Friedrich Rückert

Gesammelte Poetische Werke in zwölf Bänden, Erster Band, 1868
Erste Abtheilung, Lyrische Gedichte, Erstes Buch, Drittes Kapitel
Zeitgedichte 1816. 1817.

Zum Neujahr 1816


Stuttgart


Im Schooß der Mitternacht geboren,
Worin das Kind bewustlos lag,
Erwacht, zum Leben jetzt erkoren,
Das Jahr am ernsten Glockenschlag.
An seiner Wieg' ein Engel sitzet,
Dem vom zwiefachen Angesicht
Zwiefacher Glanz des Lebens blitzet,
Hier Abendroth dort Morgenlicht.

Hier mit dem abendrothen Blicke
Schaut er nach Westen hin, und sinnt
Zusammenfassend die Geschicke
Der Jahre, die vorüber sind:
Dort mit dem Morgenantlitz wendet
Er sich erwartungsvoll zum Ost,
Dem, was von dort die Zukunft sendet,
Entgegenblickend still getrost.

Dann, während in des Engels Mienen,
Das Abendroth stets matter glüht,
Und immer heller ist erschienen
Auf ihnen, was wie Morgen sprüht;
Nimmt er das Kind aus seiner Wiegen,
Und aus des Engels Auge bricht
Die Thräne, die darein gestiegen,
Indeß sein Mund zum Kindlein spricht:

O du, der jüngste jetzt der Söhne,
Die uns're Mutter Zeit gebar,
Sei mir in deiner Unschuld Schöne,
Sei mir gegrüßt du junges Jahr!
Schon manches hab' ich aus der Wiege
Genommen, und zu Grab gelegt,
Damit an's Licht ein and'res stiege,
Und süße Hoffnung stets gehegt:

Die Hoffnung aller Welt und meine,
Die jedem Jahr entgegentönt,
Ob endlich einmal das erscheine,
Von welchem sei das Werk gekrönt,
Ob endlich das sei angebrochen,
Von welchem uns erfüllet sei,
Was von den Vor'gen ward versprochen?
Wenn du das bist, so sag' mir's frei.

Ich kann durch meiner Rührung Zähren
Nicht deine Züge deutlich seh'n;
Ein Lächeln scheint sie zu verklären:
Sprich, soll durch dich uns Heil gescheh'n?
Willst du nicht wieder täuschend schwinden,
Wie vor dir deiner Brüder g'nug,
Daß wir den Glauben wieder finden,
Den uns geraubt der Zeiten Lug?

Willst du den bangen Knäul entwirren,
Der um der Menschheit Brust sich schlang,
Und lösen ird'scher Zwietracht Klirren
Auf in harmon'schen Sphärenklang?
Aufführen aus bewegten Stoffen
Den Bau, der auf sich selbst kann ruh'n?
Kurz, was wir wünschen, was wir hoffen,
Ja, was wir fordern, willst du's thun?

O seligstes der Zeitenkinder,
Wenn das Geschick das Amt dir beut,
Zu sein der Ernte Garbenbinder,
Die jene vor dir ausgestreut!
So wünsch' ich dir vom Himmel heuer
Den besten Sonnenschein, der frommt,
Daß in die große Völkerscheuer
Der Weizen unberegnet kommt.

So wünsch' ich, daß ein neues Leben
Der alten Erde Mark durchdringt,
Daß aus des nächsten Herbstes Reben
Uns gold'nes Heil entgegen springt;
Daß bei des Jahres Brod und Weine
Frei unter off'nem Himmelssaal
Die Völker feiern im Vereine
Das große Bundesabendmahl.


Im Mai 1816

Ebendaselbst


Der Frühling, eh' er sonst ist eingetroffen,
Pflegt seine Boten doch voraus zu schicken,
Damit es wissen die, so auf ihn hoffen,
Und zum Empfang sich ziemend können schicken,
Daß Vögel ihre Kehlen halten offen,
Und Knospen von den Zweigen wartend blicken,
Damit, wenn er nun ausführt seine Schöne,
Fein alles ihm entgegen blüh' und töne.

Du aber, o erhab'ner Fürstensohn!
Wie lange zwar in Land und Stadt und Schlosse
Erwartung dir entgegenblickte schon,
Bist doch, gleich unerwartetem Geschosse,
Das eh'r am Ziel ist, als der Senne Ton
Man schwirren hört, gekommen, daß der Rosse
Hufschlag allein gab Botschaft unsern Ohren,
Wie, fern geglaubt, du nahe seist den Thoren.

Das macht: Solch' eine Gottheit ist im Wagen
Zur Seite dir gesessen, die den Zügel
Gefaßt, die, wenn uns Dichter Wahrheit sagen,
Auch schnellen Rossen leih'n kann schnell're Flügel;
Die hat dich selb, dir unvermerkt, getragen
So rasch hieher, daß du am letzten Hügel
Nicht minder überrascht dich finden mußtest,
Als du uns hier zu überraschen wußtest.

Wir wissen noch, wie einst vor Jahresfrist,
Als in der Ferne tos'te Kampfeswetter,
(Wo ist das Herz, das jenen Tag vergißt?)
Du, als ein Held und Vaterlandesretter,
Zurückgekehrt in uns're Mauern bist,
Begrüßt von freudetrunk'nem Volksgeschmetter,
So laut begrüßt, daß, was hier damals schallte,
Rings durch ganz Deutschland brausend widerhallte.

Heut kehrest du zum heimischen Gefilde,
Aus anderm Kampf, mit anderm Siegespreis;
Der Helm ist abgelegt, und in dem Schilde
Anstatt des Lorbers steht das Myrthenreis:
Der Stern der Kraft hat einem Stern der Milde
Sich zugewandt, verschlingend Kreis in Kreis;
Und aufgeht diese sel'ge Doppelhelle
Ob unsern Häuptern, an des Maimonds Schwelle.

O mögest du von diesem Liebessterne,
Den dir die Wahl des Herzens zugesellt
Jetzt sein und immerfort im tiefsten Kerne
Durchfunkelt so, von Freudenglanz durchhellt,
Daß Lust und Glück, ausstrahlend in die Ferne,
Ström' über aus dir selb auf deine Welt,
Und sich in deines Himmels Widerscheinen
Gedeihlich sonnen mögen all' die Deinen.

Denn, wie auch über alles Volk hinaus
Ein Fürstenhaupt sich himmelan mag heben,
Zuvörderst muß ihm doch im eig'nen Haus
Die Liebe wohnen und im eig'nen Leben,
Wenn vom Palast sie in die Hütten aus
Soll geh'n und segnend über'm Lande schweben.
Das Heil ist jetzt, o Fürst, dir widerfahren;
Das wird dein Land an seinem Heil gewahren.

Der Saft ist gährend in des Baumes Zweigen,
Weil sich der Frühling in den Lüften regt;
Von Keimen, die zum Lichte wollen steigen,
Ist hoffnungsvoll des Landes Schooß bewegt.
Nun werden auch die Winterstürme schweigen,
Still wird die Blüthe sein zu Tag gelegt,
Und grünen wird der Baum durch alle Glieder
Hoch von der Krone bis zur Wurzel nieder.

Du Würtemberg, in deutscher Flur ein Garten,
An eig'nem Tranke reich und eig'ner Kost!
Die Winzer, welche deiner Reben warten,
Versichern, daß bis jetzt nichts that der Frost.
Ja, übertroffen ist ganz ihr Erwarten,
Begeistert sind sie schon vom künft'gen Most.
Der schäumen soll für dich in voller Tonne,
Gereift an Strahlen dieser Liebessonne.


Gespräch

zwischen einem Altwürtemberger und dem Freiherrn
von Wangenheim.
(Gegenstück zu Uhland's »Gespräch« in dessen Gedichten.)
(November 1816.)


»Ich bin des Alten treuer Knecht,
Weil es ein Gutes ist.«
Das Gute bessern, ist ein Recht,
Das nur ein Knecht vergißt.

»Vom Guten hab' ich sich're Spur,
Vom Bessern leider nicht.«
Du schließest deine Augen nur,
Sonst zeigt' ich dir das Licht.

»Ich schwör' auf keinen einz'len Mann,
Denn Einer bin auch ich.«
Wo dich das Ich nicht halten kann,
Sprich, woran hältst du dich?

»Ich halt' es mit dem schlichten Sinn,
Der aus dem Volke spricht.«
Schlicht sinn'ges Sprechen ist Gewinn,
Verworr'nes Schreien nicht.

»Ich lobe mir den stillen Geist,
Der mählich wirkt und schafft.«
Doch fordert jedes Werk zumeist
Auch Schöpferarmes Kraft.

»Was nicht von innen keimt hervor,
Ist in der Wurzel schwach.«
Doch einmal muß man sä'n zuvor,
Was wurzeln soll hernach.

»Du meinst es löblich, doch du hast
Für unser Volk kein Herz.«
Für es trag' ich sammt and'rer Last
Auch dieser Kränkung Schmerz.


Zum Neujahr 1817


Schwer genug gerungen
Haben Dämmerungen
Mit dem Licht, dem jungen
Durch das alte Jahr;
An des Haders Stell
Soll des Friedens Helle
An des Neuen Schwelle
Jetzt aufleuchten siegreich klar.

Wer ist dumpf beklommen.
Einen Stern entglommen
Seh' ich, uns zum Frommen,
Mitten aus der Nacht.
Daß die starren Krämpfe
Seine Milde dämpfe,
Die verworr'nen Kämpfe
Friedlich schlichte seine Macht!

Dieses Sternes Funkeln
Bitt' ich, daß im Dunkeln
So es lass' entfunkeln
Seiner Strahlen Kraft,
Daß, wo Frost noch lauern
Mag mit alten Schauern
Hinter Herzensmauern
Ganz er werd' hinausgeschafft!

Die verstockt in Grimmen
Selber sich verstimmen,
Die in Flammen glimmen
Trüb unlautern Scheins;
Daß sie klärend alle
Himmelslicht durchwalle,
Daß empor mit Schalle
Jubel steig' und schall' in Eins!

Vor des Sternes Blinken
Wie vor Zauberwinken
Soll die Maske sinken
Jedem, der sie trägt,
So der Groß' als Kleine,
Daß, wie er es meine,
Vor der Welt erscheine,
Jedem sei sein Recht gewägt.

Daß sich Schlechtes schäme,
Rechtes nicht sich lähme,
Gutes selbst sich zähme,
Alles wachse frei!
Daß kein wildes Schwärmen,
Und kein lautes Lärmen,
Und kein stilles Härmen
Unter uns in Zukunft sei!


Gebet des Hausvaters


Ich stand auf hohen Zinnen
Und sah ein kleines Haus,
Ich sahe wie von drinnen
Der Vater trat heraus,
Der mit entblößtem Haupte
Der Sonn' entgegen trat,
Da er allein sich glaubte,
Und dies Gebete that:

O Herr, des Himmels Lenker,
Du Herr ob allen Herrn,
Du Gnadenlichtes Schenker
Gleich diesem deinem Stern!
Ich flehe, daß du schenkest
Auch heute mir dein Licht,
Und meine Schritte lenkest
Danach mit Zuversicht.

Ein Vater hat mit Sorgen
Dem Haushalt vorzusteh'n,
Zu ordnen, was vom Morgen
Bis Abend soll gescheh'n.
Wenn du versagst den Segen,
Ob sich die Sorge mehrt,
So geht auf allen Wegen
Der Haushalt doch verkehrt.

Das Haus, darin ich schalte,
So klein ist's im Vergleich,
Wenn ich dagegen halte
Manch and'res groß und reich.
Und sind so groß die Sorgen
Im Hause, das so klein,
Wie müssen jeden Morgen
Erst dort die Sorgen sein.

Herr, der du siehst vom Aether,
Vereint von fern und nah
Des Vaterlandes Väter
Im größten Hause da,
Beschäftigt mit Entwürfen
Zur Ordnung einer Welt,
Die höhern Raths bedürfen
Als das, was ich bestellt!

O Herr des Himmels, schließe
Auch auf die Herzen dort,
Ja all dein Licht ergieße
Du über jenen Ort.
Wenn du's nur dort verliehest,
Will ich zufrieden sein,
Ob du mir's hier entziehest
Bis auf den letzten Schein.

Was hilft es, wenn im Dunkeln
Das Haus, das große, steht,
Ob auch ein einz'les Funkeln
Durch uns're Hütten geht?
Wenn dort sich werden schüren
Die Flammen rein von Rauch,
So werden wir es spüren
In unsern Hütten auch.

O Herr des Himmels, sage
Mit deines Lichtes Strahl
An jedem neuen Tage
Es jenen dort zumal:
Es kann die rechte Haltung
Im kleinsten Haus nicht sein,
Bis ihr erst zur Gestaltung
Das große laßt gedeih'n.


Die drei Gesellen


Es waren drei Gesellen,
Die stritten wider'n Feind,
Und thäten stets sich stellen
In jedem Kampf vereint.
Der Ein' ein Oesterreicher,
Der Andr' ein Preuße hieß,
Davon sein Land mit gleicher
Gewalt ein Jeder pries.
Woher war denn der Dritte?
Nicht her von Oestreichs Flur,
Auch nicht von Preußens Sitte,
Von Deutschland war er nur.

Und als die Drei einst wieder
Standen im Kampf vereint,
Da warf in ihre Glieder
Kartätschensaat der Feind.
Da fielen alle Dreie
Auf einen Schlag zugleich;
Der Eine rief mit Schrei:
Hoch lebe Oesterreich!
Der And're, sich entfärbend,
Rief: Preußen lebe hoch!
Der Dritte, ruhig sterbend,
Was rief der Dritte doch?

Er rief: Deutschland soll leben!
Da hörten es die Zwei,
Wie rechts und links daneben
Sie sanken nah dabei;
Da richteten im Sinken
Sich Beide nach ihm hin,
Zur Rechten und zur Linken,
Und lehnten sich an ihn.
Da rief der in der Mitten
Noch einmal: Deutschland hoch!
Und Beide mit dem Dritten
Riefen's, und lauter noch.

Da ging ein Todesengel
Im Kampfgewühl vorbei,
Mit einem Palmenstengel,
Und liegen sah die Drei.
Er sah auf ihrem Munde
Die Spur des Wortes noch,
Wie sie im Todesbunde
Gerufen: Deutschland hoch!
Da schlug er seine Flügel
Um alle Drei zugleich,
Und trug zum höchsten Hügel
Sie auf in Gottes Reich.


Des Rheinstroms Gruß


Als die deutschen Kriegesschaaren,
Siegreich im Vereine,
Von Paris zurückgefahren
Kamen nach dem Rheine,
Weckten ihn die hellen Töne
Seiner kriegerischen Söhne,
Und aus seinen Flüssen
Stieg er, sie zu grüßen.

Eine bergkrystall'ne Schaale
Haltend in der Linken,
Angefüllt mit Fluthenstrahle,
Wie mit Silberblinken;
So in seinen Wassern stehend,
Freudig nach den Kriegern sehend,
Rief er den Genossen,
Die zur Seit' ihm flossen:

Saar und Mosel, meine Kinder
Von den linken Borden,
Knechte einst, und frei nicht minder
Jetzt, wie ich, geworden!
Und ihr von der rechten Seite,
Deutsche Ströme, mein Geleite,
Neckar, und vor allen
Main, mein Wohlgefallen!

Sehet euern Vater heute,
Wie der Stolz ihn schwellet,
Wonne ihm das stillerfreute
Vateraug' umhellet,
Heute steht vor mir erfüllet,
Was ein Traum mir jüngst enthüllet,
Meine Ströme, säumet,
Hört, was ich geträumet!

Mir das Haupt mit Trauernesseln
Kränzend, statt mit Schilfe,
Weil ich aus den Sklavenfesseln
Hoffte keine Hilfe,
Lag ich, eingewiegt vom Kummer,
Auf des feuchten Bettes Schlummer,
Und von Wintereise
Stockten meine Gleise.

Da war mir's, als ob geronnen
Plötzlich and're Wellen
Kämen, als aus euren Bronnen
Kommen, ihr Gesellen.
Alle Flüss' in deutschen Landen
Sah ich, wie sie sich verbanden,
Sendend um die Wette
Fluthen meinem Bette.

Elbe, die hervor aus Böhmen
Sucht des Nordmeers Pfosten,
Donau, die mit ihren Strömen
Weit sich zieht nach Osten;
Und die andern Ströme alle,
Mit vermischtem Fluthenschwalle,
Flossen, groß und kleine,
Nieder nach dem Rheine.

In die starren Adern flößten
Sie mir neue Säfte,
Und des Eises Bande lösten
Sich durch ihre Kräfte.
Als ich sah nach ihren Fluthen
War es mir, als ob sie bluten,
Und ein Grausen machte,
Daß ich schnell erwachte.

Da sah ich im alten Gleise
Zwar die Ströme fließen,
Aber völlig neuer Weise
Völker sich ergießen,
Welche meine Stamm'sverwandten
Mir anstatt der Fluthen sandten,
Daß sie zu mir kamen
In ganz Deutschlands Namen.

Die lebend'gen Fluthen gossen
Ueber mich sich rauschend;
Ansah ich die Bund'sgenossen,
Mich mit Stolz berauschend;
Kämpfen sah ich fern und nahe,
Furchtbar kämpfen, und ich sahe,
Daß von blut'gen Wogen
Nicht mein Traum gelogen.

Doch die Völkersühnfluth schwemmte
Furchtbar hoch gewaltsam,
Was sich ihr entgegenstemmte,
Brechend unaufhaltsam,
Bis sich in freiwill'ger Hemmung
Endigt jetzt die Ueberschwemmung,
Und sie reich an Ehren
Heim in Friede kehren.

Siegerschaar! mit Stolze seh' ich
Dich an meinen Flüssen,
Und mit meiner Schaale steh' ich
Hier dich zu begrüßen.
Wie du deine Namen nennest,
Bund der Deutschen, eh du trennest
Dich von diesem Orte,
Höre meine Worte:

Habt ihr in der Sünden Pfuhle,
D'raus ihr jetzt zurücke
Kehret, habt ihr in der Schule
Des Verraths, der Tücke,
Euch verunreint? Keine Spuren
Tragt mit heim zu euren Fluren,
Hier in meine Schlünde
Werfet eure Sünde!

Wenn ihr selbst in euren Herzen
Habt nicht ganz vergessen,
Was, zum Weh euch, mir zum Schmerzen,
Euch getrennt vordessen,
Haß, der noch im Stillen grimmet,
Zwietracht, die noch heimlich glimmet;
Wascht in meinem Becken
Ab die letzten Flecken.

Dann ihr alle, so gereinigt
Von dem fremden Gräuel,
Alle ihr, nun so geeinigt
Zu der Eintracht Knäuel,
Hier zu ew'gem Bundesmahle
Reich' ich euch die volle Schaale;
Trinkt aus ihrer Tiefe,
Daß vom Mund es triefe.

Was zusammen ward gelöthet
Von des Krieges Hammer,
Was zusammen ward genöthet
Unter Druck und Jammer;
Daß die Freiheit und der Friede
Stets es mehr zusammenschmiede,
Darauf, deutsche Zecher,
Trinkt aus meinem Becher.

Wenn ihr denn als einz'le Glieder
In die Heimat fahret,
Denket zu dem Rheine nieder,
Wo ein Leib ihr waret!
Wenn ihr heim zu euren Flüssen
Kommt, sollt ihr von mir sie grüßen;
Gebt aus meinem Munde
Ihnen diese Kunde:

Deutsche Flüss', in der Gewässer
Noch so stolzer Fläche!
Einzeln seid ihr doch nicht besser
Als die Wiesenbäche;
Aber wenn ihr, deutsche Flüsse,
Strömet eure Wassergüsse,
In ein Bett, in eines,
Das ist groß, ich mein' es.


Erhebung


Ich stand auf Bergen hoch
Und übersah die Erde,
Die so gedrückt vom Joch,
Geschlagen so vom Schwerte.

Ich sah den blut'gen Greul,
Der lag auf ihren Tiefen,
Und hörte das Geheul
Der Stimmen, welche riefen.

Ich sprach: O wär ich doch
All dieser Noth entrücket!
Da ward vom Berg auf hoch
Ich in die Luft gezücket.

Aufschwebt' ich durch die Luft,
Und hört' und sah noch immer;
Zuletzt verschwamm in Duft
Das Blut und das Gewimmer.

Und als ich niedersah
Aus allerhöchster Ferne,
Da sah ich schimmern da
Den schönsten aller Sterne.

Was dort im hellen Licht
Ist das für eine Sphäre?
Da ward mir der Bericht,
Daß es die Erde wäre.

Der Engel sprach zu mir:
Es ist dir hier verschwunden,
Was einzeln drunten dir
Den wirren Blick umwunden.

Du hast die Höh' erreicht,
Wo dir erscheint das Ganze;
Und deine Erde weicht
Hier keinem Stern an Glanze.

Die Erd, in ihrem Kern
Von Wunden so durchwühlet,
Sieh, wie vorm Blick des Herrn
Sie sich genesen fühlet.

Der Ruf des Wehs verschwimmt;
Thu' auf dein Ohr und höre,
Wie hell ihr Loblied stimmt
In ihrer Schwestern Chöre.


Sühnung


Es zog das Schlachtgewitter
Verwüstend durch die Welt.
Es war so fest kein Gitter,
Das nicht davor zerschellt;
So hoch war keine Stelle,
Wohin nicht schlug die Welle.

Doch hielt in den Gebirgen
Ein Plätzlein sich versteckt,
Das blieb von Graus und Würgen
Vom Greuel unbefleckt,
Das hat durch Gottes Walten
Sich völlig rein erhalten.

In diesen Felsenklüften
Erscholl kein fremder Fluch,
Es drang zu diesen Lüften
Kein Moderschlachtgeruch;
Zerknickt ward keine Blume
In diesem Heiligthume.

Es hat mit ihren Hunden
Der wilden Jagd Gebraus
Den Zugang nicht gefunden
Zu diesem stillen Haus,
Wo gleich zwei frommen Rehen
Unschuld und Friede gehen.

Hier einsam abgeschieden
Erharrten sie die Zeit,
Bis draußen sich befrieden
Würde der Erde Streit,
Um dann zu kehren beide
Hinaus zu freier Weide.

Jetzt ist des Himmels Wille,
Die Stunde ist erfüllt,
Ich tret' aus meiner Stille,
Da's draußen nicht mehr brüllt;
Auf das zur Reinheit werde
Neu eingeweiht die Erde.

Ich seh des Greuels Spuren
Noch hunderttausendfach,
Die Leichen auf den Fluren,
Das Blut in Fluß und Bach,
Und auch an Menschenhänden
Die Flecken, die sie schänden.

Hier spreng' ich reines Wasser,
Geschöpft aus einem Quell,
Der stets von Feind und Hasser
Blieb ungetrübt und hell;
Das Wasser soll die Flecken
Von Mensch und Erde lecken.

Hier trag ich reines Feuer,
In Gottes Dienst bewahrt,
Das nie zum Ungeheuer
Im Sold des Krieges ward;
Dies Feuer soll das Zünden
Des andern Feu'rs entsünden.

Es reiniget der Bronnen
Sich in sich selbst vom Gift;
Und da wo Blut geronnen,
Blühn Blumen aus der Trift:
So möge Gott dem Leben
Die Reinheit wieder geben!


Frieden im Innern


Wie die Welt aus diesem Zwange,
Der ihr Herzblut hemmt im Gange,
Soll gelöst sein, weiß ich nicht;
Doch daß sie gelöst muß werden,
Sprechen ihre Angstgeberden,
Wenn auch keine Zunge spricht.

Es ist eine große Spaltung
Sichtbar in der Welthaushaltung,
Die man klug umsonst verdeckt;
Sie will nicht sein überhüllet,
Sondern gründlich ausgefüllet,
Und dazu erst aufgedeckt.

Könige und Nationen,
In dem Staub und auf den Thronen,
Die ihr nur umsonst euch schmückt
Mit des Sieges Purpurlappung.
Da ihr unter der Verkappung
Wohl fühlt, wo der Schuh euch drückt!

Von des fremden Zwingherrn Ketten
Konnt euch wohl ein Wunder retten,
Doch damit ist nichts gethan,
Fangt von den geheimen Räubern
Eures Friedens ihr zu säubern
Nicht den eignen Haushalt an.

Nicht die künstlich äußre Straffung
Bei der innersten Erschlaffung,
Die dadurch kein Heil sich schafft!
Nicht der Glieder ekle Spannung
Bei der schrecklichsten Entmannung,
Die dadurch nicht kommt zu Kraft!

Fort den Trug, und fort die Lüge,
Fort die schlauen Winkelzüge
Deß, was Politik sich heißt,
Die damit sich kläglich fristet,
Niemand als sich selbst belistet,
Nicht mehr ihren Feind, den Geist.

Nicht mit heiligen Allianzen
Werden Fürsten sich verschanzen,
Und mit Trotz die Völker nicht,
Sondern wenn sie mit Vertrauen
Auge sich in Auge schauen,
Und zu Gott mit Zuversicht.

Bittet Gott, der Korn beschieden,
Daß er senk' ein Körnlein Frieden
In der Trennung offnen Spalt,
Daß die Klaffung sich versühne,
Unsrer Wund ein Halm entgrüne,
Der im Licht zum Himmel wallt.

Dieser Halm, ja diese Palme,
Mit dem schlanken Riesenhalme,
Sei der neue Freiheitsbaum!
Nicht mit Blut, mit Thau begossen,
Soll er rein zum Himmel sprossen,
Schattend über'm Erdenraum.


Die Königskerze


Oberon der Elfenkönig
Tanzet mit Titania;
Grillen, Heimchen zittertönig
Spielen auf von fern und nah.

Eine schlanke Königskerze
Von dem Boden sproßt empor,
Um sie dreht in leichtem Scherze
Tanzend sich der Elfen Chor.

Und die Elfen, aufzuhüpfen
Mühen sie sich unter'm Tanz,
Möchten ab der Kerze strüpfen
Ihrer vielen Lichter Glanz.

Löschen wollen sie das Funkeln,
Daß Titanias strenger Mann
Ihre freien Scherz' im Dunkeln
Ihnen nicht verheben kann.

Doch die Königskerze hebet
Sich auf Oberons Geheiß
Höher, und zu leuchten strebet
Sie zum Trutz dem Elfenfleiß.

Wie sich auf ein Elfe strecket
Und ihr unten löscht ein Licht,
Ist ein neues angestecket
Oben, und er merkt es nicht.

Wann die Morgenlüfte blasen,
Ist verweht der Elfen Spur;
Wo sie tanzten auf dem Rasen
Bleibt ein fahler Kringel nur.

Doch die Königskerze blühet
Höher jetzt und zeiget an,
Wie die Elfen sich bemühet,
Und kein Leides ihr gethan.


Der Frühling an der Grenze


Der Frühling in einer warmen Nacht
Kam an die ─*─sche Grenze,
Nach Deutschland wollt er mit Bedacht
Aus Welschland bringen Kränze.
Herr Lenz! habt Acht!
Der Grenzner wacht,
Den Schlagbaum läßt er fallen,
Und seine Stimm erschallen:

Wer bist du wandernder Gesell
Im flattrigen Gewande?
Woher des Nachts an dieser Stell?
Wohin? aus welchem Lande?
Wie heißt du? »Lenz!»
Ei Pestilenz!
Herr Lenz, den Namen lasse
Mich sehn in deinem Passe.

»Vergessen hab ich meinen Paß,
Ich habe den Paß verloren,
Ich hab an Pässen keinen Spaß,
Bin ohne Paß geboren.«
Ganz gut! doch muß,
Das ist der Schluß,
Ich einen Paß visiren,
Sonst kannst du nicht passiren.

Da ist der Lenz des Passens satt,
Er greift in seine Tasche,
Und wirft ein grünes Lindenblatt
Dem Zöllner zu: »Da hasche!«
Was ist denn das?
»Das ist mein Paß.«
Der Zöllner ist übersichtig,
Und meint, der Paß sei richtig.

Sag an, ich kann's im Paß nicht sehn,
Was ist der Zweck der Reise?
»Der Zweck ist, zwecklos zu besehn
Das Land auf meine Weise.«
Und was ist, zeig,
Dein Nahrungszweig?
»O, es sind deren viele,
Auf kurzem und langem Stiele.

»Die grünen Zweig in aller Welt,
Die lieb' ich für mein Leben.
Bin auch als Gärtner angestellt,
Doch zieh' ich Blumen nur eben.«
Du solltest im Feld
Kohl ziehn für's Geld,
Und fein zu Markt ihn bringen,
Die Steuern zu erschwingen.

»Ich war beständig steuerfrei,
Und die so mich belehnten
Mit meinem Gut, bedungen dabei
Sich nur von Blumen den Zehnten;
Den geb' ich gern
Auch euch, ihr Herrn.
Kohl pflanz' ich nicht, mein frommer
Vetter thut das, der Sommer.

»Doch treib' ich auch eine Handelschaft
Ich führe hier im Täschchen
Fläschchen voll allerlei Blumensaft,
Da riech einmal dies Fläschchen!«
Der Grenzner niest,
Das ihn verdrießt:
Tabak riecht angenehmer;
Zum Teufel, Balsamskrämer!

»So habt ihr keine Freude gar
An allen lenzlichen Dingen?«
O ja! gern hätt' ich einen Staar
In meinem Käfich singen.
Ich darf nicht 'raus
Aus meinem Haus,
Kann also keinen mir fangen.
»Da thu' ich dein Verlangen.«

Der Grenzner spricht: Mein lieber Wicht,
Bist auch ein Vogelsteller?
Der Frühling spricht: Warum denn nicht?
Es fängt sie niemand schneller.
Ich fange nie
Mit Ruthen sie,
Die Vöglein sind mein eigen
Auf allen grünen Zweigen.

Ich geh' frühmorgens aus in's Feld,
Und lasse den Vogelruf schallen,
Den jeder Vogel für seinen hält,
Lerchen und Nachtigallen
Lernen von mir
Ihn mit Begier,
Ich lern' ihn nicht von ihnen;
Kann ich damit dir dienen?

Er setzt' ein Pfeiflein an den Mund,
Und blies darein mit Machten;
Da thaten sich tausend Vöglein kund,
Die in der Nacht erwachten.
Der Gränzner stutzt:
Herr, das benutzt!
Wenn ihr euch Müh wollt geben,
So könnt ihr davon leben.

Wir haben hier schon lange gesucht
Ein Mittel zu ersinnen,
Der Vöglein ungezähmte Zucht
Für unsre Sach zu gewinnen.
Die Kunst besitzt
Ihr, seh' ich itzt,
Die Vöglein dahin zu bringen
Nach eurer Pfeife zu singen.

Seid uns willkommen, tretet ein
In unsres Reiches Grenze!
Befaßt euch nicht mit Kinderein,
Werft von euch eure Kränze,
Meldet euch frei
Der Polizei,
Und wollt zum Angedenken
Mir auch das Stärlein schenken.


Die lange Sorge


Es ist eine Stadt, eine große,
In Deutschland wohl bekannt,
Darin ist eine Gasse
Die lange Sorge genannt.

Wenn man dieselbe Gasse
Durchgeht bis an ihr End,
Kommt man zum Gottesacker,
Den man den Friedhof nennt.

Wer nun die lange Sorge
Hatt oft und lang durchrennt;
Kam doch zum Friedhof endlich,
Da hatte die Sorg ein End.

Als der Franzos, der Dränger,
Bei uns war vor'ges Jahr,
Da schien es, daß noch länger
Die lange Sorge war.

Und wenn man sich zu retten
Gehn wollte dem Friedhof zu,
Sich dort in Friede zu betten,
War dort auch nicht Friede noch Ruh.

Es hatt' alswie ein Eber
Des grimmen Feindes Zahn
Durchwühlt sogar die Gräber,
Und Schmach daran gethan.

Wie soll man tragen die Kette
Der langen Sorge nun,
Wenn an der letzten Stätte
Man auch nicht mehr darf ruhn?

Da schaute Gott vom Himmel
Mit seiner Einsicht drein:
Es soll im Weltgetümmel
Ein Ruhort wieder sein.

Seit man den Feind vertrieben,
Ist alles im alten Gang,
Die lange Sorg' ist geblieben,
Doch nicht mehr überlang.

Und wenn aus der langen Sorge
Man kommt zum Friedhof nun,
Ist man vor Sorgen geborgen,
Und kann in Frieden ruhn.


Die goldne Luft


In Mainz ist eine Straße
Die goldne Luft genannt.
Als einst von Gasse zu Gasse
Die Pest die Stadt durchrannt,
Und, was darin gewohnet,
Hinraffte in die Gruft,
Da blieb allein verschonet,
Sagt man, die goldne Luft.

Und als die giftigen Lüfte
Vertrieb der goldne Hauch,
Erheiterten die Grüfte
Der Stadt sich wieder auch;
Ausgoß von dort allmählig
Sich neue Bevölkerung,
Und füllte bald unzählig
Die Stadt mit Alt und Jung.

So ward mir jüngst erzählet
Von einem, den ich mir
Zum Führer hatt' erwählet,
Der zeigte mir die Zier
Der Stadt, die alterthümlich
Einst Deutschlands Schutz und Wall,
Jetzt wieder pranget rühmlich
Nach des Tyrannen Fall.

Die Pest, die hier gehauset,
Wem ist sie nicht bekannt?
Sie ist es, die durchgrauset
Das ganze deutsche Land;
Verschont ist nichts geblieben
Von ihrem Moderduft,
Bis daß sie ward vertrieben
Von goldner Freiheit Luft.

Auf allen deutschen Fluren
Seh' ich die Flecken noch;
So trägt wohl auch noch Spuren
Die Stadt vom alten Joch.
Und wenn sie mehr noch trüge,
Kein Wunder, da die Pest,
Von der uns nur die Flüge
Berührt, hier hatt' ihr Nest.

Es ist ein gutes Zeichen,
Daß auch schon hier sogar
Sichtbar die Spuren weichen
Des Uebels, das hier war:
Ich sah die Ueberschriften
Verlöscht an Thür und Thor,
Die man mit welschen Schriften
Geschrieben hie zuvor

Es treten die verwischten,
Die deutschen, neu heraus,
Die wieder aufgefrischten,
An jedes Krämers Haus;
Und dort an jener Gasse
Aus trübem Moderduft
Hebt selbst die Schrift, die blasse,
Sich wieder: goldne Luft.

Ich fasse bei dem Worte,
O goldne Luft, dich an:
Nun weh an diesem Orte,
O goldne Luft, fortan,
Daß deutscher Geist sich gießet
Hindurch so voll und rein,
Wie außen niederfließet
Der alte deutsche Rhein.


Die Straßburger Tanne


Bei Straßburg eine Tanne,
Im Bergforst, alt und groß,
Genannt bei Jedermanne
Die große Tanne bloß,
Ein Rest aus jenen Tagen,
Als dort noch Deutschland lag;
Die ward nun abgeschlagen
An diesem Pfingstmontag.

Da kamen wie zum Feste
Zusammen fern und nah
In ganzen Schaaren Gäste,
Und sahn das Schauspiel da.
Sie jauchzeten mit Schalle,
Als niedersank ihr Kranz,
Und hielten nach dem Falle
Im Forsthaus einen Tanz.

Hat einer wohl vernommen,
Was, als die Wurzel brach,
Im Herzen tief beklommen
Zuletzt die Tanne sprach?
Ein Widerhall vernahm es,
Der trug von Ziel zu Ziel
Es weiter, und so kam es
Hier in mein Saitenspiel.

So sprach die alte Tanne:
Ich stehe nun der Zeit
Hier eine lange Spanne
In dieser Einsamkeit,
Von dieses Berges Gipfel
Mich streckend in die Luft;
Es webt um meine Wipfel
Noch der Erinnrung Duft.

Ich sah in alten Zeiten
Die Kaiser und die Herrn
Im Lande ziehn und reiten;
Wie liegt das heut so fern!
Da mocht' ich wohl mit Rauschen
Sie grüßen in der Nacht,
Und mit den Winden tauschen
Gespräch von deutscher Macht.

Dann kam die Zeit der Irrung,
Des Abfalls in das Land,
Voll schmählicher Verwirrung,
Da ich gar traurig stand;
Es klirrten fremde Waffen,
Es zuckte mir durch's Mark,
Ich sah die Zeit erschlaffen,
Und blieb kaum selber stark.

Den Himmel sah ich säumen
Ein neues Morgenroth,
Es scholl aus fernen Räumen
Der Freiheit Aufgebot;
Ich sah auf alten Bahnen
Die neuen Deutschen gehn,
Die lang entwohnten Fahnen
Vom Rheinstrom her mir wehn.

Da schüttelten die Winde
Mein altes Haupt im Sturm;
Vor Schreck entsank der Rinde,
Der sie genagt, der Wurm:
Nun werden deutsch die Gauen,
Vom Wasgau bis zur Pfalz;
Und wieder wird man bauen.
Hier eine Kaiserpfalz.

Doch als das große Wetter
Eilfertig, ohne Spur,
Wie Windeshauch durch Blätter,
Dahier vorüberfuhr: ─
Mein Wipfel ist geborsten,
Es wird nicht mehr der Aar
In diesen Forsten horsten,
Der meine Hoffnung war.

Lebt, Adler, wohl und Falken!
Ich fall' in Schmach und Graus,
Und gebe keinen Balken
Zu einem deutschen Haus;
Man wird hinab mich schleppen,
Und drunten aus mir nur
Versehn mit neuen Treppen
Mairie und Präfektur.

Doch, jüngre Waldgeschwister,
Ihr hauchet frischbelaubt
Theilnehmendes Geflister
Um mein erstorbnes Haupt;
Euch alle sterbend weih' ich
Zu schönrer Zukunft ein.
Und also prophezeih' ich,
Wie fern die Zeit mag sein:

Einst einer von euch allen,
Wenn er so altergrau
Wird, wie ich falle, fallen,
Gibt Stoff zu anderm Bau,
Da wohnen wird und wachen
Ein Fürst auf deutscher Flur;
Dann wird mein Holz noch krachen
Im Bau der Präfektur.


Der fünfzehnte August

(Lied des alten Einsiedlers an Mariä-Himmelfahrts-Tag)


Hier in stiller Klause,
Von der Welt Gebrause
Und Getümmel fern;
Fand vorlängst das Alter
In Gebet und Psalter
Mich vor Gott dem Herrn.

Stets aus fernen Hallen
Hört' ich Glocken schallen,
Wenn ein Festtag war,
Und ich ließ dazwischen
Sich mein Glöcklein mischen
Freudig immerdar.

Doch im Chor der Feste
Feiert' ich auf's beste
Eins mit frommem Sinn,
Das die Väter weihten
Der gebenedeiten
Himmelskönigin.

Schöner schmückt und freier
Sich in stiller Feier
Immer die Natur,
Dich, o Tag, bekränzend,
Wo Maria glänzend
Auf zum Himmel fuhr.

Wer ist der empörte
Geist, der mir verstörte
Meines Festtags Lust;
Wer der Gottverhaßte,
Der sich dein anmaßte,
Funfzehnter August?

In der Glocken Tönen
Mischet wild sein Dröhnen
Donnerndes Metall,
Und es ist als wehte
Mitten durch Gebete
Dumpfer Flüche Schall,

Als mit Palmenstengel
Gabriel der Engel
Einst gesendet ward,
Heil'ge, dir zu künden
Aus der Erde Gründen
Deine Himmelfahrt;

Als dem Tod du nahtest,
Mutter Gottes, batest
Du nur eins zumeist,
Daß im Todeskrampfe
Dürfte dir mit Kampfe
Nahn kein böser Geist;

Daß du ungenecket
Schiedest, ungeschrecket;
Und du wardst erhört.
Duldest du, Erlöser,
Daß nun doch ein böser
Geist die Mutter stört?

Daß ein Weltverwüster,
Deß Geburt war düster
In des Todes Nacht,
Kecken Angesichtes
Sich den Tag des Lichtes
Zum Geburtstag macht?

An so heil'gem Tage
Kann der Erde Plage
Nicht geboren sein;
Er, der pflegt mit Tücken
Alles zu verrücken,
Mischt auch hier sie ein.

Gott und Welt zum Hohne
Raubt er dir die Krone,
Himmelskönigin,
Und an dir bestimmter
Heil'ger Stätte nimmt er
Deine Opfer hin.

Kann auch auf die Tempel
Ihren ehrnen Stempel
Drücken Tyrannei?
Sind des Zwingherrn Sklaven
Auch im stillen Hafen
Des Gebets nicht frei?

Sünd'ge Huldigungen
Preßt man von den Zungen,
Presset vom Altar
Gluth entweihter Kerzen,
Preßt aus Menschenherzen
Man Gebete gar?

Roth im Festkalender
Fälscht ein Heilgenschänder
Seinen Namen ein;
Und um zu entstellen
Auch des Himmels Zellen,
Heißt ein Stern dort sein.

Weich' o Unglücksnamen,
Aus dem heil'gen Rahmen,
Ekle Schmeichelei!
Und der Schmachstern falle
Von des Himmels Halle,
Denn die Welt ist frei!

O Gebenedeite,
Der dein Fest entweihte
Und die Erde, liegt;
Wieder wie vor Jahren
Nun zum Himmel fahren
Kannst du unbesiegt.

Tilge seine Spuren
Auf der Erde Fluren,
Und aus jeder Brust;
Daß die Welt in reinem
Lichte glänz an deinem
Funfzehnten August!

Daß die weite Erde
Dir ein Tempel werde.
Neugereinigt ganz,
Und der Stern am Himmel
Glänzendes Gewimmel
Deiner Ehre Kranz!

Und da ich gesehen,
Wie aus ihren Wehen
Frei die Erde ward,
Laß mich ohne Klage
Sterben nun am Tage
Deiner Himmelfahrt.


Magdeburg


O Magdeburg, du starke,
Des Reiches fester Halt,
Ein Riegel vor der Marke
Der preußischen Gewalt;
Du Hort, uns einst genommen
Durch unseren Verrath,
Und nun zurückgekommen
Durch Gott und unsre That!

Daß man dich recht bezeichne
Als unsern Edelstein,
Soll man dir eine eigne
Schutzheilige verleihn.
Die Königin Luise,
Die reine Himmelsmagd,
O Magdeburg, sei diese,
Warum? sei hier gesagt.

Als, mit uns Friede machend,
Von unserm Gut ein Stück
Der Sieger gab verlachend,
Dich gab er nicht zurück;
Damals nach der Befehdung,
In siegestrunknem Sinn
Begehrt' er Unterredung
Mit unsrer Königin.

So sollst du reine treue
Vor dem nun stehen itzt,
Der kaum noch ohne Scheue
Auf dich auch Gift gespritzt?
Sie wollte dies auch dulden,
Die viel geduldet schon,
Und trat in ihren Hulden
Hin vor Napoleon.

Da ward der starre Kaiser,
Getroffen von dem Strahl
Der Anmuth, zum Lobpreiser
Der Schönheit auch einmal:
»Ich hoffte eine schöne
Königin hier zu schaun,
Und finde, die ich kröne
Als schönste aller Fraun.«

Er pflückte eine Rose
Vom nahen Stocke dort,
Sie dir, o makellose,
Darreichend mit dem Wort:
»So zu verdientem Ruhme,
Zum Zeichen ihres Rechts,
Reich ich die schönste Blume
Der schönsten des Geschlechts.«

Hinnahm, ihr Herz bezähmend,
Die Königin das Pfand;
Wohl stach, die Rose nehmend,
Ein Dorn sie durch die Hand.
Daß er sie ehrend kränke,
Begehrt' er hochmuthsvoll,
Daß sie noch ein Geschenke
Von ihm erbitten soll.

Sie sprach in hohen Sitten
Mit königlichem Sinn:
Ich habe nichts zu bitten
Als Preußens Königin;
Als Mutter meiner Söhne
Thu' ich die Bitt allhie,
Zu geben mir die schöne
Stadt Magdeburg für sie.

Da stand der Mann von Eisen,
Des Scheins der Anmuth baar;
»Ihr seid, sprach er, zu preisen
Als schöne Kön'gin zwar;
Doch schöner Königinnen
Ein hundert sind zu leicht,
Wenn man sie mit den Zinnen
Von Magdeburg vergleicht.«

O schönste von den schönen,
Der reinen reinste du,
So hörtest du das Höhnen,
Und schwiegest still dazu;
Du hobest in die Lüfte
Den nassen Blick hinauf,
Und wandtest über Grüfte
Bald selbst dorthin den Lauf.

Dort fandest du gelinder
Für deine Bitt' ein Ohr
Um die Burg deiner Kinder,
Die unsre Schuld verlor;
Dort hast du sie erbeten
Für uns von Gott zurück,
Und freust dich, zu vertreten
Im Himmel Preußens Glück.


Napoleons Sonnenwende


An dem Tag der Sonnenwende,
Wo die Sonn' am höchsten steht,
Und von dannen ihrem Ende
Rasch entgegen niedergeht:

Trat, nicht achtend auf das Zeichen,
Das am Himmel vor im stand,
Mit dem Heer aus hundert Reichen
Jener an des Niemens Rand.

Franzenkaiser Bonaparte,
Hat dir nicht der Geist gesagt,
Welches Schicksal deiner warte,
Wenn du diesen Schritt gewagt?

An des Ruhmes letztem Rande
Bist du eben angelangt;
Drüben wohnt für dich die Schande,
Wenn dein Stolz danach verlangt.

Krösus in den alten Zeiten,
Als er das Orakel frug,
Ob er übern Halys schreiten
Sollte mit des Heeres Zug;

Hat ihn das Geschick betrogen,
Mit zweideut'gem Göttermund,
Sprechend: Jenseit Halys Wogen
Richtest du die Macht zu Grund.

Und als er's in's Werk gerichtet,
Ward er es zu spät gewahr
Daß er eine Macht vernichtet,
Doch daß es die seine war.

Wohnt ein Gott denn auch im Norden,
Der mit dunklem Doppelsinn,
Bonapart', an Niemens Borden
Hat berücket deinen Sinn?

Um den Hochmuth zu bethören,
Braucht es Göttersprüche nicht;
Wollet ihr den Stolzen hören,
Wie er selbst sein Schicksal spricht?

Zu den ungezählten Schaaren,
Die, gehoffter Beute froh,
Um ihn her versammelt waren,
Sprach der Franzenkaiser so:

Krieger, hier seid ihr berufen
Zu der großen Laufbahn Schluß;
Denn es muß von seinen Stufen
Steigen Rußlands Genius. ─

Und umrauscht vom Waffenschalle
Seines Heeres, hört er nicht,
Wie ihm wird vom Widerhalle
Nachgesprochen, was er spricht:

Ja es muß von seinen Stufen
Steigen Rußlands Genius;
Und ihr alle, her berufen,
Seid es, die er schlachten muß.

Aber als mit Roß und Wagen
Nun der ungeheure Zug
Ueber'n Niemen war getragen,
Der die Last mit Seufzen trug;

Richtet' er aus seinen Wogen
Langsam sich mit Schütteln auf;
Und derweil sie vorwärts zogen,
Ueberzählt' er ihren Lauf.

Und nachdem er ausgezählet,
Sprach mit dumpfem Rauschen er:
Hat mir nicht die Kraft gefehlet
Um zu tragen solch ein Heer?

Sollt' ich doch auf meinem Rücken
Tragen es zum zweiten Mal,
Würde rettungslos zerdrücken
Mich die ungeheure Zahl.

Solchen Schaden zu verhindern,
Bitt ich dich, o Russenschwert,
Diese Ueberzahl zu mindern,
Bis sie hieher wiederkehrt.

Also sprach der Strom mit Tücke;
Damals sah, von Ahnung schwer,
Manches Aug auf ihn zurücke,
Das ihn lebend sah nicht mehr;

Manches Ohr auch laut und leiser
Hörte, was sein Rauschen sprach:
Nur der taube Franzenkaiser
Jagte seinem Sturze nach.

Und er sah den Fluß nicht wieder,
Als bis er, von Moskows Brand,
Bettlerlumpen um die Glieder,
Trat allein an seinen Rand;

Da, als er in schlechtem Nachen
Ueberfuhr mit Scham und Hast,
Hört' er wohl den Flußgott lachen,
Weil ihm ward so leicht die Last.


Die linke Hand


Ein Räubertrupp, berauscht von Blut,
Tritt in des Landmanns Hütten,
Und fangen an in Uebermuth
Den Haushalt zu zerrütten
Sie nehmen, was zu nehmen ist,
Und lassen nichts am Platze,
Die Kuh im Stall, den Hahn vom Mist,

Und unterm Tisch die Katze
Geduldig sieht's der alte Russ',
Von seinem Platz nicht ruckend,
Und seinen schweigenden Verdruß
Im dichten Bart verschluckend;
Da tritt ihn selber einer an,
Läßt eine Hand sich reichen,
Und malt, als er sie hingethan,
Ihm drein ein rothes Zeichen.

Aufthut der Russe seinen Mund,
Und fragt' was es bedeute?
Da thut es ein Polack ihm kund,
Der mit war von der Meute:
»Das ist des Kaisers Namenszug,
Der uns die Macht gegeben;
Und wer einmal dies Zeichen trug,
Ist eigen ihm für's Leben.

Durch dieses Zeichen bist du nun
Geworden auch sein eigen.«
Der Russe läßt die Blicke ruhn
Auf seiner Hand mit Schweigen;
Dann legt er hin sie auf den Tisch,
Die Hand, es war die linke,
Und aus dem Gürtel ziehet frisch
Das Beil die rechte flinke.

Er führt den Streich, und trifft so gut,
Daß hoch das Blut aufspritzet:
»Da nehmt die Hand, bedeckt mit Blut,
Und seht, was sie euch nützet!
Nehmt hin, was eures Kaisers ist,
Und was da trägt sein Zeichen!
Ihr werdet mit Gewalt und List
Nicht euern Zweck erreichen.

Ich geb euch nur die linke Hand,
So bleibt noch mein die rechte,
Mit der ich für mein Vaterland,
Für meinen Kaiser fechte.
Und nehmt ihr auch die rechte hier,
So werd ich nicht verzagen:
Die Rechte Gottes über mir
In Wolken wird euch schlagen.»

Da hob er hoch als wie zum Schwur,
Des Armes blut'gen Stümmel,
Und die es sahn, ein Schreck durchfuhr,
Sie fliehen mit Getümmel;
Es war als sähn sie aus dem Blut
Den Geist schon steigen rauchend,
Deß rechter Arm sie schlug mit Muth,
Die linke Hand nicht brauchend.


Die Erfrorenen


Es war ein Häuflein Krieger,
Zur Zeit der deutschen Schmach,
Die auch dem fremden Sieger
Nach Rußland folgten nach.

Sie zogen mit und stritten,
Nicht für Napoleon;
Es war in ihrer Mitten
Ihr theurer Fürstensohn.

Für seinen Fürsten sterben
Ist treuen Kriegers Brauch;
Der Ruhm war zu erwerben
Bei fremden Fahnen auch.

Es stürmten Gottes Wetter
In eis'ger Winternacht,
Davon wie welke Blätter
Zerstäubte Frankreichs Macht.

Es fühlten den Vernichter
Die Deutschen auch und flohn,
Und drängten sich nur dichter
Um ihren Fürstensohn.

Sie hatten, ihn zu schützen,
Nicht ihre Waffen mehr;
Da drängten sie als Stützen
Sich selber um ihn her

Aus ihren Leibern schlossen
Sie einen Ring um ihn
Daß vor des Frosts Geschossen
Er könnte sicher ziehn.

Und wo vor ihren Treibern
Sie ruhten aus bei Nacht,
Ward warm aus ihren Leibern
Ein Wall um ihn gemacht.

Sie boten alles Feuer
In ihren Adern auf;
Die Liebe hielt mit treuer
Gewalt ihr Blut im Lauf.

So zogen ohne Sorgen
Sie bis zum letzten Ort;
Da, als es wurde Morgen,
Zogen sie nicht mehr fort.

Ihr junges Herz erwachte,
Der Fürst, der warm geruht,
Und seinen Dank er brachte
Für Gottes treue Hut.

Da sah er die Genossen,
So früh sonst munter doch,
Die lagen eng geschlossen
Um ihn im Kreise noch.

Und als er hinsah wieder,
Sah er mit stummem Schmerz:
Es waren alle Glieder
Gestorben für das Herz.

Da fuhr ein kaltes Schaudern
Durch's warme Fürstenherz;
Er durfte doch nicht zaudern,
Er schied und rief mit Schmerz:

Schlaft wohl und euch begrabe
Mit sanften Flocken Gott,
Damit kein gier'ger Rabe
Mit euch hier treibe Spott!

Und wenn die Flocken schmelzen,
Send' er der Wogen Heer,
Daß sie gelind euch wälzen
Hinab in's heil'ge Meer.

Dort ruhet sanft gebettet,
Wie ich bei euch geruht,
Da sterbend ihr gerettet
Mir habt des Lebens Gluth.

Doch unvergeßlich bleibe
Dies Bild mir eingeprägt,
Solang in seinem Leibe
Durch euch mein Herz nun schlägt.

Die ihr gelehrt mich habet,
Mit welcher treuen Gluth
Ist innerlich begabet
Der deutschen Glieder Muth.

Wenn sie in fremdem Lande
So starke Funken sprühn,
Wie erst wenn sie im Brande
Der eignen Freiheit glühn!

Dann sollen diese Funken
Noch wuchern, die ich sog,
Wann ich einst freudetrunken
Dies Schwert für Deutschland zog.


Der ewige Nordschein.


Am Himmel ist ein Flammenroth,
Es ist nicht Abendröthe,
Es ist auch nicht das Morgenroth,
Was ist's für eine Röthe?
Die tief herauf aus Norden bricht,
Und fort und fort verlischet nicht,
Wie gestern so noch heute;
Wer ist der es mir deute?

Da sprach der Geist, der bei mir stand,
Und deutete, wo's sprühte,
Zum Himmel auf mit seiner Hand,
Daß dran der Finger glühte;
Hast du vernommen von der Stadt,
Die sich gemacht zum Phönix hat,
Um aus der Flamme Wehen
Verjüngt hervor zu gehen?

Ein Jahr ist, seit sie ausgebrannt,
Doch steht des Scheines Helle
Noch leuchtend über allem Land,
Und auf derselben Stelle.
Vergehn wird noch ein ander Jahr,
Und stehn der Schein wird immerdar,
Vergehn noch viele Jahre,
Und stehn der Schein, der klare.

Solang als Gottes Odem weht,
Und Himmelsströme feuchten,
Wird dieser Schein, der nie vergeht,
Dem, der ihn sehn kann, leuchten.
Weit über Raum und über Zeit,
Ein Zeugniß seiner Herrlichkeit
Wird Gott ihn lassen funkeln;
Wer will den Schein verdunkeln?


Oktoberfeuer.


Als am achtzehnten Oktober,
Jahrestag der Leipz'ger Schlacht,
Wo der große Weltdurchtober
Ward besiegt zur Ruh gebracht,
Sich aus allen deutschen Herzen
Hell des Dankes Flamme wand,
Und in tausend Feuerkerzen
Sichtbar auf den Bergen stand;

Da gieng solch ein starker Odem
Von dem Brand der Freiheit aus,
Daß er mich vom ird'schen Bodem
Riß empor mit Windesbraus
Schwebend auf des Geistes Flügel
Sah ich, wie mein deutsches Land,
All ein Tempel, alle Hügel
Zu Altären habend, stand.

Droben war der Himmel offen,
Und die Engel sahen drein,
Und der Glaube und das Hoffen
Standen hell mit in den Reih'n
Aber rings, nach Beterweise,
Traten zwischen Erd' und Luft,
Stehend in dreifachem Kreise,
Deutsche Geister aus dem Duft.

Die gewaltigen Germanen,
Welche in der alten Zeit,
Ungeschreckt von Römerfahnen,
Sich dem Freiheitstod geweiht,
Hermann und die Schaar der Seinen,
Feiernd ihrer Enkel Preis,
In der Flamme Widerscheinen
Standen sie als erster Kreis.

Die erlauchten minder alten
Mittelalters Blum' und Stern,
Ritterliche Kriegsgestalten,
Sänger, Kaiser, Fürsten, Herrn,
Deutschen Reiches Herrlichkeiten,
Bildeten in hohem Rath
Um die Gluth den Kreis, den zweiten,
Stolz auf ihrer Söhne That.

Endlich all die jung' und neuen
Helden aus dem großen Jahr,
Was für's Vaterland in Treuen
In der Schlacht gefallen war:
Die, für die man Feuer schürte,
Standen als der nächste Kranz
Um die Feuer, wie's gebührte,
Und am hellsten war ihr Glanz.

Da in solchem Festgepränge
Rings die Welt der Geister stand,
Und dazwischen Menschenmenge
Schürte ihrer Feuer Brand;
Sah ich einen Cherub schreiten
Durch die Nacht hin, wunderbar.
Der, wie ich nach allen Seiten
Sah, zugleich auf allen war.

Ueber aller Berge Pfosten
Setzt' er seinen Gluthentritt,
Und aus Süden, Nord und Osten
Nahm er Rauch und Flammen mit.
Endlich hell mir gegenüber
Auf des höchsten Berges Thron
Setzt' er sich; da war's als hüb' er
Also seiner Rede Ton:

Von den Engeln, die als Gäste
Droben sitzen, zuzusehn,
Als der Wirth bei diesem Feste
Bin ich heute ausersehn.
Die ihr meine Feuerflammen
So geschäftig dort umkreist,
Höret, Menschen allzusammen,
Denn ich bin der Feuergeist.

Vor dem Antlitz Gottes steh' ich,
Erster Diener seiner Schaar,
Und von ihm als Bote geh' ich,
Ausgesendet immerdar,
Strahlen seines Angesichtes
Tragend in die dunkle Welt,
Sonnen- oder Sternenlichtes,
Wie dem Herrn es wohlgefällt;

Daß, wo in den trägen Stoffen
Ew'ges schlummert in der Nacht,
Es. vom Himmelsstrahl getroffen,
Sei zum Leben angefacht:
Daß sich Funken in dem Steine,
Gluthen regen in der Brust,
Und die ganze Erd als eine
Bunte Flamme blüh' in Lust.

Aber wenn in Finsternisse
Sich der Tod im Abgrund hüllt,
Und, daß Gott von ihm nichts wisse,
Seinen Schlund mit Dampf erfüllt;
Wenn er ganz den Quell des Lebens
Hat verstockt in faulen Sumpf,
Und nach Trostes Licht vergebens
Blickt die Menschheit starr und dumpf:

Dann anstatt der Sonnenstrahle
Giebt mir in die Hände Gott
Einen Blitz, und spricht: Bezahl
Nun dem Spötter seinen Spott!
Wie ich blitzend niederfahre,
Lodert hell ein Weltbrand auf,
Wird die Erde zum Altare,
Und der Tod das Opfer drauf.

Solch ein Rächeramt vollbringend
Mit dem gottgeliehnen Blitz
Fuhr ich neulich, flammenschwingend,
Nieder von des Himmels Sitz,
Bin ein Jahr hindurch gefahren.
Das ein Feuer Gottes war,
Und zum Schluß mit meinen Schaaren
Schür ich heut den Festaltar.

O wie schlug das Kriegesfeuer
Von der Erde himmelwärts
O wie brennend ungeheuer
Schlugst du auf, Europas Herz!
Deutschland, o in wieviel Schlachten
Warst du Feuer-hell und klar,
Aber nie mit solchen Machten,
Als in der vor einem Jahr:

Als die einzlen Siegesstrahlen,
Welche dort und hier gefunkt,
Strebten, Heere ohne Zahlen,
Hin in einen Mittelpunkt,
Dorthin, wo die himmelhohe
Schmach, seit Jahren aufgehäuft,
In dreitagelanger Lohe
Ward von Sühnungsgluth ersäuft.

Damals haben in den Flammen
Tausend Herzen so geglüht,
Daß in Asche sie zusammen
Sind versunken und versprüht.
Aber seht ihr? Dort im Kreise
Stehn sie um die Gluth herum,
Und es soll auf diese Weise
Brennen fort und fort ihr Ruhm.


Die Erscheinung.


Ich wollt' auf hohen Bergen
In dieser Festnacht stehn,
Um weitum die aus Särgen
Erstandne Welt zu sehn.
Und als ich hatt' erstiegen
Die höchste Schweizeralp,
Da sah ich vor mir liegen
Die Reiche beiderhalb.

Ich konnte links im Dunkeln
Ganz Frankreich liegen schaun,
Und rechts ein Freudenfunkeln
Durch alle deutsche Gaun.
Zum Himmel sah ich schlagen
Den allgemeinen Brand,
Da wollt' ich bei auch tragen
Dazu mit meiner Hand.

Ich wählt' aus Fichtenschüssen
Mir einen Fackelbrand,
Und schwang ihn hoch, zu grüßen
Mein brennend Vaterland.
Da trat aus Felsenspalten
Ein Mann zu mir und sprach,
Daß mir zum Fackelhalten
Hinfort der Muth gebrach:

Wohl meinen Namen kennen
Wirst du aus altem Lied,
Wenn ich mich werde nennen,
Ich bin Struth Winkelried,
Der Struth, der einen Drachen
In diesem Land einst schlug,
Der viel zuvor der Schwachen
In seinem Rachen trug

Ich aber war der Starke,
Von Gottes Kraft geweiht,
Durch welchen diese Marke
Vom Drachen ward befreit.
Anstatt dafür zu loben
Den Herrn mit stillem Sinn,
Hab ich mich überhoben
Mir selb zum Ungewinn.

Das Schwert, das blutbefleckte,
Das Schwert, mit welchem ich
Den Drachen todt hin streckte,
Hoch schwang ich's über mich,
Davon auf's Haupt vom Schwerte
Ein Tropfen Bluts mir fiel;
Viel Tropfen trank die Erde,
Der eine war zuviel.

Der Tropfen von dem Schwerte,
Geschwungen ohne Noth,
Er streckte mich zur Erde,
Er brachte mir den Tod.
Seitdem hat Gott zum Wächter
Mich in der Nacht bestellt,
Wenn irdische Geschlechter
Ein gleicher Siegsmuth schwellt.

Ich seh', daß einen Drachen
Ihr auch erschlagen habt,
Nachdem ihr seinem Rachen
Lang euch zu fressen gabt.
Es schwingen eure Hände
Kein Schwert mit Drachenblut,
Ihr schwinget Feuerbrände
In hoher Siegesgluth.

Gebt Gott allein die Ehre,
Und schwingt nicht stolzen Brand,
Damit er nicht versehre
Die siegestrunkne Hand.
Ist todt das Ungeheuer,
So strecket ein das Schwert,
Und schürt des Friedens Feuer
Daheim am stillen Herd.


Nachtgesicht.


Fern abwärts vom Klang und vom Glanze der Nacht,
Bei trübem verqualmendem Feuer,
Was sitzen, entstiegen dem höllischen Schacht,
Beisammen für drei Ungeheuer?
Sie kenn' ich, soweit es erkennen sich läßt:
Das dort ist der Hunger, das hier ist die Pest;
Verzweiflung ist dieses, die dritte,
Stumm in der zwei anderen Mitte.

Der Hunger so hager, so scheußlich die Pest,
Verzweiflung so schrecklich erblassend,
Sie feiern im Stillen ihr eigenes Fest,
Einträchtig zum Tanz sich umfassend;
Sie tanzen, umwirbelt von Qualm und von Rauch,
Berauschend sich eins an des anderen Hauch,
So drehn sie sich schwindelnd im Kreise,
Und heulen zusammen die Weise:

Ein Flammen ist wach in der Nacht ein Getön,
Es läßt uns in Ruhe nicht schlafen;
Sie schüren und rühren die Feuer auf den Höhn,
Daß Blitz' in die Augen uns trafen.
So lasset uns feiern die Feier der Nacht,
Mitfeiern die mächtige Feier mit Macht;
Und laßt uns hier unten ermessen,
Was jene dort oben vergessen.

Sie singen und klingen von Krieg und von Sieg,
Vom Sieg, den die Welt sich erfochten,
Deß Flamme, wie einmal zum Himmel sie stieg,
Soll steigen in ewigen Dochten.
Und stiege sie ewig und stiege sie hoch,
Viel höher gestiegen auf ewig ist doch
Der, welchen jetzt niemand will kennen;
Wir wollen ihn preisen und nennen.

Napoleon, dem sich die Welt hat gebeugt,
Napoleon, unser Berather,
Napoleon, der du mit Blut uns gesäugt,
Napoleon, Pfleger und Vater;
Napoleon, dein in der klingenden Nacht
Wird deiner von keinem in Ehren gedacht,
Wenn wir es nicht thäten in Treuen?
Es müsse die Treue dich freuen.

Napoleon, als du vom Weste zum Ost
Ausfuhrst auf zerschmetterndem Wagen,
Da hatten wir Futter, da hatten wir Kost
An Leichen, die hinter ihm lagen.
Satt fühlte der Hunger und Pest sich gesund,
Verzweifelung pries dich mit lachendem Mund,
Nun da du vom Wagen gefallen,
Soll unsere Klage nicht schallen?

Und bist du geworden den Völkern ein Spott,
Und willst du nicht wieder dich heben;
Doch bleibst du, wie du uns gewesen ein Gott,
Ein Gott uns, so lange wir leben.
Was jauchzen sie droben in trunkenem Wahn?
Ihr Schwestern wohlauf, und das Beste gethan!
Geheul soll den Klang übertäuben,
Daß ihnen die Haare sich sträuben.

O weh, dort am Feuer, am äußersten, steht,
Ein Cherub mit flammendem Schwerte,
Er winkt, daß im Winde das Heulen verweht,
Und dräuet mit ernster Geberde.
Wir sollen, wir dürfen zu dort nicht hinan;
So rufen von hier wir, so rufen wir dann:
Ist keiner von droben den Gästen,
Der nahn hier will unseren Festen?

Ist keiner dort oben, dem still noch im Sinn
Napoleon lebt und im Herzen?
Ist keiner, deß Auge zum Dunkel sich hin
Gern kehrt, weil die Feuer es schmerzen?
Dort seid ihr fürwahr nicht am schicklichen Ort;
So macht euch hernieder, so machet euch fort!
Dort werden sie gern euch entlassen,
Und hier wir mit Lust euch umfassen.

Ihr Schwestern! den Ruf hat wol mancher gehört;
Zu kommen will keiner doch wagen.
Sie eifern geschickt, wie das Herz sich empört,
Den Jubel zur Schau doch zu tragen.
Es treffe die Feigen ein schmählicher Tod,
Sie sind uns zu unserem Feste nicht noth;
Laßt, rühmlichen Tod zu erwerben,
In enger Umarmung uns sterben!

Da faßte die beiden im Tanze so fest
Verzweiflung mit wilden Gelüsten;
Sie drückte den Hunger, sie drückte die Pest
Zusammen, daß beide sich küßten.
Sie starben, das ein' an des anderen Kuß:
Da faßte Verzweiflung sich selber zum Schluß,
Sich sammt den Gesellen zerfleischend,
Und stürzt' in das Feuer sich kreischend.

Aufflackerte von der Verzweifelung Hauch
Das Feuer, den Raub zu verzehren,
Sich selbst und die Leichen verhüllend mit Rauch,
Dem Himmel den Anblick zu wehren.
Und als nun ein Lufthauch vertrieben den Dunst,
Da sah ich verschwunden die scheußliche Brunst,
Und hoch auf den Höhen die Flammen,
Die heiter in's Blaue verschwammen.


Die Gottesmauer.


»O Mutter, wie stürmen die Flocken vom Himmel,
Es wird uns in Schnee noch begraben,
Und mehr noch als Flocken im Dorf ein Gewimmel
Von Reutern, die reiten und traben.
Hätten wir nur Brot im Haus,
Macht' ich mir so viel nicht draus,
Im Quartier ein Paar Reuter zu haben.«

»Es nachtet, o Kind, und die Winde sie wüthen,
Geh schließe die Thür und die Laden,
Gott wird vor dem Sturme der Nacht uns behüten
Und auch vor den Feinden in Gnaden.
Kind, ich bete, bete mit:
Wenn uns Gott der Herr vertritt,
So vermag uns der Feind nicht zu schaden.«

»O Mutter was, soll nun das Beten und Bitten?
Es kann vor den Reutern nicht helfen.
Horcht, Mutter, die Reuter, sie kommen geritten,
O hört, wie die Hündelein belfen.
Geht zur Küch und rüstet ihr,
Wenn sie kommen in's Quartier,
Euch, so gut es will gehn, zu behelfen.«

Die Mutter sitzet und geht nicht vom Orte,
Der Keller ist leer und die Kuche;
Sie hält sich am letzten, am einzigen Horte,
Sie betet beim Lämplein im Buche:
Eine Mauer um uns bau,
Daß davor den Feinden grau'.
Sie erlabt sich am tröstlichen Spruche.

»O Mutter, den Reutern zu Rosse zu wehren,
Wer wird da die Mauer uns bauen?
Sich lassen die Reuter, wohin sie begehren,
Vor Wällen und Mauern nicht grauen.«
»Kind, bedenk als guter Christ:
Gott kein Ding unmöglich ist,
Wenn der Mensch nicht verliert das Vertrauen.«

Es betet die Mutter, es lachet der Knabe,
Er horcht an verschlossener Pforte,
Er höret die Reuter, sie reiten im Trabe,
Es rennen die Bauern im Orte.
Thüren krachen dort und hie.
»Jetzt gewiß, jetzt kommen sie
Auch an unsre, der Mutter zum Torte.«

Nichts kommt an die Thür, als des Windes Gebrause,
Ein Wehen und Weben und Wogen,
Die Reuter, vertheilet von Hause zu Hause,
Vor diesem voüber gezogen.
Stiller wird es dort und hier.
»Alle, scheint's, sind im Quartier,
Und wir sind um die Gäste betrogen.«

»Kind, möge dich Gott für den Frevel nicht strafen,
Daß glaube dein Herz nicht bewohnet,
Mit Reue bitt' ab ihm, und lege dich schlafen;
Er hat mein Vertrauen belohnet.«
»Ei, der Vetter Schultheiß hat
Wohl, wie er schon manchmal that,
Aus besonderer Gunst uns verschonet.»

Einschlummert der Knabe mit weniger Ruhe,
Die Mutter mit vollem Vertrauen.
Drauf ist er schon wiederum auf in der Fruhe,
Den Abzug der Reuter zu schauen.
Wie er auf das Thürlein zieht,
Sieht er, staunt, und staunt und sieht,
Daß der Himmel doch Mauern kann bauen

Das hat nicht der Vetter, der Schultheiß, gerichtet;
Die Diener des Himmels, die Winde,
Sie haben im Stillen die Mauern geschichtet
Statt Steinen aus Flocken gelinde,
Eine Mau'r ums Häuslein ganz
Steht gebaut aus schnee'gem Glanz,
Zum Beweis dem ungläubigen Kinde.

Da muß es der Mutter nun sagen der Knabe,
Er weckt sie vom Schlaf mit der Kunde.
Da hört er die Reuter, sie ziehen im Trabe,
Und möchte sie sehen zur Stunde.
Doch zur Straf es ihm geschieht,
Daß er nicht die Reuter sieht,
Denn die Mauer sie steht in die Runde.

Da macht es die Mutter zur Strafe dem Knaben,
Den Weg durch die Mauer zu brechen.
Da muß er nun schaufeln, da muß er nun graben;
Und als er mit Hauen und Stechen
Durch ist, sind die Reuter fort,
Und die Nachbarn stehn am Ort,
Die sich über das Wunder besprechen.


Der Siegesbogen.


Es war ein deutscher Krieger,
Ein junger Hanseat,
Der in Paris als Sieger
Zum zweitenmal eintrat

Er war durch Siegesbogen,
Erbaut zu Deutschlands Schmach,
Das erstemal gezogen,
Daß es das Herz ihm brach.

Nun dacht' er, es hat indessen
Der Deutschen Helden Kraft,
Als sie die Stadt besessen,
Den Bogen weggeschafft.

Doch als er eingezogen
Zum zweitenmale kam,
Da sah er sich betrogen,
Da stand noch ohne Scham,

Da stand der Siegesbogen
So hoch und höher noch;
Sein Schwert hat er gezogen,
Stillstehend unter'm Joch,

Es sich in's Herz gestochen,
Daß hoch das Blut aufsprang,
Und sterbend so gesprochen,
Daß der Siegsbogen klang:

Ihr Helden deutscher Lande,
Ihr Helden voll Geduld,
Am Bogen eurer Schande,
Am Denkmal eurer Schuld!

Ist nicht die Schuld vernichtet
Durch Gottes Macht und Huld?
Warum steht aufgerichtet
Das Denkmal noch der Schuld?

Das Maal, um welches schwebet
Der Knechtschaft Seufzerhauch,
Das Maal, an welchem klebet
Der Freiheit Blut nun auch;

Wie dürst ihr frei euch nennen,
Wo ihr dies Brandmaal seht?
Und heimlich wird's euch brennen,
Wenn ihr nach Hause geht.


Gottes Zorn.


Ich der Herr bin groß zu schonen,
Und dem schonenden zu lohnen,
Aber auch zu zürnen groß;
Und ich denk' es dieser Rotte,
Daß sie mich gemacht zum Spotte,
Als sie meine Tempel schloß:

Als der Uebermuth sie schwellte,
Und auf den Altar sie stellte
Ihre eigene Vernunft.
Ihr, die ihr auf diese Schwellen
Jetzt wollt eure Großmuth stellen,
Seid mir auch Abgötterzunft.

Die ihr meine Herden weidet,
Höret recht und unterscheidet,
Wollt ihr thun nach meinem Sinn!
Um zu führen meine Sache,
Hab' ich meine Dienrin Rache,
Schonung meine Dienerin.

Wie ich, sichtbar eurem Blicke,
Diese hier, dort jene schicke,
Laßt sie gehn und hemmt sie nicht!
Schonet da wo ich nicht schlage,
Schonet nicht am falschen Tage,
Wo ich halt' ein Strafgericht.

Saul, als die Amalekiter
Er verschonte, zahlt' es bitter.
Da ich ihm die Krone nahm,
Und mir einen Hirten wählte,
Den ich mir zum Kriegsmann stählte,
Der die Feinde machte zahm.

Die ihr meine Herden weidet,
Höret recht und unterscheidet,
Wollt ihr stehn auf euerm Stand!
Daß ich nicht den Saul verwerfe,
Und mein Schwert mit seiner Schärfe
Geb' in eines David's Hand!


Gottes Ruthe.


Ihr, die ihr schauend in die Luft
Erkennet Gottes Finger,
Der heut hat in des Meeres Gruft
Gelegt den Weltbezwinger;
Die ihr jetzt jauchzt, wie ihr gebebt;
Daß nicht eu'r Stolz sich überhebt,
Hört, es ist Gott, der redet.

So spricht der Herr: Von bösem Stamm
Auf eines Eilands Grunde,
Gesäugt von giftig bösem Schlamm,
Schnitt ich zur bösen Stunde
Ein Reis, das ich zur Ruthe band,
Zu züchtigen das feste Land,
Ihr Völker habt's empfunden.

Ihr traget noch der Narben Spur,
Als ich die Geißel führte,
Doch sahet ihr den Stecken nur,
Den Arm nicht, der ihn führte;
Sich selber hielt das dürre Holz
Für Gottes Arm in seinem Stolz,
Fast habt ihr's angebetet.

Jetzt ist das Aug' euch aufgethan,
Ihr seht den nackten Stecken,
Und wendet euch von euerm Wahn
Zum wahren Gott der Schrecken;
So thu' ich mich des Schreckens ab,
Und werf' ins Meer den ehrnen Stab,
Daß ihr nicht mehr sollt bluten.

Doch merken will ich mir den Ort,
Wo ich ihn hingeleget,
Um ihn zurückzufordern dort
Vom Eiland, das ihn heget,
Ihr Völker beugt euch zitternd stumm,
Daß ich der Herr nicht wiederum
Muß nach der Ruthe greifen.


Der Götter Rath.


Die hohen Götter halten Rath,
Bestürzung ist im Himmel;
Denn schwirrend von der Erde naht
Von Stimmen ein Gewimmel,
Die Stimmen rufen all so laut,
Daß fast davor den Göttern graut,
Sie rufen: Seid ihr droben,
So schaut jetzt her von oben!

Wir meineten, daß ihr's gethan,
Und wollten Dank euch sagen,
Als wir den Zwingherrn fallen sahn,
Auf's blut'ge Haupt geschlagen.
Er war in euerer Gewalt;
Zu einem sichern Aufenthalt
Verspracht ihr ihn zu bringen;
Was laßt ihr ihn entspringen?

War keine Hölle fest und groß
Genug für diese Hider?
Ihr aber setzt im sanften Schooß
Ihn eines Eilands nieder,
Von welchem er herüberschnaubt;
Da hofft auf ihn, wer an ihn glaubt,
Und Schwachheit bebt beklommen
Vor seinem Wiederkommen.

Man sah ihn auf der Insel stehn,
Umwölkt von Nachtentwürfen,
Die, um an's feste Land zu wehn,
Nur eines Hauchs bedürfen;
Und eh wir selbst es uns versahn,
Hat er den Riesensprung gethan,
Und steht auf unsern Küsten
Mit neuem Blutgelüsten.

Weß Schuld ist, daß die Fesseln bricht
Der alte blut'ge Schlächter?
Und welche blinde Zuversicht
Bethörte seine Wächter?
Wielang und bis zu welchem Ziel
Ist euch die Ruh der Welt ein Spiel?
Fast müssen wir, o Götter,
Euch leugnen gleich dem Spötter. ─

Sie hörten, und ein Schauder fuhr
Durch ihre Götterglieder;
Sie sendeten den Gott Merkur
Vom hohen Himmel nieder;
Hinflog der Gott, und war bereit
Mit goldener Beredtsamkeit
Den Aufruhr zu beschwichten,
Die Völker aufzurichten.

Da ward die Iris auch gesandt
Auf einem Regenbogen,
Die, zu des Nereus Reich gewandt,
Ihn fand auf seinen Wogen,
Wo er im Muschelwagen schlief;
Aufwacht er, als die Göttin rief,
Ihn nach der Götter Ordern
Zur Rechenschaft zu fordern

Und als er stand vor Jovis Thron,
Zu führen seine Sache,
Warum aus seiner Haft entflohn
Der ihm vertraute Drache;
Nicht weiß ich, wie vor'm Götterrath
Der Meergott sich entschuldigt hat;
Ich blickt' indeß zur Erde,
Zu sehn. was dort nun werde.

Zusammen treten sah ich da
Zwei mächtige Titanen,
Und alles Volk von fern und nah
Sich sammeln zu den Fahnen,
Die zu des Drachen Wiederfang,
Der aus der Götter Hut entsprang,
Ihr Herzblut nicht zu sparen
Noch einmal willig waren.

Mit ungeheuern Strömen Blut
Ist ihnen es gelungen;
Der Drache wieder war in Hut;
Und denen er entsprungen,
Die Götter nahmen wieder ihn,
Nach Haus sah ich die Völker ziehn;
Da sprach der Götter Vater
Im Kreis der Weltberather:

Das Volk der Erd' ist treu und gut,
Das hat es nun bewiesen,
Da wieder es sein Herzensblut
Verspritzt für uns und diesen.
Den geb ich, Schiffer Nereus, hier
Noch einmal in Verwahrung dir;
Doch sieh nun, daß du besser
Verwahrst den Völkerfresser.

Der Drache soll zur Hölle nicht,
Weil er auf einem Throne
Gesessen; es ist Götterpflicht,
Zu ehren jede Krone.
Doch bringe du zum fernsten Port
Des Meeres ihn, und fessl' ihn dort
Mit diamantner Kette,
Daß keine Höll ihn rette!


Der Papagei.


Das war die Schlacht von Waterloo,
Die Schlacht von Bellalliance,
Die klang so laut, die klang so froh,
So ungestümen Klangs.

Das war die Schlacht von Waterloo,
Die Schlacht von Bellalliance;
Da klang's doch nur dem Britten froh,
Nur froh dem Deutschen klang's.

Es wohnt' ein Franzmann nah dabei,
Dem klingt es noch im Ohr.
Der hatt' auch einen Papagei,
Der sprach so laut zuvor.

Der Papagei sprach mancherlei,
Französisch Tag und Nacht.
So laut noch sprach der Papagei
Am Tage vor der Schlacht.

Und als die Schlacht so laut nun sprach,
Da schwieg der Papagei;
Und als er wieder sprach hernach,
Sprach er nur einerlei.

Der Franzmann sprach: Bon jour, mein Matz;
Der Papagei sprach: Bum!
Der Franzmann sprach: Bon soir, mein Schatz;
Der Papagei sprach: Bum!

Und weißt du weiter nichts als Bum,
So bleibe lieber stumm!
Der Papagei blieb doch nicht stumm,
Der Papagei sprach: Bum.

Und sagst du mir noch einmal Bum,
Den Hals dreh ich dir um.
Bum! da dreht' er den Hals ihm um,
Und er sprach sterbend: Bum!

Nun ist der Franzmann doch nicht frei;
Noch ruft in jeder Nacht
Ihm sein erwürgter Papagei
Den Nachhall von der Schlacht.


Blücher.

1.


Als Blücher auf dem Feld der Schlacht
Gewaltig disputiret,
Wo Gott der Herr mit seiner Macht
Ihm selber präsidiret;
Hat England ihn dafür
Nach Recht und nach Gebühr
Gemacht zum Doctor juris.

Doctor von ächtem Ritterrang,
Das Schwert ist deine Feder,
Die Streitsach ist ein Waffengang,
Das Schlachtfeld der Katheder;
Da trittst du mit Gewicht
Dem Feind vor's Angesicht,
Als rechter Doctor juris.

Fahr nur in dem Prozesse fort,
Den du mit ihm begonnen,
Führ mit Kanonenschall dein Wort,
Bis daß du hast gewonnen.
Lehr unser deutsches Recht
Dem Franzmann im Gefecht,
Held Blücher, Doctor juris!

2.


Als Blücher der Held und Wellington
Als Sieger zusammen traten,
Die beiden, die sich lange schon
Gekannt aus ihren Thaten;
Da sprach zu Wellington Blücher bald:
Du Held, so jung von Jahren,
An Klugheit und Bedacht so alt,
Wie ich mit grauen Haaren!

Da sprach zu Blücher Wellington:
Du Held von starker Tugend,
Von Locken so gealtert schon,
Das Herz so frisch von Jugend!
Da stand der Jüngling und der Greis,
Sie gaben sich die Hände,
Und fragten, ob auf dem Erdenkreis
Noch so ein Paar sich fände.

3.


Als von Frankreich Blücher der Held
Nach England überfuhr,
Ward er geehrt wie auf der Welt
Man ehrt in England nur.

Als nah das Schiff der Küste war,
Das Deutschlands Helden trug,
Jauchzt' ihm vom Strand der Britten Schaar
Entgegen laut genug.

Ein Kerl, stark wie ein Felsenriff,
Springt in die See vom Strand,
Und watet durch bis an das Schiff,
Hält's an mit seiner Hand.

Er langt hinein mit einem Griff,
Eh er sich's recht besehn,
Und zieht hervor aus Blücher's Schiff
Mit beiden Armen wen?

Der da zuvorderst steht im Schiff,
Das muß der Blücher sein;
Drum nach dem vordersten er griff;
Das muß der Blücher sein!

Er setzt ihn auf, durch's Meer ihn trägt;
Da von den Schultern spricht,
Der drauf sitzt und die Ehr' erwägt:
Ich bin der Blücher nicht.

»Und wenn du nicht der Blücher bist,
So mußt du in die Fluth.«
Wenn der ein guter Schwimmer ist,
So ist es für ihn gut.

Der Kerl noch einmal hin an's Schiff,
Und greift noch einmal drein,
Doch jetzt er nach dem größten griff:
Das muß der Blücher sein!

Die Lieb ist blind, die sich vergriff;
Seht! der ist Blücher, der!
Der größt' und vorderst nicht im Schiff,
Und doch der Blücher er!

Nun setzt ihn nur auf Schultern hoch,
Tragt ihn vor allen her!
So ist er nun der größte doch,
Der vorderste doch er.

4.


Als Blücher durch die Straßen
Londons im Wagen fuhr,
Drängte sich ohne Maßen
Das Volk auf seine Spur.

Sie wollten all ihn grüßen;
Da hielt er aus dem Schlag,
Weil man sie wollte küssen,
Die Hand den ganzen Tag.

Sie küßten auf und nieder,
Wo jeder kam dazu,
Die Hand durch alle Glieder,
Die Hand und ihren Schuh.

Da sprach der alte Streiter
Still zu sich mit Verstand:
Wenn das so fortgeht weiter,
So komm' ich um die Hand.

Man wird sie ab mir küssen;
Und ja nicht weiß ich doch,
Ob ich sie werde müssen
Nicht brauchen irgend noch.

Drauf eine Hand von Leder
Setzt' er an jener Statt:
Da küsse nun sich jeder
Nach Lust am Leder satt.

Sie sahn am Wagen baumeln
Die Hand, die schlapp genug;
Sie küßten sie mit Taumeln,
Und merkten nicht den Trug.

Auffiel ihr welk Geschlotter
Doch einem von der Schaar,
Der von Pudding und Potter
Genährt am besten war.

Goddam! sprach er verwegen:
Wie konnte diese Hand
Nur führen jenen Degen,
Der Frankreich überwand?

5.


Da kamen, von dem Namen
Des deutschen Feldmarschalls
Gelockt, die britt'schen Damen
Herbei nun ebenfalls.

Begehrten von den Haaren
Des alten Feldmarschalls,
Als Schmuck sie zu bewahren
Am Busen, um den Hals.

Da zog er ohne Stocken
Den Hut vom Haupte fein,
Und zeigte, daß die Locken
Ihm ausgegangen sei'n.

Verzeihung, schöne Damen,
Daß ich mit solchem Flor
Nicht dienen kann, es kamen
Euch andre schon zuvor;

Die mir die Locken nahmen,
Und stritten drum zumal;
Die Jahre, schöne Damen,
Sind's, die mich machten kahl.

Die kriegerischen Jahre,
Sie nahmen alles schier,
Und diesen Rest nur spare
Ich noch für Deutschland hier:

Daß, wenn mir altem Tropfe
Wird dort mein Lorbeerkranz
Er auf dem kahlen Kopfe
Sei ohne Halt nicht ganz.

6.


Der König Wilhelm Friederich
Sprach sanft zu seinem Helden:
Ihr spielt, und zwar nicht niederig,
Wie ich mir höre melden.

Ich bitt' euch, lieber alter Held,
Des bösen Beispiels wegen,
Stellt ein das Spiel um hohes Geld.
Da sprach der alte Degen:

Ich habe niedrig nie gespielt,
Seit ich das Spiel begonnen;
Und wo dem Feind die Bank ich hielt,
Da habt ihr stets gewonnen.

So laßt, Herr König, also mich
Fortspielen, weil ich lebe.
Doch will ich nicht dadurch, daß ich
Ein böses Beispiel gebe.

Nicht viel verlieren darf, wer noch
Gewonnen keine Schlachten;
Wer sie gewinnt, spielt nie zu hoch,
Das mögen sie beachten.

Und sollt' ich auch mein Fürstenthum
Im hohen Spiel verlieren,
Verlier' ich nie doch meinen Ruhm,
Noch meiner Preußen ihren.

7.


»Bei Gott, ich muß mich zum Empfang
Des alten Helden schicken,
Den ich verfolgt hab' oft und lang
Von hier mit meinen Blicken.

»Ich hab' gesehn in mancher Schlacht
Wohl seine Blitzesschnelle,
Und jetzund, eh ich es gedacht,
Ist er auch hier zur Stelle.

»Weit drüben, dacht' ich, sei er noch,
Dazwischen weite Klüfte,
Er aber ist hin drüber hoch
Gesprungen durch die Lüfte.

»Alsob im Dampf er vor sich hab'
Den Graben einer Schanze,
Ist er gesprungen über's Grab,
Und ist schon nah im Glanze.«

Im Himmel sprach's der alte Fritz,
Und hob des Blüchers wegen
Sich von dem hohen Heldensitz,
Und ging ihm stracks entgegen.

Der Blücher kam ihm doch zuvor,
Eintrat er gleich dem Blitze,
Und senkte, schreitend durch das Thor,
Vor ihm des Degens Spitze.

Vorbei schritt er dem alten Fritz,
Und trat, ohn umzuschauen,
Hin, wo er sah auf ihrem Sitz
Die Königin der Frauen.

Da bracht' er seinen ersten Gruß
Der preußischen Luise,
Und beugte vor ihr seinen Fuß,
Daß er ihr Ehr' erwiese.

Worauf er den Bericht ihr gab
Von Grüßen. die ihr Gatte,
Sein König, für sie über's Grab
Ihm anbefohlen hatte.

Sie dankt ihm mit Holdseligkeit;
Und so, nach abgethanen
Geschäften, trat er dienstbereit
Zu seines Königs Ahnen.


Die heimkehrenden Götter.


Die der Griechen Kunst erschaffen,
Und der Franze mit den Waffen
Schleppte nach der Seine Strand,
Die befreiten Götter leeren
Ihr Gefängniß jetzt, und kehren
In ihr altes Vaterland.

Als die Kunde war erschollen,
Daß, die sie erlösen sollen,
Kommen über'n deutschen Rhein,
Zweifelten die Götterschaaren,
Ob die nordischen Barbaren
Könnten ihre Retter sein?

Aber als sie nun die nahen
Helden selbst vor Augen sahen,
Zweifelten sie auch nicht mehr,
Sondern schnell mit Dankesregung
Setzte freudig in Bewegung
Sich das ganze Götterheer.

Zeus, der große Göttervater,
Mit dem Haupt ein Nicken that er,
Zündete die Blitze an;
So auf seines Adlers Flügeln
Schwebt' er nach den sieben Hügeln
Aus Lutetia voran.

Und die andern Götter alle,
Wie sie einst mit ihm die Halle
Auf dem Kapitol getheilt.
Alle, wie sie ihn begleitet
In's Exil, ein jeder schreitet
Jetzo nach ihm unverweilt

Juno, mit der königlichen
Stirne, der ihr Stolz entwichen
Nicht in der Gefangenschaft;
Und die kriegrische Minerve,
Die mit unerschlaffter Nerve
Hält in starker Hand den Schaft.

Ceres mit den goldnen Garben
Die im Kerker fast verdarben,
Die sie froh dem Licht enthüllt.
Mehr als einst, da Persephone,
Sie gefunden, die entflohne,
Ist sie jetzt mit Lust erfüllt.

Vesta mit dem keuschen Schleier
Kommt hervor in stiller Feier
Mit des Feuers heil'ger Gluth;
In der Stadt unheil'gem Schlamme
Wäre fast verlöscht die Flamme,
Trotz der Göttin treuer Hut.

Wie, von Grazien umfächelt,
Von Eroten angelächelt,
Venus sich Urania freut,
Der Kloake zu entrinnen,
Wo ihr feiler Priesterinnen
Schwarm unreines Opfer streut.

Amor auch und Psyche kommen
Ihrer Mutter nachgeschwommen;
O wie bebt die zarte Braut,
Daß versöhnt ist das Verhängniß,
Sie entnommen dem Gefängniß,
Neu dem Gatten angetraut.

Wie Diana leicht sich schwinget,
Und ihr Reh vor Freude springet,
Das mit ihr zur Freiheit eilt.
Um nach ihrem Bruder blickt sie,
Und den Chor der Nymphen schickt sie
Aus, zu sehn, wo er noch weilt.

Doch Merkur, der leichtgefußte
Naht, es naht der weichgebuste
Bacchus, dem die Hüfte schwillt.
Will Latonas Kind erhaschen?
Oder ist es nur der raschen
Nymphen eine, der es gilt?

Warum fehlt der Esser Komus?
Und warum der Spötter Momus?
Sind sie nicht von unserm Zug?
Haben die pariser Küche
Und der Hauptstadt witz'ge Sprüche
Sie noch nicht studirt genug?

Doch die Satyrn und die Faunen
Sind mit ihren besten Launen
Da, in schönster Wohlgestalt;
Und Silen auf seinem Esel ─
Schreit das Thier nicht, daß von Wesel
Bis Paris es widerhallt!

Seht die ungezähmten Bacchen,
Wie sie scherzen, wie sie lachen.
Gibt's ein römisch Carneval?
Gibt es griechische Mysterien?
Macht der süße Nam' Hesperien
Euch im Voraus trunken all?

Doch Apoll mit seinen Neunen,
Der nicht gern sich ließ umzäunen
Vom französischen Parnaß,
Schließt den Zug mit deutschen Tönen,
Hemmt der Freude wildes Dröhnen
Mit der Leier ernstem Maß.

Er in aller Götter Namen
Dankt den Siegern, welche kamen,
Um die Götter zu befrei:
Dafür von den Göttern allen,
Die zu ihrer Heimath wallen,
Sollet ihr gesegnet sein.

Euch verschonen Jovis Blitze,
Und von seinem Wolkensitze
Träufle Regen eurer Flur.
Euere Gebärerinnen
Lasse Juno Kraft gewinnen,
Daß sie bringen Helden nur.

Mit dem Schilde der Medusen
Leihe Pallas eurem Busen
Rechten Sinn zu Rath und That.
Ceres pflanz' euch selb die Aehre,
Daß das Land den Frieden nähre,
Das des Krieges Roß zertrat.

Vesta habe stets in treuer
Obhut euer heil'ges Feuer,
Daß es nie erlösch' hinfort;
Und des Liebesternes Funkeln
Lasse Venus nie verdunkeln
Ueber euch am Himmel dort.

Artemis in euern Forsten
Lasse Königsadler horsten,
Und das Wild vom Zaun umkreist.
Hermes Fleiß sei beim Gewerbe,
Und in jeder vollen Scherbe
Sei des Vater Bacchus Geist.

Aber ich mit meinen Tönen,
Mit den Gaben der Kamönen,
Bleib' im Geiste bei euch hier.
Seit die griech'sche ging in Splitter,
Tönte niemals eine Zitter
Lieber als die deutsche mir.

Deutsche, frei vom fremden Dränger,
Haben sollt ihr deutsche Sänger,
Jetzt und stets fortan von jetzt,
Sänger, die, was deutsche Helden
Deutsch vollbringen, deutsch auch melden,
Selb den Helden gleichgesetzt.

Und nun sei es uns beschieden,
Daß wir uns den Platz in Frieden
Nehmen neben Peters Dom.
Und im Schmuck der Lorberreiser
Sei uns bald ein deutscher Kaiser
Dort gegrüßt als Vogt von Rom.

Mit der Hoffnung auf den Wegen,
Lassen sammt der andern Segen
Wir euch selbst zwei Götter da:
Blücher euren Gott des Krieges,
Und auf seiner Hand, des Sieges
Unterpfand, Viktoria.


Die preußische Viktoria.


Himmlische Kriegerin,
Göttliche Siegerin,
Bist du zurück zu den Deinen gekehrt!
Du uns geraubete,
Todt uns geglaubete,
Hast du uns unseres Irrthums belehrt,
Aus den Umnachtungen
Deiner Verachtungen
Unsern Betrachtungen wieder bescheert!

Preußens Viktorie,
Unsere Glorie,
Konnten wir's dulden, als man dich geraubt?
Als man dich rüttelte,
Heilige, schüttelte
Sich nicht vor Unmuth dein ehernes Haupt?
Als der Gebrüstete
Nach dir gelüstete,
Hast du, Entrüstete, Gluthen geschnaubt.

Himmlische Siegerin,
Göttliche Kriegerin,
Rühre dich heute, dein Elend ist aus.
Nicht mehr gezügelte,
Wieder geflügelte,
Werde lebendig und fahre nach Haus,
Frei mit den schwebenden
Selber sich hebenden
Himmelanstrebenden Rossen voll Braus!

Unsere Glorie,
Preußens Viktorie,
Suche zum vorigen Sitze die Bahn,
Und zur Vergütigung,
Deiner Demüthigung
Fahr um zwei Stufen noch höher hinan,
Und zur Erwiederung
Deiner Erniederung
Sei dir Befiederung golden fortan!


Zum Empfang der rückkehrenden Preußen.

(Hildburghausen im Juli 1814.)


Nordischer Gäste
Bunteste Schaar
Wurden auf's Beste
Längst wir gewahr,
Welche gezogen
Kamen in Wogen
Siegreich vom Weste,
Lorbeer im Haar.

Aber was bringet
Heut das Getön,
Das sich erschwinget
Kriegerisch schön?
Klingender reden
Diese Drometen,
Daß es durchdringet
Tiefen und Höhn.

Heimische Töne
Treffen mein Ohr,
Nicht ein Gedröhne
Fremd wie zuvor.
Vaterlandskrieger,
Preußische Sieger,
Deutscheste Söhne ─
Oeffne dich, Thor!

Niemals durchritten
Hat dich ein Heer,
Milder von Sitten,
Tapfrer von Speer.
Wer in den Mienen
Lieset es ihnen,
Daß sie gestritten
Blutig so sehr?

Weil sie vor allen
Immer voraus
Waren mit Schallen
Erste im Straus,
Darum mit Rechte
Nach dem Gefechte
Müssen sie wallen
Letzte nach Haus.

Traget die Knaben,
Mütter, heran,
Daß sie sich graben
Ein, was sie sahn;
Lehrt sie's verstehen:
Was nur geschehen
Großes ist, haben
Diese gethan.

Das sind die Spitzen,
Das ist der Schaft,
Welche gleich Blitzen
Feinde gerafft,
Das sind die Kreuze,
Die, mit dem Reize
Sie zu besitzen,
Arme gestrafft.

Das sind die Narben,
Seht wie sie stehn,
Die sie erwarben
Kämpfend für wen?
Kämpfend für alle,
Die wir im Falle
Knechtisch erstarben,
Frei nun erstehn.

Darum gepriesen
Seien sie fein;
Holet zu diesen
Pforten sie ein!
Kommet, ihr hehren,
Was euch von Ehren
Hier ist erwiesen,
Mög' es euch freun!
Seht ihr, vom Schlosse
Reiten euch zwei
Fürsten zu Rosse
Grüßend herbei.
Kund schon am Rheine
Ward euch der eine,
Euch als Genosse
Grüßt er so frei.

Aber hernieder
Dort vom Balkon,
Euerer Glieder
Kriegrischem Ton,
Horchet die hohe
Fürstin, die frohe;
Seht ihr sie wieder?
Kennt ihr sie schon? ─

Ist doch mit Schmerzen,
Ist doch mit Lust,
Euerem Herzen
Jene bewußt,
Welche von Thronen
Höherer Zonen
Hell euch wie Kerzen
Blickt in die Brust,

Eure Luise,
Die euch zur Schlacht
Vom Paradiese
Lenkte mit Macht!
Denkt ihr der Theuern?
Sehet, der Euern
Schwester ist diese;
Naht mit Bedacht!

All ihr, uns heute
Gastlich genaht,
Unsere Beute,
Kommt und empfaht,
Was die verehrte
Fürstin bescherte,
Und die erfreute
Fürstliche Stadt


Die Hungerjahre.

1.


Bei Bamberg in Franken da ackert ein Bauer,
Er ackert und strenget die Kräfte,
Es wird ihm so schwer und es wird ihm so sauer,
Er stocket in seinem Geschäfte,
Er sucht in den Taschen ein Krümelein Brot
Und sei es kein Pfund, so sei es ein Loth,
O drückende Noth!
Und als sich kein Krümlein dem suchenden bot,
Da ackert er weiter den Acker,
Verackert den Hunger sich wacker.

Da denkt er beim Ackern: Wie lange wird's währen?
Nun bin ich Gottlob! doch beim Pflügen;
Und streu' ich den Saamen, so sprossen die Aehren
Dann muß mir die Hoffnung genügen;
Und wenn sie kein Regen zerstört und kein Frost,
Kein Hagel, kein Reif, kein Brand und kein Rost,
So ernt' ich getrost,
Dann bring' ich zu Müller und Bäcker die Kost,
Und wenn mich die zwei nicht betrügen,
So ess' ich, jetzt muß ich nur pflügen.

So pflügt er und ackert und hungert, da kollert
Ein Laib aus der Furch' ihm entgegen,
Ein Brotlaib, gebacken und fertig; er tollert
Begierig und hascht nach dem Segen.
Er greift nach dem Messer, und schneidet hinein;
Da springt aus dem Laibe, von Fleisch und von Bein
Ein Männlein so klein,
Den Bauer verwandelt das Staunen zu Stein;
Drei Münzen auch siehet er rollen,
Hervor aus dem Laibe gequollen.

Die eine von Gold und von Silber die zweite,
So blank auf die Erde gefallen,
Die dritte, den glänzenden dunkler zur Seite,
Von Kupfer,
die Kleinste von allen.
Die silberne dünkt ihm von mittlerem Schlag,
Die goldne so groß, so schwer von Betrag,
Dergleichen er mag
Nie haben gesehn bis zum heutigen Tag.
Das Männlein mit spitzigen Fingern
Berührt sie, und redet beim Klingern:

Ihr Leute, so theuer, so theuer ist's heuer,
Doch wird es noch theurer auf Erden.
Ein Laiblein so groß als wie dieses, so theuer
Bezahlet mit Gold wird es werden;
Dann wird man es geben, noch einmal so groß,
Nicht theuerer als um den Silberling blos,
O glückliches Loos!
Dann wirft man um's Kupfer den Laib in den Schooß.
Zwar wenige werden's erleben,
Die aber genießen es eben.

So redet das Männlein, und neigt sich und schweigt,
Und schlüpft in den Boden zurücke;
Der Bauer ist gar nicht zum Essen geneigt,
Doch nimmt er von Geld die drei Stücke,
Und trägt sie zur Stadt, und das Laiblein dabei,
Anzeigt er's, damit es kein Schaden ihm sei,
Der Stadtpolizei;
Die sieht es, da ist's mit dem Zauber vorbei:
Das Geld und das Brot ist verschwunden,
Schlimm lauten im Lande die Kunden.

2.


Zu Stuttgart im Jahr tausend achthundert siebenzehn
Hat man erzählt ein Wunder, wie keines je geschehn.
Zu Tübingen, wo blühet die Universität,
Hat es sich zugetragen, wie's hier geschrieben steht:

Ein Weib kam mit drei Kindern in Wochen auf einmal,
Die sprachen, wie geboren sie wurden, nach der Zahl,
Das erste: Bauet Scheuern! das zweite: Keller baut!
Das dritte: Bauet Särge! So furchtbar war der Laut.

So schön klingt: Bauet Scheuern! Das Jahr wird fruchtbar sein.
So schön auch: Bauet Keller! zum Brot geräth der Wein.
Was hilft's, wenn »Bauet Särge!« so dumpf dazwischen klingt,
Den Doppelerntesegen ein großes Grab verschlingt?

Das war mein Freund, Herr Uhland, als er das Wort vernahm,
Es dünkt' ihm so bedeutsam, er sprach in finsterm Gram:
»Und wenn das erst' und zweite nicht wird erfüllet sein,
So mag um desto sichrer das letzte treffen ein.« ─

Ich bitte Gott vom Himmel, daß er es anders kehrt,
Und besser seine Kinder auf ihn vertrauen lehrt;
Daß er uns lasse Scheuern und lasse Keller baun,
Und lasse vor den Särgen dahinter uns nicht graun.

Die Scheuern für die Körner, die Keller für den Wein,
Und soll der Sarg nicht fehlen, so soll ein Sarg es sein,
Darin der Mensch versarge den Unmuth und den Wahn,
Daß Brot und Wein uns labe, dem Trauern abgethan.

3.

Man hat mir einen Schwank gesagt,
Ich sag' ihn euch, wenn's euch behagt.
Zwei Bauern in der Schenke saßen
Und wuchrisch ihren Schatz ermaßen,
Die Körnerfrucht in ihrer Scheuer,
Wiewohl der Kern schon wäre theuer,
Müßt' er viel höher noch hinauf,
Bevor sie schritten zum Verkauf;
Da sprach der eine im Verlauf:
Nicht ehr' verkauf' ich meinen Trödel,
Bis einen Gulden kost't ein Knödel.
Das hat der Wirth mit angehört;
Ob ihn der Wucher hat empört,
Oder hat ihn blos der Schalk gestochen,
Genug, er hat es brav gerochen.
Denn da sich eben die Gesellen
Thäten ein Mittagsmahl bestellen,
Ließ er, sie wacker zu bedienen,
Kochen zwei Dutzend Knödel ihnen,
Die gar so wohl bereitet schienen,
Daß die zwei Bauern gar nicht stutzend
Von Knödeln jeder fraß ein Dutzend,
Drauf nach dem Mahl den Mund abputzend,
Sie nach der Zehrung fragten den Wirth.
Der sprach: Zwei Dutzend Knödel wird
Grad vierundzwanzig Gulden machen.
Da wollten erst die Bauern lachen:
Ob denn ein Knödel ein Gulden kost't?
Sprach der Wirth aber gar getrost:
Ihr habet selber ja gesagt,
Daß es nicht anders euch behagt,
Eh'r zu verkaufen euern Trödel,
Bis einen Gulden kost' ein Knödel;
So mögt ihr nun verkaufen getrost,
Weil das Knödel ein Gulden kost't.
Da schnitten's grämliche Gesichter,
Und appellirten an den Richter;
Der aber, zu gemeinem Frommen,
Verurtheilt' auch sie zu der Summen,
Und zu den Kosten obendrein.
Da mußten sie, um quitt zu sein,
Weil sie nicht hatten baare Gulden,
Um zu tilgen die Knödelschulden,
Vom aufgesparten Körnerhaufen
Ein tüchtig Zahl und Maß verkaufen.
Soviel es eben kosten will.
Der Wirth strich ein die Gulden still,
Und sprach: Ihr könnt in Frieden gehn,
Denn euer Will' ist heut geschehn;
Doch kehrt ihr künftig bei mir ein,
Werden die Knödel wohlfeiler sein.


Erntevögelein nach den theueren Jahren 16 und 17.

Ich hört' ein Sichlein klingen, wohl klingen durch das Korn;
Ich hört ein Vöglein singen: »Vorbei ist Gottes Zorn.«
Das Sichlein klang so köstlich, das Vöglein sang so laut;
Das Sichlein klang so tröstlich, das Vöglein sang so traut.
Ich Vöglein in den Lüften bin frei von ird'scher Noth;
Ich find in Waldesklüften wohl auch mein täglich Brot.
Doch mehr als dunkle Wälder preis' ich an diesem Tag
Die hellen Aehrenfelder mit reifem Erntertrag.
Ich hörte vormals klagen, als man das Korn hier schnitt,
Ich fing selbst an zu zagen, als litt' ich selbst damit.
Ich sah sie so sich grämen; ein einzig Körnlein nur
Hätt' ich nicht mögen nehmen, da man das Korn einfuhr.
Ich wollte da sie draschen, und gar so wenig blie,
Mir auch kein Körnlein haschen, um nicht zu sein ein Dieb.
Wohl hätt' ich einem Reichern recht viel genommen gern,
Der aber hielt in Speichern verschlossen seinen Kern;
Und wenn ein armes Knäblein stand bettelnd vor der Thür,
Reicht' er vom schwarzen Laiblein ein dünnes Stückchen für.
Ich sah die armen Knaben drauf in die Wälder gehn,
Nach wilden Wurzeln graben, das war hart anzusehn.
Ich konnt' es wohl ermessen, sie waren Brot gewohnt,
Und mit dem Wurzel-essen war ihnen schlimm gelohnt.
Die Würzlein schmeckten bitter, der Hunger war der Koch,
Die Kindlein und die Mütter aßen die Würzlein doch.
Als nun sich Beerlein streiften mit rothem Glanz im Wald
Und überroth dann reiften, da freut' ich mich alsbald
Des armen Völkleins willen, daß Gott es nicht verließ,
Den Hunger ihm zu stillen, die Beerlein wachsen hieß.
Da sah ich einzeln laufen auch Kindlein hie und dar,
Doch nicht in hellen Haufen, wie ich's gedacht fürwahr.
Wie? können sie entrathen das süße Waldgericht?
Da hört' ich, daß sie's thaten aus Furcht vor einem Wicht.
Es scheuchte sie der Jäger, daß nicht zertreten sei
Der Wald, verstört die Läger des Wildes vom Geschrei.
Ich war vor diesem Falle dem Jäger schon nie grün,
Jetzt hätt' ich Gift und Galle gar mögen auf ihn sprühn.
Da flog ich jeden Morgen vom Wald nun aus zu Feld,
Zu sehn, ob noch geborgen die Hoffnung sei der Welt.
Ich zählte jede Aehre, die auf dem Acker stand,
Alsob sie selbst mir wäre des Lebens Unterpfand.
Ich zählte alle Aehren, und überschlug im Flug,
Ob auch. das Land zu nähren, der Aehren wären gnug.
Ich sah genug der Aehren, sie wuchsen schön heran;
Doch langsam schien's zu währen, wenn Hungernde sie sahn.
Ich sah auch Blumen drunter, das mühte sonst mich nie,
Ich dacht' es würde bunter nur das Getreid durch sie;
Doch heuer hätt' ich gerne die Blumen ausgerauft,
Und einem Samenkerne ein Plätzlein mehr erkauft.
Für sanften Regenschauer sang ich sonst Gottes Lob;
Doch jetzt macht' er mir Trauer, weil er die Ernt' aufschob.
Und auch vor den Gewittern, davor mir nie ward leid,
Begann ich jetzt zu zittern für's zitternde Getreid.
Ihr denkt, daß für mein Nestlein hab' etwa mir gegraut?
Wißt, daß auf keinem Aestlein ich mir hab' eins gebaut.
Ach Gott, ich sah zerschlagen die Frucht in einem Gau,
Als man die Erntewagen schon rüstete zur Schau.
Nun, Gott sei, der im Schmettern der Wetterwolken wohnt,
Gelobt, daß er mit Wettern hat diesen Gau verschont.
Die Sicheln hör' ich klingen, so freudig ist der Klang:
Darüber soll sich schwingen zum Himmel mein Gesang.
Ihr Menschen, die ihr erntet, und dazu schweiget noch,
Ich denke, daß ihr lerntet den Werth der Halme doch!
Ihr aber seid vom Qualme der Noth noch so erstickt,
Daß ihr zum Schnitt der Halme kein Lied zum Himmel schickt.
Ja, laßt die Zunge schweigen, daß sie die Hand nicht stört;
Ich will für euch den Reigen anstimmen, daß ihr's hört.
O leset von dem Grunde die einzlen Hälmlein auf,
Und traget sie zu Bunde, und traget sie zu Hauf!
Nun sind so nah die Garben den Scheuern, körnerschwer,
Und die bis jetzt nicht starben, die sterben jetzt nicht mehr.
Laßt von des Grams Beschwerden aufathmen nur die Brust:
Ihr werdet satt nun werden, und satt werd' ich vor Lust.
Gott, dessen Gnadenleuchte am Himmel wieder wacht,
Gott, der den Hunger scheuchte durch seine Segensmacht,
Er möge nur die Seuchen, die mit dem gift'gen Hauch
Her hinter'm Hunger keuchen, nun gnädig scheuchen auch;
Daß auf dem Erdenkreise nun wieder Leben sei,
Und wenn ich ihn durchreise, ich mich kann freun dabei.
Ich hab' an diesen Orten die Ernte nun gesehn,
Nun muß ich da und dorten sie auch zu sehen gehn.
Die vollen Garben nicken, ihr habet jetzt genug:
So darf ich denn wohl picken ein Körnlein auch im Flug.
Wollt es mir nicht versagen zu meines Singens Lohn!
Ich will's zum Opfer tragen hinauf an Gottes Thron.


Erntelied.


Windet zum Kranze die goldenen Aehren,
Flechtet auch Blumen, die blauen, hinein.
Blumen allein
Können nicht nähren;
Aber wo Aehren die Nahrung gewähren,
Freuet der süße, der blumige Schein.
Windet zum Kranze die goldenen Aehren,
Flechtet auch Blumen, die blauen, hinein.

Holet die Wagen, mit Garben beladen,
Aus dem Gefilde mit Sang und mit Klang.
Klang und Gesang
Kann ja nicht schaden;
Lange genug hat in Thränen sich baden
Kümmerniß müssen in furchtbarem Drang.
Holet die Wagen, mit Garben beladen,
Aus dem Gefilde mit Sang und mit Klang.

Stellet an Gottes Altäre die Garben,
Der uns den himmlischen Segen verliehn.
Will er entziehn,
Müssen wir darben;
Alle, die nicht in Verzweiflung starben,
Leben und ernten und hoffen durch ihn.
Stellet an Gottes Altäre die Garben,
Der uns den himmlischen Segen verliehn.

Lobet mit hellem, mit feurigem Psalme,
Lobet den milden Ernährer der Welt.
Wilde im Zelt
Nähret die Palme;
Uns auf die leichten, die schwankenden Halme
Hat er des Lebens Bedürfniß gestellt.
Lobet mit hellem, mit feurigem Psalme,
Lobet den milden Ernährer der Welt.

Beuget dem Herrn euch mit stummem Erzittern,
Der in den Wolken, den donnernden, wohnt;
Daß er verschont
Mit den Gewittern,
Daß nicht die Halme, die schwanken, zersplittern,
Ehe den Fleiß sie des Schnitters belohnt.
Beuget dem Herrn euch mit stummem Erzittern,
Der in den Wolken, den donnernden, wohnt.

Lasset die Wunder des Höchsten uns preisen,
Der da, was Noth ist, am besten bedenkt,
Wenn er uns schenkt,
Was uns soll speisen,
Oben darüber mit sicheren Gleisen
Regen und Sonne zum Segen uns lenkt.
Lasset die Wunder des Höchsten uns preisen,
Der da, was Noth ist, am besten bedenkt.

Laßt uns das zarte Geheimniß bedenken,
Das aus dem nährenden Körnchen uns ruft.
Still in die Gruft
Muß es sich senken,
Eh es zum Lichte die Spitze kann lenken,
Sprossen und reifen in himmlischer Luft.
Laßt uns das zarte Geheimniß bedenken,
Das aus dem nährenden Körnchen uns ruft.

Laßt uns der Arbeit Bedeutung erkennen,
Welche das irdische Leben bedingt:
Wie sie entringt
Körner den Tennen,
Und aus der Räder zermalmendem Rennen
Endlich den Stoff, den geläuterten, bringt.
Laßt uns der Arbeit Bedeutung erkennen,
Welche das irdische Leben bedingt.

Bittet den Herrn, daß er gebe den Segen
Allen Gewerken in Stadt und in Land,
Die den Verband
Hegen und pflegen:
Aber den sicheren Grundstein zu legen,
Segn' er uns zwiefach die säende Hand.
Bittet den Herrn, daß er gebe den Segen
Allen Gewerken in Stadt und in Land.

Flehet zum Herrn, daß die Herren der Erde
Gnädig von oben erleuchte sein Licht;
Daß sich die Pflicht
Und die Beschwerde,
Zwischen den Hirten und zwischen der Herde,
Theile mit rechtem gerechtem Gewicht.
Flehet zum Herrn, daß die Herren der Erde
Gnädig von oben erleuchte sein Licht.

Bittet, daß Gott, der uns Leben gegeben,
Gebe die Krone des Lebens dazu:
Friedliche Ruh,
Fröhliches Streben,
Daß, was da lebet, sich freu' auch am Leben,
Ab sich der langen Bekümmerniß thu.
Bittet, daß Gott, der uns Leben gegeben,
Gebe die Krone des Lebens dazu.

Windet zum Kranze die goldenen Aehren,
Flechtet auch Blumen, die blauen, hinein.
Blumen allein
Können nicht nähren;
Aber wo Aehren die Nahrung gewähren,
Freuet der süße, der blumige Schein.
Windet zum Kranze die goldenen Aehren,
Flechtet auch Blumen, die blauen, hinein.


Dank und Aussicht.


Der Himmel kann ersetzen,
Wo er entzogen hat;
Wo trübe Thränen netzen
Das Auge, weiß er Rath,
Daß leis' in Duft zerfließen
Der Hungerregen muß,
Und drüber sich ergießen
Des Segens Ueberfluß.

Die kalten Schauer flossen
Herab ein ganzes Jahr,
Es schien der Quell verschlossen
Des Lichtes ganz und gar.
Schaut auf, es kommt vom Himmel
Neu auf die Flur das Licht,
Wo fröhliches Gewimmel
Den Kranz der Ernte flicht.

O jubilirt in Wonne
Gleich Lerchen himmelan,
Daß Gottes Gnadensonne
Noch Aehren reifen kann.
Er setzt uns an die Aehren
Die Körner voll Gedeihn,
Die theure Zeit zu nähren,
In siebenfachen Reihn.

So werde siebenfaltig
Dem Herren Preis gezollt,
Dem Herren, der gewaltig
So segnet wie er grollt.
Zu seinem Abendmahle
Gab er uns nun das Brot;
Es ist noch eine Schale
Des Weins dazu uns Noth.

Es werden auch die Reben,
Berührt von Gottes Licht,
Uns wohl die Schale geben,
Wenn gleich die Tonne nicht.
Nun müsse seine Sonne
Sie heuer reifen gar,
Damit sie uns die Tonne
Versprechen über's Jahr.


Bleibet im Lande.


Bleibet im Lande und nähret euch redlich,
Rücket zusammen und füget euch fein.
Machte nur keiner zu breit sich und schädlich,
Wäre das Land nicht für alle zu klein.
Aber wo alle sich drängen und reiben,
Da ist für Menschen im Land nicht zu bleiben,
Flösse das Land auch von Milch und von Wein.

Ist denn nicht Schwaben ein fruchtbarer Garten,
Eine gesegnete Weide die Schweiz?
Wollen die Gärtner der Reben nicht warten,
Fasset die Hirten der Wanderschaft Reiz?
Ueber den Meeren und nahe den Polen
Will sich da Schätze die Dürftigkeit holen,
Wo sie schon längst nicht mehr findet der Geiz?

Meinet ihr, draußen sei's besser auf Erden?
Ueberall ist es auf Erden jetzt schlimm.
Nicht an dem Land, daß es besser soll werden,
Liegt es, am Menschen, es liegt nur an ihm.
Betet zu Gott, daß sein Licht hier besieget
Diese Verkehrtheit, an welcher es lieget;
Sein sei die Lenkung, nicht euer der Grimm.

Ziehet im Grimm nicht, im Unmuth, von dannen,
Wendet der Heimath den Rücken nicht zu!
Will sich das Vaterland, soll sich's ermannen,
Wahrlich bedarf es der Männer dazu.
Aus der Verworrenheit gährendem Streben
Soll sich die Klarheit, die Ordnung erheben;
Bleibet, und wartet, und wirket in Ruh.

Sehet! der Himmel im Land euch ernähren
Will er, er schenkt euch die Fülle des Korns.
Theilet euch nur in die reichlichen Aehren,
Trinkt nur verträglich begnügsam des Borns!
Daß nicht an Euch sich das Beispiel erneue,
Nicht als verworfenes Volk euch zerstreue
Rings in die Länder die Ruthe des Zorns.

Bleibet im Lande und nähret euch redlich,
Rücket zusammen und füget euch fein.
Mache nur Keiner zu breit sich und schädlich,
So ist das Land nicht für alle zu klein.
Wollet nur selbst euch nicht drängen und reiben,
So ist für Menschen im Land noch zu bleiben,
Und es wird fließen von Milch und von Wein.


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