Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Zweites Bändchen, 1837. VI


1

Weil eben wir die Fahrt zu thun sind im Begriffe,
Von der du bist gekehrt mit wohlbehaltnem Schiffe;

So gib Erfahrungen von dir uns zu Geleitern,
Damit wir sicher sind, an Klippen nicht zu scheitern.

Denn schwierig ist die Fahrt, so sagt man, und gefahrvoll,
Und unternehmen soll ein Mann sie fein gewahrvoll. —

So nehmet meinen Rath! wol braucht hier Rath ein Mann;
Doch wißt, daß keinen Rath man hier gebrauchen kann.

Wen nicht das Glück beräth, wer sich nicht kann berathen,
Mit keinerlei Geräth wird ihm die Fahrt gerathen.

Die Wege sind so breit, wer schief kommt, kommt so schief;
Der Abgrund ist so weit, wer fällt, der fällt so tief.

So viele Schiffe schon gefahren diese Strassen,
Hat keines hinter sich ein Fahrgeleis gelassen.

Sie zogen eine Spur solang nur als sie fuhren,
Und wer nach ihnen fuhr, zog wieder andre Spuren;

Die, wann er ist vorbei, im Glatten wieder schwinden;
Und jedem steht es frei, stets eignen Weg zu finden.

Versehn ist dieser Weg mit keinen Meilenzeigern,
Als nur mit Sternen, die die Anzeig' oft verweigern.

Zwar mit Marksteinen ist des Weges Rand besetzt,
Doch merkt dein Rad sie nicht, bis es sich dran verletzt.

Ein hölzern Rösslein rennt auf endlos grünen Räumen,
Ihm wächst kein Hälmchen Gras, es wird nur satt von Schäumen.

An Wasser fehlt es nicht zur Rechten noch zur Linken,
Zum Trinken ist es nicht, es ist nur zum Ertrinken.

Du weißt nicht, ob der Weg wird steil seyn oder eben,
Da nach Gefallen er sich senken kann und heben.

Was hilfts, ausführlich dir das Fahrnis zu beschreiben?
Erfahr es selbst, wenn du nicht willst zu Hause bleiben.


2

Wenn einen Henkel zum Anfassen hat der Krug,
Mag bei dem Henkel ihn anfassen, wer ist klug.

Doch wenn der Henkel fehlt, so greift, wer es versteht,
Auch ohne Henkel an, und trinkt sogut es geht.

Man muß Gelegenheit, wo sie sich zeigt, benutzen,
Und vor Verlegenheit, wo sie erscheint, nicht stutzen.


3

Was ist bei diesem Spiel des Lebens zu gewinnen?
Wer's nicht verlieren will, der sollt' es nicht beginnen.

Denn zum Verlieren nur ist ein Gewinn der Lust,
Und zu gewinnen ist nichts sicher als Verlust.

Dich schmerzt, was du verlorst, dich, was du nicht gewannst,
Am meisten schmerzt dich, was du noch verlieren kannst.

Und alles hast du, wenn du hast den Muth gewonnen,
Es auszuspielen weil es einmal ist begonnen.

Du siehst, es wäre fast der Muth mir selbst abhanden
Gekommen, als einmal mir schlimm die Karten standen.

Doch hab' ich mich bedacht und dieses Lied ersonnen:
Was auch verloren sei, die Lieder sind gewonnen.


4

Des Freundes denkend, wenn ich Glückliches erstrebt,
Sprech' ich: O hättest du doch dieses miterlebt!

Dann seiner denkend, wenn mich drücket eine Last,
Sprech' ich: O glücklich, daß du's miterlebt nicht hast!

Ist zu bedauern, ist zu preisen, wer geschieden?
Daß er hingieng und du noch dabist, sei zufrieden!


5

Nicht Ruh im Leben hat, wer Schätz' hat in der Truhe;
Und wer den Schatz vergräbt, hat auch im Tod nicht Ruhe.

Solange muß er gehn als Geist um jeden Platz,
Wo er den Schatz vergrub, bis jemand hob den Schatz.

Freu dich, daß du kanst Ruh im Tod und Leben haben,
Weil du hast keinen Schatz verschlossen noch vergraben.


6

Wie herzerquickend ist erfüllter Pflicht Gefühl!
Im Froste macht es warm, und in der Hitze kühl.

Gleichwie des Wachsthums Trieb durch Knoten an dem Rohr,
So treibt aus Hemmungen des Sieges Kraft empor.

Doch immer ist ein Kampf, wo wir zu siegen haben;
O selig, wer sein Herz in Frieden hat begraben.


7

Mit Einzelliebe wer beginnet zu verschwenden
Den Schatz des Herzens, wird mit Eigenliebe enden.

Allliebe sei es die zuerst das Herz erfüllt,
Aus deren Zauberduft sich Einzellieb' enthüllt.

Die Einzelliebe blüht und welkt, der Traum sinkt nieder,
Und wie am Anfang steht am End' Allliebe wieder:

Allliebe zur Natur, zu jeder Kreatur,
Zu Gott, und in dir selbst zu jeder Gottesspur.


8

Am Ort, wo du einmal entgiengst des Tigers Krallen,
Wirst ohne Wallung du nicht leicht vorüber wallen.

So seh' ich nahn den Tag nicht ohne Herzenspochen,
An dem vor Jahren mir das Unglück eingebrochen.

Vorüber kann ich nicht ihm kommen ohne Schauern,
Es möcht' im Hinterhalt ein Unglück wieder lauern.


9

Ich denk' an euch, die ihr vom Schooß mir aufgeflogen,
Und nun herab auf mich lächelt vom Himmelsbogen.

Der holde Frühling kommt, wo alles Schöne nieder
Vom Himmel steigt, da kommt auch euer Bild mir wieder.

Nun fliegt der Schmetterling, nach welchem sonst ihr lieft;
Der Vogel singt, von dem ihr eingesungen schlieft.

Nun blühn die Blumen, die an eur Verblühn mich mahnen,
Und Lüfte wehn, die eure Näh mich lassen ahnen.

Was ihr mir waret, was ich euch gewesen bin,
Und was ihr jetzt mir seid, beschäftigt meinen Sinn.

Ihr wart an mich geknüpft durch ein natürlich Band,
Das aber hat gelöst des Todes kalte Hand.

Nur daß ihr im Gefühl der Liebe waret mein,
Verheißt mir, daß ihr auch mein werdet ewig seyn.

Um dis Gefühl und euch in ihm nie zu verlieren,
Will ich noch oft mein Lied mit euern Namen zieren.


10

Du fragst, warum so früh gescheite Kinder sterben,
Indes die dummeren ein längers Leben erben?

Die Antwort ist: weil man gescheitres Nichts kann thun
Als sterben in der Welt, die gar so dumm ist nun.

Drum danket alle Gott, die ihr nicht zu gescheut
Geworden, sondern noch der dummen Welt euch freut.


11

Wer alt geworden, mag sich an der Jugend Sprüngen
Ergötzen, doch sie nachzuthun sich nicht verjüngen.

So mag sich diese Zeit auch der Betrachtung freun
Kindlicher Sagenwelt, nicht aber sie erneun.


12

Wenn du den lauten Streit vom Pöbel stillen willst,
Ich sage dir, wie du am sichersten ihn stillst.

Erst laß die Streitenden recht an einander toben,
Bis sich zur Heiserkeit die Wuth hat ausgeschnoben.

Können sie nicht mehr schrein, dann werden sie dich hören,
Dann schlage Frieden vor, sie werden ihn beschwören.


13

An Winterabenden (mir ward der Schwank erzählt
Von einem Freunde, den die Bibel viel gequält)

Ließ lesen, weil er horcht' in feierlicher Stille,
Ein alter Herr die Schrift den Diener mit der Brille.

Die Brill' auf seiner Nas', in seiner Hand ein Stift,
So las er, bis er kam an einen Punkt der Schrift,

Der für des Herrn Verstand zu hoch war und zu kraus
„Verstehst du's, Hans?“ - Nein, Herr!-„Ich auch nicht, Hans, streich's aus!“

So ausgestrichen ward viel Unverstandenes.
Doch blieb am Ende noch genug Vorhandenes.

Wol denkt der alte Herr, daß ohne viel Beschwerden
Gemeinverständlich so die heil'ge Schrift soll werden.

Doch als von vorn ins Buch es wieder gieng aufs Jahr,
Fand heuer dunkel sich, was ferden deutlich war.

„Verstehst du's, Hans?“ - Nein, Herr!-„Ich auch nicht, Hans, streich's aus!“
Da ward im dritten Jahr ein einz'ger Strich daraus.

Was lehret uns der Strich? daß man in Schriften heilig
Nicht Unverständliches ausstreichen soll voreilig.

Das Unverständliche, laß nur mit drein es gehn,
Sonst wirst du selbst nicht das Verständliche verstehn.


14

Zu schreiben leserlich ist durchaus zu empfehlen;
Besonders laß es nicht am eignen Namen fehlen.

Es ist Anmaßung, nur den Königen zu gönnen,
Als müßte deinen Zug entziffern jeder können.


15

Wenn dir das Himmelslicht durchs Fenster ist zuwider,
So zünde Kerzen an, und laß den Vorhang nieder!

Leicht hast du dir zur Nacht den Stubentag gemacht,
Doch draußen in der Welt wird es davon nicht Nacht.


16

Zu den Makrobiern ein Abgesandter kam,
Der staunend in Betracht des Landes Wunder nahm.

Zuletzt, damit er noch erstaunen müßte stärker,
Ließen sie ihren Gast besichtigen die Kerker,

Wo die Gefangenen Goldketten trugen alle,
Weil nicht das Land erzeugt unedlere Metalle.

Doch er sah's unerstaunt, als sei es ihm geläufig,
Und lächelnd sprach er: Dis hab' ich gesehn gar häufig.

Denn wem ist unbekannt des Goldes starke Kraft,
Die jeden übermannt und alle legt in Haft?

Der Unterschied ist nur, daß goldgefangen seien
Hier die Gefangenen, bei uns daheim die Freien.


17

Ein Würfelspieler, dem schlimm jeder Würfel fiel,
Der jedes Spiel verlor, doch nie die Lust am Spiel,

Hat keine Ruh, bis er aufs Glück des Würfelfalles
Setzt alles was er hat, und hat verloren alles.

Aufs Spiel hat er zuletzt die Würfel selbst gesetzt;
Villeicht gewinnt er Ruh, wenn er verlieret jetzt.


18

Ihr sprecht: Misgünstiger! du hauest lieber ab
Am Baum den untern Ast, weil er die Frücht' uns gab.

Ich sprach: weil mit dem Ast den Stamm geschlitzt ihr hättet!
Verloren ist der Ast, allein der Stamm gerettet.


19

Wenn wir dich grüßen, fühlst du dich vom Dank beschwert,
Und grüßen wir dich nicht, so bist du ungeehrt.

So sage denn wie man es dir zu Danke macht,
Wenn dich von uns verdrießt die Unacht wie die Acht?


20

Wer sich im Spiegel, im Betragen, in der Welt,
Im Reden und im Thun und Nichtthun selbst gefällt,

Wird auch im eigenen Gedichte sich gefallen,
Und ist beglückt, misfiel' er auch den andern allen.


21

Viel schneller als der Schall ist, wie man weiß, das Licht;
Was aber schneller als das Licht sei, weiß man nicht.

Viel schneller als das Licht ist, denk ich, der Gedanke,
Der jeden Augenblick berührt des Denkens Schranke.

Doch auch die Schnelligkeit des Denkens scheint geringer
Als ein gedankenlos bewegter Schreibefinger.

Und übertroffen wird die Schnelligkeit im Schreiben
Von der des Lesens nur; wer kanns noch weiter treiben?


22

Um eine Blum' im Korn, von Knabenaug' erblickt,
Um eine Blume wird wie mancher Halm geknickt!

Dem Landmann wär' es gut, wenn unter seinem Rocken
Gar keine Blume wüchs', um Knaben anzulocken.

Dem Landmann wär' es recht, wenn unter seinem Weizen
Gar keine Blüte stünd', um Knabenlust zu reizen.

Recht wär' es ihm und gut, wenn unter seinen Saaten
Nicht wäre, weshalb sie die Knaben ihm zertraten.

Die Blumen nennet er Unkraut mit Recht, sie sind
Das allerschädlichste für seiner Pflege Kind.

Alswie am Töchterchen ein strenger Vater schalt
Die Schönheit, die bei ihm nur als Verführung galt;

Nur daß der Vater nicht wie jener auch ausraufen
Das Unkraut will noch darf, wonach die Knaben laufen.


23

Wenn einen Teller mehr hat auf den Tisch gesetzt
Die Hausfrau, als am Tisch sich finden Gäste jetzt;

So räume sie nur nicht den Teller wieder ein!
Ein hungeriger Gast wird auf dem Wege seyn.


24

Wenn dir die Lust noch nicht vergangen ist, den Herden
Der Weltberühmtheiten auch beigezählt zu werden,

Soll sie dir jetzt vergehn, wo zum berühmten Mann
Ein Mörder, frech im Tod wie Leben, werden kann,

Und eine Metze, weil sie seine Metze war,
Als eine Schönheit sich darstellt, einäugig zwar.


25

O ärgre dich nur nicht, wenn deinen Werth vergißt,
Dich ein Unwürdiger mit seinem Maße mißt.

O ärgre dich nur nicht! sonst wirst du gleich dich fast
Noch ärger ärgern, daß du dich geärgert hast.


26

Arbeite, wenn dichs treibt; und geht es nicht, so ruh;
Schmeckt auch die Ruhe nicht, Zerstreuung suche du.

Unfähig, ärmster, bist du jeglicher Erfreuung,
Wenn weder Arbeit dir noch Ruh schmeckt noch Zerstreuung.


27

Die Eigensucht ist nicht, nicht Theil an Andern nehmen;
Denn dazu muß sich doch, wer auch nicht will, bequemen.

Der Eigensüchtige nimmt Theil an Glück und Leid;
Denn dieses macht ihm Lust, und jenes macht ihm Neid.

Die Eigensucht ist nur, annehmen solchen Schein
Von Theilnahmlosigkeit, als gält' ihr alles klein.


28

Mich riß die Lieb' einmal zum Haß des Hasses hin,
Des Hasses gegen das, des Liebender ich bin.

Mich reut mein Haß, nicht weil er nicht haßwürd'ges träfe,
Doch ziemt die Nessel nicht um reine Liebesschläfe.

Laß hassen wer da will und beßres nicht vermag,
O Lieb', und liebe du jung bis zum jüngsten Tag.


29

Wer ehrenwerth sich fühlt, will auch geehrt sich sehn;
Wie jedem sieht er gern auch sich sein Recht geschehn.

Selbst unbedenklich nimmt er äußres Ehrenzeichen
Von denen an, die ihm nicht andres können reichen.

Auch ehrerbiet'ger Gruß, anständige Verbeugung,
Ist dem Geehreten willkommene Bezeugung,

Nicht seines Werthes, den er fühlt, des Werthes deren,
Die so bezeugen daß sie Ehrenwerthes ehren.


30

Wenn du dein Leben selbst in That verwandeln kannst,
Dann magst du rühmen dich, daß Freiheit du gewannst.

Gemüthsbewegungen lös' auf in dein Erkennen,
Dann thust du, leidest nicht, und darfst so frei dich nennen.


31

Der Geist ist als gesund und krank auch zu betrachten
Alswie der Leib; gesund ist über krank zu achten.

Wer nur das Gute thut, damit er Böses meide,
Ist krank, und werth daß er, um zu genesen, leide;

Dem leiblich-kranken gleich, der bittre Arzeneien
Mit Unlust nimmt, um sich vom Übel zu befreien.

Doch ein Gesunder ißt und trinkt, was ihm behagt,
Und ist gesund nicht weil er etwas sich versagt.

So der gesunde Geist thut was er will, und thut
Deswegen Böses nicht; denn was er will ist gut.


32

Du sagst: Begier ist bös', es sei nun daß sie rühre
Vom Bösen her, es sei daß sie zum Bösen führe.

Ich aber sage dir: Begier begehret nur
Ihr Gutes, und verabscheut Böses von Natur.

Vielmehr: Was sie begehrt, wird darum gut sie nennen,
Und was sie scheuet, das davon als Böses trennen.

Die Trennung bös' und gut bringst du nur in die Welt,
Indem du sagst wie sie sich zur Begier verhält.

Und hätte bös' und gut der Mensch nicht unterschieden,
Wär' er begierdelos, mit der Natur im Frieden.


33

Verrede nicht, zu thun, was du dir vorgenommen
Zu lassen! Übernacht kann es dir anders kommen.

Und auch zu lassen das verrede nicht, was du
Zu thun dir vorgesetzt; viel ändert oft ein Nu.

Schwach ist das Menschenkind, ein Rohr bewegt vom Wind;
O tadle nicht, daß du bist wie die andern sind.

Nur wo gebeut die Pflicht, und wo sie widerspricht,
Da thut und unterläßt ein Mann, und ändert nicht.

Doch vieles kann geschehn und kann auch unterbleiben,
In solchem darfst du dich von außen lassen treiben.


34

Den Menschen sollst du dich insoweit anbequemen,
Um jeden in der Art, wie er sich gibt, zu nehmen.

Nur selber jedes Art und Unart anzunehmen,
Insoweit sollst du dich den Menschen nicht bequemen.


35

Ereignisse sind nicht das Wichtigste am Leben,
Wenn, ohne dir bewußt zu werden, sie entschweben.

Was innerlich nur ward, wie klein es sei, ist wichtig;
Was äußerlich dir blieb, das Gröste selbst ist nichtig.

Drum dränge nicht zuviel hinaus dich in den Braus,
Laß aber unbemerkt vorbei nichts deinem Haus.

Zieh ein Ergebnis dir aus dem, was sich begab
Bedeutendes, und frag' ihm die Bedeutung ab.

Setz' ihm ein Denkmal, das dir zeig' in künft'gen Stunden,
Daß der geschwundenen dir keine leer geschwunden.


36

Oft mahnt ein jäher Stoß den sorgenlosen Gleiter
Auf glatter Lebensflut an Trümmerung und Scheiter.

Du dank' ihm, daß er aus Gedankenlosigkeit
Dich weckt, zu danken Gott für gnädiges Geleit;

Für gnädiges Geleit zu danken und zu flehn,
Daß weiter sanft gewiegt dein Schifflein möge gehn.


37

Die Schlange fühlte lang ein innerliches Quälen,
Daß ihre alte Haut nicht ab sich wollte schälen.

Sie wußte keinen Rath noch Mittel zu ergreifen,
Die unbequeme Hüll' auf einmal abzustreifen.

So rathlos wie sie gieng, unachtsam fiel die Schlange
In eine Schling' am Weg, gestellt zu ihrem Fange.

Geblieben wäre sie sonst in der Schlinge hangen,
Nur durch den alten Balg ist sie der Schling' entgangen.

Sie ließ den Schlauf darin, und ist hindurch geschlüpft,
Und hat die läst'ge Haut zugleich nun abgestrüpft.

So ist der innre Mensch durch den Verlust entronnen
Des äußeren, und hat dadurch sich selbst gewonnen.


38

Schön ist der Tropfen Thau am Halm, und nicht zu klein
Der großen Sonne selbst ein Spiegelglas zu seyn.

Schön ist das Bächlein dann, das kaum zu küssen wagt
Die Blum', und murmellaut zu werden halb noch zagt.

Und schön ist auch der Strom, der sich mit Kraft ergießt,
Im Spiel der Woge sich mit Rauschen selbst genießt.

Und so freu immer dich, wenn Schönes dir und Gutes
Quillt, Thau, Bach oder Strom, perl' oder riesl' und flut' es.


39

In Königshallen tritt man unbeschuhter ein,
Weil sie sind ausgelegt mit köstlichem Gestein.

O sieh, der Morgen hat mit thauigem Geschmeide
Belegt die Gottes Flur; komm und den Fuß entkleide!

Wer in des Maien Thau frühmorgens wandeln mag,
Fühlt sich von unten auf gestärkt den ganzen Tag.

Froh fühle, daß der Herr im Thau den Fuß dir wasche;
Setz' ihn auf Sündenschmutz nie noch auf Kummerasche!


40

Wir bringen unsern Preis der Morgensonne dar,
Die hell die Schöpfung macht und unsre Seele klar.

Vor ihrer Ankunft geht der Morgenwind als Bothe,
Und ihres Einzugs Fahn' erscheint im Morgenrothe.

Ein Schauer meldet sie; und nun erscheint sie gleich,
Und nimmt mit einem Blick Besitz von ihrem Reich.

Den Nebelschleier hebt sie von den Berggestalten,
Und drängt den Rest der Nacht zurück in Thälerfalten.

Sie füllt mit Glanz das Thal gleich einer Opferschale,
Und einen eignen Stral trinkt jede Blum' im Thale.

Und wie die Blum' in Lust zum Licht empor sich richtet,
So hat in Menschenbrust Bewußtseyn sich gelichtet.

Traumschattengaukelei, Nachttäuschungstruggespinnst,
Zerreißt, Licht der Natur, wo du den Sieg gewinnst.

Streck' aus die Stralenhand, das Opfer zu empfangen,
Das dir die Schöpfung bringt und Herzen voll Verlangen.

Erheb mit deinem Blick und stütze, wie die Ranken
Des Baumes, thauschwer sich aufrichtende Gedanken.

Die Wünsch' und Hoffnungen, die Vorsätz' und Entschlüsse,
Beleb', erfrische, stärk' und zieh wie Sommerschüsse.

Gib allen Knospen, daß sie sich zur Blüt' entfalten,
Und allen Blumen, daß sie sich nach dir gestalten.

Und allen Herzen gib, nach Blumenart zu wandeln,
Unwandelbar zum Licht gewandt, im Licht zu wandeln.

Das ist das Frühgebet, das wir dir tragen vor;
Trag es empor zu dir, und über dich empor!

Denn als ein Mittler gehst du durch der Schöpfung Mitte,
Zu bringen Oberen der untern Wesen Bitte.

Bring zu der Sonne sie, die dich am Faden leitet,
Daß die sie bringe der, in deren Dienst sie schreitet.

Der goldne Eimer reicht von immer höhern Sonnen
Zu immer höhern bis zum höchsten Sonnenbronnen.

Dort füllt ihr mit dem Thau den Eimer, der uns letzt;
Dorthin, mit Dank gefüllt, tragt mir den leeren jetzt!


41

Komm her und laß uns in den heil'gen Fluten baden,
Die mit dem Silberblick zur Reinigkeit uns laden.

Die Sonne breitet aus des Stralenmantels Füllen,
Um in ein schönres Kleid als ird'sches dich zu hüllen.

Ein lindes Badetuch reicht dir die Morgenluft,
Das dich mit Wohlgeruch abtrocknet und mit Duft.

Das Wasser selber wallt ein Gürtel von Kristallen,
Der dir um die Gestalt sich schmiegt mit Wohlgefallen.

Und auf dem Grunde ruht, geschmeidigt von der Flut,
Die Erde, die dir weich Sandalendienste thut.

So tauche rein dich ein in jedes Element,
Und sei von dem, der ist in jedem, ungetrennt.

Die Flut, die ewig träuft von seinen Augenlieden,
Hat er zum Labequell dem Erdendurst beschieden.

Die Thiere selbst der Flur sie kommen groß und klein
Zur Tränke, aber nur des Nachts im Mondenschein.

Sie sollen in der Nacht die kühle Labe schmecken,
Daß Mensch und Thier am Tag einander nicht erschrecken.

Und die unschuldigsten, die reinesten der Innung,
Tauchen am tiefsten ein, andächtiger Gesinnung.

Das Reh, das furchtsame, bleibt nicht am Ufer stehn,
Zu trinken, sondern läßt die Flut ans Herz sich gehn.

Und leis' entweicht es durch die Flut zum andern Rand,
Wenn drüben seinen Feind, den Tieger, treibt sein Brand.

Der kühne Tieger tritt nicht in die heil'ge Flut,
Am Rande leckend löscht er seiner Zunge Glut.

Die gift'ge Schlang' allein von allen Feldes Thieren
Geht nicht zur Tränke, um ihr Gift nicht zu verlieren.

Sie flieht die Fluten, weil sie ihr das Gift entziehn;
Sei reine Flut, so wird die Sünde selbst dich fliehn.


42

Sieh, auf dem Pfuhl wie schwimmt das zarte Lotosblatt!
So bleibt der Reine rein auch an unreiner Statt.

Es sinkt nicht in die Flut, es ist von ihr gehoben,
Die Flut netzt unten es, doch immer schwimmt es oben.

Es wandelt drüben Schlamm in Blüten himmelblau,
Und freudig fällt darauf in jeder Nacht der Thau.

O schilt mir nicht den Pfuhl, der solche Blüte nährt!
Die dunkle Mutter ist durchs lichte Kind verklärt.

Schilt nicht die Welt, sie woll' ein reines Herz verderben;
Sie will durchs reine Herz die Reinheit selbst erwerben.

Die Lotosblume blüht darum in Herzgestalt,
Daß du zufrieden seist mit deinem Aufenthalt.


43

Die Pfeile des Geschicks fliegen nach allen Seiten,
Und Menschentugend ist machtlos zum Gegenstreiten.

Nur eine Schutzwehr bleibt, sich ohne Schuld bewahren,
Um nicht zu äußerm Sturm auch innern zu erfahren.

Denn zwar nicht ganz aufwiegt Unschuld des Schicksals Last,
Doch leidest du nur halb, was du verdient nicht hast.


44

Wol manger Mann, wie groß geworden ist sein Heil,
Mag meinen, daß ihm viel zu wenig ward zu Theil;

Und wollt' er sich mit Ernst erprüfen, nicht zum Spiel,
Müst' er gestehn, daß ihm zu Theil ward viel zu viel.


45

Ich lehre dich, daß du auf keinen Lehrer bauest,
Auf eignen Füßen stehst, mit eignen Augen schauest.

Und wie du keinem traust, so traue mir auch nicht,
Und dieses sei der Lohn für meinen Unterricht.


46

Unglücklich kan ein Mensch vor lauter Glück sich fühlen;
Ein kleines Ungemach kan großen Schaden kühlen.

Ich denk' an einen Freund, der, weil bei Nacht und Schlaf
Nie eine Feuersbrunst, ein Diebstahl nie ihn traf,

Sich muste Nacht für Nacht vom Traume lassen äffen,
Jetzt endlich sollte, was ihn noch nicht traf, betreffen.

Wie glücklich hätt' ein Dieb, ein Feuer ihn gemacht!
Geruhig hätt' er dann geschlafen jede Nacht.


47

Im Anfang hofft ein Mensch mit glücklichem Erdreisten
Was unerhörtes unvergleichliches zu leisten.

Bald sieht er sich enttäuscht, von Schranken eingehemmt,
Vergebens daß er noch die Kraft entgegenstemmt.

Er fühlt es wohl, und sucht sichs aus dem Sinn zu schlagen,
Daß auf der Welt heraus nichts kommt mit seinen Plagen.

Doch zur Gewohnheit ward ihm seine Plage so,
Nur durch die Plage wird er noch des Lebens froh.


48

Beklage dich nur nicht, daß dir so viel mislang;
Sieh wie dabei auch viel Ersprießliches entsprang.

Reich ist an Körnern wie an Spreu die Ernte; scheue
Nur nicht die Müh, und lis die Körner aus der Spreue.


49

Das Restchen Leben ist wie das Zigarrenendchen,
Je näher schon am Mund, je duftiger das Brändchen.

Du möchtest mit der Lipp' es erst recht scharf nun fassen,
Allein es brennt am Mund, du mußt es fallen lassen.


50

Man reist, damit es uns zuhaus erst recht gefalle;
Und wer durchs Leben reist, der ist im gleichen Falle.

Nur daß der Reisende hier nicht die Heimath kennt,
Und nur am Heimweh fühlt, er ist von ihr getrennt.

Gereist zu seyn, wie wird dich's in der Heimat laben;
Und einst wie lieblich wird es seyn gelebt zu haben.


51

Bist du gestürzt und hat der Sturz dir nicht geschadet,
So denke: dismal hat der Himmel dir gegnadet.

Die Gnade hast du nicht verdient, verdiene sie!
Steh auf mit Zuversicht und falle nie mehr, nie!


52

Wie nicht die Bäume nur, zur Dauer auferzogen,
Die Blumen auch mich freun, auf kurze Zeit gepflogen;

So nicht nur Kinder, die, wills Gott, mich überleben,
Mich freuen jene auch, die ich dem Grab gegeben.


53

Wem ein Geliebtes stirbt, dem ist es wie ein Traum,
Die ersten Tage kommt er zu sich selber kaum.

Wie ers ertragen soll, kann er sich selbst nicht fragen;
Und wenn er sich besinnt, so hat ers schon ertragen.


54

Du hast der Freunde viel, und geizest nicht um einen;
Ich habe wenige, und nannte dich den meinen,

Und muß im Herzen noch den meinigen dich nennen,
Und darf es, wenn nicht dir, mir selber wol bekennen.

Was dich entfremden konnt', hab' ich nicht Lust zu fragen;
Doch daß es möglich war, das hab' ich zu beklagen.


55

Das beste Lebensgut ist leichter froher Sinn,
Mit ihm ist kein Verlust und ohn' ihn kein Gewinn.

Doch, ward dirs nicht so leicht, und ist dein Wesen schwerer,
So tröstet dich villeicht ein Wort von deinem Lehrer:

Die dunkle Nelke, nicht die bunte Tulp' hat Duft,
Und auch zum Himmel geht der Weg nur durch die Gruft.

O scheu nicht durch die Gruft den Weg zu deinem Himmel;
Und laß wer gehn will gehn durchs bunte Weltgewimmel.

O scheu nur durch die Gruft den Weg zum Himme nicht!
Im Herzen dunkler Duft, im Auge sanftes Licht.

Im Auge sanftes Licht, im Herzen dunkler Duft;
Du gehst, o bange nicht, zum Himmel durch die Gruft.


55

Mein Freund im fernen Gau! wie oft noch denk' ich nach
Dem Worte, das dein Mund einst unbefangen sprach:

Daß dirs unleidlich sei, im Leben wem zu nahn,
Ohn' ihm zu geben Lieb' und Liebe zu empfahn.

Sag', hast du warm bis jetzt den Anspruch fortgesetzt?
So hat die kalte Welt gewis dich oft verletzt.

Doch glücklich wenn dir ward zum Stachel dis Verletzen,
Herzhaft die Forderung des Herzens durchzusetzen.

Ja, Liebe läßt nicht ruhn den so sie recht durchdrungen,
Bis er von allem was kan lieben Lieb' errungen.


57

O klage nicht, mein Herz, daß dir zu spät nun kommen
Der Liebe Zeichen, da die Jugend dir verglommen.

Ja, wär' es Gold und Gut, und Würd' und Wohlbehagen,
So möchtest du, daß nun zu spät es komme, klagen.

Bald lassen müßtest du zurück dis Hausgeräth;
Doch was hinüber du mitnimmst, kommt nicht zu spät.


58

Mein Meister (in der Brust genannt mit Andacht sei er)
Sprach auch: Melodisch klingt die durchgespielte Leier.

Er sprach es sich zum Trost und zur Beruhigung,
Weil er so schön noch spielt' und war schon alt genung.

Auch mir erzittert, und er sprachs auch mir zum Trost,
Die Brust von anderm Schaur als von des Alters Frost.

Der Geist, der mir dis Spiel besaitet, laß es zittern
Noch froh in seinem Hauch, bis es daran wird splittern.


59

Dein Donner rollt, und spricht, wenn ichs vergessen habe,
Du seist mein Herr, und ich steh' unter deinem Stabe.

Du wägst in deiner Hand beständig mein Geschick,
Doch deutlicher fühl' ichs in diesem Augenblick.

Ich weiß nicht, was du, Herr, mit mir beschlossen habest,
Wann du rücknehmen willst das Pfand, das du mir gabest.

Bereit zur Rückgab' hier leg' ich es vor dir nieder,
Und als dein neu Geschenk nehm' ich mit Dank es wieder.

Das Leben ist mir werth, weil es ist eine Gabe,
Die von der höchsten Lieb' ich zum Andenken habe.


60

Wie leicht mag Flur und Land dem Jünglingsblick gefallen,
Mit Liebe Hand in Hand träumt er darin zu wallen.

Das schönste Landschaftsbild reizt Greisenaugen kaum,
Sie suchen im Gefild nicht mehr der Liebe Traum.


61

Der über Ungemach du so dich darfst beklagen,
Mußt höhrer Würdigkeit Gefühl als ich wol tragen.

Weit über mein Verdienst ist mir noch Heil beschieden,
Und schämen müßt' ich mich, wollt' ich nicht seyn zufrieden.


62

Mein Herz ist lauter Dank, indem ich rückwerts blicke,
Aus welcher Trübe sich gehellet mein Geschicke,

Wie dumpfem Ringen sich entrang der lichte Schwung;
Jung war ich kummeralt, und alte freudenjung.


63

Ich schmelz' in Dankbarkeit und Rührung, wenn ich denke,
Daß ich durch deine Kraft nach deinen Zielen lenke

Die Schritte, die solang, so oft, so tief, so schwer
Gestrauchelt, und hinfort, hoff' ich, nicht straucheln mehr.

Daß ich nicht weiter kam durch meine Schuld, o Scham!
O Glück, daß ich so weit durch deine Gnade kam.


64

Was du nie müde wirst zu fühlen, wirst du nie
Zu sagen müde, doch zu hören werden sie,

Die ausgenommen die wie du desgleichen fühlen,
Nicht die aus Langerweil' in Neuigkeiten wühlen.

Was dir am Herzen liegt, das sagst du nie genug,
Und unermüdlich ist der Bauer hinterm Pflug.

So unermüdlich bin ich meinen Pflug zu treiben,
Und euch mein bestes Korn ins Herz zu sän durch Schreiben.


65

Wenn etwas Schönes für mich selbst und für die Welt
In mir geworden ist den Kämpfen zum Vergelt,

Die ich gekämpft, so will ich gern gekämpft sie haben,
Und mögen sich mit mir am Schönen viele laben!

Doch manchmal denk' ich, ob nicht sei erkauft zu theuer
Ein Bischen lautres Gold für soviel Läutrungsfeuer.


66

In diesen Zeiten darfst du Achtung keiner Arten
Von keinem, wie er tief steh' unter dir, erwarten,

Wenn du nicht äußerlich Macht über ihn gewannst,
Und ihm unmittelbar empfindlich schaden kannst.

Kein Ansehn der Person, wie vorlängst keins bei Gotte
Gegolten, gilt nunmehr auch keins bei dieser Rotte.

Nothwendig ist auch das, soll freies Volk erstehn,
Doch mußt du freiem Volk hübsch aus dem Wege gehn.


67

Soweit hab' ichs gebracht mit dieser Welt Vergnügung,
Daß ich sie stelle gern zu dieser Welt Verfügung,

Und daß, wenn ich von fern seh die Vergnüganstalten,
Ich bin vergnügt darob, daß ich nicht mit muß halten.


68

O schwöre nicht, weil izt du hassest, stets zu hassen;
Erlaß den Haß dem Feind! der Schwur sei dir erlassen.

Auch schwöre nicht, wen izt du liebest, stets zu lieben;
Die Freundschaft kann vergehn, dann ist der Schwur geblieben.

Treu seyn dir selber nur und Gott und der Natur,
Auch dieses schwöre nicht, doch halt es ohne Schwur!


69

Die Dankbarkeit ergeht nicht in des Handelns Schranken,
Die Dankbarkeit besteht, das Wort sagts, im Gedanken.

Mein Denken dankt, es ist mein Dank euch zugedacht,
Wenn auch ihn weder Wort noch Werk bemerklich macht.

Undankbar wär' ich sonst in einem wicht'gen Falle;
Denn wem am meisten Dank ich schulde, todt sind alle.

Mit Worten kann ich mich bei ihnen nicht bedanken,
Doch sie begnügen sich mit dankenden Gedanken.


70

Wer einmal hier hat in geliebtem Angesicht
Des Todes Bild gesehn, vergißt es ewig nicht.

Der Schatten legt, wohin fortan dein Auge schaut,
Sich über alles was dir lieb ist oder traut.


71

Oft faßt mich, wenn ich seh ein zartes Kinderleben,


Wehmuth, wie ihm die Zeit wird Müh und Dornen weben.

Viel seltner füllet mich sein Anblick, mit Behagen
Der Frücht' und Blüten, die ihm noch die Welt wird tragen.

Ich schließe nicht daraus, daß eitel sei die Welt,
Doch daß sie mir nunmehr als eitel dar sich stellt.


72

Wie gleichest du, o Mensch, und dein Geschick den Saaten,
Von denen Niemand weiß zuvor, wie sie gerathen.

Wie manches Ungemach, Frost, Nässe, Dürre, Brand,
Gibt ihnen zu bestehn des Himmels Unbestand.

Und wenn sie glücklich nun bestanden die Beschwerden,
So ist ihr Ende, daß sie abgeschnitten werden.


73

Sieh an den Wasserfall, wo du ihm nahe stehst,
Und sieh ihn wieder an, wenn du ihm ferne gehst!

Er ist dir bald im Aug' und ist dir bald im Ohr,
Ist in und außer dir, tönt nach und schwebt dir vor.

Er füllt dir jeden Sinn, und spricht zu allen Sinnen;
Versuch es und entrinn, ihm ist nicht zu entrinnen.

Er rauscht und rauscht und rauscht, die Gegend hört ihn rauschen,
Und lauscht und lauscht und lauscht, und wird nicht satt zu lauschen.

Er wühlt und wühlt und wühlt, der Boden fühlt ihn wühlen,
Und fühlt und fühlt und fühlt, und reicht nicht aus zu fühlen.

Er schäumt und schäumt und schäumt, die Blume läßt ihn schäumen,
Und träumt und träumt und träumt, und hört nicht auf zu träumen.

Er stralt und stralt und stralt, der Maler sieht ihn stralen,
Und malt und malt und malt, und wird nicht müd zu malen.

Er haucht und haucht und haucht, feucht fühlt die Luft sein Hauchen,
Und taucht und taucht und taucht, sich satt darein zu tauchen.

Er quillt und quillt und quillt, und wird nicht matt zu quellen;
Er schwillt und schwillt und schwillt, und wird nicht satt zu schwellen.

Und wie er quoll und quoll, und wie er schwoll und schwoll,
Sein Quellen wird nie leer, sein Schwellen wird nie voll.

Kein Gleiches hat die Flur, ein Gleiches ihm hat nur
Die ewig sich aus sich gebärende Natur.


74

Sieh an die Pflanze, die empor aus dunklem Grunde
Zum Lichte treibt, von dem sie auch hat dunkle Kunde.

Mit ihrem Stengel steht sie erst in Einigkeit,
Und im Gezweige dann ist sie mit sich entzweit.

Nicht in der Einung noch Entzweiung ist gefunden
Das Licht, bis höhere Vereinung sie verbunden.

Die Knospe rundet sich, aus der die Blüt' erwacht,
In deren Farbenduft das Licht ist angefacht.

Durch soviel Stufen hat das Licht die Pflanz' erzogen,
Um auf der obersten zu ruhn als Irisbogen.

Das Leben der Natur ist eine solche Pflanze,
Die aus sich selber ringt empor zu Gottes Glanze.

Die Wurzel ist Gestein, Gewächsreich ist der Stiel,
Blätterverzweigungen Thierlebens reges Spiel.

Doch neues Leben ist von oben angezündet,
Wo der Naturtrieb sich im Menschenantlitz ründet;

Da ist des Himmels Stral im Irdischen verkündet.

Die Rose der Natur hat ihre Blütenkrone
Entfaltet, daß in ihr der Duft der Seele wohne.

Die Rose, sterbend, haucht den Duft in Himmelsluft;
So stirb, ein himmeleingesogner Blütenduft!

Die Rose, lebend, haucht Duft über Liebesgrüften;
So leb', ein himmelan entbundnes Liebesdüften!


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