heimatorte
Mich zwang, las auf ich die verstreuten Blätter
Und gab sie ihm, der heiser schon geworden.
Nun trägt der eine uns der harten Ränder;
Und das Gedämpf des Bächleins schattet drüber
So sehr, daß es vorm Brand wahrt Flut und Deiche.
Schon war ich dort, wo man das Tosen hörte
Des Blutbachs, der zum nächsten Kreis hinabstürzt
─ Dem Summen gleich, wie's Bienenkörbe machen ─
»Sieh hier das Untier mit dem spitzen Schweife,
Der Berge durchsticht, Mauern bricht und Waffen;
Sieh, dies ist's, das die ganze Welt verpestet!«
Ein Ort ist in der Höll', heißt Martermulden,
Völlig aus Stein und in der Farbe rostschwarz,
Gleichwie die Mauer, die ihn rings umzirkelt.
O Simon Magus, o du schnöder Anhang,
Die ihr die Dinge Gottes, so der Tugend
Nur sollten angetraut sein, voller Habsucht
Von seltner Qual muß ich nun Verse hämmern
Und Stoff verleih'n dem zwanzigsten Gesange
Im ersten Liederkreis, dem der Verlochten!
Also von Brück' zu Brück' ─ andres beredend,
Wovon mein Lied nicht nötig hat zu singen ─
Gelangten wir; und auf der Höh' war's, als wi
Ich sah schon Reiter aus dem Lager ziehen,
Zur Schlacht anstürmen, ihre Kraft entfalten,
Und wohl auch schwenken, sich durch Flucht zu retten
Schweigsam, allein und ohne "Schutzbedeckung",
Schritten wir, einer vorn und einer hinten,
Wie Bettelmönche hinzieh'n auf der Straße.
In jenem Teil des jugendlichen Jahres,
Wo sich die Sonn' ihr Haar im Wassermann stärkt
Und schon die Nächte nah'n der Tagesgleiche
Am Schlusse seiner Rede hob der Dieb
Die Hände hoch mit durchgestoßnen Daumen,
Und kreischte: »Nimm, o Herrgott: dir soll's gelten!«
Freu dich, Florenz, denn du bist also mächtig,
Daß über Land und Meer du schlägst die Flügel
Und durch die Höll' dein Name sich verbreitet!
Schon stand emporgereckt die Flamm' und ruhig,
Denn nicht mehr sprach sie; und schon schied sie von uns
Mit der Bewilligung des holden Dichters
Wer könnte, selbst in ungebundner Rede,
Vom Blut und von den Wunden voll berichten,
Die jetzt ich sah, macht' er's auch mehrfach künden?
Das viele Volk, die unerhörten Wunden,
Sie hatten so berauscht mir meine Augen,
Daß recht sich auszuweinen sie verlangten.
Zu jener Zeit, da Juno voller Haß war,
Ob Semelen, auf alles Blut der Theber,
Wie sie's bezeigte zu verschiednen Malen
Ein und dieselbe Zunge stach zuerst mich
So sehr, daß sie mir beide Wangen färbte,
Und hierauf bot sie die Arznei mir da
O, hätt' ich Reime so verrucht und heiser,
Wie sich's geziemte für dies Loch des Jammers,
Drauf all die andern Felsenkreise lasten
Den Mund erhob von seinem wilden Mahle,
Der Sünder dort, ihn wischend an den Haaren
Des Schädels, den er hintenher verwüstet.
»Des Herrschers Banner flattern an' ─ des höll'schen,
Jetzt gegen uns; drum halt nach vorwärts Ausschau«,
Sprach da mein Meister, »ob du ihn entdeckest!«

Das Fegefeuer

Zur Fahrt durch beßre Fluten hißt die Segel
Alljetzt das schwache Schifflein meines Geistes,
Das sich im Rücken läßt so grauses Mee
Schon war die Sonn' zum Horizont gekommen,
Von dem der Mittagskreis hoch übergiebelt
Jerusalem mit seinem Scheitelpunkte
Ob auch das plötzlich ausgebrochne Flüchten
Weit jene durch die Ebne hin zerstreute,
Gewandt zum Berg, wo Einsicht uns zur Pein wird
Wenn je um Wonnen oder auch um Schmerzen,
So irgendeine Kraft von uns mag fassen,
Die Seele ganz auf diese sich versammelt
Schon war ich von den Schatten weggegangen
Und folgte nach den Spuren meines Führers,
Als hinter mir, herzeigend mit dem Finge
Wenn man zum Schluß kommt mit dem Würfelspiele,
Bleibt, wer verliert, zurück in seinem Ärger,
Übend die Würfe, und verdrossen lernt er.
Nachdem die Willkommgrüße, ehrbar-heiter,
Gewechselt waren dreimal oder viermal,
Zog sich Sordell zurück und sprach: »Wer seid Ihr?«
Schon war's die Stunde, die die Sehnsucht heimlenkt
Den Meerbefahrern und die Herzen weich macht
Am Tag, wo sie die holden Freunde ließen
Die Bettgenossin Titans, des uralten,
Verklärte silbern schon sich hoch im Osten,
Fern der Umarmung ihres süßen Freundes
Als einwärts wir der Schwell' des Tores waren,
Das schlimmer Trieb der Seelen außer Gang hält,
Weil er läßt grad erscheinen krumme Pfade
»O Vater unser, der du bist im Himmel
─ Nicht weil begrenzt du, nein, aus größter Liebe,
Die du den Urgeschöpfen trägst dort oben ─
Den Ochsen gleich, die stumm im Joche gehen,
Zog ich dahin mit der beladnen Seele,
Solang es litt der holde Unterweise
Wir standen auf dem höchsten Punkt der Stiege,
Wo sich zum zweitenmal nach einwärts abstuft
Der Berg, der im Ersteigen uns entsündigt.
»Wer ist denn der, der unsern Berg umwandert
(Eh' noch der Tod ihm hat den Schwung verliehen)
Und auf die Augen tut nach Lust und zuschließt?«
Soviel als bis zum Schluß der dritten Stunde
Seit Anbeginn des Tags sich zeigt vom Himmel,
Der immerfort, nach Kinderart, dahinspielt
Dunkel der Höll' ─ wie einer Nacht, ermangelnd
Jedweden Sterns; bei schmalem Himmelsstreifen
So viel als möglich wolkig überfinstert
Erinnre, Leser, dich, wenn je auf Alpen
Dich Nebel überfiel, durch den du schautest
Nicht anders, als durchs Häutchen schaut der Maulwurf
Bereitet hatt' ein Ende seiner Rede
Der hohe Lehrer; und mit Spannung blickt' er
Mir in das Antlitz, ob ich wohl zufrieden.
Zur Stunde, wo die Tageswärme nicht mehr
Lau machen kann den Kältehauch des Mondes,
Besiegt von Tellus, wohl auch vom Saturne
Mit besserm Wollen übel kämpft das Wollen:
Drum, wider meinem Wunsch, doch ihm nach Wunsche,
Zog unsatt aus dem Wasser ich den Schwamm.
Der angeborene Durst ─ der nie gestillt wird,
Sei's mit dem Wasser denn, wovon erflehte
Die Samariterin einst die Gnadengabe ─
Schon war der Engel hinter uns geblieben
─ Der Engel, der uns wies zum sechsten Simse
(Als von der Stirn er mir ein Mal wegwischte)
Derweil die Augen auf das grüne Laubwerk
Ich also heftete, wie's der zu tun pflegt,
Der überm Vogelsang sein Leben hinbringt
Nicht tat das Wort dem Geh'n, das Geh'n dem Wort nicht
Irgendwie Eintrag; vielmehr: redend zogen
Wir gleich dem Schiff dahin bei gutem Winde.
Zeit war's, daß unser Steigen nicht Verzug litt;
Hatte die Sonne doch den Mittagsbogen
Geräumt dem Stier, die Nacht dem Skorpion.
Derweil wir so am Rande, hintereinander,
Schritten fürbaß ─ und oft der gute Meister
Mich rief: »Gib acht! Helf' dir, daß ich dich warne!«
Gleichwie, wann sie die ersten Strahlen schleudert
Dorthin, wo einst ihr Schöpfer gab sein Blut her
(Derweil der Ebro fließt im Licht der Wage)
Begierig, zu durchspäh'n ringsum und drinnen
Das göttliche Gehölz, laubdicht und blühend,
Welches dem Blick das junge Taglicht dämpfte
Singend gleich einem Weib, von Liebe glühend,
Fuhr sie dann fort, nachdem ihr Wort geendet:
»Wohl denen, deren Sünden sind beglichen!«
Als so des höchsten Himmels Siebensternbild,
Das niemals Untergang noch Aufgang kannte,
Noch andern Nebel als der Sünde Schleie
»O, der du jenseits weilst des heiligen Flußes«,
Sprach nun ─ ihr Reden mit der Spitze richtend
Auf mich, dem schon die Schneide herb erschienen
So waren meine Augen festgesogen,
Den Durst zehnjähriger Sehnsucht sich zu stillen,
Daß mir die andern Sinne all' erstorben.
»O Herr, die Heiden brachen ─« huben wechselnd,
Bald drei, bald vier, in süßem Psalmodieren,
Die Frauen unter Tränen an zu singen

Paradies

Die Herrlichkeit Des, welcher alles antreibt,
Durchdringt die weite Welt und glänzt, sich spiegelnd,
Im einen Teile mehr und minder sonstwo.
O, die ihr seid in schmächtig-kleinem Schifflein,
Voller Begier des Lauschens, nachgeschwommen
Im Rücken meinem Kahn, der singend hinfurcht
Die Sonne, die mit Lieb' einst mich durchglühte,
Hatte von schönster Wahrheit mir entschleiert,
Mit Grund und Gegengrund, den holden Anblick
Zwischen zwei Speisen, gleichweit weg, gleich lockend,
Stürbe ein freier Mann wohl eher Hungers,
Als daß die ein' er führte zu den Zähnen.
»Wenn ich dir flamme von der Glut der Liebe
Weit übers Maß, das sichtbar wird auf Erden,
So daß ich deiner Augen Kraft besiege
»Nachdem daß Konstantin den Adler wandte
Gegen den Lauf des Himmels, dem er folgte
Einst hinterm Vorfahr'n, der Lavinien freite
»Gruß dir, erhabner Gott der Heeresscharen,
Der hochher du bestrahlst mit deinem Glanze
Die seligen Brände dieses Himmelreiches!«
Es glaubte wohl die Welt in ihrem Irrtum,
Die schöne Cypris strahle sündige Liebe
Aus ihrer Bahn im dritten Epizyklus.
Nachdem dein Karl, anmutige Clemenza,
Belehrt mich hatte, zählt' er auf die Ränke,
Die widerfahren sollten seinem Samen.
Schauend auf ihren Sohn mit jener Liebe,
Die beide, sie wie er, ur-ewig atmen,
Erschuf die Erste Kraft, die unnennbare
O sinnlos-leer Bemüh'n der Menschenkinder:
Wie sind doch voller Fehl die Weisheitsschlüsse,
Die erdwärts dich die Flügel schlagen lassen!
Gleichzeitig, wie die benedeite Flamme
Das letzte Wort aus ihrem Innern sandte,
Hub auch zu kreisen an das heilige Mühlrad
Es schau' vor sich ─ wer recht wünscht zu erfassen,
Was ich nun sah (und fest halt' er das Sinnbild,
Derweil ich spreche, gleich dem ruhigen Felsen!)
Vom Zentrum nach dem Kreis, vom Kreis zum Zentrum
Bewegt das Wasser sich in runder Wanne,
Je wie's erregt wird außen oder innen.
Gütiger Wille, drinnen sich bekundet
Stetsfort die Liebe, die zur Tugend antreibt
─ Wie die Begehrlichkeit es tut im schlimmen! ─
O du geringer Adel unseres Blutes!
Doch wenn mit dir du prahlen läßt die Menschen
Auf Erden, wo doch Schwachheit unser Teil ist
Wie zu Klymenen kam ─ Gewißheit suchend
In dem, was gegen sich er hatt' erfahren ─,
Der heut noch karg die Väter macht den Söhnen
Schon freute sich allein in seinem Schauen
Jener glückselige Spiegel; und ich schmeckte
Meines, das Süße mit dem Bittern dämpfend
Es wies sich mir mit ausgespannten Schwingen
Das schöne Bildnis, das, in süßem Schwelgen,
Glückselig die verbundnen Seelen formten
Wenn jene, die die ganze Welt erleuchtet,
An unserm Himmelshalbrund also tief sinkt,
Daß sich das Tageslicht ringsum verflüchtigt
Paradies ─ Gesang 21
Schon hingen meine Augen neu am Antlitz
Der Herrin mein und ganz der Geist mit ihnen;
Und jedes andere Trachten war vergessen.
Von Schrecken überwältigt, wandt' ich hin mich
Zur Führerin mein ─ dem Knäblein gleich, das Zuflucht
Stets dorten sucht, wo es am meisten zutraut
Dem Vogel gleich ─ im trauten Blätterdickicht
Aufs Nest gelagert seiner süßen Kleinen
Die Nacht hindurch, die alles uns verdunkelt
»O Tischgenossenschaft, erwählt zum hohen
Mahle des heiligen Lamms, das so euch speiset,
Daß eure Wünsche immerdar erfüllt sind
Erleb' ich's jemals, daß die heilige Dichtung,
Dran Hand gelegt hat Himmel so wie Erde
─ Derart, daß mich's für Jahre elend machte !
Derweil ich bangt' ob der erloschenen Sehkraft,
Weht' aus der Funkelflamme, die sie aufhob,
Ein Hauch hervor, der mich ließ Obacht geben.
»Dem Vater! und dem Sohn! und Heiligen Geiste!«
Hub »Gloria!« drauf das ganze Paradies an,
So daß in Rausch mich warf das süße Singen.
Nachdem, voll Tadel an dem jetzigen Wandel
Der armen Sterblichen, die Wahrheit kundtat
Sie, die den Geist ins Paradies mir hochhebt
Wenn je die beiden Kinder der Latona,
Beherrscht vom Widder-Zeichen und der Wage,
Den Horizont vereint zum Gürtel formen
Wohl an sechstausend Meilen uns entlegen
Erglüht die Mittagsstund', und dieser Erdball
Senkt schon den Schatten fast ins flache Bette
In Form also von einer weißen Rose
Zeigte sich mir das heilige Heer der Kämpfer,
Die Christus durch sein Blut sich anvermählte.
Bangend an seiner Lust, nahm jener Seher
Auf sich das freigewählte Amt des Lehrers;
Und er begann mit diesen heiligen Worten:
»O Jungfrau-Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demütiger, hehrer als sonst je ein Wesen,
Vorausbestimmtes Ziel des ewigen Rates

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