Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Erstes Bändchen, 1836. II


1

Nichts bessers kann der Mensch hienieden thun, als treten
Aus sich und aus der Welt und auf zum Himmel beten.

Es sollen ein Gebet die Worte nicht allein,
Es sollen ein Gebet auch die Gedanken seyn.

Es sollen ein Gebet die Werke werden auch,
Damit das Leben rein aufgeh' in einen Hauch.


2

Gib Acht, was suchst du denn mit deiner Arbeit Streben?
Es soll Befriedigung dir deiner Wünsche geben.

Was ist dein erster Wunsch? wol Gut und Eigenthum?
Und was dein anderer? vielleicht auch Ehr' und Ruhm?

Wann aber hat ein Mensch an Gut und Ruhm genung?
In beiden also suchst du nicht Befriedigung.

So suchest du vielleicht dir selber zu genügen,
Ein Werk nach deinem Sinn und deiner Kunst zu fügen!

Wann aber thatest du dir jemals selbst genug?
Auch die Befriedigung des Wunsches ist ein Trug.

Und keine andre bleibt, als deine Lieb' und Stärke
Zu weihen treu dem dir von Gott vertrauten Werke.

Thust du soviel du kannst, so thust du ihm genug,
Und dis Gefühl allein genügt dir ohne Trug.

Dann kommen wol von selbst die Güter auch und Ehren;
Und wenn sie bleiben aus, so kannst du sie entbehren.


3

Ich war im fremden Land in Sklaverei gekommen,
Da hat ein frommer Herr sich meiner angenommen.

Ich dient' ihm treu ein Jahr, da gab er schon mich frei,
Und mir als Lohn dazu der Silberstücke zwei.

Sogleich gelobt' ich eins zur Heimreis' anzuwenden,
Das andre dankbar als Almosen auszuspenden.

Da kam ich über'n Markt, und nahm im Käfich wahr,
Vom Fänger zum Verkauf gestellt, ein Vogelpaar.

Was ist für einen der Gefangenschaft entgangnen
Verdienstlicher als frei zu kaufen die Gefangnen?

Für beide forderte der Mann zwei Silberstücke;
Doch eins behielt' ich selbst zur Reise gern zurücke.

Ich bot ihm auf die zwei ein Stück, nicht wollt' er's thun.
So kauf' ich also los von beiden einen nun?

Allein sie sind vielleicht ein Paar, sollt' ich sie scheiden?
Da blieben besser in Gefangenschaft die beiden.

Doch wollt' er für die zwei durchaus zwei Silberstücke;
Die beiden gab ich hin, und mir blieb keins zurücke.

Der diese speist und tränkt, wird tränken dich und speisen,
Er wird wie ihnen dir den Weg zur Heimat weisen.

Doch ließ' ich hier euch los in der euch fremden Stadt,
Wo gastlich euch empfängt kein Baum mit grünem Blatt?

Von neuem würden hier euch fangen bald die Bösen,
Und einer fehlte dann vielleicht um euch zu lösen.

So trug ich sie hinaus zur Stadt, hinaus vom Weg,
Ins unzugänglichste Waldeinsamkeitsgeheg.

Und ließ sie los, und wie sie froh empor sich schwangen,
Hört' ich, wie unter sich sie sprachen oder sangen:

Womit vergelten wir dem Manne, der sein Geld
Daran verwendet, uns zu bringen frei ins Feld?

Mög' ein geliebtes Weib er sein in Zukunft nennen,
Daß er ein Vogelpaar nicht grausam wollte trennen.

Wir kennen Weg und Steg, wir kennen Land und Stadt,
Und würden Boten gern, wenn er sie nöthig hat.

Doch lieber sollten wir ihm einen Führer geben,
An dessen Hand der Mensch am liebsten geht durchs Leben.

Kennst du nicht einen Platz, kennst du nicht einen Schatz,
Der könnte dienen ihm zum Reisegeld-Ersatz?

Dort unter jenem Baum dem dürren soll er graben,
Dort liegt aus alter Zeit ein Silberschrein vergraben.

Daraus nehm' er soviel um unterwegs zu zehren,
Und mehr, um seiner Braut daheim es zu verehren. —

Sie schwangen sich hinweg, und ich sah nach und dachte:
Ob ich die Schwätzerei der Losen wohl beachte?

In Lüften fliegen sie, und wollen sich geberden,
Verborgne Heimlichkeit zu wissen in der Erden.

Wie hätten einen Schatz gesehn die Müßiggänger,
Die nicht die Schlinge sahn, gelegt vom Vogelfänger?

Doch blind und sehend macht, zum Frommen und zum Schaden,
Das Schicksal, es ist groß, doch größer Gottes Gnaden.

In Gottes Namen denn am angewies'nen Platz
Fieng ich zu graben an, und fand den Silberschatz.

Ich fand für meine zwei soviele Silberstücke,
Daß ich davon nach Haus baun könnte Weg und Brücke.

Doch Weg und Brücke war gebahnt schon und gebaut;
Ich nahm nur wenig mit zum Schatz für meine Braut.


4

Thu deine Schuldigkeit, und laß dir nur nicht bangen,
Du wirst zu seiner Zeit dafür den Lohn empfangen.

Nimm dir nicht selbst den Lohn; sonst wird es dir mit Rechte
So gehn wie dort es gieng dem eigenmächt'gen Knechte,

Der brot- und arbeitslos zum Hause war gekommen
Des reichen Herrn, und ward von ihm in Dienst genommen.

„Dir geb' ich für dies Jahr Ackergeräth und Samen;
Das Landgut vor der Stadt bestell' in meinem Namen.

Und bring im Herbste nur mir den Ertrag davon,
So geb' ich dir alsdann auch den verdienten Lohn.“

Da zog der Knecht aufs Land und ackert' und bestellte,
Und sah die Ernte bald, die reicher Segen schwellte.

Und als er aus dem Halm die Körner nun gebracht;
Eh er dem Herrn sie bringt, hat er sich so bedacht:

„Wer weiß, ob mir der Herr den vollen Lohn wird geben?
Zu meiner Sicherheit behalt' ich etwas eben.

Hier am verborgnen Ort will ich ein Theil bewahren,
Bis die Gesinnung dort des Herrn ich hab' erfahren.“

Der Körner einen Theil vergräbt er in der Grube,
Und bringt den übrigen Ertrag dem Herrn der Hube.

Der Herr ist mit der Frucht des Jahres wohl zufrieden,
Und hat dem Knecht mehr als verdienten Lohn beschieden.

Der Knecht hat kaum den Muth ins Antlitz ihm zu schaun
Daß er zum guten Herrn nicht hatte mehr Vertraun.

Er geht beschämt und will gleich das Vergrabne holen,
Doch am verborgnen Ort hat es ein Dieb gestolen.

Und ganz betroffen tritt er vor den Herren wieder;
Der fragt: warum schlägst du vor mir die Augen nieder?

Er spricht: Wie dürft' ich je zu dir sie mehr erheben?
Du hast mir über den verdienten Lohn gegeben.

Ich aber habe mir mein Theil vorweg genommen;
Nun ich es bringen wollt', ist es abhanden kommen.

Der Herr sprach: besser ist's wer seine Schuld bekennt;
Doch weil du sie begiengst, sind wir hinfort getrennt.

Behalte deinen Lohn, und ich will dir nicht fluchen;
Doch mußt du nun dein Brot bei andern Thüren suchen.


5

Die Perlen nicht allein, in deines Mundes Pforte
Bewahren mußt du mehr als Perlen deine Worte.

Die gute Lehre nahm vordem ein weiser Mann
Von einem armen, der mit Schaden sie gewann.

Der Arme, der im Sand ein Dutzend Perlen fand,
Vernähte zehn davon in sein zerlumpt Gewand.

Die beiden übrigen, weil ihm die List war kund
Der Diebe, nahm er und verwahrte sie im Mund.

Die Diebe kamen ihm die Kleider durchzusehn,
Und nahmen die darin verborgnen alle zehn.
Er dachte: Fahret hin! ihr seyd des Glückes Gabe;
Mir gnügen noch die zwei, die ich im Munde habe.

Zum Glücke dacht' ers nur, denn hätt' er es gesprochen,
Sie hätten auch die zwei ihm aus dem Mund gebrochen.

Doch wenn sich dir das Glück verschworen hat zum Bösen,
So wird zur Unzeit es dir schon die Zunge lösen.

Er geht zur Stadt und will verkaufen seinen Schatz,
Und denkt, beim Juwelier ist wohl der rechte Platz.

Dem aber kamen heut zwölf Perlen grad abhanden;
Er freut sich, daß sobald die zwei davon sich fanden.

Wie er das lump'ge Kleid des Finders angesehn,
Fragt er: Das sind die zwei, wo sind die andern zehn?

Der Mann in Unschuld spricht: der Dieb hat sie genommen.
„Ganz recht! wer ist der Dieb? Du mußt zum Richter komm

Der arme Mann erschrickt, läßt seinen Schatz in Stich,
Entflieht in Eil und nimmt die Lehr' allein mit sich:

Die Perlen nicht allein, in deines Mundes Pforte
Bewahren mußt du mehr als Perlen deine Worte.


6

Wenn du das dicke Buch durchblätterst der Geschichte,
Du findest wiederholt auf jedem Blatt Berichte

Von widerwärt'gem Kampf und greulichem Verrath,
Und selbst auf dunklem Grund steht jede lichte That.

Und auch des Dichters Kunst, die sich die freie nennt,
Doch knechtisch hinterdrein nur der Geschichte rennt.

Weiß auch nichts Besseres zu unserem Ergetzen,
Als nächtliches Geschick und blutiges Entsetzen.

Als sei von Gottes Welt nur dieses vorzuzeigen,
Was man ehr sollt' aus ihr vertilgen durch Verschweigen.

Als sei in der Natur nur Frost und Hagelschlag,
Und gift'ger Raupenfraß, kein blühnder Rosenhag;

Und in des Menschen Haus nur Krankenstubenjammer,
Kein Kindertummelplatz und keine Hochzeitkammer.

Die Weichlichkeit ist schlecht, der Leichtsinn ist nicht gut,
Doch noth ist heitrer Ernst und froher Lebensmuth.

Des Schattens kann im Bild entbehren nicht die Kunst,
Doch ist ihr Element das Licht, und nicht der Dunst.

Mag die Geschichte nicht des traur'gen Amts entbehren,
Daß durch Unmenschliches sie uns will Menschheit lehren;

O Fantasie wenn du die Blüte willst entfalten
Der Menschheit, sollst du ihr kein Jammerbild vorhalten.


7

Bezähme deinen Zorn, und lasse dem die Rache,
Der besser als du selbst kann führen deine Sache.

Der strenge König, der nie ein Vergehn vergeben,
Erhielt, weil eines er vergab, dadurch sein Leben.

Du fragst, wie dieses war? ich will es dir berichten,
Wie mir es kund gethan wahrhaftige Geschichten.

Der König auf der Jagd in kühnem Übermuth
Schwelgt in der Thiere jetzt wie sonst in Menschenblut.

Auf einmal, wie er steht im stolzen Jägerchor,
Fliegt her ein Unglückspfeil und streift sein linkes Ohr.

Wie wird der rasche Grimm des Königs jetzt entlodern,
Und sein vergoßnes Blut wie blut'ge Rache fodern!

Allein es ist alsob der Pfeil ihm hab' ins Ohr
Ein leises Wort gesagt, das seinen Grimm beschwor.

Ich hätte können dir, sagt' er, das Herz durchbohren,
Und streifte schonend nur das Läppchen an den Ohren.

Vom Boden nimmt er auf den Pfeil, von Blut befleckt,
Den zum Gedächtnis er in seinen Busen steckt.

Wo ist der Schütze, der den Meisterschuß gethan,
Der eines Königs Herz gelenkt zur bessern Bahn?

Der fremde Jüngling ist's, der, wannen er gekommen,
Nicht sagen wollte, da er ward in Dienst genommen.

Man soll, der König spricht, sein Reisegeld ihm geben;
Denn immer würd' er hier vor meiner Rache beben.

Denn freilich ist die Welt von mir nicht des gewohnt,
Zu sehn Vergehungen verziehen, ja belohnt.

Der fremde Jüngling zieht davon und dankt dem Glücke,
Und bei dem König bleibt von ihm der Pfeil zurücke;

Von dem er stets gemahnt, dem ernsten Vorsatz treu,
Blieb zum Verzeihn geneigt, vor Blutvergießen scheu.

Doch alle Herzen, die vordem sein Zorn gekränkt,
Empören jetzt sich, da zur Huld er umgelenkt.

Er muß aus seinem Land, dem Aufruhr weichend, fliehn,
Und heimlich im Gewand der Pfeil begleitet ihn.

Es ist der Reue Pfeil, der ihm am Herzen nagt,
Doch ihm auch einzig Trost in der Verbannung sagt.

Zuletzt in fernem Land, wo zu Gefangenschaft
Man jeden Fremdling bringt, wird er gebracht in Haft.

Im dunkeln Königshof liegt er am Tag gefangen,
Wo Sonnenstralen matt hoch über Mauern drangen.

Da hört er frohen Hall von Stimmen aus der Ferne,
Und denkt an laute Jagd, wobei er wäre gerne.

Er zieht den Pfeil hervor mit ahnungsschwerem Sinn,
Der ihm bisher gereicht zu nichts denn Ungewinn.

Ein Königsreiher schwebt hoch über ihm gemach;
Und schnell aus freier Hand wirft er den Pfeil danach.

Den Vogel fehlt der Schuß, doch ist er nicht gefallen
Vergebens draußen, wo die frohen Stimmen hallen.

Dort steht der Königssohn im stolzen Jägerchor,
Da fliegt der Pfeil heran, und streift sein linkes Ohr.

Sie fragen sich bestürzt: wo kam er her geflogen?
Dort von den Mauern, um den dunkeln Hof gezogen.

Wer sitzt in jenem Hof? Ein Fremdling, jüngst gefangen.
Schnell, spricht der Königssohn, laßt ihn hieher gelangen.

Er wird herbei geführt, und glaubt zum Tod zu gehn;
Inzwischen hat den Pfeil der Königssohn besehn.

Den Pfeil in seiner Hand, spricht er zu dem Verbannten:
Du hattest, Fürst, in Dienst einst einen Unbekannten.

Der Unbekannte war ein fremder Fürstensohn,
Der seines Vaters Zucht im Jugendmuth entflohn.

Erkenne mich, wie ich dich kenn', an diesem Pfeile,
Der uns verhängnisvoll berührt am gleichen Theile.

Du rächtest nicht, daß er von mir dein Ohr verletzt,
Doch sieh, der Himmel rächt's zur guten Stunde jetzt.

Durch welch Geschick du bist aus Land und Reich gefallen,
Komm, das erzähle dort in meines Vaters Hallen!

Heut ruhen wir darin, doch morgen ziehn wir aus,
Und führen dich zurück mit Heermacht in dein Haus.


8

Der Fürst ritt auf die Jagd, und ward durch ein Gewitter
Getrennt vom stattlichen Geleite seiner Ritter.

Er fand zum erstenmal, woran er nie gedacht,
Ohnmächtig selber sich in eines Höhern Macht.

Ihm war nun Heer und Hof und Herrschaft ohne Nutz,
Er suchte gegen Sturm im offnen Felde Schutz.

Er spähte weit umher, und sah mit halber Freude
Zuletzt ein ländliches unscheinbares Gebäude.

Mit Unmuth trat er ein ins niedre Hüttendach;
Mit seiner Tochter saß ein Vater im Gemach.

Der alte Vater herb, ein Landmann starr und spröde,
Die junge Tochter mild, ein Landkind hold und blöde;

Alsob ein alter Dorn mit rauhbemoos'tem Nacken
Die schönste Rose trüg' als Schmuck an seinen Zacken.

Der Fürst gewahrte nicht die Rose duftumschwommen,
Und hört' es kaum, wie ihn der Vater hieß willkommen.

Der Tochter winkte der, die sich mit Anstand schürzte,
Dem Gast ein Mahl auftrug, und es mit Anmuth würzte.

Das Mahl blieb unberührt, der Gast stumm und verdrossen,
Die Würze merkt' er nicht, sonst hätt' er es genossen.

Er dacht' im stillen Kreis an seinen lauten Troß,
Und aus der nackten Hütt' in sein vergoldet Schloß.

Da trat am Abend ein des Bauern Knecht, der Hirte,
Und um der Herde Stand ward er befragt vom Wirthe.

Er sprach: die Herde war noch nie in schlimmerm Stande,
Die Nahrung scheint ihr nicht mehr anzustehn im Lande.

Die Euter alle sind versiegt, es hilft kein Füttern,
Den eignen Lämmern wird kein Trunk von ihren Müttern.

Der alte Landmann wiegt sein Haupt erstaunt: Versiegt
Die Euter auf einmal! Wer sagt, woran das liegt?

Da hebt die Tochter an: Es liegt allein daran,
Daß nicht des Fürsten Herz dem Land ist zugethan.

Denn wo nicht zugethan der Himmel ist der Erde,
Alda verschmachten muß aller Lebend'gen Herde;

Und also, wo der Fürst in Liebe nicht dem Land
Ist zugethan, das ihm vertraut des Himmels Hand.

Der Alte sprach: Was bleibt denn übrig, als zu wandern
Aus einem Land, das Gott verlassen hat, zum andern?

Geh, Hirte, gib dem Vieh hier seine letzte Rast!
Und du, o Tochter, trag dein letztes auf dem Gast!

Wir haben manchen hier gespeiset und getränket;
Nun schaffe, daß mit Dank es dieser uns gedenket!

Wir werden keinen Gast hier tränken mehr und speisen;
Wer weiß, im fremden Land wer uns es wird erweisen?

Da sah der Fürst sie an, die sich mit Anstand schürzte,
Ein neues Mahl auftrug, und es mit Anmuth würzte.

Das Mahl blieb unberührt; doch, wenn ers nicht genoß,
Nicht war es weil er dacht' an sein vergoldet Schloß;

Vielmehr weil er ans Wort, das sie gesprochen, dachte,
Von dem zuerst die Lieb' in seiner Brust erwachte;

Die Liebe für sein Land, mit welcher Hand in Hand
Vielleicht noch eine gieng, die er sich nicht gestand.

Zum Herzen sprach er: Weh dem Trotz, der dich bethörte,
Der wie ein Fluch das Glück unschuld'ger Hütten störte!

Daß so der Segen fehlt, wo Liebe nicht vermählt
Dem Land des Fürsten Herz, warum blieb mirs verhehlt?

Er dachte nach, da trat von neuem ein der Hirte,
Und um der Herde Stand ward er befragt vom Wirthe.

Er sprach: die Herde hat sich anders nun besonnen;
Der Mütter Euter schwillt und füllet alle Tonnen.

Wetteifernd lassen sie die Milch im Kübel schäumen;
Sie haben offenbar nicht Lust das Land zu räumen.

Der alte Landmann lenkt den Blick, den er gesenkt,
Der sinn'gen Tochter zu, die wohl weiß was er denkt.

Und lächelnd hebt sie an: Das liegt gewiß daran,
Daß nun des Fürsten Herz dem Land ist zugethan.

Denn wo nur zugethan der Himmel ist der Erde,
Da nähret sich mit Lust aller Lebend'gen Herde.

Und also, wo der Fürst in Liebe seinem Land
Ist zugethan, das ihm vertraut des Himmels Hand.

Der alte Landmann spricht: Der Himmel sei gepriesen,
Daß er zu rechter Zeit dem Land die Huld erwiesen.

Das Land zu räumen, wird nun keine Noth uns dringen;
Doch wer wird unsern Dank dem Fürsten hinterbringen?

Ich seh' an dir, mein Gast, nachdem dir am Gewand
Der Regen trocknete, du bist von edlem Stand.

Bring morgen, wenn du ziehst, die Kund' ins Fürstenhaus;
Heut aber ruh vergnügt in Bauernhütten aus.


9

Es kann dir freilich nicht auf dieser Welt gefallen,
Da deine Seele wohnt in schönern Himmelshallen.

Der Abstand ist zu weit, die Kluft wird niemals voll,
Die aufgähnt zwischen dem was ist, und werden soll.

Die Worte die du hörst, die Mienen die du siehst,
Sind lauter Widerspruch mit dem wovor du kniest,

Der Menschheit schönem Bild, wie es muß einst auf Erden
Gewesen seyn, und wie es muß einst wieder werden.

Wes ganzes Streben ist auf dieses Ziel gerichtet,
Ist von der Welt getrennt, und ist ihr doch verpflichtet,

Will ihr mit Liebeszorn, was sie nicht will, aufdringen,
Fühlt daß ers muß, und fühlt daß es ihm muß mislingen.


10

Sieh, unter weißlicher Wolken zerstreutem Völkchen
Der Mond am Himmel schwebt als kleinstes weißes Wölkchen.

Ganz wie die andern bleich, an Größe keinem gleich,
Unscheinbar in des Tags ihm fremden Sonnenreich.

Doch, tritt er an mit Macht das Regiment der Nacht,
Sieh, wie sein Licht zunicht den Stolz der Wolken macht!

Sie betteln nun um Glanz, und ehrerbietig ganz
Von ferne schlingen sie um seinen Thron den Kranz.

So, der sich unterm Chor Unedler erst verlor,
Wann seine Zeit kommt, tritt des Edlen Glanz hervor.


11

Laß nur den tollen Spuk der Zeit vorüberflirren!
Ergetzen kann er dich, er kann dich nicht verwirren.

Doch wenn dem Schwindel trotzt dein Geist mit fester Stirne;
Bedenke daß es gibt auch schwächere Gehirne.

Den Wirbel mehre nicht, worin sie trunken drehn;
Zeig' ihnen ehr den Punkt, worauf man fest kann stehn.


12

Sieh dort den Baum, der nie im Sonnenbrand ermattet,
Weil er als Sonnenschirm den eignen Fuß beschattet.

Er hält den Boden kühl und feucht worauf er steht,
Woraus der Wurzel Saft in alle Zweige geht.

Die Wurzel ist bedacht, die Kraft zu wenden oben
Dem Wipfel zu, von dem ihr Schutzdach wird gewoben.

Der Wipfel aber ringt stets dichter sich zu falten,
Um frisch den Nahrungsquell der Wurzel zu erhalten.

So ist ein Männerstamm, der wechselnd sich beschützt;
So jeder einzle Mann, der seine Kräfte nützt.


13

Das Sprichwort sagt, daß Art von Art nicht lass'; ich glaube,
Daß durch Erziehung nie zum Adler ward die Taube.

Doch innerhalb der Art, wird ganz von gleichem Stamm,
Zum Widder hier, und dort zum Schöpfen nur, das Lamm.

Und wie Erziehung selbst den Stand macht, ist erschienen
Am mustergültigen Verfahren sinn'ger Bienen.

Nur einen Weisel ziehn in einem Stock sie klug,
Weil für ein ganzes Volk ein Herrscher ist genug.

Doch wenn zu Schaden kam die königliche Brut,
So machen sie durch Kunst den Schaden wieder gut.

Ein andres Bienenkind nehmen sie, das zu weiter
Nichts war bestimmt als zum einfachen Feldarbeiter;

Erweitern nur die Zell' in der es liegt, und legen
Ihm bessre Nahrung zu, so wächsts mit Zaubersegen.

Aus einem Arbeitsmann ist schnell ein Weisel worden,
Als ächter Stammfürst anerkannt von seinen Horden.


14

Die Perlenmuschel selbst, ganz in die eigne Reinheit
Verschlossen, theilet doch des Meeres Allgemeinheit.

An ihrer Perle Farb' erscheinet, ob sie schwamm
In Flut seicht oder tief, auf Meergras oder Schlamm.

Doch ob sie länglicht ward, ei- oder kugelrund,
Das liegt am Muschelhaus, und nicht am Meeresgrund.

Ob endlich größer, ob sie kleiner selber sei,
Liegt an der Kraft die von Natur ihr wohnet bei.

Ein Mensch nimmt aus der Welt mehr oder minder Licht,
Die Form aus seinem Stand, und aus sich sein Gewicht.


15

Das Mehl zu sichten, braucht man Siebe, groß und kleiner;
Durch je mehr Sieb' es geht, je feiner ists und reiner.

Das ist das gröbste, was im ersten Sieb sich fieng,
Und das vorzüglichste, was durch das feinste gieng.

Auch Perlen sichtet man in mehr als einem Sieb,
Doch ist die beste, die im ersten hangen blieb.

Je schlechter nur, jemehr durch Siebe sie gegangen,
Bleiben die schlechtesten zuletzt im feinsten hangen.

Wenn du die Perle bist, sei lieber groß als klein;
Doch wenn du Mehl bist, kannst du fein genug nicht seyn.


16

Das Eisen, wenn sich ihm des Feuers Kraft vereint,
Roth glüht es, daß es wie ein Edelstein erscheint.

Der roth von selber ist, der feurige Rubin,
Erscheint dagegen blaß, glüht man im Feuer ihn.

So hat des Menschen Sinn, von Leidenschaft berauscht,
Sein Eignes, auf den Schein, um Fremdes ausgetauscht.

Doch, wenn erkaltet, wird das Eisen wieder dunkel,
Und wieder hell, wie er gewesen, der Karfunkel.


17

Der beste Edelstein ist der selbst alle schneidet
Die andern, und den Schnitt von keinem andern leidet.

Das beste Menschenherz ist aber, das da litte
Selbst lieber jeden Schnitt, als daß es andre schnitte.


18

Ein frommer Bettler stand an Krämerladenwand,
Hätt' einer Gabe noth, doch streckte nicht die Hand.

Der geiz'ge Krämer denkt, sein Schweigen sei ein Heischen;
In seinem Kram gestört, begann er aufzukreischen.

Er hatt' in manchem Sack zu wühlen und zu kramen,
Und sprach zum Bettler barsch: Geh hin in Gottes Namen!

Der Bettler sprach: Ich geh' in Gottes Namen leicht,
Da mir zum Hindernis kein schwerer Pack gereicht.

Du aber, der du hast so manchen Sack zu tragen,
Wie gehst du, wann man wird des Aufbruchs Trommel schlagen?

Von diesem Worte ward des Krämers Herz getroffen,
Dem Bettler gieng er nach, und ließ den Laden offen.

Er nahm den Bettelstab und wanderte durchs Leben.
So gute Lehren kann ein Bettler Krämern geben.

Wol jenem Weisen gleich, der, als vor Feindesdrohn
Die Bürger, um Verlust der Habe klagend, flohn,

Im schwerbepackten Zug gieng leicht an seinem Stabe,
Und sagte, daß er all das Seine bei sich habe.


19

Alswie der Schwan, der rein auf reinen Fluten schwimmt,
Im Himmel unter sich sein Spiegelbild vernimmt,

Und wenn er lang' im See gezogen seine Kreise,
Taucht unter, und zurück läßt keine Spur der Reise;

Glückselig, wer so rein sich auf der Welt bewahrt,
Und Abschied also nimmt, daß Niemand es gewahrt.


20

Im Meer gen Süden wohnt auf Inseln ein Geschlecht,
Reich in Zufriedenheit, in Einfalt, schlicht und recht.

Die Inselgruppen sind alswie ein Kranz gewunden,
Da wohnen sie zerstreut, getrennt und doch verbunden.

Auf jeder Insel wohnt ein kleines Volk beisammen,
In Frieden, alle die von einem Vater stammen.

Und über alle herrscht die Inselköniginn,
Die hat nicht Waffenmacht, und friedlich ist ihr Sinn.

Und friedlich ist der Sinn von ihren Unterthanen,
Sie folgen nicht des Kriegs und nicht des Ruhmes Fahnen.

Ihr Waffen ist Gebet, ihr Ruhm Gesang und Psalmen,
Im Tempel der Natur gesungen unter Palmen.

Die Palmen sind ihr Dach, das Blatt ist ihr Gewand,
Und mit den Früchten fällt die Speis' in ihre Hand.

In dieser Frucht ist Öl und Milch und Honigtrank,
Der heiter sie berauscht, und nie läßt werden krank.

Die Palmen leben, gleich den Menschen, hundert Jahr,
Und bringen eine Ernt' in jedem Monat dar.

Fällt dann, vom Alter hohl, ein Schaft am Meeresrande,
Dient er zum Nachen, der sie schifft von Strand zu Strande,

Wobei sie Ruder nicht, noch Stang' und Segel brauchen,
Weil über Spiegelflut die Lüfte spielend hauchen.

Zum Gastgeschenk, wohin sie zum Besuche wallen,
Pflücken sie unterwegs nur aus der Flut Korallen;

Die unterm Wasser bleich an weichen Zacken blühn,
Und härtend an der Luft in hohen Farben glühn.

Geld aber führen sie kein andres, als soviele
Sie Muscheln sammelten von buntem Farbenspiele.

Doch weil sie selber Krieg nie führen, kommen ihnen
Dazu denn Fremde, die zu solchem Schauspiel dienen.

Seeräuber suchen auf mit kriegerischen Truppen
Die Meereswindungen der Friedensinselgruppen.

Allein sie schlagen sich nur mit sich selbst herum,
Und tasten niemals an der Inseln Eigenthum.

Denn sie erfuhren es und glaubens, daß belastet
Ein Fluch des Himmels den, der es hätt' angetastet.

Durch diesen Glauben blieb das Volk der Inseln frei,
Das, wehrlos wie es ist, sonst fiel in Sklaverei.

Doch wenn ein Schiffer kommt, ein friedlicher, von ferne,
Mit dem vermählen sich die Inseltöchter gerne.

Dann treibt der Schiffergeist ihn weiter, und zurück
Läßt er dort Weib und Kind, das kurz gefundne Glück.

Denn wol verlassen mag das Land, wer es erkohren,
Doch keiner der dort ist erzogen und geboren.

Der Schiffer bringt davon, wenn's Sturm und Meer erlaubt,
Die Kunde heim, die gern hört jeder, keiner glaubt.


21

Weltherrscher Raghu kehrt vom Welterobrungszug
Als Sieger heim und bringt Weltschätze mit genug.

Die Schätze theilet er beim Siegesopfer aus,
Und hat nun keinen Schatz als seinen Ruhm im Haus.

Ihm kommt ein frommer Gast; wie soll er ihn empfangen?
Die Goldgefäße sind dem Hauswirth ausgegangen.

Ein hölzernes Gefäß, gefüllt mit Willkommsflut,
Trägt er entgegen ihm, und grüßet wohlgemuth.

Den ehrenden Besuch, sprich, was ihn mir gebracht?
Gewährt ist dein Gesuch, wenn's steht in meiner Macht.

Doch jener, der erkennt die Armuth an den Zeichen,
Will ohne Wortverlust zurück bescheiden weichen.

Doch als mit bittendem Befehl der König dringt,
Sagt er das wichtige Anliegen, das ihn bringt:

In Waratantu's Hain, vom Weltgeräusch entfernt,
Lernt' ich zwölf Jahre lang, nun hab' ich ausgelernt.

Als er mich nun entließ, den Schüler und den Sohn,
Fragt' ich beim Abschied ihn: was ist der Lehre Lohn?

Er sprach: „Fürs Wissen ist kein ird'scher Lohn beschieden;
Ich bin mit langem Dienst und treuem Fleiß zufrieden.“

Doch als ich ungestüm mit meinen Bitten drang,
Ergriff der Zorn ihn, den kein Weiser selbst bezwang.

Er rief: „Und wenn du Lohn denn bietest, wahnumhüllt;
Der Lohn sei soviel Gold, als Raghu's Schatzhaus füllt.“

Dein Holzkrug laut genug sagt was dein Schatzhaus fasse;
Drum mit Entschuldigung, o König, mich entlasse!

Ich seh', o König, wohl, dir blieb kein Eigenthum,
Als unveräußerlich allein der eigne Ruhm.

Doch König Raghu spricht: Ist mir der Ruhm geblieben,
Was wär' er, wenn er nicht auch Gold hätt' aufgetrieben?

Geruh' in meinem Haus als Gast dich auszuruhn;
Nachts denken wir wol aus, was wir am Morgen thun.

Der König sinnt bei Nacht: wo soll ichs her bekommen?
Den Kön'gen rings umher hab' ich es längst genommen.

Doch auf dem Goldberg wohnt Kuwera, Gott der Güter,
Der hat bei mir sein Amt versäumt als Schatzhaushüter.

Und Raghu in der Nacht läßt rufen aus mit Schall:
Dem Gott Kuwera droht von Raghu Überfall.

Noch in der Nacht besteigt er seines Ruhmes Wagen,
Der mit dem Tag ihn soll zum Sieg am Goldberg tragen.

Und als er Morgens nun zur Abfahrt ist bereit,
Tritt sein Schatzmeister her mit eil'ger Freudigkeit:

„O Herr, es hat zu Nacht im Schatzhaus Gold geregnet.“
Dem drohnden Überfall ist so der Gott begegnet.

Und Raghu spricht zum Gast: Du siehst, o frommer Mann,
Wie in der Noth der Ruhm das Gold ersetzen kann.

Dann leert er für den Gast die volle Kammer aus,
Und hat nun wieder nichts als seinen Ruhm im Haus.


22

Zu Naciketas einst, dem Weisen, kam der Tod,
Der alle Herrlichkeit der Welt zur Wahl ihm bot.

Von Rossen, feurigen, gezogen war sein Wagen,
Worauf Erobrerschwert' und Königskronen lagen.

Mehr als von Sonnenschein und Mondglanz stralt der Wagen,
Mit allem Prachtgestein und Gold der Welt beschlagen.

Die Freuden und die Künst' im Frühlingsblumenkranz
Begleiteten die Fahrt mit Sang und Klang und Tanz.

Und aus dem bunten Chor aufrichtete der Tod
Sich hoch, als er die Wahl dem Naciketas bot:

Erwähle, was du willst, von diesen Gütern allen;
Denn deine Weisheit hat erregt mein Wohlgefallen.

Doch Naciketas sprach: Wenn ich die Weisheit habe,
Wie dürft' ich denn von dir begehren ein Gabe?

Satt wird das Menschenherz von allen Schätzen nicht;
Und wer begehrte sie, der sah dein Angesicht?

Das Leben, was es hat und ist, was ists? ein Hauch:
Der Hauch vergeht durch dich, und du vergehest auch.

Laß diesen Lebenshauch mich hauchen denn in Frieden,
Solang es dir beliebt, und es mir ist beschieden.

Er sprachs, da war der Tod mit Wagen und mit Rossen,
Mit Schlacht und Macht und Pracht, in Nacht und Nichts zerflossen.


23

Ein Edler auf Besuch kam zu dem Thor des Andern,
Und zur Anmeldung ließ hinein dis Blatt er wandern:

Ist Eintritt mir gewährt? Ich komme wie die Feder,
Die herführt jeder Wind, und weiter führet jeder.

Und jener schrieb heraus: Zum Eintritt nicht gereicht
Wird die Erlaubnis dir, du machtest dich zu leicht.

Und jener schrieb hinein: Ich komme wie der Stein,
Wo der ins Wasser fällt, da bleibt er liegen fein.

Und jener schrieb hinaus: Erlaubnis nimmermehr
Wird dir zum Eintritt hier, du machtest dich zu schwer.

Und jener schrieb hinein: Ich komme wie der Reiter,
Der, wo er sein Geschäft gethan hat, reitet weiter.

Und jener rief hinaus: Das ist ein wahres Wort;
Thürhüter, laß mir ein den edlen Gast sofort!


24

Dem jungen Wolfe will der Hirt die Wolfsart nehmen,
Das Mutterschaf muß ihn zu säugen sich bequemen.

Die gute Mutter säugt an einer Brust ein Lamm,
Zur andern einen Wolf, als seien beid' Ein Stamm.

Als flockig ward das Lamm, ward sein Milchbruder zottig;
Der Pflegemutter Milch sie dünkt' ihm dünn und schottig.

Doch als er einst die Brust gesogen bis aufs Blut,
Da dünkte so gewürzt nun erst die Milch ihm gut.

„Wo süß ist Milch und Blut, ist feist das Fleisch und zart:“
So ward sich unbewußt bewußt die Wolfesart.

Die Mutter mit dem Biß, den Bruder mit der Tatze
Erwürgt' er und entsprang dem Pferch mit einem Satze.

Froh überrascht der Sohn im Walde Vater Wolfen,
Und hat in dem Beruf bald treulich ihm geholfen.

Die Lust an Schaffleisch wollt' er lehren seinem Sohn;
Der aber sprach: Die lernt' ich an der Mutter schon.


25

In unsers Herren Haus viel Knechte sind geschaart,
Und jeder dient dem Herrn auf seine eigne Art.

Der Herr läßt jeden gern auf seine Weise dienen,
Und weiß allein, wer ihm der liebste sei von ihnen.

Der eine dienet ihm, weil es sein Vater that,
Ein hausgeborner Knecht, ohn' eignen Sinn und Rath.

Der andre dienet ihm, weil einem Herren dienen
Er eben will, und der ein guter Herr geschienen.

Ein andrer lief vom Dienst, und ist dann wieder kommen,
In Gnaden hat der Herr ihn wieder aufgenommen.

Ein andrer ist zu faul um aus dem Dienst zu laufen;
Der gute Herr läßt ihn mitlaufen unterm Haufen.

Der eine dient dem Herrn mit Eifer vorm Gesicht,
Und hinter'm Rücken träg', als säh' der Herr da nicht.

Der eine trägt ein Bild des Herrn vor seiner Brust,
Stets eingedenk des Herrn zu seyn und dienstbewust.

Er hat das Bild von Holz nach seiner Kunst geschnitzt,
Und fühlt sich gläubig stolz, daß er die Gunst besitzt.

Ein andrer trägt den Herrn in seines Busens Schrein,
Ihn mahnt der innre Stern, kein Bild von Holz und Stein.

Der eine thut nur das, was ihm der Herr befohlen,
Der andre geht, Befehl sich selber einzuholen.

Ein dritter fragt nicht erst, was ihm der Herr befiehlt,
Er sieht sein Angesicht, und weiß worauf er zielt.

Der dient aus Eigennutz, der dient aus Furcht und Scheue,
Der dient aus Pflichtgefühl, und der aus Herzenstreue.

Der eine dient dem Herrn auf festgesetzten Lohn;
Der Herr setzt ihm nichts zu, und bricht nichts ab davon.

Der andre dient und hat bedungen keinen Lohn,
Lang gab der Herr ihm nichts, dann macht' er ihn zum Sohn.


26

Ich sah den Schöpfungsbrunn, der Schöpfer saß daran,
Und schöpfte, daß die Flut vom goldnen Eimer rann.

Er schöpft' und goß den Thau rings in die Wüste aus,
Die ward zur Lebensau mit Frühlingsblumenstraus.

Die Bäch' und Bächelchen, die Quell' und Quellchen rannen,
Zu Gras und Kraut hinan, und schneller noch von dannen.

Wo eine Welle kam, blüht' eine Frühlingsbraut;
Wo eine Abschied nahm, da war verwelkt ein Kraut.

Und wo in Asche war ein Pflanzenleib zerfallen,
Schnell ward er neu gebaut von rinnenden Kristallen.

Der Schöpfer schöpfte fort, der Brunnen ward nicht leer,
Wiewol ihm fort und fort entschöpft ward Meer um Meer.

Denn was von oben goß der goldne Eimer nieder,
Das alles unten floß zurück zum Brunnen wieder.


27

Wie Wasser von der Erd' ein Sonnenstral aufzieht,
So höhres Licht den Geist, wenn er dem Leib entflieht.

Doch wie zur Erde neu die schwerern Dünste fallen,
Wer weiß, ob Geister so ins Leben wieder wallen?

Und wie zum Äther nur die feinsten Düfte steigen,
So ein ätherischer Geist zum höchsten Geisterreigen!


28

Durch den allein ich mit der Welt zusammenhänge,
Seitdem ich nebenaus mich stellte vom Gedränge!

Du bringst, o Freund, die Welt mir her von Zeit zu Zeit,
Ich merkte sonst sie nicht in meiner Einsamkeit.

Du bringest von der Welt die Kunden mir getreulich,
Doch weniges dem Sinn, nichts dem Gemüth erfreulich.

Nichts hör' ich von der Welt, was mich verlocken kann,
Neu auf das Meer zu gehn, da ich zum Port entrann.

Ich sehe trüb', und muß mir leider es gestehn:
Das Alter ist es nicht, was mich macht trübe sehn.

Ein unzufriedenes Geschlecht mit Zorngeberden
Will ändern seine Welt, und selbst nicht anders werden.

Wo nicht ein äußrer tobt, ein innerlicher Kampf,
Wird selbst des Lebens Lustgeberd' ein Todeskrampf.

Den Wehen des Geschicks ist Fehlgeburt entrungen,
Vom Drang des Augenblicks Ruh und Genuß verschlungen.

Ich weiß nicht, wo sich wird die Wissenschaft verkriechen,
Die Poesie doch wird unzweifelhaft versiechen.

Wo sich genüberstehn Unglaub' und Überglauben,
Will dir die Seele der, und der die Sinne rauben.

Die Sinne raubt er nicht, doch hat er sie verdumpft;
Die Seele raubt er nicht, doch hat er sie versumpft.

In diesem Sündenpfuhl, in diesen Jammerfrösten,
Kann für die Welt mich nur ein neuer Glaube trösten;

Der Glaube, daß der Geist, der mit der Sonne blickt,
Von Zeit zu Zeit, wo Hülfe noth ist, Helfer schickt;

Und wenn das Unheil sich unheilbar Menschen zeigt,
In menschlicher Gestalt er selbst herniedersteigt.

So mehr als einmal schon ist er herab gestiegen,
Und jetzo denkt er, wo er will geboren liegen.


29

Wenn ihr Orakel wollt, sollt ihr Orakel hören;
Der Geist ist überall, man darf ihn nur beschwören.

An wen die Welt glaubt, wer an sich glaubt, ist Prophet,
Theurg und Philosoph, Apostel und Poet.

Denn einer ist der Geist, der in den vielen waltet,
Der nur die Flügel nicht in allen gleich entfaltet.

Die Raupen sehn erstaunt den Schmetterling sich wiegen,
Und denken nicht im Traum, daß sie auch sollten fliegen.

Das Raupenvolk der Zeit ist zur Verwandlung reif,
Es trägt sein Todtenkreuz im falben Rückenstreif.

Sie freut der Blätterfraß nicht mehr, des sie sich freuten,
Es treibt sie innre Qual noch einmal sich zu häuten.

Sie wechseln eine Haut, und bleiben Raupen noch,
Und wechselten sie zehn, sie blieben Raupen doch.

Von gift'gen Wespen sind die meisten angestochen,
Lebendig innen aufgezehrt an Mark und Knochen.

Und wann aus ihnen schon frei werden soll der Sohn
Des Himmels, fliegt mit Hohn ein Schwarm Geschmeiß davon.

Euch, zahme Räupchen, hier hat man auf Maulbeerblätter
Gesetzt, vor Hagelschlag gesichert und Sturmwetter.

Jetzt wollet ihr mit Ruh in eur Gespinnst euch spinnen;
Dem heißen Wassertod nicht werdet ihr entrinnen.

Denn billig wollen sich die Hirten, die euch weiden,
Nun gegen Winterfrost in eure Seide kleiden.

Die wilden Raupen dort, im Grase nicht bemerkt,
In Freiheit wachsen sie, vom Hauch der Nacht gestärkt.

Als Puppen knüpfen sie sich auf am lichten Faden;
Den goldnen Masken wird nicht Winterkälte schaden.

Kalt wird der Winter seyn, erfroren werden stehn
Viel stolze Nasen, die aus seidnen Krägen sehn.

Vom ersten Frühlingsstral belebt, wird dann entschweben
Der Zukunft Schmetterling; Heil denen, die's erleben!


30

Des Mondes Geisterlicht macht fremd auch das Bekannte,
Wenn fremde Schauder selbst ein Blick der Sonne bannte.

Drum sieh ein fremd Gefild im Licht der Sonne nur,
Und lieblich fremd im Glanz des Monds die eigne Flur.


31

Du bist beglückt, wenn dir, was da ist, ganz gefällt,
Und deine Lust daran solang hält als es hält,

Und dann vergeht, wenn es zum Gehn auch Anstalt macht;
Dann ist dir andre Lust an anderm zugedacht.


32

Wenn du am rechten Ort das rechte Wort zu sagen
Hast unterlassen, bleibt es immer zu beklagen.

Wenn in Gedanken dann du's sagest hinterher,
Wird die Versäumnis dir nur fühlbar um so mehr.

Doch unterlaß nur nicht, und sage dir es fein;
Vielleicht ein andermal wirst du dann klüger seyn.


33

Der Gaukler, wie geschickt er seine Glieder braucht,
Prall wie aus Stahl gespannt, und wie aus Luft gehaucht!

Und wozu braucht er sie? Um Schauder, Furcht und Schrecken,
Anstatt Bewunderung, ja Abscheu zu erwecken.

Der arme Gaukler! so geht seine Kunst nach Brot;
Doch andre thun's ihm gleich, und habens minder noth.

Wenn schon ein Schauder ist misbrauchte Körperkraft,
Misbrauchter Geist und Witz ist doppelt schauderhaft.


34

Von einem König wird erzählt, daß im Pallast
Er hatte sich gehäuft die größte Bücherlast.

Und zog der König aus, so zogen auf den Pfaden
Hundert und ein Kamel mit Büchern nach beladen.

Da ward er doch gewahr am Ende daß ihm sei
Beschwerlich auf der Fahrt die große Bücherei.

Und ließ zu besserer Bequemlichkeit beim Reisen
Auszüge machen von hundert und Einem Weisen.

Von diesen ward gemacht ein Auszug, den beim Zug
Des Königes gemach ein starkes Maulthier trug.

Doch noch bequemer wollt' er haben seine Sachen,
Und aus dem Auszug ließ er einen Auszug machen.

Ein art'ges Büchlein ward nun aus der Maulthierbürde,
Das auf der Reise selbst der König trug mit Würde.

Doch immer noch zu sehr belästigte das ihn,
Des Auszugs Auszug ließ er aus noch einmal ziehn.

Da zogen sie ihm aus dem ausgezognen Buch
Den Kern zusammen kurz in einen einz'gen Spruch.

Den faßt' er ins Gemüth, und konnt' ihn leicht behalten,
Um seines Heils danach und seines Reichs zu walten.

Ob ihm dis Heil gelang? Wenn er's nicht ganz vollbracht,
So war's nur, weil er selbst den Auszug nicht gemacht.

Das aber ist gewis, daß aus dem Bücherwust
Du machen für dein Heil solch einen Auszug mußt.


35

Du sollst den Stand, auf dem du stehest, nicht verkennen,
Vom Ird'schen Ewiges nicht eigenmächtig trennen.

Zu beiden bist du da, der Erde Kampf zu streiten,
Und dich zum Frieden vor des Himmels zu bereiten.

Wer feige Frieden nur sucht für sein eigen Theil,
Wird zum Verräther an der Welt gemeinem Heil.

Zu fördern Menschenglück mit aller Kraft hienieden,
Kein Opfer ist zu groß, als nur der Seele Frieden.

Doch laß von keiner Macht, von keinem Ruhm dich zwingen,
Von keiner Liebe selbst, dis Opfer ihr zu bringen.

Das ist nicht Eigensucht, noch schwerer Pflichten Scheue,
Es ist die deinem Ich, dem ew'gen, schuld'ge Treue.


36

Der Mond am Himmel ist nicht schön im leeren Raum,
Der Mondschein lieblich nicht auf Fluren ohne Baum.

Entweder muß sein Glanz aus lichten Wolken steigen,
Oder gebrochen sanft erscheinen zwischen Zweigen.

So nimmt die Schönheit selbst bald einen Schleier vor,
Bald schauet man zu ihr durch einen auch empor.


37

Der Sonne kannst du nicht ins Feuerauge schaun,
Zum sanften Monde nur hast du ein solch Vertraun.

Die Blumen aber thun vorm Mond ihr Auge zu,
Und auf vorm Sonnenblick, den Blumen gleichst nicht du.

Wenn deine Unschuld erst ist Blumen gleich vollendet,
Wirst du die Sonne, wie den Mond, sehn ungeblendet.


38

Ob Tugend Reinigung, ob Reinheit selber sei?
Ob Streben Höchstem zu, ob Höchstes strebenfrei?

Nach Höchstem streben ist das Höchste freilich nicht,
Ein Höchstes ist es doch, wo Höheres gebricht.

Und so ist Reinheit auch nicht deine Reinigung;
Und Menschentugend thut sich selber nie genung.


39

Ein schönes Streben ist's, den Guten ähnlich werden,
Die hier vom höchsten Gut Abbilder sind auf Erden.

Doch immer wird das nur ein Bild vom Bilde seyn;
Du bilde deinem Geist das Urbild selber ein.


40

Der Weisheit Anfang ist immer Bewunderung,
Durch ander nichts erhält die Seele Himmelschwung.

Aus sich und aus der Welt zur Gottheit hingerissen,
Zu ahnen und zu schaun, zu forschen und zu wissen.

Wenn erst das Licht du schaust, ohne daß es dich blende,
Nichts zu bewundern ist alsdann der Weisheit Ende.

Zum Ende sind noch nicht gedrungen deine Schritte,
Du stehst bewundernd noch in aller Wunder Mitte.


41

Die Unvollkommenheit der Welt hat zu beklagen,
Wer sie geschaffen glaubt zur Lust und zum Behagen.

Geschaffen ist sie wol zu anderem Bedarf,
Wie der für gut befand, der so den Plan entwarf,

Zu seinem nicht, und nicht zu unserem Vergnügen,
Zu unserm Heil gewis; darein mußt du dich fügen.


42

Der Schöpfung Mittelpunkt wenn diese Erde wäre,
Nicht nebenaus am Rand der Sfären eine Sfäre,

So hätte Menschenwitz ein Recht, beklommener
Zu fragen, warum sie nicht sei vollkommener.

So aber hat er nur Ursache, sie zu fragen,
Wieviel der Winkel kann von heller Mitte sagen.

In Mitten steht ein Licht hoch auf dem Tisch im Zimmer,
Und füllt den ganzen Raum, doch mit ungleichem Schimmer.

Ein Spiegel wirft den Glanz dem andern Spiegel zu,
Der wieder andern, und vorm letzten stehest du.

Du siehst gedämpft genug das Licht, daß dichs nicht blende,
Und hell genug, daß dich zum Lichtquell Sehnsucht wende.

Im Winkel warte nur geduldig, bis die Augen
Dir, einzutreten in den Glanz der Mitte, taugen.

Wie schonend Mondlicht sanft um Eulenblödheit fließt,
Bis sich ein Adlerblick der Sonne kühn erschließt.

Ein blasser Mond, o Erd', ist deine Mittagssonne,
Die nur mit Sehnsucht füllt, nicht selbst ist volle Wonne.

Die Sonn' im Wolkenflor webt einen Regenbogen;
Wie rein ist der Akkord des Farbenspiels gezogen!

Der Bogen aber spielt in einem zweiten dann,
Worin der bunte Schmelz in mattes Grau zerrann.

Der Regenbogen nicht, vom Regenbogen nur
Bist du der Nebenglanz, die halberloschne Spur.

O Mensch, in des Gemüth sich Lieb' und Hochmuth gatten,
Du bist zwar Licht vom Licht, doch Schatten nur vom Schatten.


43

Ich gebe dir mein Sohn, das mögest du mir danken,
Gedanken selber nicht, nur Keime von Gedanken.

Nicht mehr zu denken sind Gedanken, schon gedacht;
Von Blüten wird hervor kein Blütenbaum gebracht.

Doch ein Gedankenkeim, wohl im Gemüth behalten,
Wird sich zu eigener Gedankenblüt' entfalten.


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