Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Drittes Bändchen, 1837. VII


1

Das Veilchen füllt die Luft mit Wohlgeruch von Amber;
An Persiens Grenzen ists genannt Guli Peigamber.

Guli Peigamber, das besagt Profetenblume;
Wie gerne huldigen wir dem Profetenthume!

Profetenblum' ist es, weil es uns profezeit
Des Frühlings Himmelreich, der Rose Herrlichkeit.


2

Geh, wann du hast am Tag im Hause still zu thun,
Am Abend aus, das ist der Weg um auszuruhn.

Die Ruh ermüdete, Bewegung ruhet aus,
Und zu der Arbeitsruh kehrst du gestärkt nach Haus.

Und einen frischern Straus, als du mit Kunst geschmückt
Daheim, bringst du nach Haus, auf Gottes Flur gepflückt.

Auf Gottes schöner Flur o wollt' es lenzen nur
Wie sonst! doch von dem Lenz ist nirgend eine Spur.

Auf Gottes schöne Flur o bring im Herzen nur
Den Frühling mit, so gehst du nicht auf Winterspur.

Der Lenz im Herzen nur zeigt dir des Lenzes Spur
Von außen auch, und macht die Welt zur Gottesflur.


3

Als wie ein Kind im Schlaf empor sein Auge schlägt,
Und alsobald sein Haupt befriedigt wieder legt,

Weil nah das Angesicht sich ihm der Mutter zeigt,
Die wachend über ihr geliebtes Kind sich neigt;

Beglückt, wer so den Traum des Erdenlebens lebt,
Und wenn dazwischen er den Blick zum Himmel hebt,

Die Mutter Liebe sieht hernieder schauen heiter
Und lächelnd winken ihm: Ich wache, schlaf nur weiter!


4

Es liegt ein Klümpchen Schnee, da alles rings gethaut,
Nordwerts in einer Kluft, wo ihn der Blick nicht schaut,

Der Sonne Lebensblick, der weg das Weiße nahm.
Nun wird der weiße grau vor Ärger und vor Gram;

Und wird vor Jammer schwarz. Schon recht geschieht dem Stolzen;
Warum nicht frisch und zart ist er mit weggeschmolzen? —

Ihr fragt ob das villeicht auch bildlich sei gemeint?
Gemeint nicht eigentlich, doch auch gut, wenn es scheint!

Oft wenn ich aus ein Licht und an ein Feuer bließ,
Merkt' ich, daß das sich auch sinnbildlich deuten ließ.


5

Wie augentröstlich auch und lieblich lenzverjünglich
Das Grün der Fluren sei, es ist doch nicht ursprünglich.

Das Grün ist, wie bekannt, gemischt aus Gelb und Blau;
Nun welches Blau und Gelb mischt so das Grün der Au?

Der Sonne goldner Schein, das Blau im Ätherraum;
Aus beiden ist gewebt des Frühlings grüner Traum.

Das Grün unzweifelhaft stammt nicht aus grünem Saft,
Denn nur durch Luft und Licht erlangt es solche Kraft.

Drum ist von Frühlingsgrün dein Auge so erquickt,
Weils drin vereint die zwei unsichtbaren erblickt.

Heil ihm, wenn dankbar es den Erdentraum genießt,
Bis er in Sonnengold und Ätherblau zerfließt.

6

Aus Gelb und Blau entspringt nach unten Grün durch Mischen;
Nach oben mischt sichs nicht, dort blüht das Roth dazwischen.

Besonderstes ist Roth und Allgemeinstes Grün,
Und beide fordern sich, wo Schönstes soll erblühn.

Drum ist der höchste Schmuck, vom Lenz der Welt verliehn,
Auf Thronen von Smaragd die Rose von Rubin.


7

Der Frühlingshimmel soll in Wolkendünsten brüten,
Bis sich die Frühlingsflur gefüllt mit Laub und Blüten.

Schön ist der blaue Raum, der wolkenlose, nur,
Wenn ihm entgegen blüht die farbenreiche Flur.

Doch bis die Lebensfüll' erwacht im Erdgefild,
Sei ein Ersatz mir ein fantastisch Wolkenbild.


8

Das Licht ist leicht, es ist die umgekehrte Schwere;
Einleuchten wird dirs leicht, wenn ich dirs klar erkläre.

Das Licht von oben nimmt, wenn es hernieder schwimmt,
In gleichen Maßen ab, wie zu die Schwere nimmt.

Am schwersten alles ist der dunklen Erd' am nächsten;
Der Sonn' am fernsten wirkt des Lichtes Kraft am schwächsten.

Das leichte Licht ist hoch, tief ist die schwere Schwärze,
Und zwischen beiden blühn der Tön' und Farben Scherze.

Der höchste Ton ist Licht, der tiefste Ton ist Nacht,
Der endlich ganz erlischt, entschläft und neu erwacht;

Wie dir der Schlaf bei Nacht schwer drückt die Augenlieder,
Die leicht der lichte Stral des Morgens aufschließt wieder.


9

Sieh wie die Blättchen sich um ihren Stengel stellen,
Die lebenslustigen verträglichen Gesellen!

Stets eines oberhalb des andern, aber so,
Daß keines hinderlich ist keinem irgendwo;

So in gewundenen Abstufungen erhoben,
Daß keines keins verdeckt, von unten frei und oben;

Daß jedes saugen kann von unten her den Segen
Des Thaus der aufsteigt, und von oben her den Regen,

Nach allen Seiten hin sich breitend in die Luft,
Schwelgend in Sonnenglanz und in der Nächte Duft.


10

Oft hängt das Höchste mit dem Niedrigsten zusammen,
Wie Knollenfrüchte, die der Wurzel selbst entstammen,

Wo, was die Pflanze sonst durch Zweig' und Kronen sucht,
Gleich an der Wurzel ist gefunden, Saam' und Frucht.

11

Was ist der Vorzug wol der menschlichen Vernunft
Vor allen Trieben, die besitzt der Thiere Zunft?

Thuts nicht der menschlichen in allen Stücken gleich
Naturvernunft und Kunst, an Wunderwerken reich?

Der Mensch kann feiner als der Seidenwurm nicht spinnen,
Und künstlicher nicht baun als Immen goldne Zinnen.

Und nicht gelernt ist das, geerbt ists vom Geschlecht;
Der jüngste Biber baut gleich wie der ält'ste recht.

Die uranfängliche Naturvollkommenheit
Ist nie vollkommener geworden durch die Zeit.

Und dieses ist, was der Vollkommenheit gebricht;
Vollkommnungsfähigkeit fehlt nur dem Menschen nicht.

Die junge Spinne spinnt nur wie die alte spann,
Indes der Menschensinn stets neu Geweb ersann.

Vom Vater erbt ers nicht, vom Meister kann ers lernen,
Und ausgelernt von ihm mit Freiheit sich entfernen.

Die Freiheit voll Gefahr ist jedes Irrthums Spiel,
Indes der sichre Trieb nothwendig geht zum Ziel.

Doch ists ein niedres Ziel vor jenem, das erreichen
Der Mensch will, soll und kann, mag es auch stets entweichen;

Wo Kunstbehendigkeit und Thatverständigkeit
Ihm wird in höhrer Art Naturnothwendigkeit.


12

Ein einzig Bienchen war im Bienenstock erwacht,
Die andern schliefen noch in honigduftiger Nacht.

Ein einzig Blümchen war am Blumenstock erblüht,
Die andern schliefen tief im dämmernden Gemüth.

Ein einzig Blümchen lacht, noch schläft der ganze Flor;
Ein einzig Bienchen wacht, noch schweigt der ganze Chor.

Das eine Bienchen fuhr durch all die Frühlingsflur,
Und fand, wie fand es nur? des einen Blümchens Spur.

Wenn dis nicht blühte, hätt' umsonst sich jens bemüht,
Und wenn nicht jenes kam, wem hätte dis geblüht?

Hat jenes wol gewußt, daß dieses blühte just?
Hat dieses blühn gemußt, weil jenes war voll Luft?

Von beiden welches rief das andre das noch schlief?
Ein drittes rief die zwei, sonst schliefen sie noch tief.

Sei's fern wie Orient von Occident getrennt,
Es findet sich und kennt, was gleichen Triebs entbrennt.

Was gleichen Triebs entbrennt und gleichen Sinns sich nennt,
Es findet sich und kennt und eint sich ungetrennt.

Es eint sich ungetrennt in gleichem Element
Die Lieb' aus Orient der Lieb' im Occident.


13

Ich hab' ein wonniges Gefild im Traum gesehn,
So heller Lichter, die mir noch im Herzen stehn.

Ich weiß nicht ob ein Land, wo ich daheim einst war,
Daheim einst werde seyn, doch heimisch wunderbar.

So heimisch war es mir, so heimlich und geheim,
Vertraulich zeigte mir sein Sehnen jeder Keim.

Ich sah das grüne Laub, das nie wird Windesraub,
Die Luft von keinem als erfüllt von Blütenstaub.

Ich sah des Waldes Kranz im Abendsonnenglanz,
Der doch nicht untergieng, und hell war immer ganz.

Da ich so helle seh in Träumen, soll ich klagen,
Daß mehr und mehr den Dienst die Augen mir versagen?

Ja wol, es sieht ein Mensch mit Augen nicht allein;
Was sehenswerth ist, sieht dein innres Licht allein.


14

Geschichten hab ich viel gelesen und gehört,
Die vielfach angeregt mich haben und verstört.

Geschichten möcht' ich euch anregende erzählen,
Doch wollte nie mein Geist sich dieser Form vermählen.

Und mich begeistern könnt' Eine Geschichte nur,
Beherrscht' ich deinen Stoff, Geschichte der Natur!

Inzwischen hat genug Beruhigung gesogen
Befriedigung mein Geist aus deinen Regenbogen.

Der Regenbogen wirkt in sanfter Farbenpracht
Die Friedensfahne beigelegter Wolkenschlacht,

Wie nach der Leidenschaft gedämpfter Wetterschwüle
Mein heißes Aug' erfrischt der Weltbetrachtung Kühle.


15

Die Unschuld liebt im Thier Menschähnliches zu sehn,
Bosheit im Menschen Thierverwandtes zu erspähn.

Und leicht ist eines auch aufs andre auszulegen,
Weil beides überall in beidem ist zugegen,

Da das geringste Thier schon auf den Menschen deutet,
Und selten sich ein Mensch hat ganz vom Thier gehäutet.

Aus jedem Thiere guckt ein Stückchen Mensch hervor,
Und jeden Menschen zupft die Thierheit noch am Ohr.

Wenn Scharfsinn und Verstand nun liebet Unterscheidung,
So liebt dagegen Witz und Fantasie Verkleidung.

Doch edler als die Luft an der Karrikatur
Ist harmlos spielende Begeistrung der Natur,

Die lieber Niederes um eine Stufe rückt
Herauf, als Höheres hinab um eine drückt;

Der Kindermärchenwelt tiefsinnige Betrachtung,
Und des Brahmanen draus entsprungne Thierweltachtung.

16

Die Schwalbe die ins Haus, und die am Hause baut,
Sind in verschiednem Grad dem Menschen lieb und traut.

Die eine bietet sich zu nächstem Nachbarsmann,
Die andere sich dir zum Hausgenossen an.

O hätt' ich immer, wärs vom Himmel mir beschlossen,
So treue Nachbarn und so fromme Hausgenossen!


17

Es ist ein Kraut das Allmannsharnisch wird genannt;
Wer's an sich trägt, der siegt, wo er wird angerannt.

Der Aberglaube sucht das Kraut auf Feld und Wiese,
Doch kommts dem Menschen nur herab vom Paradiese.

Das Gottbewußtseyn ists, das droben ist zu Haus,
Das ist der Straus mit dem du siegst in jedem Straus.


18

Nach Sonne, Mond und Stern in ihrem Strahlenblitze
O deute nicht empor mit deiner Fingerspitze!

Nach ihnen spähend hebt der Astronom sein Rohr,
Du aber schaue nur mit frommem Aug' empor.

Denn du hast ihre Bahn nicht ihnen vorzuschreiben;
Du gehst darunter weg, und sie dort oben bleiben.


19

Die Furcht vor Sonn- und Mondverfinstrung ist geschwunden,
Seit bessere Naturerkentnis sich gefunden.

So vor Aufklärung muß verschwinden jede Blendnis,
Und selber Götterfurcht vor reinrer Gotterkentnis.


20

Um Mittag, wenn mit Duft der Himmel sich umsäumt,
Und hinter weißem Flor die stille Sonne träumt,

Kein Hauch das welke Blatt im Waldgebirg erfrischt,
Wo nur die Grille schrillt und nur die Schlange zischt;

Dann halten weißverhüllt die Geister ihre Runde,
Und alle Schätze thun sich auf im Erdengrunde.

Das sind die Geister und die Schätze, die der Macht
Der Sonne folgen, nicht dem Mond der Mitternacht.

Und wer ein Sonnenkind ist rein von allem Bösen,
Der kann der Schätze Bann, das Band der Geister lösen.

21

Ich gieng den Strom hinauf und forschte nach der Quelle,
Aus deren Schoße sich ergösse jede Welle.

Je weiter aber ich hinaufkam, ward mir kund,
Statt einer Quelle sei's ein ganzer Quellengrund.

So, welcher Sache nach du forschen magst und graben,
Statt einen Grund wirst du gefunden viele haben.


22

Der junge Vogel wo lernt er den frohen Sinn,
Flug und Gesang? lernt' ichs von ihm, welch ein Gewinn!

Im schwanken Neste schwankt er ob der Frühlingsflur,
Und athmet um sich her frisch athmende Natur.

Von diesem Athem ist ihm Mark und Bein durchdrungen,
Die Brust gehoben und die junge Schwing' erschwungen.

Er sieht nur freie Luft, und fühlt nur frischen Duft,
Und hört den Vater froh wie er der Mutter ruft.

Nur nachzusingen, nachzufliegen, nachzuahmen
Hat ers, und nie wird er verkrüppeln und erlahmen.

Hätt' eine Sängerinn mein Wiegenkind zur Amme,
Die ihm des Wohllauts Öl träuft' in die zarte Flamme;

Ein farbenbuntes Bett, ein kühles Laubgemach,
Den Pfühl des Frühlings und des Himmels goldnes Dach!

Auf seinem grünen Pfühl, unter dem goldnen Dach,
Wiegt' ihn der Mond in Schlaf, küßt' ihn die Sonne wach!

Er pflückte jede Blüt', und bräche jede Frucht,
Und ohn' Erziehung wüchs' er auf, ein Bild der Zucht.

Er müßte frank und frei, froh wie ein Vogel werden,
Und wenn nicht fliegen, doch vor Lust sich so geberden.


23

Als Blütenalter ist die Jugend wol bekannt,
Mir aber sei hinfort das Alter so genannt.

Die junge Pflanz' ist grün; wielang muß sie sich mühn
Durch Blatt und Zweig hindurch, bis ihr gelingt zu blühn!

Ihr letztes ist das Blühn, nicht erstes, zweifelsohne;
Dann stirbt sie wann sie aufgesetzt die Blütenkrone.

Wie in der Jugend auch als Raupe kriecht, im Alter
Die blütengleiche Schwing' entfaltet der Zwiefalter.

Doch fragst du wo denn sei des Alters Schwing' und Blüte?
So sag' ich: außen nicht, doch innen im Gemüte.

Das ist die Blüte, die hier athmet Seelenduft,
Dis Silfenflügelpaar trägt über Welt und Gruft.


24

Sieh, wie die Fantasie des Frühlings einen Raum
Mit Blumen dort besät, hier schmückt den Blütenbaum,

Worin ein ganzer Wald von Trieben ist vereinigt,
Doch hat er seine Kunst wie hier auch dort bescheinigt;

Wie dich ein Dichter freut, ob einzeln er verstreut
Viel Schönes, ob er dir ein schönes Ganzes beut.


25

Gesundes Auge sieht, es hört gesundes Ohr
Durch Kraft von innen das was außen ist davor.

Doch wird der Sinn sich selbst zum Gegenstand, ein Graus
Ist kranken Augs Gefunk und kranken Ohrs Gebraus.

So sei zum Gegenstand die Außenwelt verliehn
Gesunder Fantasie, nicht kranke Fantasien.

26

Ohr oder Auge, mit der Tön' und Farben Flimmer,
Was ist wol besser? was, taub oder blind, ist schlimmer?

Auf gleicher Linie sosehr stehn diese beiden
Im Menschenangesicht, daß schwer ist zu entscheiden.

Das Recht entscheidet nicht, entscheide denn nach seiner
Vorliebe jeder, ich entscheide so nach meiner:

Von blinden Dichtern hab' ich vieles schon gelesen,
Von keinem großen doch gehört, der taub gewesen.


27

Das Aug' ist überm Ohr in allen Stücken, traun,
Nur daß man nicht mit ihm kann um die Ecken schaun.

Das Aug' ist überm Ohr fürwahr in allen Stücken,
Nur daß man nicht mit ihm kann sehen hinterm Rücken,

Wie mit dem Ohre man wol hinterm Rücken hört,
Doch auch nur Schlimmes meist, das unsre Ruhe stört.


28

Die Zunge geht dahin, wo weh der Zahn dir thut,
Und mehret so den Schmerz, den sie will machen gut.

Wie oft hat so die Zung' auch weh statt wohl gethan
Bei Schmerzen tiefern als aus einem holen Zahn.


29

Die Sinne, welchen Gott die obre Stelle gab,
Sehn auf die untere mit zuviel Stolz herab.

Sie sehn vor lauter Stolz nicht ein auf hohem Pfühl,
Daß sie nichts sind als ein besondertes Gefühl.

Das Auge fühlt das Licht, und sieht, vom Licht berührt;
Und durch Erschüttrung wird der Schall ins Ohr geführt.

Die Nase riecht den Ruch, es schmeckt den Schmack der Mund;
Empfindlich spüren sie, was sich vom Ding thut kund.

Wenn tastend Aug' und Ohr ausgreifen in die Ferne,
Mag alles Nas' und Mund in sich hineinziehn gerne.

Und zwischen beiden schwebt, im wogenden Gewühl
Der Sinnenwelt, der allgemeinste Sinn, Gefühl.

Du fühlest nicht allein, was deine Hand berührt;
Du fühlst in deiner Brust, dein Herz fühlt sich gerührt.

Was äußerlich dein Sinn, ist innerlich dein Sinnen;
Kein Unterscheiden schied das Außen von dem Innen.


30

Geh in die Welt hinaus mit allen deinen Sinnen,
Um Bienen-gleich ins Haus den Honig zu gewinnen.

Wohin du fliegen magst, da bist du eingeladen,
Und irre kanst du auch nicht gehn auf allen Pfaden.

Dich zieht von hier und dort, von jedem Duftversuch,
Zu deinen Zellen heim der süßre Honigruch,

Der Vorrath stärker, als den draußen du begehrst,
Den aber du mit dem von außen immer mehrst.

Müde von Flug und Braus, kehr' in dich still zurück,
Ruh' in dir selber aus, so fühlst du höchstes Glück,

Wenn du dich, ohne zu versinken, ganz versenkest,
Ausdichtest spiegelglatt, was du durchsichtig denkest.

Wie du ziehst von Natur den Athem aus und ein,
Lern' auch im Geiste nur außen und innen seyn.

31

Sieh die Verfassungen der Völkerstaaten hie,
Ameisenrepublik und Bienenmonarchie.

Die fliegen in der Luft, die kriechen an der Erde;
Die sammeln Blütenduft, die Körner mit Beschwerde.

Dort waltet ein Gesetz, und hier ein Oberhaupt,
Hier wird geschaut, was dort unsichtbar wird geglaubt.

Der Bienenstaat ist hin, wann stirbt die Königinn;
Ameisenreich besteht, unsterblich ist sein Sinn.

Mit Andacht sammle du in reinlichen Geschirren
Von Bienen Honigseim, und von Ameisen Mirren.


32

Mein Sohn, sieh an den Hirsch! wie edel, schön und groß,
Und doch wie voller Furcht und alles Muthes bloß!

Die Waffe des Geweihs kann seine Furcht nicht mindern,
Die Zinken dienen nur ihn auf der Flucht zu hindern.

Er kann auf seinen Feind nicht wenden ihre Schärfen,
Und dem Ausreißer gleich sie nicht einmal wegwerfen.


33

Wol ist im Saamenkorn die Pflanze schon enthalten,
Doch siehst du's ihm nicht an, wie sie sich wird entfalten.

Viel größer als der Kern des Apfels ist die Bohne,
Doch Ranken gibt sie nur, er eines Baumes Krone.


34

An einem Pfuhle sah ich sprudeln eine Quelle,
So trüb sein Wasser war, so hell war ihre Welle.

Durch einen schmalen Rand war sie von ihm geschieden,
Wie vom Unedelsten das Edelste hienieden.

Hat ihre Reinheit vom Unreinen sich genährt,
Gesintert durch den Sand Unklares sich geklärt?

Unschönes, so verschönt, wär' um nichts minder schön;
Doch sieh, die Quelle springt, und deutet nach den Höhn.

Nicht springen könnte sie, wenn sie nicht wär' entsprungen
Von jenen Höhen, die dis niedre Thal umrungen.

Sie ist ein schönes Bild, daß, was herab geboren
Von dort ist, nie nach dort empor den Trieb verloren.

Dis Angedenken hat die Reinheit ihr bewahrt,
Ihr Wesen nahm nichts an von ihres Nachbarn Art.

Laß dich die Nachbarschaft des Schlechten nur nicht kränken;
Den Einfluß wehrt dir ab des Bessern Angedenken.


35

Am Stromesufer steht erschwungen eine Palme
Hoch ob der Dünste Kreis und erdenahem Qualme,

So hoch, daß Menschenwitz nicht ihre Kron' entblättert,
So glatt, daß Affenkunst nicht ihren Stamm erklettert.

Die reifen Früchte wirft sie aus der Luft hinab
Ins Wasser, welches ihr dazu die Nahrung gab.

Die Früchte, wann sie sind den Strom hinab geschwommen,
Schwimmen dort an ein Land, wo Palmen nicht bekommen.

Willkommen sind sie dort, die Gaben aus der Ferne,
Die Menschen essen sie und sammeln ihre Kerne.

Sie zögen aus dem Kern selbst eine Palme gern,
Doch Erd' und Himmel ist dagegen, Sonn' und Stern.

36

Geschichte und Natur, zwei Räume sind sie nur,
Wo überall der Tod geht auf des Lebens Spur.

Du siehst, wohin du siehst, Zerstückelung, Bruchstücke;
Das eine ist dahin, das andre noch zurücke.

Du siehst Verbindungen und fühlest eine Lücke,
Suchest Zusammenhang und findest keine Brücke.

Blick' in die Sternwelt auf, damit dein Geist gesundet!
Dort ist der ewige Kreis, der in sich selb sich rundet.

Die Ordnung droben ist, wo aufgehoben ist
Die Wirrung, wo sich fügt, was hier verschoben ist.

Freu dich in jeder Nacht, daß Sterne niederglänzen
Mit höhrer Hofnung Stral dein Daseyn zu ergänzen.


37

Der Apfel fällt, gereift, in seines Gärtners Hand;
So fällt in Gott ein Geist, der seine Reife fand.

Wol fällt ein Apfel auch, zu früh vom Sturm gebrochen,
Von Willkür abgepflückt, oder vom Wurm gestochen.

Doch hierin ist der Baum im engen Gartenraum
Hoch überragt und weit vom Weltengartenbaum,

Den solch ein Gärtner zieht, der auch dem Sturm befihlt,
Den keine Willkür stört, kein schwacher Wurm bestihlt;

Und sicher fühlest du's: von ihm wird hingenommen
Zum Heile jede Frucht, wann ihre Zeit gekommen.

Villeicht erschien sie dir von außen nicht gestreift,
Sie aber, glaub' es mir, war innerlich gereift.


38

Wann wacher Sinne Krieg geschlichtet Gottesfriede,
Und aufgehoben hat des Daseyns Unterschiede,

Wo Inn- und Äußres ist in Einen Duft verschwommen,
Besonderheitsgefühl ins All zurückgenommen,

In solchem Schlaf, in den hinein kein Wachen bebt,
In dessen Ruh' kein Traum verwirrte Bilder webt;

Wann jeder Thätigkeit Thorweg geschlossen steht,
Und ungehemmt nur aus und ein der Athem geht;

Erloschen ist das Aug' und jedes Bild des Schönen,
Erloschen ist das Ohr mit allen hellen Tönen,

Erloschen Red' und Wort mit der Begriffe Samen,
Den Zeichen aller Ding' und aller Wesen Namen;

Erloschen, ausgelöscht, das Denken der Gedanken,
Des Wollens Wallungen und der Gefühle Schwanken;

Und nur ein stilles Licht, geklärt von Glut und Rauch,
Und von dem Leben nichts zurückbleibt als der Hauch:

Der Hauch (sagt der Brahman), der Gottes Athem ist,
Bezeugt, daß du in Gott dann aufgenommen bist;

Und wann du dann vom Schlaf erwachest sanft und kühl,
Bezeugt dasselbe dir ein seligs Nachgefühl.


39

Willst du erquickenden traumlosen Schlaf genießen,
Laß wach dich im Genuß nicht Mäßigkeit verdrießen.

Und so im Leben auch sei mäßig, wenn begraben
Du ruhn in Gott willst und nicht böse Träume haben.

Sieh, welchen Lohn der Seel' hat Mäßigung beschieden!
Im Wachen und im Schlaf, im Tod und Leben Frieden.


40

Die Kropfgans schlingt den Fisch hinein auf Einen Schluck;
Es fehlt ihr der Geschmack, sie fühlet nur den Druck.

Ein Schlemmer aber mag in kleinen Bissen kauen,
Die Wärzchen des Geschmacks andächtig zu erbauen.

So wenig jene mir, gefällt mir diese Sitte;
Ich rathe dir auch hier wie überall die Mitte.

41

Geselligkeit erhöht den Menschen nicht allein,
Das Thier veredelt auch und steigert der Verein.

Der Biber baut voll Kunst, der in Gesellschaft lebt,
Indeß der einsame nur schlechte Hölen gräbt.

Des Bienenstaates Fleiß thürmt goldner Schlösser Duft,
Nicht Wachs noch Honig füllt der Mauerbiene Kluft.


42

Ein Vöglein hatte sich in meinen Schutz begeben,
Es wollt' in Sicherheit, wenngleich gefangen, leben,

In Sicherheit vorm Schreck des Reichs der Luft, dem Geier,
Vor welchem sicher sich kein Vogel fühlt, kein freier.

So gern gefangen nun vor meinem Fenster hieng's,
Doch im Gefängnisse dem Schicksal nicht entgieng's.

Ein Geier nahte kühn zum Kerker seiner Lust,
Und schlug durchs Gitter ihm die Krallen in die Brust.

Doch konnt' er seinen Raub nicht in die Lüfte tragen,
Und sterbend ließ ers uns zurück, es zu beklagen.

Durch seine Dienstbarkeit hat es nur dis erworben,
Daß es nicht unbemerkt noch unbeklagt gestorben.


43

Vom Onyx wird gesagt, daß er, im Ring gefaßt,
Macht einen, der ihn trägt, in jedem Ding gefaßt,

Und, wem ein solcher Stein zur Erbschaft ist gelassen,
In Glück und Unglück ist er jederzeit gelassen.

Wol so gefaßt zu seyn, ist eine schöne Fassung,
Und die Gelassenheit die reichste Hinterlassung.

Doch laß dir deuten recht die Hinterlassenschaft,
Und faß in deinen Sinn der Fassung Wunderkraft!

Der so gefaßte Ring will an der Hand dir reichen
Ein Zeichen, daß dein Herz sich fassen soll desgleichen.

Denn wol zu jeder Frist gefaßt wird seyn ein Mann,
Der nie vergißt, daß er gefaßt seyn soll und kann.

So trag den Stein, und trag das Leben fein gelassen,
Wie der das Leben trug, der dir den Stein gelassen.

Ja sei wie er, der nun, in Grabesrund gefaßt,
Die Welt gelassen hat, gelassen und gefaßt!


44

Das menschlichste Geschäft ist Menschen zu erziehn;
Und Blumen ziehe, wem nicht Kinder sind verliehn.

Der Blumen Jugend läßt vor Stürmen und Gefahren
Sich immer leichter als die menschliche bewahren.

Dankbarer sind sie auch, vom Wiegenrand zur Gruft,
Erziehunglohnender mit Farbenspiel und Duft.

Gern mag mein altes Aug' aus ihren Kinderaugen
Saugen das Licht, das sie selbst aus der Sonne saugen.

Dann saugt sie ihnen aus das eingesogene,
Entflogen ist der Glanz der angeflogene.

Die Farben auf der Flucht von Kronen stets zu Kronen;
Trauer ist wo sie fliehn, und Freude wo sie wohnen.

Sieh deine Blumen an in deiner Luft und Trauer,
Und tröste dich, daß auch an dir ist keine Dauer.


45

Der Gärtner liefert mir zum Schmuck in meinem Zimmer
Blumen von Zeit zu Zeit, neu blühnde Blumen immer.

Da stehn sie denn solang als sie in Blüte stehn,
Und müßen abgeblüht zurück zum Gärtner gehn.

Ich habe den Genuß, der Gärtner hat die Mühen,
Nur blühen seh' ich sie, er sorget daß sie blühen.

Was mir der Gärtner ist, das ist der Dichter euch,
Der Blüt' und Blume zieht am kahlen Weltgesträuch.

Ihr habt den Augenblick des Aufgehns zu genießen,
Doch das ist seine Lust stets neue zu erschließen.

46

Die Sonne, die soviel ist größer als die Erde,
Ist sie die Hirtin, und die Erd' ein Lamm der Herde?

Ist sie die goldne Trift, mit Flammengras bekleidet,
Worauf die Erde mit den andern Lämmern weidet?

Ist sie der Bronnen, der mit Glanz die Herde tränkt?
Die Hürd', in welche sie wird Abends eingelenkt?

Ob Hirtin oder Trift, ob Bronnen oder Hürde,
Sie hat ein schönes Amt und eine hohe Würde.

Wenn Hirtin, hüte sie mit treuem Blick die ihren;
Wol aus den Augen wird sie leicht kein Stück verlieren.

Wenn Trift, so treibe sie mit ew'gen Frühlingstrieben,
Und lustgetrieben gehn die Lämmer nach Belieben.

Wenn Bronnen, sei sie uns voll stets vom Thau der Gnaden;
Wenn Hürde, sammle sie die Herd' ein ohne Schaden.

Ein schöner Sommertag, den ausgesprungen habend,
Die müde Herde sucht den warmen Stall am Abend.


47

Siehst du, wie der Planet sich um sich selber dreht,
Und still dabei im Kreis um seine Sonne geht?

Was um die Sonn' ihn zwingt, und was um sich ihn schwingt,
Ist nicht verschieden, eins durchs andre ist bedingt.

Das ist des Mannes Muth, der auf der Liebe ruht,
Der selbst sich thut den Dienst, den er dem andern thut.

Dagegen ein Trabant ist jener Stern genant,
Der seinem Hauptstern sich zuwendet unverwandt.

Er kehrt in Dienstespflicht ihm zu sein Angesicht,
Und dreht sich so um ihn, doch um sich selber nicht.


48

Es streiten um die Welt das Wasser und das Feuer,
Welches von beiden soll führen der Schöpfung Steuer.

So schlicht' ich ihren Streit: der Schöpfer der Natur
Ist Wasser, Feuer sei der Schöpfer der Kultur.


49

Die Berge werden stets vom Regen abgespült,
Doch tiefer auch vom Fluß das Bette stets gewühlt.

So bleibt im Ganzen das Verhältnis wie zuvor;
An Tiefe wird ersezt, was sich an Höh verlor.


50

Von Strömen täglich trägt und stündlich welch ein Heer
Dem Meer süß Wasser zu, doch bitter bleibt das Meer.

So täglich, stündlich bringt von Weisheit auch genug
Zur Welt der Weisen Zunft, doch wird die Welt nicht klug.

Doch ließen dieses sich die Weisen wol verdrießen,
Da unverdrossen stets ins Meer die Ströme fließen?

Da nie in ihrem Lauf die Ströme sich verbittern,
Wie sollten Weise sich im ihrigen erbittern?

Die Ströme süßen nie das Meer, doch ziehen sie
Aus ihm ihr Süßes selbst, und wissen selbst nicht wie,

Ob unterirdisch aufgedampft und ausgebraut,
Ob überirdisch abgeklärt und angethaut;

Des Meeres bittre Flut wird süße Quelle wieder,
Und billig strömt der Quell darum zum Meere nieder.

51

Die Erd' in ihrem Bau ist gar nicht eingerichtet
Ein Paradis zu seyn, wie Fantasie es dichtet,

Ganz ungeeignet, von Unsterblichen bewohnt
Zu seyn, da überall auf ihr Zerstörung thront,

Ihr ew'ges Leben nur auf ewiger Zerstörung,
Ihr ew'ger Friede ruht auf ewiger Empörung;

Darum unsterblich kann nur das Geschlecht allein
Von Anbeginn, wie es noch ist, gewesen seyn,

Kein Einzelner, der, selbst unsterblich, das Verderben
Nicht hätte können sehn ringsum, ohn' auch zu sterben,

Nicht hätte können sehn die Pflanzen jährlich blühn
Und welken, ohne mit in Sehnsucht zu verglühn,

Nicht zittern sehn die Erd' und ihre Berge splittern,
Ohn' uranfänglichem Granit gleich zu verwittern.


52

Die Göttin, die, verhüllt, ums Antlitz Schleier trägt,
Die Braut, nach welcher Lust der freche Freier trägt,

Mit Andacht nahen mußt du der geheimnisreichen,
Wenn sie den Schlüssel dir soll zum Geheimnis reichen.

Belausche, die im Traum ununterbrochen spricht,
Doch unterbrich sie mit Dazwischensprechen nicht.

Behorchen magst du sie, nicht peinlich sie verhören;
Gehorchen wird sie nie, nur günstig dich erhören;

Erhören günstig den, der brünstig sie ersucht,
Den aber äffen, der zudringlich sie versucht,

Den, der mit Gaukelwerk und Taschenspiel beschwören
Sie will, mit Gaukelwerk und Taschenspiel bethören.


53

Was ist unwandelbar in der Verwandlung Reich?
Das Ew'ge selber bleibt sich selbst nicht ewig gleich.

Der Länder Grenzen rückt nicht Völkerwechsel nur,
Es rückt durch Ström' und Meer sie selber die Natur.

Und jene Bahnen auch, die unveränderlichen,
Wovon die Wandelstern' im Wandel nie abwichen;

Daß sie von Zeit zu Zeit ein wenig doch ausbeugen,
Muß jede Sternkart' uns, die nicht mehr paßt, bezeugen.


54

Ist dir es nicht verliehn, lebendig anzuschaun
Die Welt, als einen Leib mit Geist sie aufzubaun,

So zimmre lieber sie aus stoßenden Atomen
Und trägen Kräften, als aus dunstigen Fantomen.

Was für ein Hirngespinst du auch in ihr erkennst,
Wenn du in ihr nur siehst kein grinsendes Gespenst,

Wie solch ein kranker Geist, der seine Todeswunden
Gern fühlet überall, macht aus der kerngesunden.


55

Was glänzt, daß du es siehst, ist gleichsam im Verbrennen;
Die Farben werden sich davon wie Funken trennen.

Was schallt, daß du es hörst, ist nah dran zu zerspringen;
Nur durch Erschütterung vermag's dich anzuklingen.

Was duftet, daß du's riechst, und was du schmeckest gar,
In diesem nimmst du leicht der Theil' Auflösung wahr.

Und das was dich berührt, daß es dein Finger spürt,
Ist seinem Untergang entgegen so geführt,

Wenn alles auch so leicht nicht der Zerstörung Staub
Wird durch Berührung, wie des Silfen Flügelstaub.

Dem Sinne kann die Welt nicht anders kund sich geben
Als nur im Übergang zum Tode von dem Leben.

56

Laß dir in der Natur am Was, Wozu und Wie
Genügen! das Warum begreifest du doch nie.

Was wirkt, und wie es wirkt, wozu du brauchen kannst
Die Wirkung, ohne daß du ihren Grund erkannst.

Führt sicher übers Meer zum Ziel doch der Magnet
Den, der nicht fragt warum, nur sieht wie er sich dreht.


57

Wie mittheilt ein Magnet die eigne Eigenschaft
Dem Eisen, ohne daß er selbst verliert an Kraft,

Weil, was er mittheilt, nicht ist seiner Kraft Bewegung,
Vielmehr die Richtung nur und gleicher Kraft Anregung;

Nicht, wie ein Feuchtes, wenn man drein ein Trocknes taucht,
Ein Theilchen Feuchte fühlt vom Trocknen aufgebraucht,

Und Warmes kälter wird, das Kaltes machet wärmer;
So wird ein Reicher, der dem Armen reicht, wol ärmer,

Doch ärmer werden soll kein Geist, wenn angehaucht
Von ihm ein andrer auch nun brennet oder raucht:

Klagst du, daß etwas durch Mittheilung dir entgeht,
O schäme dich, du bist ein Schwamm, und kein Magnet.


58

Du siehst ein Andres als du hörest, und du schmeckest
Und riechst ein Andres als du durchs Gefühl entdeckest,

Am Ding, von welchem du verschiedne Kund' einziehst,
Wie du es fühlest, riechst, schmeckst, hörest oder siehst.

Auch ist kein Zweifel, daß, sobald ein Sinn dir fehlt,
Gleich eine Seite sich vom Dinge dir verhehlt;

Die wichtigste villeicht, wenn grade dir entweicht
Der Sinn, durch den das Ding vorzüglich dich erreicht;

Wie ja ein Blinder mit all seinen andern Sinnen
Den Farben eines Bilds kann wenig abgewinnen.

Drum, wenn dir zu Gebot mehr als fünf Sinne stünden,
So würdest du auch mehr als jetzt vom Ding ergründen;

Wie schon der edelste, den jetzt du hast, verstärkt
Durch Kunst, dein Auge, mehr als von Natur bemerkt.

Und gieng dir nicht villeicht ein sechster Sinn verloren,
Ein siebenter, villeicht auch wird er einst geboren?

Weil mit den fünfen doch, die dir inzwischen dienen,
Du unzufrieden bist und kommst nicht aus mit ihnen,

Weil mit den fünfen du so wenig kanst bezwingen
Das Ding, das du sosehr begehrest zu durchdringen.

Unnütze Träumerei! Gebrauche fein mit Fug
Die fünfe, die du hast, du hast daran genug.

Wo sollt' ein sechster Sinn herkommen oder hin?
Wär' es ein niedrerer, so wär' es kein Gewinn;

Dir könnt' ein höherer nur als dein höchster frommen,
Doch über'm Auge hat den Platz der Geist genommen.

Wenn du es recht bedenkst, laß ihm nur seinen Platz!
In ihm gefunden hast du den vermissten Schatz.


59

Nie der Erscheinung siehst du völlig auf den Grund,
Die Dinge thun sich nur durch ihre Wirkung kund.

Erklären magst du sie dir, wie du willst, mein Kind,
Die Hauptsach' aber ist: sie brauchen, wie sie sind.

Du siehst: damit dis Naß vom Heber fließe, muß
Länger sein äußrer seyn, kürzer sein innrer Fuß.

Dann gnügt ein Mundeshauch, so steigts von selbst im Rohr
Im kürzeren, und fließt im längeren hervor.

Warum? ob du's begreifst, das ist nicht von Gewicht;
Doch nimmst du ihn verkehrt, so fließt der Heber nicht.

Die Dinge der Natur stehn unter Zauberbann,
Und der beherrscht sie, wer das Wort aussprechen kann.

Es auszusprechen gnügt, ob oder nicht verstanden;
Und ganz es zu verstehn, ist noch nicht Zeit vorhanden.


60

Dem edleren Metall ist vom unedlern immer
Ein wenig beigemischt, das schwächt nicht dessen Schimmer,

Verfälscht nicht dessen Guß; nur daß es viel nicht sei,
Sonst wird zu Kupfer Gold und aus dem Silber Blei.

61

Ein Zentner Silber, wenn darein von Gold ein Gran
Geschmolzen worden, nimmt nur wenig Goldglanz an;

Doch hättest du damit das Silber überzogen,
Es hätte mit dem Schein von Gold die Welt betrogen.


62

Der Maulwurf ist nicht blind, gegeben hat ihm nur
Ein kleines Auge, wie ers brauchet, die Natur,

Mit welchem er wird sehn soviel als er bedarf,
Im unterirdischen Palast, den er entwarf,

Und Staub ins Auge wird ihm desto minder fallen,
Wenn wühlend er empor wirft die gewölbten Hallen.

Den Regenwurm, den er mit andern Sinnen sucht,
Braucht er nicht zu erspähn, nicht schnell ist dessen Flucht.

Und wird in warmer Nacht er aus dem Boden steigen,
Auch seinem kleinen Stern wird sich der Himmel zeigen;

Und ohne daß ers weiß, nimmt er mit sich hinnieder
Auch einen Stral, und wühlt vergnügt im Dunkeln wieder.


63

Den Maulwurf nennst du blind, weil er, wenn du ans Licht
Ihn ziehst, geblendet scheint, blind aber ist er nicht.

Vielmehr es ist so fein sein Auge, daß es fühlet
Das Licht im dunkeln Grund, wo er die Gänge wühlet.

Drum, grabend, gräbt er stets, die Sonn' im Rücken habend,
Am Morgen gegen West, und gegen Ost am Abend;

Der Sonne, die er doch nicht siehet, abgewendet,
Damit nicht in der Nacht ihr scharfer Glanz ihn blendet.

Mein Sohn, oft ist von Unempfindlichkeit der Schein
Nur eine äußerste Empfindlichkeit allein.


64

Ist dir bekannt, warum in der Gefangenschaft
Der Elefant verliert die Stammfortpflanzungskraft?

Weil er, der lustentbrannt im freien Wald gegangen,
Von zahmer Weibchen List bethört ward und gefangen;

Die schmeichelnd lockten ihn und in die Mitte nahmen,
Bis sie ins Fangbereich der Menschen mit ihm kamen.

Aus Scham nun, daß er sich von ihnen ließ verführen,
Lass' er, so sagt man, nie mehr sich von ihnen rühren.

Doch andre sagen, nicht daß er den Weibchen grolle,
Nur daß er kein Geschlecht von Knechten zeugen wolle.

Noch andre, daß er sei zu schamhaft, weil ihm fehlen
Die dunklen Wälder, um sein Minnespiel zu hehlen.

Und wieder andre, weil mit seinem Kriegerstande
Es unverträglich sei, zu knüpfen zarte Bande.

Darum auch dieses Heer, das stehnde, bald ausstürbe,
Wenn nicht List und Gewalt stets neue Mannschaft würbe.


65

Sieh diese Muschel, Kind, gewunden, glänzendroth,
Und sag' ob Menschenkunst je baute solch ein Boot!

Als noch der Steuermann darin, der Nautil, lebte;
Wie sicher und gewandt durchs Meer der Nachen schwebte!

Schiffkuttel hieß er auch, und nie hat Schiff und Kutter
Es ihm wol gleich gethan, wenn er schwamm aus auf Futter.

Man sagt, es hat von ihm der Mensch gelernt das Schiffen,
Doch hat er von der Kunst nur einen Theil begriffen,

Und braucht dazu viel mehr Gezeug, Geräth, Gerüst,
Als unser Nautil, der sich selber Alles ist.

Wenn eben war die Flut, und es ihm dünkte gut
Zu schiffen, rüstet' er sein Schifflein wohlgemut.

Von seinen Ärmen, den in großer Zahl verliehnen,
Streckt' er ein Paar empor, zu Masten ihm zu dienen.

Und zwischen ihnen dehnt' er aus nach rechter Regel
Ein Häutchen zart und fein, das schwoll im Wind als Segel.

Als Steuer ist ins Meer ein andres Glied getaucht,
Und Ruder rechts und links, soviel er immer braucht.

Gliedmaßen blieben ihm frei immer noch genug,
Zu haschen einen Raub auch im Vorüberflug.

Wann aber naht ein Feind, wann droht ein Ungewitter,
Wovor ein Menschenschiff verzagt und geht in Splitter;

Dann zeigt weit ihre Macht ob aller Kunst Natur:
Sich selbst und sein Geräth zieht ein der Kuttel nur.

Meerwasser nimmt er ein, nicht fürchtend zu ertrinken;
Statt Untergang dient ihm zur Rettung das Versinken.

Zum ewig stillen Grund versinkt er ohne Grausen,
Und wartet bis sich legt der Oberfläche Brausen.

Dann taucht er wieder auf im umgestülpten Nachen,
Der Taucherglocke gleich, um nun die Fahrt zu machen.

So, lang gesegelt und gesteuert ist sein Schiff,
Und seine Ribben wund gerieben hat kein Riff.
Und als der Tod gebot dem Bootsmann doch sein Boot
Zu räumen, blieb der Raum der leere glänzend roth.

So ist es dir, mein Kind, zum Spiel ans Land geschwommen,
Und seine Farben sind nach Jahren unverglommen.

66

Der Aberglaube sagt: Wirst du beim Wandern spüren,
Daß dich ein irrer Geist bei Nacht will irre führen;

So halte dich nur mit dem rechten Fuß im Gleise
Des Fahrwegs fein, und ungeirrt geht deine Reise.

Denn auf dem Gehweg nur, nicht auf dem Fahrweg kann
Es Schaden thun, und hat Macht übern Wandersmann.

In Zweifelsfällen ists und bei Bedenklichkeiten
Im Heerweg besser als auf eignen Pfaden schreiten.


67

Sonst ward dem Zauberer in abergläubischen Tagen
Ein Vorderzahn des Munds ein obrer eingeschlagen,

Der Schlange gleichsam so der Giftzahn ausgebrochen,
Daß kraftlos sei das Wort, undeutlich ausgesprochen.

Doch schlügst du Zahn und Zahn dem Ohrenbläser ein,
Sein Ohrenblasen wird nicht minder giftig seyn.


68

Ein Wandersmann, der aus der weiten Wüste kam,
Wo er nicht Menschenwort noch Menschenblick vernahm,

Tritt in ein Felsenthal, von Bäumen kühl beschattet,
Wo eine Quelle rauscht, da setzt er sich ermattet.

Nun schaut er in den Quell, und sieht sich selb darinn,
Und weiß nicht daß ers ist, und schwankt in seinem Sinn.

Er schwankt, alswie er sieht sein Bild im Quelle schwanken,
Und sinkt, wie in die Flut, in wogende Gedanken.

Dann ruft er staunend aus: Wer bist du? und mit Staunen
Hört er der Felsen Mund Wer bist du? gegenraunen.

Durch Gegenfrage wird die Frage nicht beschwichtet,
Doch hat die Einsamkeit nichts andres ihm berichtet.

Sich selb nur sieht der Mensch im Spiegel der Natur,
Und was er sie befragt, das widerholt sie nur.


69

Auf jener Wiese, wo statt Blumen Sterne stehn,
Wird auch ein Frühlingswind, der Rosen wecket, wehn,

Und Knospen werden dort auch über Nacht aufgehn.

Mit bloßen Augen siehst du nicht in jener Ferne,
Doch mit bewaffneten, o Sohn, die Nebelsterne,

Von außen dämmernd noch, doch stralend schon im Kerne.

Das sind die Knospen, die noch nicht sind aufgegangen,
Die aufgegangen einst als Rosen werden prangen.

Wann? frage nicht. Ein Tag schmückt hier den Rosenhag,
Doch hunderttausend Jahr sind dort ein Frühlingstag.


70

Im Anfang war das Licht, ein goldner Ätherduft,
Der wollte anders seyn, und ward sein Andres, Luft.

Die Lüfte strebten sich mit Sehnsucht auszudehnen,
Und nieder flossen sie in Wasser wie in Thränen.

Das Wasser gohr vor Lust und zeugete den Schaum,
Da ward verdichtet Schlamm, und trug dann Gras und Baum.

Die Schlammerd' aber schloß sich fest in sich hinein,
Und ward im Innersten verhärtet Erz und Stein.

Der Stein erregte sich, und schlug hervor das Feuer,
Das ward im Tiefen bald ein Herrscher ungeheuer.

Erst glaubt' es ewig sich, am Ende fiel ihm bei,
Daß es von Anfang nur das Licht gewesen sei.

Und es beschloß die Welt von unten auf zu treiben,
Wie Licht von oben her; so wird die Schöpfung bleiben.

71

Nicht erst vom Werkzeug wird Naturtrieb angehaucht,
Naturtrieb bringt hervor das Werkzeug das er braucht.

Das Vögelchen im Nest will schon Gefieder regen,
Das nicht gewachsen ist, und muß sich wieder legen.

Mit ungewachsnem Horn siehst du das Böckchen stoßen,
Und mit noch glatter Stirn vergebens sich erboßen.

Das Böckchen fühlt sein Horn, das Vögelchen die Schwingen
Zum Voraus, und ihr Trieb sucht sie hervor zu bringen.

So siehst du auch das Kind mit weicher Zunge lallen,
Eh noch das Werkzeug läßt vollkommne Tön' erschallen,

Und siehst es zum Versuch mit seinen Händchen langen,
Noch eh sie ganz geschickt es wissen anzufangen.

Der Geist gebraucht nicht, weil sie brauchbar ist, die Hand,
Die erst die Brauchbarkeit, weil er sie brauchte, fand.

Er richtet nicht im schon gebauten Haus sich ein,
Von innen baut er es, und zieht nicht erst hinein;

Wie nicht die Schnecke kriecht ins leere Schneckenhaus;
Sie wölbt es um sich her und streckt den Kopf heraus.


72

Aus Äußerm fühlst du dich und Innerem zusammen
Gesetzt, o Mensch, die von verschiednen Enden stammen.

Doch deine Aufgab' ist, die beiden auszugleichen,
Und weder hier vom Pfad noch dorthin auszuweichen.

Zu äußern Inneres und Äußres zu verinnern,
Das ist der Dinge Recht, der äußern und der innern.

Zu äußern Inneres und Äußres zu verinnern,
Ist Geistes Äußerung und geistiges Erinnern.

Sich äußern soll der Geist, nicht aber sich veräußern;
Die innern Regungen sind nicht ein Spiel der äußern.

Dein Innres überwiegt dem Äußern, das sagt sinnig
Die Sprache schon, die bei dem Innern gab ein Innig.

Drum hüte dich, mein Sohn, je außer dich zu kommen;
Und ists geschehn, so wird in dich zu gehn dir frommen.

Aus ihrem Innern durch Naturtrieb nimmt die Flucht
Die Pflanze, bis sie sich erinnert in der Frucht.

Doch ganz ist äußerlich geworden Stein und Erz,
Kann nicht mehr in sich gehn, wie ein verhärtet Herz.

Darum muß äußerlich der Stein sich lassen wälzen
Von Fluten, und das Erz von Feuergluten schmelzen.

Doch wem die äußern gleich sind und die innern Enden,
Der ist ein Handschuh, nach Belieben umzuwenden,

Und höchstens ein Polyp, den es nicht im Behagen
Stört, wenn sein Magen wird zur Haut, die Haut zum Magen.


73

Betrachtest du die Welt als einzig da für dich,
Bist du ein Thier, das Thier thut ebendis für sich.

Nur wenn du selbst die Welt für sich wirst anerkennen,
Dich selbst auch für die Welt, bist du ein Mensch zu nennen.


74

Die Mistel, wenn sie kocht für dich den Vogelleim,
Mein Sohn, sorgt nur damit für ihren Samenkeim.

Sie kann im Boden nicht gleich andern Pflanzen wurzeln,
Nur Nahrung saugen aus Baumästen oder Sturzeln.

Und nimmer würde sie Nachkommenschaft erzielen,
Wenn ihre Samen hoch vom Baum zur Erde fielen.

Dis zu verhindern ist die Klebrigkeit bestimmt
Dem Körnchen, das in halbdurchsichtiger Beere schwimmt.

Das Körnchen kommt im Fall hier oder dort zu kleben
An einen Zweig, und wird nicht lang unschlüssig schweben.

Da wo es anklebt, wird's geschwind ein Würzlein schlagen,
Dann treiben einen Sproß, und wieder Beeren tragen.

Viel anders aber treibt es untenher und oben
Als andre Pflanzen, die sich frei vom Boden hoben.

Denn senkrecht senken sie die Wurzel all nach unten,
Und gradauf oben steigt ihr grünes Blatt zum bunten.

Die Mistel aber muß sich fremdem Stamm bequemen,
Wie er gewachsen ist, danach ihr Wachsthum nehmen.

Ob oben, unten, ob sie hüben sitzt ob drüben
Am Stamm, danach muß sie verschiedne Künste üben.

Bald abwerts, bald hinauf, bald mehr und minder schief
Weiß sie die Wurzel einzuschieben stark und tief,

In jeder Richtung dann den Stengel zu entfalten,
Und auch kopfuntersich die Schwebe wol zu halten.


75

Welch eine Pflanze trägt im Frühling ihren Samen,
Da ihre Blüten erst hervor im Herbste kamen?

Die Zeitlos' ist hierin der Blumen Widerspiel,
Daß sie am Anfang ist, wo jene sind am Ziel;

Daß sie am Ziel ist, wo am Anfang jene stehn;
Drum hat sie die Natur zum Sinnbild ausersehn,

Das aus dem Herbste, wo der Sturm das Feld erbeutet,
Den kahlen Winter durch, zum Lenz hinüber deutet.

Da sie im Sommer nicht zu reifen Zeit gewann,
Und nur die Blütenspitz' im Herbste zeigen kann;

Jenseit des Frostes tritt, geweckt von Frühlingsluft,
Die Samenkapsel samt den Blättern aus der Gruft.

Zeitlose heißt sie, weil sie vom Gesetz der Zeit
Ist gleichsam losgesagt, der Ewigkeit geweiht.

76

Sieh, wie der Dotter so im Weiß des Eies schwimmt,
Daß, wie du's drehst, er stets die obre Stell' einnimmt.

Er liegt im weißen Meer geschaukelt an zwei schwanker
Doch starker Bänder Kraft, alswie ein Schiff vor Anker.

Ein Schiff, das ganz und gar aus Proviant besteht,
Für ein Lebendiges, das aus dem Keim entsteht.

Der Keim, auf welcher Seit' im Nest das Ei auch liegt,
Bleibt immer nächst der Brust, die ihn durchwärmt, geschmiegt.

Er ist nicht tief ins Ei versenkt, um zu ersticken;
Der mürben Schale nah, darf nur das Hünlein picken.

Und hört die Mutter drin sein Picken zart und schwach,
So hilft sie außen mit dem Schnabel leise nach.

Wir liegen an der Brust der Liebe noch im Ei,
Und werden, wenn sie hilft, von mürben Schalen frei.


77

Es scheint alsob Natur bei jedes Thieres Bilden
Zur Hauptsach' es gemacht allein vor allen Gilden,

Die Absicht nur gehabt, es völlig auszurüsten,
Alsob nicht neben ihm bestehn mehr andre müsten.

Alswie ein Bildner wol in jedes seiner Werke,
Nicht denkend anderer, legt seine ganze Stärke.

Sie stellt dem Krokodil die Zähne so im Rachen,
Als wollte sie zur Beut' ihm alles Leben machen.

Die ehrnen Zacken stehn wie festgefugte Mauern,
Doch hinter jedem muß ein neuer Zahnkeim lauern.

Und wie der erste bricht, so dringt der andre vor,
Der schärfer ist als er, und schließt die Lück' im Thor.

Und unter diesem lauscht ein andrer noch verborgen,
Ein andrer unter dem, kein Mangel zu besorgen.

Und so nach seiner Art der Tiger und der Hai,
Und ebenso bedacht viel andre mancherlei.

Bei jedem übet sie gleich unumschränkten Brauch,
Daß alle Schöpfung sei nur Futter seinem Bauch.

Und hält sie dadurch nicht allein das Gleichgewicht,
Daß jede Spitze sich an einer andern bricht?

Sie schuf die einzelnen, als diene alles ihnen,
Da sie einander all', und all dem Ganzen dienen.


78

Du magst, soviel dir nur beliebt von Blumen, pflücken,
Um dich, und wen und was du willst, damit zu schmücken.

Dazu sind Blumen da, von dir gepflückt zu seyn,
Sie laden selber dich dazu mit Nicken ein.

Wozu der Frühling auch sei auf der Welt erschienen,
Für dich ist er nun da, zum Kranze dir zu dienen.

Nur eines unterlass' ich nicht dir einzuschärfen,
Daß du nichts pflücken sollst, nur um es wegzuwerfen.

Bedenk: der schöne Strauß des Frühlings blüht für dich;
Doch wenn du ihn nicht brauchst, so laß ihn blühn für sich.


79

Der Gärtnerbursche will zu seines Herrn Ergetzen
Die Pflanz' aus schlechtem Grund in bessern Boden setzen.

Da zieht er sie heraus ganz mit dem Wurzelknollen,
Und schüttelt, daß herab die Erdentheilchen rollen.

Denn in den guten Grund, worein sie nun soll kommen,
Soll aus dem schlechten nichts herüber seyn genommen.

Der Gärtner siehts und spricht: Sei nur zu strenge nicht;
Laß hängen, was zu fest der Wurzel sich verflicht.

Der gute Boden wird das schlechte schon verzehren,
Du aber würdest ihr die Wurzel nur versehren.


80

Die Menschen wollen doch von Werken der Natur,
Was ihnen Nutzen bringt, am meisten rühmen nur;

Entweder was sie selbst zu füttern dient, zu kleiden,
Doch oder wenigstens ihr zahmes Vieh zu weiden.

Schrieb' auch ein Vogel nun einmal Naturgeschichte;
Wie, meint ihr, lauteten vom Menschen die Berichte?

Daß unter allem, was zu Vogelschirm und Schutze
Geschaffen Gott, der Mensch sei vom geringsten Nutze;

Ja recht zum Ungemach, Verderben und Entsetzen,
Mit Ränken tausendfach, Nachstellungen und Netzen.

Und nichts sei gut an ihm, als daß mit seltnem Triebe
Er Bäume pflanze, zwar dem Vogel nicht zu Liebe,

Von denen doch alsdann ein Vogel dann und wann,
Wenn ihn der Mensch nicht scheucht, die Früchte picken kann.

81

Ein treuer Kampfgenoß dem Menschen ist das Roß,
Scheut keines Schwertes Blitz und fürchtet kein Geschoß.

So ist ihm ohne Fehl ein Diener das Kamel,
Gehorsam beugt es sich und hebt sich dem Befehl.

Roß aber und Kamel sind unter sich in Feindschaft,
Im Dienst des Menschen nur gekommen in Gemeinschaft.

So ist auch von Natur entzweiet Hund und Katze,
Vertragen müßen sie sich doch an Einem Platze.

Du kanst dich gleich erfreun verschiedenster Gestalten,
Lern' auseinander nur die streitenden zu halten.

Dich machte die Natur zum Herren ihrer Schätze,
Damit du glichest aus all ihre Gegensätze.


82

Die Löwin gieng auf Raub, und ließ daheim zwei Jungen,
Die hatten noch kein Blut geleckt mit ihren Zungen.

Sie hatten nur die Milch der Mutterbrust gesogen,
Und ihren Kindern war der Mutter Herz gewogen.

Sie schlang den blut'gen Raub nun mit zwiefacher Lust,
Um ihrem Paar mit Milch zu füllen jede Brust.

Doch als sie heim nun kam, war ihr zuvorgekommen
Ein kühner Jäger, der die Jungen weggenommen.

Die Löwin, wie sie sah sich ihrer Brut beraubt,
Wie hat sie mit Gebrüll den Wald durchras't, durchschnaubt!

Die Äffin auf dem Baum (sie hielt im Arm ein Kind)
Sah zu, und rief: Warum tobst du so ungelind?

Sie sprach: Wie sollt' ich nicht, wenn ihre Lust die Affen
Behalten, und ich mir die meine sah entraffen?

Die Äffin sprach: Mög' ich stets meine Freude sehn!
Dir aber ist villeicht verdientes Leid geschehn.

Sprich: wovon nährst du dich? von Früchten wol und Laube? —
„Nein! meinem Stamm und Stand gemäß, von blut'gem Raube.“ —

Und fragtest du erst, die du fraßest, ob sie Gatten,
Ob Eltern sie daheim, oder ob Kinder hatten? —

Sie sprach: Nein, Alt und Jung fraß ich ohn' Unterscheid;
Doch das that ich, wem that die Unschuld was zu Leid?

Die Äffin sprach: Zu Leid wird sie auch nie was thun;
Der Kinder Unschuld büßt die Schuld der Mutter nun.

Doch ists ein Widerspruch, unschuld'ge Löwenbrut;
Die Milch, die sie an dir getrunken, war schon Blut.


83

Der König Löwe hält im Walde Mittagsruh,
Verdrießlich gehen ihm die Augen auf und zu.

Die Sorge kann er sich nicht aus dem Sinne schlagen;
Den Unmuth minder noch verträumen als verjagen.

Da sieht er über sich im Baum ein Eichhorn hüpfen,
Behaglich durchs Gezweig und unermüdlich schlüpfen.

Er ruft hinauf: Warum trag' ich des Thierreichs Krone
Du sitzest, kleines Thier, dort auf der Freiheit Throne.

Wie kommt es, daß du hast ein Glück, das mir nicht ward?
Es rief herab: Das kommt von unsrer Lebensart.

Ihr esset Fleisch und Blut, und habet schweren Muth;
Ich esse Knosp' und Frucht, und habe leichtes Blut.

Entbehrung ist Genuß, Genuß ist eine Bürde;
Herr König, unvereint ist leichter Sinn und Würde.


84

Den Wald erfüllte laut der Löwe mit Gebrülle,
Daß mit dem blut'gen Raub er seinen Rachen fülle;

Als unterm Rasen leis' ein Ameislöwchen sprach:
Was jagt so ungestüm dem Wild der Wilde nach?

Ich sitze still im Sand, um ruhig zu verspeisen
Die durch den Trichter mir herrollenden Ameisen;

Und von dem magersten Ameischen werd' ich satt,
Wie er vom fettsten Reh, wenn ers erjaget hat.

Mag er nun größern Raub und blutigern zerreißen,
Was liegt daran, wenn wir doch beide Löwen heißen?


85

Der höchsten Liebe Bild, die Henne sieh, die brütet,
Wie mit der Flügel Schild sie ihre Brut behütet.

Sie hat der Küchlein viel, doch jedes ist gezählt,
Und ruhig ist sie nicht, wenn ihr nur eines fehlt.

Versammeln unter sich wird sie den ganzen Haufen,
Wie weit auch sich von ihr die einzelnen verlaufen.

Wie angelegen läßt sie sich es seyn, zu locken;
Kanst du, verlaufne Brut, dagegen dich verstocken?

Und lockt dich nicht herbei der Mutterliebe Schrei,
So schrecke dich von dort mit dem Gekreisch der Weih.

Kriech unter, und du bist vor dem Gekreisch geborgen,
Und für dein Futter laß der Mutter Liebe sorgen.

86

Mein Herz, sieh an den Baum in seiner Blütenpracht;
Es wird ihm gar nicht schwer, was ihn so herrlich macht.

Aus seinem Innern scheint, er braucht sich nicht zu zwingen,
Ein Strom von Lust und Licht und Liebe zu entspringen.

Mit Mühe ringt er nicht, das Einzle zu gebären;
Das Ganze lebt und wirkt, er lässet es gewähren.

Du solltest deine Pflicht, wie er die seine, thun,
Dann wärest du so licht, und bist so trübe nun.


87

Die Bienen wollen auch wie gute Nachbarsleute
Behandelt seyn, um gern mit dir zu theilen Beute.

Wenn jemand stirbt im Haus, must du's nicht nur ansagen
Den Nachbarn, sondern auch dem Bienenstocke klagen.

Begrüßen must du ihn mit einem frommen Spruch,
Und breiten drüberhin zugleich ein Trauertuch;

Damit sie merken, daß nicht ihnen Heg und Pfleg
Entzogen sei; wonicht, so fliegen sie dir weg. —

Du sprichst: Und lehrest du mich solchen Aberglauben?
Das nicht; doch will ich dir unschuldigen erlauben.


88

Man sagt: der Donner rollt, wann auf unreine Geister
Der Lüfte reiner grollt und wird im Kampf ihr Meister.

Der Blitz ist sein Geschoß, geschleudert aufs Gezüchte,
Das zitternd sucht, wohin vor seinem Grimm es flüchte.

Wohin es nehmen mag die Flucht zu Schlucht und Schluft,
In jedem Schlupf erreichts der schnelle Geist der Luft.

Drum, wenn du bist im Haus, steh nicht am Fenster offen;
Sie könnten sich herein vor ihm zu retten hoffen.

Und wenn du bist im Feld, steh auch nicht unterm Baum;
Dort bergen könnten die Verfolgten sich im Raum.

Nur, stille wo du bist, bleib, bis sie ausgekriegt;
Bald die unreinen hat der reine Geist besiegt.


89

Warum der Vogel Strauß so garviel Eier legt?
Weil er für alle so garwenig Sorge trägt.

Er legt sie, ohn' ein Nest zu machen, in den Sand,
Der brütet sie für ihn im heißen Sonnenbrand.

Fast wollen ihm es gleich die Gans und Ente thun
Am Ufer, und im Feld die Wachtel und das Huhn;

Die ihr kunstloses Bett baun zwischen Schilf und Ähren,
Und ziehn mehr Junge, dan sie könnten selbst ernähren.

Daher die junge Brut, von Schalen halb getrennt,
Schon ihrem Futter nach selbständig schwimmt und rennt.

Dagegen auf dem Baum der Fink, die Schwalb' am Haus,
Bringen mit viel mehr Müh viel wen'ger Kinder aus.

Warum? sie baun ihr Nest in kunstgerechter Enge,
Das fasset Eier nicht, noch minder Jung', in Menge.

Der Finke hats aus Moos den Zweigen eingewebt,
Die Schwalbe hats der Wand mit Mörtel angeklebt.

Der Finke muß gar lang mit Würmchen, die er nascht,
Gar lang die Schwalbe mit den Mückchen, die sie hascht,

Die Kleinen füttern, die nicht schwimmen und nicht laufen,
Und können nichts wan schrein nach Fressen und nach Saufen.

Den Eltern kostet es der kleinen Bissen viel,
Bis ihren Jungen wächst der Flaum und dann der Kiel.

Nun erst der Liebe Bild, die gattentreue Taube,
Die weiße zahm im Haus, die blaue wild im Laube,

Zieht, wie gepaart sie ist, auch nur ein Kinderpaar,
Weil ihrer Zärtlichkeit mehr ganz unmöglich war.

Denn harte Saamen, die sie hat kein andres Töpfchen
Zu kochen, weicht sie ein in ihrem eignen Kröpfchen,

Und würgt das Futter, das sie nicht für sich verschlungen,
Hervor und machet satt, selbst hungrig, ihre Jungen.

Sie übertrifft an Lieb' allein der Pelikan;
Wenn keine Wirklichkeit, so ist es doch kein Wahn,

Vielmehr ein hohes Bild, das ewig wahr wird bleiben,
Im Herzen wohnend, wenn sie's aus der Welt vertreiben:

Daß er voll Zärtlichkeit sich aufreißt seine Brust
Und tränket seine Brut mit seinem Blut voll Luft.

Die ew'ge Mutter ists, die alle tränkt und speiset,
Die dir, o Mensch, ihr Bild im Wunderspiegel weiset.

Groß ist der Unterschied vom Strauß zum Pelikan;
Die andern bleiben wo sie stehn, du ringst hinan.


90

Der Frosch im Laub versteht vom Wetter mehr als du,
Und gift'ge Kräuter kennt ehr als der Arzt die Kuh.

In allem ist das Thier dem Menschen überlegen,
Was seiner Nothdurft dient auf dunklen Lebenswegen.

Des Menschen Augen sind darum im Einzlen blind,
Weil offen sie allein dem Allgemeinen sind;

Weil, was die Thierheit spürt mit eigennütz'gem Triebe,
Die Menschheit forschet mit uneigennütz'ger Liebe.

Drum thuts ein dumpfer Sinn, verwandt mit thier'scher Zunft,
Im Irdischen zuvor der göttlichsten Vernunft,

Weil er nur seinem Zweck die Welt sucht zu bereiten,
Doch sie mit Liebe hegt Weltangelegenheiten.

91

Du hast ein Saitenspiel, ganz rein in allen Saiten
Gestimmt, die Melodie des Herzens zu begleiten.

Nur eine Sait' ist dran, die, wenn du scharf sie rührst,
Gibt einen Mißton an, den du im Herzen spürst.

Was willst du thun? du mußt, wenn du die schwachen Saiten
Nicht ganz vermeiden kanst, darüber leis' hingleiten.

Du hast ein liebes Herz, auch rein dir gleichgestimmt,
In dessen Widerklang sich deines ganz vernimmt.

Nur eine Sait' ist dran, die, wenn du scharf sie rührst,
Gibt einen Mißton an, den du im Herzen spürst.

Willst du dem Herzen wie dem Saitenspiel nicht thun?
Laß die verstimmende verstimmte Saite ruhn.


92

Wie, wer aus Finsternis auf einmal tritt ins Licht,
Geblendet ist und sieht vor lauter Sehen nicht;

Und wie hinwiederum wer aus dem vollen Stral
Des Tages plötzlich tritt in völlig dunkeln Saal:

Das Auge starrt, bis es dem Wechsel sich gewöhnt,
Und mit der innern Welt die äußre sich versöhnt;

Bis dort das Auge lernt im Glanze sich zu weiden,
Und hier die Gegenständ' im Dunkel unterscheiden:

So kann ein Menschenherz viel Glück und Unglück fassen,
Doch ists am glücklichsten in seiner Ruh gelassen;

Von Glanz geblendet nicht, noch auch von Nacht umhüllt,
Von sanftgedämpftem Licht Aug' und Gemüth erfüllt.


93

Aus einem Kreise kanst du nie ein Viereck machen,
Nicht aus Unendlichem die Endlichkeit der Sachen.

Doch wol im Kreise kanst du dir ein Viereck denken,
Im Viereck einen Kreis, und eins ins andre schrenken.

So von Unendlichem ist Endliches umfangen,
Und selbst im Endlichen Unendlichs aufgegangen.

Zum Viereck ist der Kreis erstarrt, wenn seiner Speichen
Vier stille stehn und sich die Hand durch Sennen reichen.

Das Viereck wird zum Kreis sich runden, wenn sich drehn
Die Speichen, und im Schwung die Sennen rasch vergehn.

Das starrste wandelt sich, in Schwung gesetzt, zum Rade;
Des Lebens Kreis ist rund, und Tod ist alles Grade.


94

Wie mangelhaft und falsch kann eines Menschen Wissen
Von Himmelsläufen seyn, Mondsonnenfinsternissen!

Die Sterne werden durch sein Irren irr nicht werden,
Weiß er nur selber was er hat zu thun auf Erden.

Und wenn er das nicht weiß; was hilft daß er die Bahn
Des Himmels kenne, die er doch nicht wandeln kan!


95

Wenn du erkennen willst den Ruhm in seiner Blöße,
Vergleich am Himmel ihn mit Sternen erster Größe.

Die letzter Größe, sind sie etwa minder groß?
Sie scheinen kleiner dir durch ihre Höhe bloß.

Drum lächle, rückt man dich zum letzten Range nieder;
Und rückt man dich empor zum ersten, lächle wieder!

96

Zwei Augen, die getrennt im eignen Kreise stehn,
Und doch dasselbe Ding als eins, nicht doppelt sehn,

Sie sind das schönste Bild von zweier Seelen Innung,
Die ganz zu einer macht grundeinige Gesinnung.

Den gleichen Gegenstand sehn also gleich die beiden,
Das sie als zwei ihn gar nicht können unterscheiden.

Dis völlig gleiche Sehn hat aber zur Bedingung
Des innern Sehgewebs Durchdringung und Verschlingung.

Anlag' und Stimmung ist sich so harmonisch gleich,
Daß ganz unmöglich wird Zwiespalt in ihrem Reich.

Und nie, wenn Krankheit nicht und Rausch den Frieden bricht,
Kommt Doppelsichtigkeit in ihre Weltansicht.


97

Von allen Thieren ist ein Nutzen anzugeben,
Auch außer jenem Zweck, dem höchsten, daß sie leben.

Denn wenn an einigen kein andrer Nutz erschienen,
Die werden wenigstens zur Nahrung andern dienen.

Und andere, die ganz und gar sonst schädlich wären,
Nützen indem sie sich von schädlichen ernähren.

Nun könnten sagen zwar die thörichten Vermessnen,
Entbehrlich seien samt den Fressern die Gefressnen.

Doch höchste Weisheit wollt' auch denen Leben gönnen,
Die für nur oder durch den Tod nur leben können.


98

Steh früh auf! früh auf steht die Sonn' am Sommertag,
Daher ihr klarer Blick die Welt verklären mag.

Am Wintermorgen steht sie spät auf, und verdrossen
Bleibt ihr den ganzen Tag das Haupt von Dampf umflossen.


99

Die Winde wechseln wol nach jedem Himmelstrich,
Doch Einer ist der bleibt und ist der Wind an sich:

Der Ostwind, der sogleich die heil'gen Flügel regt,
Sobald das Ungestüm der andern sich gelegt;

Der Ostwind, der allein, wenn andre aufgestört
Vom Zufall sind, dem Gang der Sonne selbst gehört;

Dem Gang des Sonnenlichts, das sich entgegenbreitet
Der Erd' in jedem Nu, wie sie gen Osten schreitet.

Wol fühlest du von ihm den Kuß an Stirn und Wange,
Wenn windstill ist die Luft, bei jedem Sonnaufgange.

Den heil'gen Frühhauch laß, eh einer von den vielen
Tagwinden sich erhebt, dich ahnungsvoll umspielen.


100

Der Bach zum Strome sprach: Du schlingst mich ein so jach;
Ich dacht' ich wär', und fühl', ich bin in dir nichts, ach!

Der Strom sprach: Laß das Wort! zum Meere gehn wir fort,
Und wie du hier in mir, in ihm vergeh' ich dort.

101

Du ruhst nicht, bis den Strom, der breit durch Länder schwillt,
Du schwach und schmal entdeckst, wie er dem Sand entquillt.

Und meinst du nun, der Strom sei diesem Quell entsprossen,
Da soviel tausend Bäch' in ihm zusammenflossen?

Du legst nur, damit klein des Großen Ursprung sei,
Den Namen eines Stroms dem winz'gen Rinsal bei.


102

Vom Abhang rollt ein Stein in jedem Nu hernieder,
Von allen aber kommt zur Höhe keiner wieder.

So müßen nach und nach die Thäler höher werden,
Die Berge niedriger und alles flach auf Erden.

Doch scheinen innerlich die Berge nachzusprießen,
Alswie die Wasser, die aus ihnen sich ergießen.

Und ewig bleibt die Welt in ihrem Gleichgewicht;
Du fühle, wer sie hält, und zittre für sie nicht!


103

Sieh an den Edelstein, wie fest in sich geschlossen,
Wie undurchdringlich, ganz aus Einem Stück gegossen!

Von fremdem Einfluß doch erwehret er sich nicht,
Den undurchdringlichen durchdringet Wärm' und Licht.

Und seine Farbe selbst, die er hat eingesogen
Mit seiner Art, ist doch von Wechsel angeflogen.

Bald blitzt er feuriger, wie er bald matter schmachtet,
Und schillert anders, wie man anders ihn betrachtet.

Ein leichtes Wölkchen, das in seiner Helle schwimmt,
Verändert selbst den Platz, daß es dich Wunder nimmt.

Nicht Wunder nehm' es dich, doch eine Lehre nim
Vom Edelstein, wenn du an Veste gleichest ihm.

Es kann kein Herz so starr sich in sich selber schließen,
Das nicht ein Mitgefühl der Welt wird doch durchfließen.

Bist du so hart wie er, sei auch wie er so rein,
Und schmücke Gottes Welt nur auch als Edelstein.


104

Sieh, wie das Räuplein auf dem schwanken Blatte geht,
Das Köpfchen her und hin nach seinem Futter dreht!

Wenn es ein Hauch berührt, wenn einen Feind es spürt,
Schnell wirfts ein Seil aus, das es immer bei sich führt.

Aus seinem Leibe spinnt es selber sich das Seil,
Wo's Noth thut, und daran hängt seines Lebens Heil.

Am Seile selbstgewebt, sieh, wie's hernieder schwebt,
Ohne zu fallen hängt, und wieder sich erhebt!

Was sein Bedürfnis heischt zur Sicherheit und Nahrung,
Hat es sein Trieb gelehrt, nicht Kunst und nicht Erfahrung.

Hätt' einen solchen Strick in jedem Augenblick
Der Tänzer auf dem Seil', nie bräch' er sein Genick.

Wol wandelt wie die Raup' auch er auf schwankem Steig,
Und in den Lüften sucht er seinen Nahrungszweig.

Doch treibt der Vorwitz ihn, das Räupchen die Natur,
Drum schwebt er in Gefahr, und es ist sicher nur.


105

Nicht von der Sprache will ich sprechen, noch vom Licht
Des Himmels, welches aus des Menschen Auge spricht;

Noch will ich sprechen von der sprechenden Geberde,
Der herrschenden, die sich weiß unterthan die Erde;

Bezeichnen will ich dir vier kleinre Menschheitszeichen,
Lächeln und Weinen nur, Erröthen und Erbleichen.

Ein flücht'ger Sonnenblick, ein Thau aus Wolken sprühend,
Ein leises Morgenroth anglimmend und verblühend.

Von Farben der Natur an Erd' und Himmelsflur
Verblieb im Angesicht des Menschen nur die Spur.

Die Farben selber sind der niedern Welt gewährt,
In seinem Angesicht sind sie zu Duft verklärt.

Der Himmel selber hat ihm aufgedrückt die Zeichen,
Lächeln und Weinen und Erröthen und Erbleichen.

Drum stehen diese vier nicht in des Menschen Macht;
Kein rechter Mensch ist, wer weint wenn er will und lacht.

Und wer nicht, weil er will, erbleicht mehr und erröthet,
Der hat die Menschlichkeit mit Meuchelkunst getödtet;

Der hat zerrissen selbst mit thörichtem Verrath
Sein adliches Diplom, ein schlechter Diplomat.

Heiß' er ein Weiser nur, beherrschend die Natur,
Sich und die Welt, er ist ein großer Affe nur;

Statt lächeln grinsen kann der Aff, statt weinen heulen,
Zeigt statt Erbleichen und Erröthen farbige Beulen.


106

Kennst du den Boten nicht, der dir allein Bericht
Von höhern Welten bringt? Der Bote heißet Licht.

Was ist vor ihm der Schall? ein ungestümer Prall,
Der höchstens niederkommt vom niedern Wolkenwall.

Was ist vor ihm der Wind? ein wetterwendisch Kind,
Das über Land und Meer fährt stürmisch oder lind.

Was ist vor ihm der Duft? ein weicher Gruß der Luft,
Der deine Sehnsucht nur ins Unbestimmte ruft.

Hat Schall, Wind oder Duft vom Höchsten dir gesprochen?
Hast du das Ewige gehört, gefühlt, gerochen?

Das Licht nur steiget dir aus höchsten Sfären nieder,
Und steigt mit deinem Blick zu höchsten Sfären wieder.

Folge nur seiner Spur! Verständest du es nur,
Und unverstanden wär dir nichts in der Natur.

Schon hat der Astronom vom Lichte dort gelernt,
Wie weit am Himmelsdom die Kuppeln stehn entfernt.

Er hat von ihm gelernt die Größen und die Bahnen,
Die Maße messen und die Eigenschaften ahnen.

Weißt du, wieviel Gestalt der Vielgestaltige trägt,
Der Mittler, wie und wo er sich ins Mittel schlägt?

Er selbst ist wol der Duft, er selbst ist wol die Luft,
Er selbst ist wol der Schall, den er ins Leben ruft.

Hier siehst du unvermerkt in Wärm' ihn sich verlieren,
In Spiel der Farben dort, die seine Säume zieren.

Der hier des Frühlings Schein, dort Kern von Holz und Stein
Wird im Magnet der Zug und Gegenzug auch seyn;

Wird schlagen hier als Puls, und dort elektrisch blitzen,
Und sich in alles zu verwandeln Kraft besitzen.

Du kanst nicht zweifeln, Geist, es sei ein großer Geist;
Die Frag' ist was zu ihm du im Verhältnis seist.


107

Die Sterne leuchten auch am Tag, nur siehst du's nicht,
Weil deine Augen ganz erfüllet Sonnenlicht.

Doch wird gesagt, daß man am hellesten Mittag
Aus tiefem Brunnengrund die Sterne sehen mag.

Wer so sich ganz vertieft, der hat sich ganz erhoben,
Ihm leuchtet höhres Licht als von der Sonne droben.

Auch sah ich selbst am Tag die Sterne treten vor,
Als durch Verfinsterung die Sonn' ihr Licht verlor.

Das ist ein plötzliches eingreifendes Geschick,
Das aufthut dem Gemüth ins Ewige den Blick.

Doch der gelinde Weg, wie man am schönsten sieht
Die Stern', ist Nachts wann sich zurück die Sonne zieht.

Sie trösten in der Nacht dein Auge, wenn es wacht,
Und wachen, wenn es schläft, bis neu die Sonne lacht.


108

Was Wärme schnell annimmt, läßt schnell sie wieder fahren;
Was sie nimmt langsam an, wird lange sie bewahren.

Das gilt vom Menschensinn alswie von Holz und Stein;
Ein leicht erwärmter Freund wird leicht erkältet seyn.

Was schiltst du ihn? Er ist ein guter Wärmeleiter;
Was er von dir empfieng, gibt er an andre weiter.


109

Licht ist auch ohne Wärm', und Wärm' auch ohne Licht,
Doch ohne Licht zugleich und Wärm' ist Feuer nicht;

(Gemaltes abgezählt) drum wird das Feuer seyn,
Was Licht und Wärm' auch sei, von beiden der Verein:

Ein Geist, in dem vermählt Verstand ist und Gefühl,
Des Innigkeit nicht dumpf, und Klarheit nicht ist kühl.


110

Die Klarheit, die man lobt am Wasser, am Kristall,
Am Edelstein ist doch ein Fehl in einem Fall:

Sie deutet, daß im Ei kein Keim des Lebens sei;
Erhalte nur dein Herz von solcher Klarheit frei.

111

Nicht alles in der Welt kanst du gesehen haben;
Annehmen mußt du viel, was dir nur Worte gaben.

Doch dem Gehörten ist Anschaulichkeit verliehn,
Wenn du es weißt auf ein Gesehnes zu beziehn.


112

Such immer was du machst, zu machen besser immer,
Doch halte drum, was du gemacht hast, nicht für schlimmer.

Der dunkeln Wurzel mag die lichte Blüt' entstammen,
Sie hat darum kein Recht die Wurzel zu verdammen.


113

Doch keine Aufgab' hat die Baumfrucht, als zu reifen;
Mit Lust wird sie dazu die Sommerglut ergreifen.

Doch wann die Todesglut sie nun in sich gesogen,
Und fallen soll vom Zweig, der sie solang gepflogen;

Mit neuer Lebenslust will sie den Zweig umfangen,
Zu spät! was reif ist, fällt, unreifes nur bleibt hangen.


114

Am Fenster täglich siehst du an dein Blumenstöckchen,
Doch scheinst du anzusehn nur die gewelkten Glöckchen,

Nicht die noch blühenden, und die erst blühen sollen,
Die an die Stelle der gewelkten treten wollen.

O Unzufriedenheit, die ihre Schätze zählt,
Zu sehn nicht was sie hat, zu sehn nur was ihr fehlt.


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