Jules Massenet

Manon

Oper in vier Akten

Personen

Manon Lescaut (Sopran)
Poussette (Sopran),
Javotte (Mezzosopran),
Rosette (Alt), drei junge Mädchen, befreundet mit Manon
Chevalier Des Grieux (Tenor)
Graf Des Grieux, sein Vater (Baß)
Lescaut, Soldat, Manons Kusin (Bariton)
Guillot-Morfontaine, ein reicher Pächter (Tenor)
von Brétigny (Bariton)
Der Wirt von der Post zu Amiens (Baß)
Zwei Gardisten (Tenöre)
Pförtner im Seminar von Saint-Sulpice (Sprechrolle)
Eine Zofe Manons (Sprechrolle)
Ein Sergeant (Sprechrolle)
Ein Soldat (Sprechrolle)
Spieler, Soldaten, Reisende, Postillione, Gepäckträger, Bürger, Bürgerinnen, Verkäufer, Verkäuferin nen, vornehme Damen, Kirchgängerinnen, Spaziergänger

Die Oper spielt in Amiens, Paris und auf der Straße nach Le Havre um 1730

Erster Akt

Der große Hof einer Gastwirtschaft in Amiens. Im Hintergrunde ein Torweg, nach der Straße führend. Rechts, ein Pavillon, zu welchem man einige Stufen hinaufsteigt. Am ersten Stock dieses Pavillons ein Balkon. Links eine Laube, vor derselben ein Brunnen und eine steinerne Bank. Hinter der Laube, etwas hervortretend, der Eingang zur Gastwirtschaft.

Erste Szene

Brétigny, Guillot, Poussette, Javotte, Rosette.

Wenn der Vorhang aufgeht, steht Brétigny in der Tür des Pavillons, Guillot, seine Serviette in der Hand, auf der letzten Stufe.

GUILLOT rufend.
Holla! He! Ist der Wirt nicht da?
Scheint’s Ihnen nicht der Mühe wert?
Soll’n ewig wir beim Rufen bleiben?
BRÉTIGNY.
Wir haben Durst!
GUILLOT.
Und Hunger auch!
BRÉTIGNY.
Woll’n Sie vielleicht Spott mit uns treiben?
BEIDE.
Morbleu! Ist das hier so Gebrauch?
GUILLOT.
Auf Guillots Wort, das ist kläglich,
Das ist grausam und zu hart
für Personen unsrer Art!
BRÉTIGNY.
Er ist tot, anders ist’s nicht möglich!
BEIDE.
Er ist tot! Er ist tot!
POUSSETTE hervortretend und lachend.
Ei, meine Herren, nur keinen Streit!
GUILLOT UND BRÉTIGNY.
Was soll man tun?
POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE.
Beim Rufen bleiben! Man muß ihn treiben!
ALLE.
Herr Wirt, das geht doch zu weit,
üben Sie Gastfreundlichkeit,
wir sind nah dem Hungertode!
Herr Wirt, das geht doch zu weit!
BRÉTIGNY horcht.
So recht! Doch wie? Noch nichts zu hören?
Er ist taub für unsre Lehren!
POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE.
Dann noch einmal!
GUILLOT.
Brüllt nicht zu sehr,
das reizt den Appetit noch mehr.
ALLE.
Herr Wirt, das geht doch zu weit! usw.

Zweite Szene

Vorige. Der Wirt (erscheint auf der Türschwelle).

BRÉTIGNY freudig und erstaunt.
Ha, da ist der Verbrecher!
GUILLOT komisch erzürnt.
Nun steh Rede, du Frecher!
DER WIRT beleidigt.
Laß ich Sie denn in Not?
Ein Wort entwaffnet Sie: Man bringt das Mittagsbrot!

Küchenjungen, Schüsseln tragend, kommen aus dem Gasthaus und schreiten gemessen und fast feierlich zum Pavillon.

DER WIRT wichtigtuend.
Hors-d’oeuvres nach Wahl!
ALLE.
Gut!
DER WIRT.
Und Gemüse sehr reichlich!
Dann Fisch und Huhn!
ALLE.
Sehr gut!
DER WIRT.
Krebse gibt’s, unvergleichlich!
Und dabei für jedes Gericht
alten Wein!
GUILLOT zu den Küchenjungen.
Schüttelt ihn nur nicht!
DER WIRT.
Und damit das Mahl glänzend schließe:
Gibt’s Pastete, mit Vergunst.
ALLE.
Wie? Pastete?
DER WIRT.
Sie werden sehn: ein Werk der Kunst!
ALLE.
Gesegnet sei die Stunde, unser Mahl beginnt!
Jeder ist erkenntlich,
wenn er Hunger spürt
und der Ruf ihn führt:
Zur Tafel!

Alle gehen in den Pavillon zurück; dessen Tür und Fenster werden geschlossen. Der Wirt bleibt allein.

Dritte Szene

DER WIRT sein Rechnungsbuch nehmend. Essen ist sehr angenehm; man muß aber auch bezahlen, und ich will – doch, vor allem, denken wir an den Chevalier Des Grieux, dem ich versprach, für einen Platz in der kommenden Kutsche zu sorgen. Geht nach dem Hintergrunde, wo die Bürger sich zu versammeln beginnen. Ach! Da sind ja schon die guten Bürgersleute; sie begaffen alles, am liebsten eine schöne Dame, oder bespötteln irgendeinen Herrn!

Im Tone der Belehrung.

Ich hab‘ gemerkt, der Mensch lacht über andre gern!

Er geht in sein Geschäftszimmer. Die Glocke der Gastwirtschaft ertönt. Die Bürger verbreiten sich nach und nach im Hofe.

Vierte Szene

Bürger und Bürgerinnen; dann Lescaut mit zwei Gardisten; Reisende; Postillione und Gepäckträger; zuletzt Manon.

CHOR.
Hört nur! Der Glocke Klingen
wird die Kutsche gleich bringen.
Wer kommt, entgeht uns nicht,
wer steiget aus, ob Herr, ob Dame
entgeht uns nicht,
prüfen ist unsre Pflicht.
LESCAUT tritt auf; zu zwei ihn begleitenden Gardisten.
Hier muß es sein, dies ist das Gasthaus,
wo die Kutsche von Arras eine Weile stillehält.
DIE GARDISTEN.
Wohl ist es hier.
LESCAUT sie entlassend.
Adieu!
DIE GARDISTEN sich sträubend.
Du könntest uns verlassen?
Lescaut, das glaubt niemand in der Welt!
LESCAUT in guter Laune.
Nimmermehr!
Geht nur in das Wirtshaus daneben,
es gibt dort einen guten Wein;
meine Kusine erwart‘ ich eben,
alsdann will ich gleich bei euch sein.
DIE GARDISTEN.
Vergiß auch nicht!
LESCAUT verletzt.
Ihr kränket mich, seid nicht recht klug!
DIE GARDISTEN bittend.
Lescaut!
LESCAUT kurz und grob.
Genug!
Ihr wißt doch, wie klar ich denke,
wenn sich’s handelt um Getränke.

Befehlend.

Geht nur in das Wirtshaus daneben usw.

Die Gardisten gehen durch die Türe im Hintergrunde ab. Die Glocke tönt wieder. Postillione kommen, Gepäckträger bringen Koffer, Kisten, Schachteln, mit ihnen gehen männliche und weibliche Reisende, welche ihr Gepäck erlangen wollen.

CHOR.
Sie sind da! Sie sind da!
EINE ALTE DAME ihren Anzug ordnend.
Wie sitzt mein Kopfputz! Und die Toilette!
CHOR lachend.
Seht doch die Alte, die kokette!
EIN REISENDER.
He, mein Gepäck!
EIN GEPÄCKTRÄGER schlecht gelaunt.
Im Augenblick!
CHOR lachend.
Ha, komisch stehn die auf der Lauer!
EINE REISENDE.
Wo sind meine Vögel in dem Bauer?
VERSCHIEDENE REISENDE.
He, Postillion! Mein Koffer! Mir den Korb!
Postillion! Postillion!
POSTILLIONE UND GEPÄCKTRÄGER sich losmachend.
Im Augenblick! Im Augenblick!
ALLE schreiend.
Gebt einem jeden seine Sachen,
Ohn‘ Lärm zu machen.
CHOR DER REISENDEN.
Gott! Glücklich, wer die Qual nicht kennt.
Eh man besteigt solch einen Wagen,
tät‘ man gut, das muß ich sagen:
Man mach erst sein Testament.
POSTILLIONE, GEPÄCKTRÄGER, BÜRGER.
Gott! Glücklich, wer die Qual nicht kennt.
Ein jeder will nur stöhnen, klagen,
schreit so beim Anfang wie am End‘,
welch ein Lärm, als ob es brennt!

Manon, welche aus der Menge hervortritt, betrachtet verwundert dieses Gewirre.

BÜRGERINNEN Manon betrachtend.
Seht nur dort, das junge Mädchen!
LESCAUT sie ebenfalls beobachtend.
Hm! Diese Miene!
Nein, ich täusch‘ mich nicht, Manon ist’s, meine Kusine!

Zu ihr gehend, dreist.

Lescaut bin ich!
MANON etwas überrascht.
Sie, mein Kusin – Umarmen Sie mich!
LESCAUT.
Niemand, auf mein Wort, sträubte sich!

Für sich.

Nicht dacht‘ ich, daß so schön sie wäre,
sie macht der Familie alle Ehre!
MANON verlegen.
Ach, Herr Kusin, ich bereit‘ Ihnen wohl Pein!
LESCAUT für sich.
Sie ist reizend!
MANON liebenswürdig.
Bedenken Sie die Bewegung,
erklärlich ist die Erregung,
das, mein Kusin, sehn Sie wohl ein,
bald überstanden wird es sein.
Verzeihn Sie die geschwätz’ge Weise,
ich mach‘ ja meine erste Reise.

Erzählend.

Kaum schwanden mir der Heimat Räume,
verging ich vor Bewunderung,
neu war’n Dörfer und Wiesen und Bäume,
wer mitgereist, alt oder jung.
Die Blumen schön und bunt auf der Heide,
ich mocht‘ sie alle gern besehn,
und ganz vergaß ich in der Freude,
daß ich doch sollt‘ ins Kloster gehn.
Mein Herz eilt‘ über Tal und Hügel,
erschien das Dasein doch so süß,
mir ward zu Mut, als hätt‘ ich Flügel
und schwäng‘ mich auf zum Paradies.
Dann wurd‘ ich betrübt und beklommen
und Tränen netzten mein Gesicht,
gleich drauf lacht‘ ich, doch wie’s gekommen,
das weiß ich nicht.
Ach, mein Kusin, entschuld’gen Sie!
Bedenken Sie die Bewegung,
erklärlich ist die Erregung.
Verzeihn Sie die geschwätz’ge Weise,
ich mach‘ ja meine erste Reise.

Große Bewegung unter den Reisenden und Postillionen im Hofe. Es läutet zur Abfahrt der Kutsche.

POSTILLIONE zu den Reisenden.
’s geht fort! Man läutet!
REISENDE mit komischer Bestürzung.
Wie, ’s geht schon fort?
POSTILLIONE grob.
Ja wohl, hinaus! Da ist der andre Wagen!
REISENDE.
Wie? Was? ’s geht fort! Das ist nicht zu ertragen!
Meine Schachtel! – Meine Vögel! – Mein Paket! –
Hier, mein Korb! – Hier, mein Hut!
POSTILLIONE.
’s geht fort! Da ist der andre Wagen!

Es läutet wieder.

CHOR wiederholt.
Gott! Glücklich, wer die Qual nicht kennt usw.

Die Menge entfernt sich langsam. Lescaut und Manon bleiben.

LESCAUT. Erwarten Sie mich, verhalten Sie sich ruhig, ich will Ihr Gepäck fordern. Geht ab.
BÜRGER UND BÜRGERINNEN im Abgehen.
Wir müssen sehn!
Nichts darf uns entgehn.

Fünfte Szene

Manon. Guillot.

GUILLOT erscheint in der Türe des Pavillons. Unglückswirt! Es scheint einmal bestimmt, daß wir keinen Wein bekommen. Bemerkt Manon.
Himmel, was seh‘ ich da? Kommt herab.
Mademoiselle! – Hm, hm! Mademoiselle! Für sich. Was in meinem Kopfe vorgeht, ist unerhört.
MANON für sich, lachend. Ein drolliger Mensch!
GUILLOT. Mademoiselle, vernehmen Sie: Ich heiße Guillot, Guillot von Morfontaine und habe viel Geld, gäbe es aber gerne her, um von Ihnen ein einziges liebes Wörtchen zu erhalten. Was meinen Sie dazu?
MANON. Daß ich böse werden könnte, wenn ich nicht vorzöge, zu lachen.

Manon lacht laut, ebenso lachen Poussette, Javotte und Rosette, welche auf den Balkon hinaustraten.

BRÉTIGNY auf der letzten Stufe der Treppe. Guillot, was treiben Sie? Wir warten schon!
GUILLOT für sich. Zum Teufel mit den Narren!
POUSSETTE zu Guillot. Schämen Sie sich nicht? In ihren Jahren?
BRÉTIGNY herunterkommend und Manon betrach tend. Diesmal hat er zufällig einen Schatz entdeckt. Nie blitzten aus einem lieblichen Gesicht schönere Augen.
POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE lachend zu Guillot.
Kommen Sie, Guillot, doch herein,
wollen Sie denn Torheit begehn,
teurer Freund Guillot, das wär‘ nicht schön!
Nur herein!
’s wird gewiß nicht Ihr Schaden sein!
BRÉTIGNY zurückgehend, auf der Treppe. Guillot, so lassen Sie doch das Mädchen in Ruh‘ und kommen Sie zu uns!
GUILLOT ungeduldig. Ich komme gleich! Zu Manon.
Herzchen, nur ein Wort!
BRÉTIGNY. Guillot, machen Sie ein Ende!

Geht hinein.

GUILLOT leise zu Manon. Für mich wird sogleich ein Postillion hier sein; wenn Sie ihn sehen, so bedeutet das, daß ein Wagen wartet, dessen Sie sich bedienen können. Das Weitere – Sie verstehen mich wohl!
LESCAUT kommt wieder, grob zu Guillot. Was wünschen Sie?
GUILLOT bestürzt, stotternd. Mein Herr –
LESCAUT. Nun was – sprechen Sie!
GUILLOT. Ich – ich sagte nichts!

Geht verdrießlich in den Pavillon.

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE, BRÉTIGNY lachend auf dem Balkon. Kommen Sie, Guillot, doch herein usw.

Sie treten vom Balkon zurück. Guillot geht in den Pavillon ab.

LESCAUT ernst. Was wollte denn der, Manon?
MANON leichthin. Mir neu war die Erscheinung –
LESCAUT. Glaub’s wohl! Auch habe ich von dir zu gute Meinung, um bös zu sein.
EIN GARDIST zu Lescaut. Ei was – bist du noch hier?
DER ANDERE GARDIST. Die Karten und die Würfel verlangen nach dir.
LESCAUT.
Sogleich! Nur wollet mir gestatten,
daß der unerfahrnen Jugend
ich gebe Lehren von Weisheit und Tugend.
DIE GARDISTEN mit komischer Achtung.
Horch die Weisheit und Tugend.
LESCAUT zu Manon wichtig.
Sieh ins Auge mir, sei nicht bang;
ich geh‘ nahbei in die Kaserne,
mein Geschäft dort dauert nicht lang,
ein Viertelstündchen bleib‘ ich ferne.
Hier erwarte mich; im Augenblick
bin ich zurück.
Verhalt‘ dich still, daß nichts dich störe,
mein gutes Kind, erinnre dich:
Der Familie Schützer bin ich
und ihrer Ehre!
Sollt‘ irgendwer, keck und frivol
sich zu nahen dir wagen,
meide Aufsehn, und merke wohl,
du darfst dazu kein Wörtchen sagen.
Er möge warten; im Augenblick
bin ich zurück.
Verhalt‘ dich still usw.

Gibt den Gardisten ein Zeichen zum Abgehen.

Und nun laßt sehn, wem von uns denn heut‘
Die Göttin des Spiels den Sieg verleiht.

Im Abgehen wendet er sich nochmals zu Manon.

Verhalt dich still, daß nichts dich störe!

Geht ab.

Siebente Szene

MANON.
So bleib‘ ich hier, setz‘ dort mich hin;
warte still, grüble nicht; will nicht Truggebilde schauen,
alle törichten Pläne verwirren den Sinn.
Fort mit dem Wahn!

Sie scheint ihren Gedanken nachzuhängen; dann plötzlich richtet sie ihre Blicke nach dem Pavillon.

Wie dort so schön sind jene Frauen!
Und die Jüngste, sie trug ein goldnes Halsband doch.
Ach, wie reich und bunt sind die Trachten,
und die Frisuren, ja sie machten
diese Mädchen reizender noch.

Sie steht auf.

So zeig, Manon, den ernsten Willen,
wirf die eitlen Träume weit von dir,
sie können niemals sich erfüllen,
stehst du doch vor des Klosters Tür‘!
Und darum doch, was kann Schön’res es geben,
verlockend ist es allein,
dem Vergnügen immerdar zu weihn,
der Freude nur sein ganzes Leben!
Ach! So zeig, Manon, den ernsten Willen,
wirf die eitlen Träume weit von dir!

Achte Szene

Manon, dann Des Grieux.

MANON Des Grieux bemerkend. Da ist jemand! Schnell zu meiner kleinen Bank!

Setzt sich wieder.

DES GRIEUX ohne Manon zu sehen.
Der Abfahrt Zeit merkte ich mir –

Träumerisch.

Bin noch hier!
Wie konnt‘ das geschehen?

Fest.

Was tut’s, spätestens morgen abend
werd‘ ich den Vater sehen.
Meinen Vater! Er lächelt froh und glücklich,
und mein Herz, wie es pocht vor Lust;
er sieht mich, ruft meinen Namen,
ich flieg‘ an seine Brust!

Unwillkürlich wendet er sich gegen Manon.

O Himmel! Ist’s ein Traumbild?

Entzückt, als ob er eine Erscheinung erblickte.

Woll’n Wunder mich umgeben?
Woher kommt, was in mir vorgeht?
Ist mir doch, als ob mein Leben
geht zu End‘ oder beginnet. Ich fühl‘, daß eine Eisenhand
mich drängt auf einen neuen Pfad
und willenlos mich hält hier festgebannt.
DES GRIEUX sich langsam Manon nähernd. Mademoiselle!
MANON ist aufgestanden, als wollte sie sich entfernen. Nun was?
DES GRIEUX. Verzeihen Sie! Ich weiß nicht – ich gehorche – habe keine Willenskraft – Ich sehe Sie zum ersten Mal, doch ist mir, als sollt‘ ich längst Sie kennen, müßt‘ beim Namen Sie nennen!
MANON einfach. Manon heiße ich.
DES GRIEUX bewegt. Manon!
MANON für sich und sich wieder setzend.
Wie sein Aug‘ zärtlich blicket,
wie der Ton seiner Sprache entzücket!
DES GRIEUX.
Sagt‘ ich närrisches Zeug,
Sie kränken wollt‘ ich nicht.
MANON natürlich.
Jeder Groll liegt mir fern;
sind die Worte doch süß, die das Herz leicht erreichen;
möcht‘ auch ich doch wissen dergleichen,
wiederholt‘ ich sie gern.
DES GRIEUX feurig.
O holde Zaubrin, dich lasse ich nie!
Manon! Auf immerdar nur schlägt mein Herz für Sie!
MANON.
Holder Klang! Was mein Herz bewegt,
erhebt und erregt, fühlt‘ ich nie!
DES GRIEUX.
Ach! Sprechen Sie!
MANON.
Ich bin nur ein armes Mädchen eben, –

Lächelnd.

hab‘ Schlechtes nie begangen – nur bin ich
dem Vergnügen zu gern ergeben,
so sagt‘ man bei mir zu Haus, drum ins Kloster schickt man mich,
grade jetzt – und das ist die Geschichte
von Manon –

Einfach.

von Manon Lescaut.
DES GRIEUX sehr warm.
Nein! Nicht find‘ ich, was verpflichte
zu solcher Grausamkeit,
daß so viel Schönheit, so viel Reiz
sich auf immer lebendig im Kloster vergrabe!
MANON.
Doch wenn der Himmel es gebeut,
dem ich zu gehorchen nur habe;
und der mich so vom Unglück, von Leiden befreit.
DES GRIEUX fest.
Nein! Ihnen soll die Welt nur Glück und Freuden geben.
MANON freudig.
Wie das?
DES GRIEUX.
Der Chevalier Des Grieux ist’s, der sich Ihnen weiht.
MANON.
Dann dankt‘ ich Ihnen mehr als das Leben!
DES GRIEUX leidenschaftlich.
So bleiben Sie, vertraun Sie meinem Wort!
Und sollt‘ ich wandern gleich die Welt zu Ende,
bis ich ein heimlich Asyl für uns fände,
und trüg‘ in den Armen Sie fort.

Jetzt erscheint der Postillion, von welchem Guillot vorher zu Manon sprach, im Hintergrunde; Manon betrachtet ihn, überlegt und lächelt.

MANON.
Vielleicht durch Zufall, daß es sich leichter macht:
Mit einem Wagen, dem Wagen eines Herrn,
der vorher mich verliebt angelacht –

Listig.

rächen sie sich!
DES GRIEUX.
Aber wie?
MANON.
Nun, den Wagen
Nehmen wir!
DES GRIEUX zum Postillion.
Gut! Wir reisen!

Der Postillion geht ab.

MANON bestürzt. Wir beide, wie, Sie meinen?
DES GRIEUX feurig. Ja, der Himmel will uns vereinen, und wir leben in Paris!
BEIDE.
Und wir leben in Paris,
nur der Liebe geweiht
lacht uns selige Zeit.
Welche Zukunft so wonnig süß!
Nach Paris! Nach Paris!
DES GRIEUX naht sich Manon liebevoll. Und ich geb‘ Ihnen meinen Namen! Neigt sich, sie zu umarmen. Ach, Verzeihung!
MANON einfach.
Sagt doch klar mein Auge allein,
bös‘ kann ich Ihnen nimmer sein;
und dennoch ist’s nicht recht.
BEIDE.
Ja, wir leben in Paris usw.
POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE lachen hell im Pavillon.
Guillot, Torheit ist’s, sehn Sie ein,
’s wird gewiß nicht Ihr Schaden sein.
Ha, ha, ha!
MANON sich erinnernd. Das sind jene!
DES GRIEUX. Was meinen Sie?
MANON verwirrt. Nichts! – Diese schönen Damen! –
LESCAUT noch hinter der Szene, angetrunken. Diesen Abend im Wirthaus nebenan gebt ihr alles zurück.
DES GRIEUX erschreckt. Wie?
MANON ebenso. ’s ist die Stimme meines Kusin!
DES GRIEUX. Komm! Schnell fort!

Des Grieux zieht Manon, welche immer nach dem Pavillon blickt, fort.

MANON für sich, mit begehrlichem Ton.
Ach, verlockend doch bleibt es allein,
der Freude weihn sein ganzes Leben!
BEIDE.
Fort, schnell fort!

Sie eilen ab.

Neunte Szene

Lescaut, dann Guillot; Bürger und Bürgerinnen; dann Brétigny, Poussette, Javotte, Rosette, der Wirt.

LESCAUT betrunken.
Nicht einen Sou! Gelungen ist der Scherz!

Ruft.

He! Manon!

Er sucht sie und stutzt.

Wie? Verschwunden! Holla!
GUILLOT steigt leise die Treppe herab.
Ich will sie wiedersehn …
LESCAUT sieht ihn und vertritt ihm den Weg.
Ah, Sie sind’s, dicker Herr!

Grob.

Sie raubten mir Manon, Sie! Gebt sie zurück!
GUILLOT bestürzt.
Schweigen Sie!
LESCAUT immer stärker schreiend.
Gebt sie zurück! Gebt sie zurück!

Die Bürger und der Wirt kommen nach und nach von allen Seiten und lachen über die beiden Personen.

LESCAUT zu Guillot.
Wird’s bald? Gebt sie zurück!
GUILLOT leise.
Sehn Sie doch nur, schon sammeln sich um uns die Leute!
LESCAUT.
Mich kümmert’s nicht!

Zu den Bürgern.

Er raubt mir meine Ehre, das kommt doch nimmer zu –
dem Affengesicht!
GUILLOT betroffen.
O, welch Ereignis!
LESCAUT zu den Bürgern.
Er raubt mir meine Ehre!
ALLE.
Was ist’s? Erklären Sie!
GUILLOT.
Gut! Aber nicht beleid’gen, nicht so schrein, nicht so ergrimmt.
LESCAUT immer lauter.
Reden Sie! Erklären Sie bestimmt:
Ich will Manon! Wo ist Manon?
DER WIRT. Wie? Jenes junge Mädchen – ist abgereist mit einem jungen Manne – hören Sie!

Man hört das Rollen eines Wagens.

GUILLOT verzweifelt. O Himmel!
LESCAUT wütend. Das schändet die Familien-Ehre!
DER WIRT auf Guillot zeigend. In dem Wagen dieses Herrn!
LESCAUT will sich auf Guillot stürzen. Du Lump!
GUILLOT sich entwindend. Laßt los! Laßt los!
LESCAUT sucht ihn gegen den Willen des Wirts zu fassen. Nein! Daß er mich nicht verhöhne!
BRÉTIGNY mit den drei Mädchen aus dem Pavillon kommend.
He! Was? Armer Guillot! Abgereist ist Ihre Schöne?
CHOR lachend.
Abgereist ist seine Schöne,
wie komisch ist er anzusehn!
GUILLOT.
So seid doch still! Ha, Bestrafung gebührt
und Rache jener Falschen wie ihm, der sie entführt!
ALLE lachend.
Ha, ha, wie komisch anzusehn!
Ist wohl dergleichen je geschehn!
LESCAUT.
Morbleu! Manon! Dich werd‘ ich wiedersehn,
und jener soll mir Rede stehn.

Alle lachen.

Der Vorhang fällt.

Zweiter Akt

Zimmer bei Des Grieux und Manon, Rue Vivienne in Paris. Rechts die Eingangstür, links ebenfalls eine Tür. Links, erste Kulisse ein kleiner Schreibsekretär. Rechts ein Tisch bei dem Kamin; auf dem Kamin eine Vase mit Blumen. Sehr einfache Einrichtung. Im Hintergrunde ein Fenster mit kleinen Scheiben und mit weißen Musselinvorhängen versehen, nach der Straße gehend.

Erste Szene

Manon, Des Grieux, dann die Dienerin.

Des Grieux sitzt vor dem Schreibsekretär; Manon schleicht sich hinter ihn und sucht zu lesen, was er schreibt.

DES GRIEUX hört zu schreiben auf und lächelt, dann mit dem Ausdruck des Vorwurfs.
Manon!
MANON heiter.
Haben Sie Furcht, es streifet meine Wange
leis‘ Ihre Wange?
DES GRIEUX.
Neugieriges Kind!
MANON.
Über Ihre Schulter las ich lange,
lächeln mußt‘ ich, sah meinen Namen geschwind.
DES GRIEUX.
Ich schreib‘ meinem Vater. Könnt‘ er verdammen,
was mein Herz hier so offen entdeckt;
wenn er zürnte –
MANON. Das fürchten Sie?
DES GRIEUX. Ja, das ist’s, was mich schreckt.
MANON. Nun denn, laßt uns lesen mitsammen.
DES GRIEUX. Ja, richtig so, laßt beide uns sehn.
MANON liest, natürlich.
»Manon heißet sie, ward gestern sechzehn Jahr;
ihre Jugend, ihre Schönheit müssen jeden entzücken,
und die Stimme, ach, kein Ton je lieblicher war,
so viel Zärtlichkeit gab es noch nie in den Blicken.«
DES GRIEUX wiederholt mit Innigkeit.
So viel Zärtlichkeit gab es noch nie in den Blicken.
MANON.
Ist dem so? Kein Urteil hab‘ ich,
Doch das weiß ich: Sie lieben mich.
DES GRIEUX feurig.
Mehr als das, o vielmehr! Manon, himmlisch‘ Wesen!
MANON abwehrend.
Nicht so! Lassen Sie uns weiter lesen.
DES GRIEUX liest.
»Wie der Vogel überall stets dem Lenz folgen muß,
so ist ihre junge Seele immerdar dem Leben zugewendet,
sie lacht und lohnt durch Blick und Kuß
dem kosenden Zephir, der fliehend Düfte ihr spendet.«
BEIDE wiederholend.
Dem kosenden Zephir, der fliehend Düfte ihr spendet.
MANON nachdenkend.
Es genügt dir also nicht, wenn wir uns lieben?
DES GRIEUX.
Nein; du sollst meine Frau sein.
MANON.
Das ist dein Wille?
DES GRIEUX.
Ja, von ganzer Seele!
MANON. Küsse mich dafür, Chevalier! Umarmung. Dann trag deinen Brief fort.
DES GRIEUX. Gleich soll’s geschehn. Geht nach der Tür, dann bleibt er stehen, als er die Blumen auf dem Kamine erblickt.
Das sind herrliche Blumen … woher hast du das Bukett, Manon?
MANON rasch. Ich weiß nicht.
DES GRIEUX. Wie, du weißt nicht?
MANON lachend. Schöner Grund zu zanken! Es wurde von außen durchs Fenster geworfen; es war reizend, drum hab‘ ich’s bewahrt. Ich denke, du bist nicht eifersüchtig?
DES GRIEUX liebevoll.
Nein; ich schwöre, daß ich in dein Herz kein Mißtrauen setze.
MANON.
Daran tust du wohl. Dieses Herz gehört dir allein.

Man hört Stimmen hinter der Szene.

DES GRIEUX. Wer erlaubt sich denn, so zu lärmen?
DIE DIENERIN tritt ein, bestürzt. Zwei Garde-du- Corps stehn draußen; einer behauptet, Madams Verwandter zu sein.
MANON. Lescaut! Das ist Lescaut!
DIE DIENERIN leise und rasch zu Manon. Der andere ist – ich will nicht laut reden – der andere ist jemand, der Sie liebt; der reiche Pächter, welcher hier nebenan wohnt.
MANON leise. Herr von Brétigny –
DIE DIENERIN leise. Derselbe.

Stärkeres Geräusch von außen.

DES GRIEUX. Das ist doch zu stark; ich will wis sen –

Im Augenblick, wo er hinauseilen will, öffnet sich die Tür; Brétigny als Garde-du-Corps gekleidet und Lescaut treten ein.

Zweite Szene

Vorige. Lescaut, Brétigny.

LESCAUT dreist.
Da seht das Liebespaar,
Treffe beide sogar!
BRÉTIGNY.
Schenken Sie Nachsicht nur und Milde den jungen Leuten!
LESCAUT unverschämt zu Des Grieux.
Sie verwöhnten bis jetzt mich nicht durch Höflichkeiten,
Sie schnurr’ger Herr!
DES GRIEUX lebhaft.
Was soll’s? Nicht redet hier so laut!
LESCAUT ironisch.
Wie, nicht so laut?
DES GRIEUX ruhig und drohend.
Ja, nicht so laut!
LESCAUT.
Da möcht‘ man gleich doch zusammenbrechen!
Ich will hier nur die Familien-Ehre rächen,
zu richten komme ich, als Strafe steh‘ ich hier,
Befehle zu erteilen ist die Reih‘ an mir!
Halunk‘!
BRÉTIGNY.
Zähme dich!
DES GRIEUX.
Nun schön, das kostet Ihnen beide Ohren!
LESCAUT weicht zurück.
Wie, was sagte er?
BRÉTIGNY.
Er schneidet Ihnen ab die Ohren.
LESCAUT.
War einer je so frech und unverfroren!
Wie, er droht noch?
BRÉTIGNY.
Auf alle Fälle!
LESCAUT.
Ha, beim Tod! Bei der Hölle!

Ensemble.

BRÉTIGNY.
Zähme dich, Lescaut, zähme dich!
Beider Mund scheint zu klagen,
so habe Nachsicht, zähme dich!
DES GRIEUX.
O Manon, zähle nur auf mich!
Mein ist die Schuld, ich will sie tragen;
Bald wird er mild, nur nicht verzagen,
o teures Herz, nicht ängst’ge dich!
LESCAUT zu Brétigny.
O haltet mich! Nur haltet mich,
ich würd‘ im Zorne alles wagen,
sie sollen ihre Strafe tragen,
das wird noch enden fürchterlich.
MANON.
Ach, Chevalier, vor Angst sterb‘ ich!
Mein ist die Schuld, ich will sie tragen;
sein finstrer Blick will mich verklagen,
was wird aus uns? Beschützet mich!
BRÉTIGNY.
Lescaut! Sie gehn doch gar zu schnell;
drücken Sie sich bestimmter aus.
LESCAUT wichtig.
Gut! mag’s denn sein! Mademoiselle
ist meine Kusine, und ich wollt‘ mit Höflichkeit –
DES GRIEUX ironisch.
Mit Höflichkeit?
LESCAUT.
Mit Höflichkeit,
Ja, ich wollt‘ mit Höflichkeit
Fragen, mein Herr, ganz ohne Zank und Streit,
Antworten Sie: ja! antworten Sie: nein!
Wird Manon Ihre Gattin sein?
LESCAUT UND BRÉTIGNY.
Sehr klar ist die Sache.
Ehrlich allein
Muß man nur sein,
wie ich’s stets bei Geschäften mache.
BRÉTIGNY lachend zu Des Grieux.
Nun, sind Sie zufrieden gestellt?
DES GRIEUX lachend.
Gewiß, Sie sehn ja, daß ich lache,
da wohl mir Ihr Freimut gefällt.

Zu Lescaut.

Meinem Vater schrieb ich hier offen,

Zeigt seinen Brief.

eh‘ ich verschließe meinen Brief,
möchten Sie lesen ihn, darf ich hoffen?
LESCAUT nimmt den Brief.
Recht gern! Doch schon kommt die Nacht

Beobachtet Manon und Brétigny.

die uns das Lesen mühvoll macht

Entfernt Des Grieux absichtlich.

lasset nah zum Fenster uns gehn,
dort können wir besser noch sehen.

Führt Des Grieux zum Fenster.

MANON eilig zu Brétigny, welcher nah bei ihr steht.
Weshalb verkleidet kommen Sie hierher?
BRÉTIGNY.
Sie zürnen drob?
MANON.
Gewiß, recht sehr,
da Sie wissen, daß wir uns lieben.
BRÉTIGNY.
Ihnen zu sagen hat’s mich hergetrieben,
daß heut‘ abend von hier man ihn entführen will –
MANON.
Heut‘ abend?
BRÉTIGNY.
Und auf Befehl seines Vaters –
MANON bewegt und überrascht.
Wie, auf Befehl seines Vaters?
BRÉTIGNY.
Ja, heut‘ abend gewaltsam schleppt von hier man ihn fort.
MANON schreitet vor.
Ha, das werd‘ ich hindern, auf mein Wort.
BRÉTIGNY hält sie zurück.
Warnen Sie ihn, dann elend machen
Sie ihn und sich; doch wird ihm nichts vertraut,
wird Reichtum und Glanz Ihnen lachen.
Was Ihrer harrt –
MANON ängstlich.
Nur nicht so laut!
LESCAUT liest.
»Manon heißet sie, ward gestern sechzehn Jahr –
ihre Jugend, ihre Schönheit« –

In anderem Ton.

rührend klingt das fürwahr!
DES GRIEUX.
Ach, der Seele Wonne, das Entzücken
vermag kein Wort je auszudrücken!
BRÉTIGNY zu Manon.
Manon, es nahet die Stunde,
Freiheit ist Ihr Gewinn,
allein durch Ihre Schönheit
sind Sie die Königin.
LESCAUT liest.
»So wie der Vogel stets nur dem Lenz folgen muß –
so ist ihre junge Seele nur dem Leben zugewendet« –
das ist Dichtung der Lieb‘, welch zarter Sinn!
MANON.
Ach, welche Qual trübt meinen Sinn –
gehn Sie fort, nur fort!
LESCAUT.
Das genügt! Wir sind schon am End‘
und ich mach‘ Ihnen mein Kompliment.
Kusine, und Sie Kusin, nur voll Achtung kann ich sprechen;
hier meine Hand, es wäre ja Verbrechen,
dem noch entgegen sein.
Liebe Kinder – ich segne Euch –

Mit komischer Rührung.

die Tränen – dieses Glück. –

Zu Brétigny.

Ziehn wir ab?
BRÉTIGNY.
Sogleich!
LESCAUT UND BRÉTIGNY im Abgehen.
Ganz klar ist die Sache,
ehrlich allein
muß man nur sein,
wie ich’s stets bei Geschäften mache.

Sie gehen ab.

MANON nachdenkend, für sich und sich setzend.
In der Brust – welche Qual!
DES GRIEUX für sich.
O, leuchtet doch meinem Glücke
der Morgen mit freundlichem Strahl!

Dritte Szene

Des Grieux, Manon, die Dienerin (tritt ein mit einem Licht).

DES GRIEUX. Was gibt’s?
DIENERIN. Das Abendbrot!
DES GRIEUX. ’s ist ja wahr; doch mein Brief ist noch hier.
MANON. Nun, so trag‘ ihn fort.

Die Dienerin deckt den Tisch und geht ab.

DES GRIEUX unentschlossen. Manon –
MANON. Und was?
DES GRIEUX vor ihr kniend.
Ich liebe dich, ich vergöttre dich! Und du, sag, liebst du mich?
MANON.
Ja, teurer Chevalier, ich liebe dich!
DES GRIEUX.
Dann – solltest du mir auch versprechen –
MANON.
Was?
DES GRIEUX aufstehend.
Nein – nichts, ich besorge meinen Brief

Geht ab.

Vierte Szene

MANON aufstehend, sehr verwirrt.
’s ist für ihn! Drum zurück darf ich nimmer –
mein armer, armer Freund – gewiß, ich lieb‘ ihn immer,
und warum doch schwank‘ ich so sehr!
Nein, nein, ich bin seiner würdig nicht mehr!
Ich höre die lockende Stimme,
sie verwirrt meinen Sinn:
»Manon, du wirst durch deine Schönheit Königin!«

Schwach bin ich doch fürwahr –
und unberechenbar!
Ach, dennoch fühl‘ ich meine Tränen fließen,
dem flieh’nden Traume folgt mein Sinn.
Wird die Zukunft mir das Glück erschließen
der schönen Tage, die dahin?

Sie steht nun bei dem gedeckten Tisch.

Mein Tischchen, von dir muß ich nun scheiden,
das oft uns vereint zum schönen Los,
leb wohl, ich soll dich ewig meiden,
du Tisch, so klein, für uns doch so groß;
wir brauchten – o man glaubt es kaum,
dicht beieinander so wenig Raum.
Ein Glas nur gab’s in unsrem Lande,
wenn einer trank, dann sucht‘ er sich
die Lippen des andern am Rande –
ach armer Freund, wie liebt‘ er mich!
Leb wohl, du liebes kleines Tischchen, leb wohl!

Sie hört Des Grieux kommen.

Er ist’s! Nichts soll verraten meiner Seele Qual!

Fünfte Szene

Manon. Des Grieux.

DES GRIEUX feurig.
Endlich, Manon, dürfen für uns wir leben!

Blickt sie an.

Doch wie – in Tränen?
MANON.
Nein!
DES GRIEUX dringend.
Deine Hand fühl‘ ich beben –
MANON gezwungen, heiter.
Da steht auch unser Mahl!
DES GRIEUX.
Ich Tor, meine Schläfen glühen;
das Glück ist wandelbar doch nur,
und von so luftiger Natur,
daß man stets fürchet, es möcht‘ entfliehen.
Zu Tische!
MANON.
Zu Tische!
DES GRIEUX.
O schöne Zeit,
wo die Furcht von uns genommen,
wo uns beiden winkt Einsamkeit.
Denk, Manon, auf dem Weg ist mir ein Traum gekommen.
MANON für sich, bitter.
Wem ist nicht schon ein Traum gekommen?
DES GRIEUX vertraulich.
Ich schloß die Augen – und ich sah
eine einfache Hütte;
in des Waldes Mitte
weiß und freundlich stand sie da.
Es herrschte Dunkel und Stille;
in einer Quelle kühl und rein
spiegelt sich der Blätter Fülle,
und es singen Vögelein.
’s wär‘ das Paradies! Doch nein,
alles schaut so grämlich trübe,
das Beste fehlt. Wenn ich bliebe,
könnt’s nur mit Manon sein!
MANON sanft.
Das sind Träume, die entschweben –
DES GRIEUX.
Nein, ein stilles sel’ges Leben,
wenn du es willst, o Manon!

Es klopft leise an der Türe.

MANON für sich.
Himmel! Schon –
DES GRIEUX.
Jemand dort?

Heiter.

Wer darf denn Liebesleute stören?

Steht auf.

Ich schicke den Lästigen fort

Lächelnd.

und kehr‘ zurück.
MANON verwirrt. Leb wohl!
DES GRIEUX erstaunt. Wie das?
MANON verlegen. Nein, ich weigre mich!
DES GRIEUX dringend. Weshalb?
MANON. Du sollst aus dem Zimmer nicht gehen – in meinen Armen halt‘ ich dich!
DES GRIEUX sich sanft losmachend. Du Kind, was ist Dir?
MANON. Nichts –
DES GRIEUX. Laß doch sehen –
MANON. Nein, ich will es nicht!
DES GRIEUX.
Ein Fremder wohl, der im Irrtum scheint –
Ich weis‘ ihn artig ab, nicht lange will ich machen,
komme wieder; über dein töricht‘ Wesen werden wir lachen!

Er geht ab.

Man hört Lärm von Streitenden; Manon steht auf und läuft zum Fenster. Unten das Rollen eines Wagens.

MANON.
Mein armer, armer Freund!

Sie drückt den tiefsten Schmerz aus. Der Vorhang fällt langsam.

Dritter Akt

Erstes Bild

Die Promenade Cours-la-Reine. Ein Volksfest. Zwischen großen Bäumen stehen Buden, in welchen Modewaren, Spielzeug zu haben sind. Offene Küchen, Quacksalber, Lieder-Verkäufer usw. Rechts die Ankündigung eines Tanzlokals. Reges Leben beim Aufgehen des Vorhangs. Verkäufer und Verkäuferinnen verfolgen die vorübergehenden Edelleute, Bürger und Bürgerinnen, ihre Waren aller Art anbietend.

Erste Szene

CHOR DER VERSCHIEDENEN VERKAUFENDEN.
Bunte Schuh‘, Sie können wählen! –
Rote Schminke darf nicht fehlen! –
Tücher, Kappen, sehen Sie –
Karten hier zur Lotterie –
neue Lieder, kaufen Sie –
Puder, feiner Schnupftabak –
Elixier, schön von Geschmack –
Hüte, Bänder wie noch nie –
man muß sorgen für den Magen,
hier ißt jeder mit Behagen. –
Reiherfedern, die stolz wehen –
Häubchen, herrlich anzusehen –
Bälle, Spiele aller Art –
Gaze-Ärmel, kaufen Sie –
Hier Bonbons, Pasteten stehen.
ALLE.
Das schönste Fest ist heute,
das froh man feiern soll,
und auf des Königs Wohl
nur trinken alle Leute,
ja, auf des Königs Wohl.

Tanzmusik in der Ferne. Poussette und Javotte kommen aus dem Ballhause. Zwei junge Schreiber, welche jemand zu suchen scheinen, bemerken sie und auf deren Winken eilen sie zu den Mädchen. Rosette tritt zu gleicher Zeit auf.

POUSSETTE, JAVOTTE.
Reizend sind doch solche Feste!
Wie hab‘ das Gewühl ich gern;
ich bin frei, das ist das beste,
da die Eifersücht’gen fern.
POUSSETTE zu den jungen Schreibern.
Nun, ’s bleibt dabei!
JAVOTTE.
Es sei gewährt!
ROSETTE.
Doch dürft ihr nicht das Schweigen brechen!
JAVOTTE.
Ich will auch alles gern versprechen.
ROSETTE, POUSSETTE, JAVOTTE.
Daß aber Guillot nichts erfährt!
Reizend sind doch solche Feste usw.

Poussette und Javotte kehren in das Ballhaus zurück.

Rosette geht ab.

CHOR wiederholt.
Das schönste Fest ist heute usw.

Zweite Szene

Vorige. Lescaut (sich durch die Menge drängend).

VERKÄUFER ihn verfolgend.
Mein Herr, bei mir!
O wählen Sie doch hier!
LESCAUT.
Was wählen! Wozu das? Gebt her die Sachen,
denn heut‘ kauf‘ alles ich,
Meiner Schönsten Freude zu machen,
etwas gefällt ihr sicherlich.
VERKÄUFER.
Mein Herr, bei mir! O kauft doch hier!
LESCAUT.
Wozu sich aufs Sparen legen,
mit drei Würfeln in der Hand?
Ist mir doch das Haus bekannt,
wo lacht Fortunas goldner Segen!
VERKÄUFER.
Mein Herr, bei mir! O kauft doch hier!
LESCAUT zeigt seine beiden mit allen möglichen Waren bedeckten Arme.
Genug! genug!

Mit Gefühl.

O Rosalinde,
daß ich nicht Pindars Worte finde
Zu deinem Lob – mein Herze bricht’s!
Wen man auch preist als schön hinieden,
all die Clorinden und Armiden,
Was sind sie neben dir? Nichts, aber nichts!
Was wählen! Bah, wozu?
Wozu sich aufs Sparen legen usw.
Kommt nur her, ihr Schönen, nahet euch!
Hier ein Juwel! Zwei Küßchen und ihr habt’s sogleich!

Geht, von den Verkäufern verfolgt, ab.

Dritte Szene

Guillot, Poussette, Javotte, Rosette, die kleinen Schreiber.

Dann Brétigny.

GUILLOT die Mädchen sehend. Guten Tag, Poussette!
POUSSETTE schreit auf. Himmel!

Läuft ab.

GUILLOT. Guten Tag, Javotte!
JAVOTTE schreit. Gott!

Läuft ab.

GUILLOT. Guten Tag, Rosette!
ROSETTE schreit. Ah!

Läuft ab.

GUILLOT. Ha! sie lassen mich da stehn! Weiber! Und ich hatte mir drei genommen; ich dachte, daß, wenn zwei mich hintergehen, wenigstens die dritte treu bleiben würde. Das Weib ist doch ein bösartiges Geschöpf!
BRÉTIGNY welcher die letzten Worte hörte. Bravo, Guillot! Der Scherz ist nicht übel, nur ist er nicht von Ihnen! Da Guillot ihn wütend anblickt. Gott! Welch finsteres Gesicht! Ich wette, Dame Javotte hat Sie gefoppt.
GUILLOT. Mit Javotte ist’s aus!
BRÉTIGNY. Und – Poussette?
GUILLOT. Mit Poussette auch!
BRÉTIGNY. So wären Sie also frei? Ironisch.
Guillot, ich bitte Sie, machen Sie mir Manon nicht abspenstig!

Ironisch bittend.

Schwören Sie mir das!
GUILLOT. Ach, lassen Sie das Höhnen! Aber, sagen Sie doch, man hat mir erzählt, daß Manon Sie gebeten, das Ballett der Oper zu ihr kommen zu lassen, und daß Sie ihr das trotz aller Tränen abgeschlagen hätten.
BRÉTIGNY. Die Nachricht ist Wahrheit.
GUILLOT. Also doch! Entschuldigen Sie, wenn ich Sie auf kurze Zeit verlasse, bald bin ich wieder hier.

Geht, sich die Hände reibend und trällert.

Ticke ticke ton! Ticke ticke ton,
Man nimmt dir doch deine Manon!

Vierte Szene

Brétigny, Verkäufer und Spaziergänger kommen zurück; dann Manon in einer Portechaise, mit Läufer, zwei kleinen Negern und Trägern in glänzender Livree.

CHOR.
Da sind die reichen Damen,
die her zum Feste kamen,
mit dem Siegesblick,
mit dem Liebesglück.

Manon erscheint, von Brétigny und mehreren jungen Edelleuten begleitet.

CHOR untereinander.
Prinzessin ist wohl jene? –
Fürstin sicher ist die Schöne!
O, ’s ist ja die, die jeder kennt,
Manon nennt.
’s ist die schöne Manon!
BRÉTIGNY zu Manon, welche aus der Portechaise steigt.
Holde Zaubrin Manon!
DIE EDELLEUTE.
Holde Zaubrin Manon!
MANON.
Lohnt es der Müh‘, mich anzusehn?
DIE EDELLEUTE UND BRÉTIGNY.
Zum Entzücken! Göttlich!
MANON.
Ist es wahr? Dank‘ recht schön!

Kokett.

Ich bin gut, das wird man wohl glauben;
Mir bewundernd zu nahn, will ich gnädig erlauben.

Selbstbewußt und froh.

Ja, überall bin ich bekannt,
mein Reiz, der das Szepter führet,
vor mir beugt man sich, küßt mir die Hand,
meine Schönheit allein regieret.
Sorglos Dasein ist mir beschieden,
nicht frag‘ ich nach Liebesglut,
die Mächt’gen ziehn vor mir den Hut,
ich bin die Schönste, ich bin zufrieden!
Das Leben scheint mir rosenrot,
auf sonnigem See treibt mein Nachen;
und käme einst zu mir der Tod,
Empfäng‘ ich ihn, das glaubet mir, mit hellem Lachen.

Gavotte.

1.

Folget dem Ruf, so lieblich zu hören,
der lockt euch zur Liebeslust!
So lange Schönheit, Anmut währen
und die Brust siegbewußt,
nutzet die schönen jungen Tage,
wo Lenz, wo Liebe euch erfreut,
singt, lacht, verscheuchet jede Klage,
herrlich, göttlich ist die Jugendzeit!
Nutzet die schönen, jungen Tage usw.

2.

Das Herz dereinst hört auf zu glühen
und vergißt der Liebe Glück,
sieht seinen Lenz entfliehen,
er kehrt nie mehr zurück.
Drum nützt die schönen jungen Tage
bald bleibt uns nur Erinnerung,
liebt, lacht, verscheuchet jede Klage
und denkt: wir sind nur einmal jung!
Drum nützt die schönen jungen Tage usw.

Zu Brétigny.

Jetzt gehe ich; wieder hier bin ich bald,
wenn zum Kauf ich etwas gefunden.
BRÉTIGNY artig. Ach, mit Ihnen ist nun auch dieses Festes Glanz entschwunden.
MANON.
Das ist doch fad – und dabei auch so alt!
Man muß als großer Herr etwas Geist auch bekunden.

Sie geht zu den kleinen Buden im Hintergrunde, von Neugierigen gefolgt, die sich dann entfernen.

Fünfte Szene

Brétigny, der Graf. Manon (im Hintergrunde).

BRÉTIGNY. Ich täusche mich nicht, Graf Des Grieux!
DER GRAF. Herr von Brétigny –
BRÉTIGNY. Ich bin’s! Kaum trau‘ ich meinen Augen, Sie in Paris?
DER GRAF. Mein Sohn führt mich hierher.
BRÉTIGNY. Der Chevalier?
DER GRAF. Das ist er nicht mehr, Abbé Des Grieux muß man jetzt sagen.
MANON naht sich, indem sie tut, als ob sie zu einem Händler spräche. Des Grieux!
BRÉTIGNY. Abbé, er, wie kam das?
DER GRAF. Der Himmel zieht ihn an, er will Geistlicher werden. Jetzt ist er in Saint-Sulpice und heut abend predigt er.

Nach diesen Worten tritt Manon zurück.

BRÉTIGNY lächelnd. Abbé! Das ist sonderbar. Eine derartige Wandlung –
DER GRAF auch lächelnd. Sie haben das zuwege gebracht, da Sie sein Verhältnis mit einer gewissen Person zerstörten.
BRÉTIGNY deutet auf Manon im Hintergrunde. Nicht so laut!
DER GRAF. Diese ist’s?
BRÉTIGNY. Ja, Manon!
DER GRAF schmunzelnd. Nun errate ich, wieso Sie so eifrig die Interessen meines Sohnes wahrnahmen Sieht die näherkommende Manon.
Doch entschuldigen Sie, sie will mit Ihnen sprechen. Grüßt und tritt etwas zurück; für sich.
Sie ist in der Tat wunderschön!
MANON zu Brétigny. Lieber Freund, ich möchte ein Armband, so wie dieses hier, und kann keines entdecken.
BRÉTIGNY. Gut, ich gehe selbst danach.

Grüßt den Grafen und geht ab.

DER GRAF für sich. Sie ist reizend und ich begreife, daß man sie liebt.

Sechste Szene

Manon, der Graf.

MANON zum Grafen verlegen. Verzeihn Sie! Doch ich war hier, Ihnen nah auf zwei Schritt; neugierig bin ich auch, so folgt‘ ich dem Berichte …
DER GRAF lächelnd. Ein kleiner Fehler ist’s, zählt bei Frauen kaum mit. Grüßt, um zu gehn. Madame! –
MANON tritt näher. Sie sprachen da – von einer Liebesgeschichte?
DER GRAF erstaunt. Gewiß!
MANON ihre Bewegung zurückhaltend. Nun – glaube ich, – Nur um Entschuld’gung möcht‘ ich bitten – Ich glaub‘ – dieser Abbé Des Grieux – liebte einst – inniglich –
DER GRAF. Nun wen?
MANON. Jene war meine Freundin.
DER GRAF. Ah – nun gut!
MANON mit steigender Bewegung.
Er liebte sie – und wissen möcht‘ ich gern,
ob der Verstand besiegte seine Liebe –
und ob er seinen Schmerz bis so weit überwand,
daß dem Herzen an sie die Erinnerung entschwand.
DER GRAF leichthin und doch mit Ausdruck.
Muß man denn durchaus vieles wissen?
Wohin uns das Geschick einst führt,
was aus jeder ersten Liebe wird,
warum Rosen so früh sterben müssen?
MANON für sich.
Mein Gott, gib mir Mut, ihn zu fragen,
gib, daß er mir Vertrauen schenkt.
DER GRAF.
Nichts zu wissen, läßt sich leichter tragen,
als wenn man sich um Vergangnes kränkt.
MANON.
Nur noch ein Wort!-Faßt ihn nach ihr ein schmerzlich‘ Sehnen?
Fiel ihm ihr Name öfter ein?
DER GRAF sie scharf anblickend.
Im stillen vergoß er viel Tränen –
MANON sehr bewegt.
Und hat er weinend ihr geflucht?
DER GRAF.
Nein!
MANON.
Und sagt‘ er nie, wie er die Falsche geliebt so sehr?
DER GRAF nach Zögern.
Sein Herz ward geheilt und dann
verschloß er sich mehr und mehr.
MANON.
Und seitdem?
DER GRAF leicht, doch absichtlich.
Macht‘ er’s, wie die Freundin unterdessen,
und wie’s jeder Mensch machen soll,
ist man vernünftig, denk‘ ich wohl:
Man muß vergessen!
MANON schmerzlich.
Man muß vergessen!

Der Graf grüßt mit Achtung und zieht sich zurück.

In den Theatern ohne Ballettcorps geht man von hier gleich zu dem Zeichen * Seite 48; Lescaut und der Chor kommen alsdann herein, Guillot tritt nicht hervor und die auf Seite 49 eingeklammerten Worte von Manon und Guillot werden ausgelassen.

Siebte Szene

Manon, Brétigny, Guillot mit einigen Freunden, dann Lescaut. Edelleute und Damen, Spaziergänger, Verkaufende.

BRÉTIGNY. Antworten Sie mir, Guillot! Man lacht.
GUILLOT. Nein! Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten!
BRÉTIGNY. Herr von Morfontaine, Sie werden mir alles sagen.
GUILLOT. Ihnen, mein Freund, nichts! Zu Manon. Aber Ihnen, meine Königin.
BRÉTIGNY. Wie?
GUILLOT. Nun ja; das Ballett der Oper, welches Sie ihr versagten – wird sogleich hier sein!

Bewegung in der Menge.

BRÉTIGNY.
Ich muß die Waffen strecken.

Zu Manon.

Sie sind traurig?
MANON. Ich – nein!
BRÉTIGNY. Es scheint, daß Tränen –
MANON. Torheit!
GUILLOT zu Manon.
Doch nun, Manon, bitte, nahen Sie mir:

Wichtig.

Das neueste Ballett tanzt man vor Ihnen hier!

Zu Lescaut.

Lescaut, nur her!
LESCAUT ergeben.
Ich verstehe Ihr Winken.
GUILLOT.
Merkt auf! Ich bin’s, der alles gab,
Man reiche auch dem Volke vollauf zu trinken!

Zieht die Börse.

Wieviel?
LESCAUT nimmt die Börse.
Wir rechnen später ab.

Geht ab.

CHOR.
Das Ballett! Das sah man noch nicht!
Bald Paris davon spricht!
’s ist königlich, so ein Vergnügen,
das den Rival zu Grunde richt’t.
Das sah man noch im Leben nicht!
GUILLOT für sich freudig.
Ja, königlich ist das Vergnügen,
das Ballett tanzt hier für uns allein,
nur sehr viel Geld könnt‘ das verfügen;
mein Rival wird rasend sein!

Ballett 1. 2. 3. 4.

MANON für sich.
Nein! Sein Leben bleibt doch dem meinen eng, verkettet!
Er kann mich nicht vergessen haben!

Sieht Lescaut neben sich.

Meinen Wagen, Kusin!
LESCAUT.
Wohin belieben Sie?
MANON.
Nach Saint-Sulpice!
LESCAUT.
Welch‘ tolle Laune! Wohin? Nach Saint-Sulpice?
MANON.
Nach Saint-Sulpice!
GUILLOT vor Manon kniend.
Nun, Herrin meines Lebens, was sagen Sie?
MANON. Ich habe nichts gesehen.
GUILLOT sich verdrießlich entfernend.
Nichts gesehen? Das also ist der Dank für meine Ritterlichkeit?
CHOR wiederholt. Das schönste Fest ist heute usw.
Zweites Bild

Das Sprechzimmer im Seminar Saint-Sulpice. Sehr einfache Bauart des 18. Jahrhunderts. In der Mitte, zwischen zwei Säulen, große Gittertür. Rings herum bis zur Mitte der Wand Tafelwerk von altem Eichenholz; unten ebensolche Bänke; die Decke einfach weiß. An jeder Seite der Mitteltür zwei Heiligenbilder. Rechts, erste Kulisse eine kleine Tür.

Erste Szene

VORNEHME DAMEN, BÜRGERINNEN, FROMME von Des Grieux sprechend.
Nein, ohnegleichen,
er spricht ganz staunenswert,
kaum zu erreichen,
ein Pred’ger unerhört!
Ach, wie so sanft ist sein Organ,
und wie so feurig kann es klingen,
wenn man ihn hört, niemand kann
so zart bis auf den Grund der Seele dringen.
Und mit welcher Kunst malt‘ er in der These
den heil’gen Augustin, die heilige Therese!
Heil’ger ist auch er,
dran zweifl‘ ich nicht mehr.
Er ist ohnegleichen!

Des Grieux erscheint.

O seht, er scheint noch tief bewegt!
Wie er die Augen niederschlägt!

Sie gehen langsam ab, nachdem sie Des Grieux mit tiefen Verbeugungen gegrüßt.

Zweite Szene

Des Grieux. Der Graf Des Grieux.

DER GRAF.
Bravo, mein Sohn; vollständiger Erfolg!
Unser Haus kann stolz darauf sein, einen zweiten
Bossuet zu besitzen.
DES GRIEUX.
Mein Vater, schonen Sie mich!
DER GRAF.
Und du willst dich wirklich auf ewig dem Himmel weihen?
DES GRIEUX.
Ja, im Leben fand ich nur Bitterkeit und Ekel.
DER GRAF mit Anflug von Ironie.
Das sind Reden, die man kennt!
Welch Geschick hat dir sie eingegeben?
Wie wenig weißt du noch vom Leben,
wenn du denkst, du wärst schon am End‘.
Zur Frau nimm ein ehrsames Mädchen,
die paßt für uns, die paßt für dich,
als Vater leb im Kreis der Deinen,
nicht schlechter und nicht besser als ich.
Dazu hat Gott uns ausgerüstet,
dort liegt, glaube mir, unsre Pflicht;
die Tugend, die sich gerne brüstet,
ist schon die wahre Tugend nicht!
Zur Frau nimm ein ehrsames Mädchen usw.
DES GRIEUX. Nichts kann mich mehr abhalten, das Gelübde zu tun.
DER GRAF. Also bestimmt?
DES GRIEUX. Ja, bestimmt!
DER GRAF. Gut! Dann darf ich den Unsren verkünden, daß sie in der Familie einen Heiligen haben. Viele werden mir freilich nicht glauben.
DES GRIEUX. Bitte, spotten Sie nicht!
DER GRAF bewegt. Noch etwas! Da man dir schwerlich so bald ein Einkommen geben wird, will ich dir noch heute dreißigtausend Livres schicken. –
DES GRIEUX. Mein Vater –
DER GRAF. Das ist dein mütterliches Erbteil. Und nun, leb wohl, mein Sohn!
DES GRIEUX. Leben Sie wohl, mein Vater.
DER GRAF. Leb wohl! Bleib zum Gebet!

Er geht ab.

Dritte Szene

Des Grieux, dann der Türsteher.

DES GRIEUX.
Ich bin allein! endlich allein! Mein Los soll sich entscheiden!
Nichts will ich teuer nennen
als die heilige Ruh‘, die der Glaube gewährt.
Mein Herz soll die Welt nicht mehr kennen,
nur Gott allein, den es verehrt.
Flieh, o flieh, holdes Bild mit den Wonnen und Qualen,
achte nun meine Ruh‘ als schwer errungnes Gut;
und bedenk, wenn ich trank aus, ach, so bittren Schalen,
daß mein Herz sie gefüllt mit seinem heißen Blut!
Was auch ist mit dem Leben, dem Ruhm zu gewinnen?
Bannen will ich auf ewig aus meinen Sinnen
den entsetzlichen Namen, der auf mir lastet, mich verzehrt!
DER TÜRSTEHER.
Der Gottesdienst!
DES GRIEUX.
Ich komme!

Für sich.

Mein Gott, dem ich mich befehle,
o, läutre meine Seele;
vor Dir und Deinem Glanz entflieht
der Schatten, der noch oft durch die Seele mir zieht.
Flieh, o flieh, holdes Bild usw.

Er geht langsam ab.

Vierte Szene

DER TÜRSTEHER. Er ist jung und scheint aufrichtig gläubig – er hat die frommen Schönen ungewöhnlich bewegt.

Fünfte Szene

Der Türsteher, Manon.

MANON mit Anstrengung. Mein Herr – ich wünschte zu sprechen – den – Abbé – Des Grieux!
DER TÜRSTEHER. Sehr wohl!
MANON ihm Geld gebend. Nehmen Sie!

Der Türsteher verbeugt sich und geht ab.

Sechste Szene

MANON. Diese verschwiegenen Wände – diese eisige Luft, die man hier atmet – wenn alles dies sein Herz nicht verwandelte, wenn es nicht erbarmungslos wurde für eine Torheit – wenn er hier nicht verdammen gelernt.

Man hört Gesang aus der Kapelle des Seminars.

Dort beten sie – ach, auch ich möchte beten!
Verzeih, o Gott, steh mir bei auf dem Pfade;
wenn ich’s wage, mich Dir zu nahn,
rufe Dich an um Deine Gnade,
steigt mein brünstig‘ Gebet auf zu Dir in den Höhn,
nur sein Herz will von Dir ich erflehen.
Verzeih mir, mein Gott!

Siebte Szene

Manon, Des Grieux vom Hintergrunde auftretend.

MANON fast ohnmächtig, wendet sich um. Er ist’s!
DES GRIEUX kommt nach vorn. Du! – Sie!
MANON. Ja, ich bin’s! Ich bin’s! Ich!
DES GRIEUX. Was führte dich hierher? Geh! Entferne dich!
MANON flehend.
Ja, wohl bin ich strafbar gewesen,
doch, wie groß auch war unser Glück!
Dürft‘ in deinem Auge ich lesen,
daß es Verzeihung bringt zurück?
DES GRIEUX.
Nein! Der schöne Traum ist gewesen,
der brachte ein trüg’risches Glück,
ach, zu bald mußte er sich lösen,
nimmer, nimmer kehrt er zurück.

Pause.

O, du treuloses Weib!
MANON sich ihm nähernd.
Bereut‘ ich mein Vergehn –
DES GRIEUX.
Ha, du Falsche! Du Falsche!
MANON.
Ließest du mich trostlos von dir gehn? –
DES GRIEUX sie unterbrechend.
Nicht Glauben will ich schenken;
nein, verlernt endlich habe ich, an dich zu denken –
mein Herz kennt dich nicht mehr!
MANON.
O sieh in mir das Vöglein, das flieht,
gefangen wollt’s nicht bleiben,
nun kommt’s gar oft des Nachts zu dir verzweiflungsvoll,
Pocht an deine Fensterscheiben!
Ach, gnädig sei. –
DES GRIEUX.
Nein!
Manon: Dir zu Füßen sterbe ich!

Verzweifelnd.

Wenn du willst, daß ich leb‘, gib wieder mir deine Liebe!
DES GRIEUX. Nein! Sie ist tot für dich!
MANON sich nähernd.
Könnte möglich es sein, daß dein Ohr verschlossen bliebe?
O höre mich!
Erinnre dich!

Ergreift seine Hände, sehr zärtlich.

Ist’s nicht mehr meine Hand, die die deine drücket?
Nicht die Stimme heut‘?
Dieser Stimme Klang, der dich noch entzücket,
wie in schöner Zeit?
Und die Augen auch, ob getrübt vom Sehnen,
glänzen sie nicht noch, selbst erfüllt von Tränen,
ist’s nicht mehr Manon? Kennst den Namen du?
Ach, so sieh mich an! Sieh mich an!
DES GRIEUX in höchster Verwirrung.
O Gott! Schütz mich in dieser Not, daß Kraft ich finde!
MANON.
Ich liebe dich!
DES GRIEUX.
Schweig, o schweig – sprich hier von Liebe nicht – das wäre Sünde!
MANON.
Ich liebe dich!

Fernes Glockenläuten.

DES GRIEUX horchend und ängstlich.
Es läutet zum Gebet!
MANON.
Nein, ich lasse dich nicht!
DES GRIEUX.
Doch mich rufet die Pflicht!
MANON.
Nein, nein, ich lasse dich nicht!
Komm! Ist’s nicht mehr meine Hand, die die deine drücket usw.
DES GRIEUX schwungvoll.
Ach, Manon!

Er kommt, wie durch eine unbezwingliche Kraft getrieben, zu Manon zurück.

Und sollten Erd‘ und Himmel auch erbeben,
nein, nicht länger will ich kämpfen gegen mich,
in deinem Herzen liegt, in deinem Blick mein Leben,
ach, komm, Manon – ich liebe dich!

Er sinkt in Manons Arme und entflieht mit ihr.

Der Vorhang fällt.

Vierter Akt

Erstes Bild

Ein großer und reich ausgestatteter Saal des Transsylvanischen Hotels; Öffnungen führen in andere Säle. Links ein Fenster, Spieltische in allen Sälen. Wenn der Vorhang aufgeht, umgeben zahlreiche Spieler die Spieltische.

Erste Szene

Lescaut, Poussette, Javotte, Rosette, Spielgehilfen, Spieler, Falschspieler, später Guillot.

SPIELGEHILFEN im Hintergrunde. Meine Herren, das Spiel beginnt!
ERSTER SPIELER. Tausend Pistolen!
ZWEITER SPIELER. Ich halte sie!
ERSTER SPIELER. Ich verdopple!
ZWEITER SPIELER. Drei Blatt!
ERSTER SPIELER am Würfeltische. Verloren!
ERSTER SPIELER. Zwei!
ZWEITER SPIELER. Fünf!
ERSTER SPIELER. Sieben!
ZWEITER SPIELER. Zehn!
EINE STIMME IM HINTERGRUNDE. Hundert Louisdor!
LESCAUTS STIMME. Vierhundert Louisdor!
LESCAUT tritt vor. Vivat! Ich gewann!
EIN SPIELER ihm nacheilend. Ich schwöre Ihnen, daß das Geld mir zukommt.
LESCAUT. Wenn Sie das mit solcher Sicherheit behaupten –
DER SPIELER. Ich hatte As und König.
LESCAUT. Dann meinetwegen noch einmal!

Geht zurück.

DIE FALSCHSPIELER treten leise vor.
Nur wer ganz unerfahren,
hofft vom Zufall die Gunst;
wer klug, weiß sich zu wahren,
spielen ist eine Kunst.
Soll es Vorteil stets bringen,
will’s den Rücken uns drehn,
muß durch Kunst man verstehn,
das Glück sich zu erzwingen.
LESCAUT.
Trotzdem ich den Gewinn erzielt,
mit Anstand hab‘ ich stets gespielt.

Entfernt sich.

POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE gehen umher, alle beobachtend.
Lasset uns Transsylvanien preisen,
hierher kommt man aus allen Kreisen
so Tag wie Nacht im lieben Jahr.
Hier winkt das Gold allen Schönen,
ja, wir gewinnen immerdar!
DIE FALSCHSPIELER treten von der andern Seite wieder auf.
Nur wer ganz unerfahren usw.
LESCAUT kommt vergnügt zurück, alle umgeben ihn.
Meine Schöne, der ich ergeben,
sie hat hier den Aufenthalt,
und ich singe euch alsobald
ein kleines Lied, von mir erfunden,
und das zu ihrem Lob erschallt.

Im Hintergrunde das Geräusch des Goldes.

Hört das Geräusch, das uns erfreut,
das tönet bei ihr jederzeit.
Die ich liebe – ja ihr Name?
Wer mich als verschwiegen kennt,
der staunt, daß doch mein Mund sie nennt;
Sie heißt:
POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE.
Nun, sie heißt?
LESCAUT.
Pallas ist’s, es ist Pique-Dame!
Und somit ist mein Lied zu End‘.
ALLE im Hintergrunde das Geräusch des Goldes.
Hört das Geräusch, das uns erfreut usw.

Guillot kommt herein.

Zweite Szene

Vorige, Manon, Des Grieux.

Große Bewegung. Alle erheben sich, um die eintretenden Des Grieux und Manon zu betrachten.

GUILLOT.
Wer kommt da mit solchem Lärm?
POUSSETTE, JAVOTTE, ROSETTE.
’s ist die schöne Manon mit dem Chevalier.

Sie entfernen sich.

DES GRIEUX finster umherblickend.
So wär‘ ich hier! Wohl verweigern mußt‘ ich’s,
doch den Mut hab‘ ich nicht besessen.
GUILLOT betroffen.
Der Chevalier –
LESCAUT zu Guillot. Sie wechseln die Farbe, es scheint Ihnen hier etwas unangenehm zu sein.
GUILLOT. Ich habe dazu allen Grund – denn ich betete Manon an – und daß sie nun einen anderen liebt, das verletzt mich. Lescaut zieht Guillot fort.
DIE SPIELGEHILFEN im Hintergrunde. Setzen Sie, meine Herren, das Spiel beginnt.

Alle kehren zum Spiel zurück und die große Glastüre des hinteren Salons wird geschlossen.

MANON da sie sieht, daß Des Grieux traurig bleibt, geht zu ihm.
Irr‘ ich mich, Des Grieux, wenn ich mich dein Alles wähne?
DES GRIEUX.
Manon, Sphinx, wunderbar, ja, leibhaft’ge Sirene!
Du dreimal weiblich‘ Herz, das mich oft mit Groll erfüllt,
da sein Hang nach Vergnügen, nach Gold unmöglich wird gestillt!
Ach, Törin ewiglich – und dennoch lieb‘ ich dich!
MANON mit geheuchelter Begierde.
Und ich – wie liebt‘ ich dich noch mehr –
wenn du mir willst –
DES GRIEUX. Wie – wenn ich will –
MANON.
Was wir besessen, ist verschwunden,
Chevalier, wir haben gar nichts mehr;
doch, wenn du willst, hier wird’s dir nicht schwer,
ein Vermögen ist gar bald gefunden.

Lescaut nähert sich.

DES GRIEUX verwirrt.
Manon, was sagst du da?
LESCAUT.
Es ist schon so!
Bei ein’gem Glück im Pharao
ist ein Vermögen hier gar bald gefunden.
DES GRIEUX.
Wie – ich? Ich spielen? O nie! Nimmermehr!
LESCAUT.
Das ist nicht recht! Manon mag in Armut nicht leben –
MANON.
Chevalier, wenn du mir ergeben,
will’ge ein – will’ge ein,
und sicher werden wir reich wieder sein.
LESCAUT.
Sehr wahrscheinlich! Frau Fortuna ist nur eine Wilde
mit Spielern, die alt und gewiegt
und von denen sie oft ward besiegt.
Doch sie ist freundlich und milde
gegen alle, die beginnen.
MANON zu Des Grieux.
Nun willst du, nicht wahr?
DES GRIEUX.
Wie kann ich der Höll‘ entrinnen?!
LESCAUT drängend.
So kommt!
DES GRIEUX zu Manon.
Und gab ich alles hin – was dann wird mir dafür?
MANON.
So nimm mich wie ich bin, meine Liebe, alles geb‘ ich dir!

Ensemble.

DES GRIEUX.
Manon, Sphinx wunderbar; ja leibhaft’ge Sirene!
du dreimal weiblich Herz, das mich oft mit Groll erfüllt,
Da sein Hang nach Vergnügen und Gold unmöglich wird gestillt!
Ach, Törin, ewiglich – und dennoch lieb‘ ich dich!
Genügt dir nicht, mich schwach zu sehen,
so soll ich auch noch ehrlos sein!
MANON.
Du magst auf meine Liebe bauen,
mehr als das Wort sagt mir dein Blick;
ach, dort liegt der Zukunft Glück.
Nur dein meine Liebe – nur dein!
LESCAUT.
Spielen Sie! Und mit Vertrauen,
spielen Sie, es bringet Glück.
Gehet hin, dort winkt Gewinn,
dort winkt das Glück allein.

Guillot kommt mit Poussette und Javotte zurück. Die Hintertür wird wieder geöffnet und die vorderen Spieltische werden von neuem besetzt.

GUILLOT zu Des Grieux.
Ein Wort! Mögen Sie, Chevalier ein kleines Spielchen, so ganz geschwind –
nur um zu wissen, ob Sie über mich stets Sieger sind.
POUSSETTE heiter. Bravo Guillot, ich wette gleich auf Sie!
JAVOTTE. Ich wette – ich dagegen auf den Chevalier!
GUILLOT zu Des Grieux. Nehmen Sie’s an?
DES GRIEUX verwirrt. Mir recht!
GUILLOT. Kommt und seht!
POUSSETTE UND JAVOTTE. Wir wetten jedes Mal; die Wette steht!
GUILLOT am Spieltisch. Tausend Pistolen!
DES GRIEUX. Gut, mein Herr, mag’s dabei bleiben!
LESCAUT bewundernd.
Tausend Pistolen

Geht zu einem anderen Spieltisch.

Pallas, steh‘ mir bei!
MANON.
Dieses tolle Treiben,
das heißt: leben! Das allein, das ist’s, was erfreut.

Nimmt ein Glas, welches Javotte ihr reicht.

Des Goldes Klang – die Lust – ewige Heiterkeit!
Daß Freude der heut’ge Tag bringe,
Liebeslust und Gesang sind süße Dinge!
Wer weiß, ob man morgen noch lebt!
Ach, die Jugend ziehet,
und die Schönheit fliehet,
drum heißt’s allein
sich der Lust zu weihn.
Lieb mit Wonn‘ und Schmerzen
lodre in dem Herzen,
ewig bleib mir hold
das Gold, das Gold!
DIE SPIELER zu Lescaut.
Zum Spiel!
LESCAUT.
Auf Ehrenwort zu spielen mögt ihr erlauben, bezahlen werde ich.
DIE SPIELER.
Zum Spiel!
LESCAUT.
Nichts hab‘ ich mehr, ich mußte daran glauben;
man hat mich arg gerupft, mich – mich!
GUILLOT beim Spiel zu Des Grieux.
Ja, unbezwinglich scheinen Sie!
Nochmals tausend Louisdor!
DES GRIEUX fieberhaft.
Gut, mein Herr, – tausend Louisdor!
GUILLOT.
Ich verlor!
MANON nähert sich Des Grieux.
Nun, bist du im Gewinn?
DES GRIEUX zeigt ihr Gold und Kassenscheine.
Sieh her doch!
MANON.
Das gehört uns?
DES GRIEUX.
Alles uns!
MANON.
Vom Glück erkoren!
GUILLOT.
Das Doppelte, wollen Sie?
DES GRIEUX.
Mir recht!
GUILLOT.
Auch das verloren!
MANON.
Daß heute du gewinnst, ich hab‘ dir’s ja gesagt.
DES GRIEUX.
Manon, mein alles!
GUILLOT aufstehend.
Ich stell‘ das Spiel nun ein!
DES GRIEUX ebenfalls aufstehend.
Wie Ihnen das beliebt.
GUILLOT absichtlich.
’s wär‘ Blödsinn,
wollte ich hier noch hartnäckig sein.
DES GRIEUX drohend.
Wie das?
GUILLOT ironisch.
’s ist genug; wer das kennt –
Sie haben wahrlich viel Talent.
DES GRIEUX wütend.
Was sagen Sie?
GUILLOT.
Das ist zum Teufelholen,
Sie möchten mich auch schlagen noch,
nachdem Sie mich bestohlen!
DES GRIEUX auf Guillot losstürzend.
Nichtswürdige Verleumdung! Elender Wicht!
ALLE.
Ihr Herrn, nicht so! Nicht so, ihr Herrn!
Der feineren Gesellschaft bleibt solch Betragen fern!
GUILLOT sehr aufgeregt.
Die Damen und Herrn, sie alle können’s
beschwören!

Zu Des Grieux und Manon.

Und Sie beide werden sicherlich bald von mir hören!

Geht ab.

Dritte Szene

Vorige, ohne Guillot.

CHOR.
Das hat man hier noch nicht gesehn!
Man stahl doch niemals hier bisher,

Auf Des Grieux deutend.

wenn jemand stahl, das war nur er!
MANON zu Des Grieux.
Nur fort! O, hör mein Flehen; laß uns gehen!
DES GRIEUX fest.
Nein, bei meiner Ehre!
Ging‘ jetzt ich fort, dann hielt man mich für schlecht,
man glaubte nur, daß jener Mensch im Recht.

Es wird von außen geklopft.

ALLE leise.
O hört, wer klopft so stark denn hier?

Es klopft wieder.

DIE SPIELER.
Eilig fort mit dem Geld!
MANON für sich, bestürzt.
Wer klopft an jener Tür –
ich zittre, ich weiß nicht warum!
EINE STIMME VON AUSSEN.
Öffnet! Im Namen des Königs!
LESCAUT.
Einer von der Polizei! Schnell fort über die Dächer!

Rasch ab.

Vierte Szene

Vorige ohne Lescaut, Guillot, der Graf, ein Polizeibeamter mit Soldaten.

GUILLOT zeigt auf Des Grieux.
Dort der Herr ist’s – und seine Mitschuldige!

Zu Manon.

Ich bedaure tausend Mal, aber Leise. ich sagte Ihnen vorher, daß ich mich rächen würde. Zu Des Grieux.
Ich habe meine Revanche; mein Meister wird sich trösten müssen.
DES GRIEUX mit furchtbarem Ton.
Ich werd’s versuchen; doch beginn ich damit,
Sie hinauszuwerfen durch das Fenster!
GUILLOT verächtlich.
Mich, durch das Fenster! –
DER GRAF ruhig zu Des Grieux.
Und ich? Werfen Sie auch mich hinaus?
DES GRIEUX.
Mein Vater – in diesem Haus –
Sie!
MANON.
Sein Vater!

Ensemble.

DER GRAF.
Ja, ich kam, dich der Schande zu entreißen,
die täglich mehr verwächst mit dir –
Unverständiger, merkst du nicht, daß sie steiget
und endlich sich erhebt bis zu mir!
Auch dein Flehn kann nicht anders entscheiden,
kein Mitleid mehr! Für unsre Ehre wache ich!
DES GRIEUX zu seinem Vater.
Schenke Milde und Nachsicht uns beiden,
nicht die Strenge nur führe dich,
das Gewissen läßt mich doch schon leiden,
vor Schande nur bewahre mich!
MANON verzweiflungsvoll.
Dieser Schmerz; Trennung drohet uns beiden,
und vor Schreck, vor Gram bebe ich!
Welch unsägliche Qual muß ich leiden,
mein Lebensglück, es endet sich.
GUILLOT.
Das Geschick rächet mich!
An der Rache will ich mich weiden,
kein Mitleid mehr, das Gesetz strafet dich!
CHOR.
Habet Gnade für sie!
Für ihre Jugend, ihre Schönheit flehe ich!
DER GRAF auf Des Grieux zeigend.
Führt ihn hinweg!

Zu Des Grieux.

Befreien später wird man dich.
DES GRIEUX angstvoll.
Doch sie?
GUILLOT.
Die Wache bringt sie schon,
wohin gehören ihresgleichen.
DES GRIEUX stellt sich vor Manon.
Faßt sie nicht an! Nicht werd‘ ich von ihr weichen!
MANON ohnmächtig werdend.
Ach – es ist aus – ich sterbe – Gnade!
ALLE. Gnade für sie!

Der Vorhang fällt.

Zweites Bild

Die Landstraße nach Havre. Sandiger Boden; einige vertrocknete Bäume; rechts ein Gebüsch. Im Hintergrunde ein Hohlweg; am Horizont das Meer. Der Tag geht zu Ende.

Erste Szene

DES GRIEUX auf einem Hügel sitzend.
Manon! Armes Kind!
Mit gewöhnlichen Verbrechern soll ich dich gefesselt sehen!
Der Karren kommt hierher.
hilf du – die Zeit verrinnt.
O Gott, höre mein Flehen.

Zweite Szene

Des Grieux. Lescaut.

DES GRIEUX Lescaut bemerkend.
Ha, er ist’s

Eilt fieberhaft zu ihm.

Gib Nachricht deinen Leuten,
daß die Häscher unterwegs, bald sehn wir sie hier;
die Deinen sind bewaffnet – daß sie sich vorbereiten,
Um Manon zu befrein.

Lescaut schweigt.

Wie! sagtest du nicht mir,
daß alles abgemacht? Gib Antwort doch, nur eine!
LESCAUT beschämt und zögernd.
Mein guter Chevalier –
DES GRIEUX ängstlich.
Nun was? –
LESCAUT.
Ich meine, –
daß alles verloren ist.
DES GRIEUX. Wie?
LESCAUT kleinlaut. Als sie bei Tageslicht schon sahn Soldatengewehre, sind die Feigen geflohn.
DES GRIEUX außer sich.
Du lügst! Gott hat mit meinen Leiden Erbarmen,
bald liegt Manon in meinen Armen,
die Befreiung der Teuren sei gewagt.
LESCAUT traurig.
Ach! ’s ist, wie ich gesagt.
DES GRIEUX mit der Bewegung des Schlagens.
Hinweg!
LESCAUT demütig.
Schlagt zu! Was wollen Sie?
Man ist Soldat, man wird bezahlt nur schlecht,
da weicht man ab vom Recht,

Weinend.

Man wird ein Schurke, wird ein Kerl, der sich verachten muß.
DES GRIEUX heftig.
So geh!

Gesang in der Ferne, horchend.

Was ist das?
LESCAUT geht nach der Straße.
Sie sind’s ohne Zweifel.
Ich seh‘ sie auf der Straße –
DES GRIEUX will fortstürzen.
Manon! Manon!

Lescaut hält ihn zurück.

Ich habe meinen Degen,
wir greifen an und mutig siegen wir.
LESCAUT abwehrend.
Töricht wär’s und verwegen!
DES GRIEUX.
Es gilt!
LESCAUT.
Nur Schaden bringt’s! Glaubet doch,
es hilft hier nur ein andres Mittel –
DES GRIEUX.
Und welches?
LESCAUT.
Ihr sollt schon sehen,
Jetzt fort!
DES GRIEUX widerstrebend.
Nein, nein!
LESCAUT.
Verlaßt Euch drauf, ich bürg‘ dafür.
DES GRIEUX.
Sie verlassen! Ich höre nur ihr Flehen:
»Steh mir bei!« – Nein, nimmermehr!
LESCAUT.
Wenn Ihr sie liebt, dann kommt!
DES GRIEUX.
Ob ich sie liebe!
Trotz ich doch dem Verderben,
und bin bereit, für sie zu sterben!
LESCAUT.
Kommt jetzt!
DES GRIEUX.
Wann werd‘ ich bei ihr sein?
LESCAUT.
Im Augenblick!

Zieht ihn hinter das Gesträuch.

Dritte Szene

Vorige (verborgen), Soldaten, ein Sergeant.

SOLDATEN erst hinter der Szene, dann auftretend.
Guter Kapitän,
magst uns müde sehn,
da wir weit schon gehn!
Doch nein, er muß kommandieren,
drum ist ihm beschert
auch ein kräft’ges Pferd,
um das Heer zu führen.
Weiß doch Kapitän,
kühler Trunk schmeckt schön,
Kapitän, so schön.
EIN SOLDAT zum Sergeant. Nach dem Singen muß man doch auch trinken.
SERGEANT. Das ist das wenigste. Ist es doch wahrlich nicht ruhmvoll für den Soldaten, sittenlose Mädchen bis zum Schiffe zu begleiten. Einerlei! Man tut seine Pflicht. Und was sagen die Gefangenen?
SOLDAT. O nichts! Eine von ihnen ist schon krank, halb tot.
SERGEANT. Welche?
SOLDAT. Nun die, welche immer weinte, wenn einer von uns mit ihr reden wollte.
SERGEANT. Also Manon!
DES GRIEUX verborgen. O Himmel!
LESCAUT ebenso. Still! Laßt mich nur machen. Zum Sergeant. He, Kamerad.
SERGEANT. Ein Soldat!
LESCAUT. Mehr; ich denke: ein Freund! Leise zu Des Grieux. Habt Ihr Geld?

Hervortretend zum Sergeant.

Ihr seid gewiß gefällig; dann leistet Ihr mir wohl einen Dienst.
SERGEANT. Und welchen?
LESCAUT. Laßt mich nur einen Augenblick mit jenem armen Mädchen, deren Ihr erwähntet, sprechen.
SERGEANT. Wozu?
LESCAUT. Ich gehöre zu ihren Verwandten.
SERGEANT. Unmöglich!
LESCAUT gibt ihm ein Geldstück. Ah –
SERGEANT sieht sich um, ob es bemerkt wird. Dennoch –
LESCAUT gibt ihm noch ein Geldstück. Wenn man recht sehr bittet.
SERGEANT. Vielleicht –
LESCAUT noch Geld gebend. Man bittet dringend!
SERGEANT. Ah – wenn Sie so triftige Gründe haben – zugestanden! – Dort hinten liegt das Dorf, dahin bringen Sie sie persönlich, ehe es Nacht wird. Zu den Soldaten. Bindet sie los!
LESCAUT. Schönen Dank, mein Lieber!
SERGEANT. Versucht aber nicht, zum Dank, sie zu entführen –
LESCAUT hebt die Hand in die Höhe. Ich schwöre feierlich –
SERGEANT. Übrigens wird zur Überwachung einer in der Nähe bleiben. Zu den Soldaten. Vorwärts, Marsch!
LESCAUT. Schönen Dank und gute Reise!
DES GRIEUX verborgen. Güt’ger Gott, ich danke dir!

Die Soldaten gehen ab; man hört ihren Gesang sich in der Ferne verlieren. Des Grieux und Lescaut verfolgen sie mit ängstlichen Blicken.

Vierte Szene

Des Grieux, Lescaut.

DES GRIEUX. Manon! Ich soll sie wiedersehn!
LESCAUT. Und bald, hoffe ich, werdet Ihr mit ihr verschwinden können.
DES GRIEUX zeigt auf den zurückgebliebenen Soldaten. Aber der Soldat.
LESCAUT. Das ist meine Sache! Läßt das Geld in der Börse klingen. Ich tat schon recht, nicht gleich alles zu geben.

Er geht nach dem Hintergrund, spricht einen Augenblick mit dem Soldaten und führt ihn fort. Der Gesang in der Ferne hat aufgehört.

Fünfte Szene

Des Grieux, Manon.

Manon steigt mühsam und erschöpft den kleinen Fußweg herab; beim Anblick Des Grieux‘ stößt sie einen Freudenschrei aus.

MANON.
Ah! Des Grieux!
DES GRIEUX freudetrunken.
O Manon! Manon

Tief ergriffen.

Manon!

Pause. Plötzlich reißt sie sich aus Des Grieux‘ Armen und weint bitterlich.

DES GRIEUX.
In Tränen!
MANON weinend.
Ja vor Schande über mich
und vor Weh über dich!
DES GRIEUX liebevoll.
Manon, o blick empor, denk der seligen Tage,
sie erstehn uns aufs neu!
MANON schmerzlich.
Nicht mehr kann ich mich täuschen.
DES GRIEUX.
Nein, jenes Land voll Grauen,
wohin man dich verbannt, du wirst es niemals sehn,
wir entfliehen sogleich, und nach fernen Auen
soll unsre Wandrung gehn.

Manon schweigt.

Manon!

Liebreich.

gib Antwort mir!
MANON mit unendlicher Zärtlichkeit.
Einzige Lieb‘ meines Lebens,
Wie unsagbar du gut, lern‘ ich heut erst verstehn;
ach so elend vor dir, laß mich betteln nicht vergebens,
um Gnade für mein Vergehn!

Des Grieux will sie unterbrechen, sie legt ihm ihre Hand auf den Mund.

Nein, nein, noch mehr! Nur bestrebt, nach der Torheit zu jagen,
Leicht und flatterhaft ward ich,
deine Lieb‘ für mich
lohnt ich mit Undank.
DES GRIEUX.
Ach, weshalb dich verklagen!
MANON fortfahrend.
Nicht faß ich’s jetzt, denk‘ ich zurück,
wieso Wahnwitz mich konnte verleiten,
dir nur einen Augenblick
so viel Gram zu bereiten.
DES GRIEUX bittend.
Hör auf!
MANON.
Ich verabscheue mich mit aller Glut,
denke ich an unsre Lieb‘, deren Tod ich verschuldet,
ach, nimmer kann bezahlen ich mit meinem Blut
nur die Hälfte der Schmerzen, die du um mich erduldet.
Verzeihe mir!

Schluchzend.

Ach, verzeihe mir!
DES GRIEUX gerührt und mit Leidenschaft.
Was soll ich denn verzeihn,
da wieder unsre Herzen im seligsten Verein!
MANON wie verklärt.
Ach, mich erleuchtet ein himmlisch‘ Feuer,
mich belebt Freudigkeit,
ich schaue glückliche Zeit!
DES GRIEUX.
O Manon, mir ewig teuer,
dieser Tag nimmt das Leid,
er vereint uns noch heut!
Der Himmel selbst hat dir vergeben,
Geliebte!
MANON.
Ach, sterben kann ich nun!
DES GRIEUX.
Wie, sterben – nein, leben!
Ohne Gefahr werden beide vereint wir jene Pfade ziehn,
wo Freuden nur erblühn.
MANON wie träumend. Ja, noch kann ich glücklich werden – Sehr bewegt und fast tonlos. Wir reden dann von der Vergangenheit – von dem Wirtshaus – der Kutsche – und von der dunklen Landstraße – von deinem ersten Briefe – von dem kleinen Tischchen – von deinem Priesterkleide in Saint-Sulpice –

Trübe lächelnd.

Treu blieb mir die Erinnerung.
DES GRIEUX.
Daß auf ewig es sei!

Freudig.

Jede Schranke fällt und dann sind wir frei.
MANON.
So komm!

Nach und nach schwächer werdend.

Nein, es ist mir nicht möglich,
Ich kann weiter nicht mehr gehn.
Ich fühl‘, mich überfällt der Schlaf mit Macht –

Für sich, schaudernd.

dem folgt die Grabesnacht.
Ich ersticke – ich muß sterben!
DES GRIEUX unruhig.
Komm doch zu dir! Die Nacht will niedersinken –
sieh den ersten Stern dort blinken!
MANON blickt lächelnd zum Himmel.
Ach, schöner Diamant! Du siehst, auch jetzt noch bin ich eitel.
DES GRIEUX sanft.
Man naht – nur fort, Manon!
MANON mit erloschener Stimme.
Es flieht der Schimmer –
noch diesen Kuß – der Abschied ist’s – für immer!
DES GRIEUX verzweifelt.
Nein! nein, ich mag’s nicht denken!
O höre mich! Erinnere dich!
Ist’s nicht mehr meine Hand, die die deine drückt?
MANON. O wecke mich nicht auf!
DES GRIEUX. Ist’s nicht diese Hand, die dich noch beglücket?
MANON. Schließ mich in deinen Arm!
DES GRIEUX. Hör, ich rufe dich in Tränen!
MANON. Laß das vergessen sein!
DES GRIEUX. Erwacht denn nicht dein Sehnen?
MANON. Grausam mahnst du mich.
DES GRIEUX. Ich vergab dir gern!
MANON.
Könnt‘ vergessen ich die Trauerzeit, das Herzeleid!
Ja, es ist seine Hand, die die meine drückt,
seine Stimme ist’s noch, ja sein edles Herz,
das mich heute beglücket wie in früh’rer Zeit!
Bald kehrt zurück das vergangne Glück.
DES GRIEUX.
Alles Weh ist fern!
Ist’s nicht meine Hand, die die deine drücket,
nicht der Stimme Ton, ist’s die Stimme nicht,
die dich noch beglücket wie in früh’rer Zeit!
Bald kehrt uns zurück vergangenes Glück.
MANON sinkend.
Ach! Ich sterbe!
DES GRIEUX entsetzt.
Manon!
MANON.
Das Geschick will es so!

Verhauchend.

Und das ist – die Geschichte –
Von Manon Lescaut

Sie stirbt.

Des Grieux stößt einen erschütternden Schrei aus und fällt über Manons Leiche.

Ende der Oper