Johann Mayr

Ginevra von Schottland

Ein heroisch-ernsthaftes Singspiel

Personen

Der König von Schottland

Ginevra seine Tochter

Ariodant, ein italienischer irrender Ritter

Polineß, Groß-Conetable, oder oberster Feldherr des Reichs

Lurcanio, Ariodants Bruder

Dalinda, Fräulein der Prinzessin

Vafrino, Ariodants Waffenträger

Große des Reichs,
Heerführer,
Schottische Krieger,
Eremiten,
Volk, Choristen

Schottische Jünglinge und Mädchen,
Gefangene Irländer,
Hofleute beyderley Geschlechts,
Schottische Krieger, Tänzer und Tänzerinnen

Leibwachen,
Frauen der Ginevra,
Schottische und Brittische Soldaten,
Waffenträger,
Volk,
Schergen, Comparsen

Die Handlung geht in der Hauptstadt Schottland und in deren Nachbarschaft vor.
Inhalt.

Der berühmte italienische Dichter-Ariost beschreibt im fünften Gesange seines so sehr bekannten Gedichts: der wüthende Roland, die erdichtete Episode von der schönen Ginevra, welche sich mit den ersten Stanzen des sechsten Gesanges endigt und den Stoff zu gegenwärtigem Drama giebt. Uebrigens ist der Auctor ganz dem Ariost gefolgt; es wird daher keiner weitern Auseinandersetzung bedürfen, da jeder die Beschreibung in dem Roland selbst nachlesen kann.

Das analogische Ballet, welches den fünften Auftritt ausfüllt, ist neu hinzugekommen.
Die Decorationen des 1sten, 3ten, 5ten und 11ten Auftritts im ersten, so wie des 13ten Auftritts im zweyten Act, sind neu, und von dem Königl. Decorateur Herrn Professor Burnat, die übrigen sind vom Herrn Verana.
Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Gallerie im Königl. Pallast, aus welcher man in mehrere Zimmer kommen kann.

Der König und die Großen des Reichs, alle in verschiedenen, Schrecken und tiefe Bekümmerniß ausdrückenden Stellungen, mit gen Himmel gewandten Blicken. Im Hintergrunde die Leibwache des Königs.

CHOR.
Gott voll Huld, o schütz und schirme
Unser Schicksal, unsre Waffen.
O laß völlig uns besiegen
Den verrätherischen Feind.
DER KÖNIG.
Wär‘ er nur hier, der tapfre Führer,
Gewiß, er würde Sieger seyn.
CHOR.
Gott voll Huld …

Man hört ein plötzliches Jubelgeschrei, und ein Geräusch von Kriegerischen Instrumenten.

Doch welch ein Tönen
Des Jubels, welch ein Feyerklang?
Mit ihm sinkt süße Hoffnung wieder
In unsre Brust, die Angst entflieht.

Während dieses Chors gehen mehrere auf dem Theater hin und her, um zu hören, woher das Geräusch kommt, und kaum sehen sie den Lurcanio von einigen Waffenträgern begleitet kommen, so umringen sie ihn voller Neugierde. Lurcanio aber nähert sich dem Könige mit den Worten.

LURCANIO.
Laßt eure Furcht, hört auf zu beben.
Beruhigt euch, singt Jubellieder;
Denn schon ist Ariodant im Lager
Mit neuen Kriegern angelangt.
DER KÖNIG UND DAS CHOR.
Ariodant! – o frohe Kunde!
Ein Gott hat ihn uns hergesandt.
LURCANIO.
Vor seinem Arm, vor seinem Muthe
Stürzt schon zum Staub der stolze Feind.
DER KÖNIG UND DAS CHOR.
Vor seinem Arm, vor seinem Muthe
Ja, fällt gewiß der stolze Feind.
DER KÖNIG.
Mich treibt die Ungeduld zu wissen … o Lurcan
Befried’ge sie, sey’s auch mit wenig Worten.
LURCANIO.
Schon drang der Feind heran bis an die Mauern
Die meiner Führung du vertrautest;
Schon floh zurück gedrängt
Dein Heer, doch nicht vom größern Muthe,
Nein, nur von Ueberzahl besiegt;
Als plötzlich jetzt mein tapfrer Bruder
Mit seinen Britten, den mit uns Verbündeten,
Sich auf die Feinde warf; und schon begannen sie
Zu weichen, als das Lager ich verließ,
Um diese frohe Kunde dir zu bringen.
DER KÖNIG.
Unüberwindlicher, o tapfrer Ariodant!
Der stets mein Retter ist.
LURCANIO.
Doch jetzt erlaube mir
Daß ich zurück zu meinem Bruder eile,
Daß ich Gefahr und Ruhm mit dem Geliebten theile.
DER KÖNIG.
Geh, siege nur mit ihm.
LURCANIO.
Herr, zweifle nicht,
Ein schöner Sieg wird retten deinen Thron,
Und deinen Ruhm erhöhn.

Ab mit den Waffenträgern.

DER KÖNIG.
O süße Hoffnung! ja,
An diesem Tag so groß, so froh soll Ruhm und Freude
Aufs neu‘ uns nahn; soll froh und frei das Herz
In unserm Busen wieder schlagen.

Der König und seine Großen wollen abgehen und singen folgendes Chor.

CHOR.
Dem Entzücken stehe offen
Das unbefangne Herz;
Und von dem Vergnügen werde
Fern jede Furcht hinweg gelacht.
Ja, bei solchem Anlaß hebet
Zu neuem Leben sich die Brust,
Beginnt von neuem zu genießen
Zufriedenheit und Ruh.

Ginevra kommt aus ihrem Zimmer.

Zweiter Auftritt.

Ginevra, und die Vorigen.

GINEVRA.
Mein Vater, bleib; o sag mir mein Gediether
Was will der Jubelton, die laute Freude sagen?
O stelle dieses Herz zufrieden,
Laß keinen Augenblick mich länger
Jetzt des Leidens Opfer seyn.
DER KÖNIG.
Meine Tochter …
GINEVRA.
Rede, rede.
CHOR zu Ginevra.
Freue dich …
GINEVRA.
Warum mich freun?
DER KÖNIG UND DAS CHOR.
Der Held …
GINEVRA.
Er – sprecht was ist geschehen?
DER KÖNIG UND DAS CHOR.
Ariodant ist bey dem Heere,
Und schon lacht ihm für uns der Sieg.
GINEVRA entzückt.
Ich Glückliche! – Er bey dem Heere!
Mein Vater – Freunde – o der Wonne!
So seh‘ ich dich Geliebter wieder,
Du kömmst, du bringst mir Ruh zurück.
DER KÖNIG.
Nun weißt du alles meine Tochter.
Jetzt sey es dein Geschäft, dem edelsten der Helden,
Dem Retter unsers Reichs den Siegerskranz zu winden.
Aus deiner Hand soll er den Preis der Tapferkeit,
Des Ruhms, der ächten Treu‘ empfangen.
GINEVRA.
Befiehl und ich gehorch‘.

Für sich.

O welche theure Pflicht!

Ab.

DER KÖNIG zu seinen Großen.
Kommt, laßt uns gehn; schon sagt es mir das Herz
Daß seinen Muth der Himmel selbst belohnt.

Ab mit den Uebrigen und seiner Leibwache.

Dritter Auftritt.

Gärten mit Statuen, Springbrunnen und Gängen, und der Aussicht auf den Königl: Pallast.

Polineß, darauf Dalinda.

POLINEß.
Welch einen Haß fühl ich; wie grausam martert er;
Wie drückt er mich zum Staub …
Wie schleicht mir in der Brust
Das Gift der Eifersucht, und naget mir am Herzen.
So soll denn Ariodant stets glücklich in der Liebe
Wie in dem Ruhm, doch siegen unter mir?
Ginevra! Du … o Name, dem nichts gleicht …
Du Gegenstand der stärksten Leidenschaft,
So soll ich würklich dich ganz ohne Hoffnung lieben?
Das ist zu unerhört, zu bitter ist die Quaal
Die nur verschmähte heiße Liebe
So ganz in ihrer Stärke fühlt,
Und die mein Herz nun nicht mehr tragen kann.

Kennst du Liebe das Erbarmen
Ach! so lindre meine Klagen;
Du allein kannst neues Leben
Schenken der zerquälten Brust.
O liebte mich die Auserwählte
O wie glücklich wär‘ ich dann!

Dalinda kömmt.

Dalinda.
DALINDA.
– Herzog!
POLINEß.
Nun hast du mit ihr gesprochen?
DALINDA.
Ich habe.
POLINESS ungeduldig.
Und was hast du ausgerichtet?
DALINDA.
Nichts.
POLINESS bestürzt und aufgebracht.
Nichts?
Ha! sollte doch ….
DALINDA.
Dem Ariodant allein …
POLINEß.
Genug, ich weiß
Was du mir sagen willst.

Für sich.

Kaum halt‘ ich mich … doch will ich mich verstellen.

Laut.

Nein künftig sey kein Seufzer, kein Gedanke
Für sie verschwendet mehr, die Stolze Undankbare,
Nein sie verdient es nicht.
DALINDA.
Mein Herzog, welche Sprache!
So wär‘ es dennoch wahr …
POLINEß.
Wahr. Ja, Verachtung sey
Ihr Lohn, so wie sie mich verachtet.
Und nun von diesem Augenblick
Kehr‘ ich zurück zu dir, zu unsrer ersten Liebe.
DALINDA.
O Theuerster, du giebst mir neues Leben.
POLINEß.
In dieser Nacht erwarte mich bey dir
An dem bekannten Ort. Doch liebst du mich, so bitte
Ich dich um deinen Dienst …
DALINDA.
O sag, was wünschest du?
POLINEß.
In Kleidern dich zu sehn, wie sie Ginevra trägt.
Auch muß dein Haar genau wie ihrs geordnet seyn.
Kurz, suchen mußt du, sie
Auch selbst in dem Geringsten nachzuahmen,
Ganz ähnlich ihr zu seyn. Auf diese Art mußt du
Auf jenem Erker mich erwarten.
So flieg‘ ich dann auf dem gewohnten Wege
Dir an die Brust. O denk, welch ein Entzücken
Dann unsrer harren wird.
DALINDA.
Welch eine Forderung!
POLINEß.
Was thut’s, du dienst mir ja zu einer
Täuschung nur, sey sie ausschweifend auch.
DALINDA.
So sag mir wenigstens …
POLINEß. stolz.
Du könntest weigern dich?
DALINDA.
Könnt‘ ich dies wohl?
POLINEß.
So wirst du kommen?
DALINDA.
Ich werde kommen.
POLINEß.
Wohl, so schwöre mir.
DALINDA.
Ich schwöre.
POLINESS für sich.
Sie ist im Netz.

Laut.

Leb wohl.

Für sich.

O eile meine Rache
Fall‘ ohne Aufenthalt zur Strafe dieser Frechen.

Ab.

Vierter Auftritt.

DALINDA allein.
Was mag er brüten? Doch, weh mir, vielleicht hab‘ ich
Zu unvorsichtig ihm zu viel versprochen.
Wohin bringt endlich mich ein trüg’rischer Tyrann.
Doch jetzt, wo mich nur blinde Leidenschaft
Beherrscht, spricht die Vernunft umsonst zu meinem Herzen.

Ab.

Fünfter Auftritt.

Weitläuftige und zum Triumphzug Ariodants aufgeschmückte Säulen-Gänge, mit der Aussicht auf die Königl. Gärten und einem Thron.

Zuerst kömmt die Königl. Leibwache; dann eine Menge schottischer und englischer Krieger, welche sich alle in Ordnung stellen und den Hintergrund des Theaters einnehmen. Darauf erscheinen mehrere schottische Mädchen und Jünglinge, welche wieder von andern, verschiedene irländische Gefangene führenden Kriegern ihrer Nation, begleitet werden. Diesen folgen die Großen des Reichs, begleitet von einem edlen Gefolge beiderlei Geschlechts, und den Zug beschließen Waffenträger mit den Fahnen und den eroberten Trophäen.

Nunmehr beginnt ein festlicher Tanz, um den Sieg Ariodants zu feiern, unter dessen Commando die Irländer von den schottischen Waffen überwunden worden sind.

Während des Tanzes werden die Fahnen von den Waffenträgern den Großen des Reichs überreicht; einigen gefangenen Irländern die Freiheit geschenkt; die Trophäen mit Blumen- und Lorbeer-Kränzen umwunden, und von den Haupt-Personen unter dem edlen Gefolge, so wie unter den Mädchen und Jünglingen, characteristische National-Tänze ausgeführt.

Diesem festlichen Tanze macht eine kriegerische, die Ankunft des Siegers verkündende Musik ein Ende. Alle Tänzer und Tänzerinnen gehen dem sich nähernden Sieger entgegen und entfernen sich; die Leibwache zieht sich zusammen, die übrigen aber bleiben auf ihrem Platz.

Sechster Auftritt.

Beim Klange einer kriegerischen Musik defiliren die schottischen und brittischen Truppen über das Theater. Ihnen folgen die Heerführer, und andre hohe Militair-Personen, welche auf prächtig geschmückten Pferden die erbeuteten Fahnen tragen, dann folgt Ariod., sitzend auf einem von gefangenen Irländern gezogenen Triumphwagen, und Lurcanio mit seinen Waffenträgern. Darauf kömmt auch der König mit seinen Großen, denen unmittelbar Polineß folgt. Zuletzt erscheint Ginevra mit ihren Frauen, vor welchen her Dalinda auf einem Kissen einen Lorbeer-Kranz trägt.

Der König, von Lurcanio unterstützt, steigt während des folgenden Chors auf den Thron.

CHOR.
Seht ihn, den Krieger, seht den Helden;
Heil ihm, der Stütze dieses Reichs,
Ihm unsern Ruhm, ihm unsrer Liebe,
Dem Retter Schottlands Heil und Sieg.
Nun lebt im Schooß des süßen Friedens,
Des höchsten Glücks, o freut euch Brüder,
Froh wieder auf das Vaterland.
ARIODANT.
Für euch nur hab‘ ich unerschrocken
Im wilden Kampf den Tod gewagt.
Für euch hab‘ ich des Krieges Gottes
Zorn und Blitz‘ herausgefordert,
Für euch nur ist mir süß der Sieg.
CHOR.
Heil ihm, dem Krieger, ihm dem Helden.

Ariodant steigt vom Triumphwagen herab.

Dem Retter Schottlands Heil und Ruhm.
ARIODANT für sich.
Doch nichts mehr von stolzen Siegen,
Nichts von Lorbeerkränzen mehr.
Du allein

Gin. ansehend.

bist meinem Herzen
Der größte Schmuck, das schönste Glück.
CHOR.
Nun lebt im Schooße süßer Ruhe,
Nun lebt vom höchsten Glück umgeben
Froh wieder auf das Vaterland.
ARIODANT zum König, vor dem Thron stehend.
Ja, mein Monarch, gesieget haben wir;
Und nie, nie war ein Sieg so schön und so vollkommen.
Forthin darfst du nicht mehr den Zorn des Feindes scheun.
Zertreten in dem Staub liegt der Hibernier,
Und sicher ist dein Reich. Sieh diese reiche Beute;
Sieh die Gefangnen hier, und diese Siegs-Trophäen
Zu deinen Füßen Herr; dieß alles zeuget dir
Von deines Heers so glänzendem Triumph.
DER KÖNIG.
Was dank ich alles dir, o kriegerischer Held!
Was dankt mit mir ganz Schottland alles dir.
Du gabst an diesem Tag uns Ruhm und Frieden wieder.
Nun darfst du auch von meiner Brust voll Dank‘
Für dein Verdienst, für deinen hohen Werth,
Entgegensehn der würdigsten Belohnung.
GINEVRA zu Ariodant.
Nimm auch von meiner Hand dies würdige Geschenk;

Sie winkt Dalinden, nimmt den Lorbeer-Kranz vom Kissen, und legt ihn um Ariodants Helm; Ariodant wirft sich vor ihr auf die Knie.

Sachte.

Nicht unwerth sey es dir.

Laut.

Mit ihm bekrön‘ ich jetzt
Die Helden-Tapferkeit und Treue.
POLINESS für sich.
Der Neid verzehret mich.
LURCANIO für sich.
O glücklichster der Brüder!
ARIODANT aufstehend.
Welch ein Geschenk!
Es ist der Inbegriff des Glücks.
Ha! welcher Feind wagt es nun noch zu stehn vor mir,
Mit diesem Kranz auf meiner Stirne!
Erlaubet mir, erhabne Seelen,
Daß ich gebeugt zu euern Füßen hier …

Er will sich vor dem Throne niederwerfen. Der König steht auf, steigt herab, und Ginevra, die neben ihm stand, nähert sich mit ihm.

DER KÖNIG zu Ariodant.
Steh‘ auf, o Held!
Reich mir die Siegerhand;
Komm an mein Herz, und fühl‘ in diesem Kusse
Wie theuer du mir bist.

Umarmt ihn.

Euch Führer meines Heers,
Euch meinen Tapfern, sey ein Ritter so wie er
Ein hohes Beyspiel und ein Sporn für euern Muth.

Ab mit Ginevra, Ariodant und seinem ganzen Gefolge.

Siebenter Auftritt.

Polineß, Lurcanio und Dalinda.

POLINESS für sich.
Nein eher ruh‘ ich nicht, bis er im Staube liegt
Der Uebermüthige, und heut noch hoff‘ ich es.

Ab, indem er den vorher Abgehenden folgt.

Achter Auftritt.

Lurcanio und Dalinda.

LURCANIO.
So bleibst du immerfort ganz fühllos gegen mich?
O sag mir wenigstens, wo ist er, wer ist er
Der glückliche Rival?
DALINDA.
Ihn nennen darf ich nicht.
Doch wisse nur, daß es ein solcher ist,
Vor dem du zittern wirst.
LURCANIO.
Ich zittern? Warlich nein;
Wer wäre furchtbar mir?
Gefällt es dir, mit mir zu scherzen?
Treibst du vielleicht mit mir dein Spiel?
Ha! vor wem könnt‘ ich wohl zittern,
Sprich, wer ist der Held?
Bedenke nur daß ich dich liebe,
Daß Liebe mir im Busen glüht,
Daß Leidenschaft, wird sie gereizet,
Leicht in Wuth sich wandeln kann.
Bedenke nur, daß ich dich liebe,
Und spotte meiner Liebe nicht.

Beide auf verschiedenen Seiten ab.

Neunter Auftritt.

Königl. Gärten, wie im dritten Auftritt.

Ariodant und Polineß.

ARIODANT mit Bitterkeit.
Nichts mehr, laß mich, zu sehr hast du mich schon gereizt.
Genug, Herzog, hab‘ ich schon von dir ertragen.
Ginevra …
POLINESS mit Festigkeit.
Spottet dein.
ARIODANT.
Wie? und du prahlst damit?
POLINEß.
Ja, ich beklage dich, verblendeter Verliebter;
Du weist es nicht, wie sehr Ginevra dich betrügt,
Und wie dagegen ich von ihr geliebet werde.
ARIODANT unruhig.
Wär’s möglich! Du! O sprich;
POLINEß.
Ja wisse, daß ich es
Nur wollen darf, so nimmt sie gern mich auf
Im unverdächtigen, im öden Theil der Burg;
Im heimlichen Gemach verbring‘ ich dann mit ihr,
Süßkosend von der Liebe Freuden,
Der Stunden viel; und mitten im Gespräch
Von Zärtlichkeit und von Genüssen
Ist deine Leidenschaft, die sich auf Wahn nur gründet,
Für uns ein Gegenstand des lust’gen Spottes nur.
ARIODANT.
Elender, ha! du lügst. Die Ehre der Prinzessin
Denkst zu beflecken du, und lügst Begünstigungen.
Mit diesem Stahl,

Die Hand ans Schwerdt legend.

will ich, du Frevler, dir beweisen
Vor aller Welt, für sie will ich behaupten,
Daß du ein Bösewicht und ein Verräther bist.
POLINEß.
Sey ruhig, denn umsonst wär‘ es darob zu kämpfen.
Sag‘ ob du dann mir glaubst, wenn du mit eignen Augen
Es siehst, daß ich die Wahrheit sage?
ARIODANT für sich.
Gott wie erstarrt mein Herz.
Wär’s möglich – könnte sie –
Ginevra – Nein, bey Gott sie kann es nicht.

Laut.

Ja, dann – dann glaub‘ ich dir.
POLINEß.
Nun wohl, in kurzer Zeit
Werd‘ ich davon dich völlig überzeugen.
Schon sinkt herab die Nacht; dort an der linken Seite
Der Königlichen Burg, wo der Prinzessin Zimmer
Auf abgelegene, auf öde Straßen
Die Aussicht haben, dort begieb dich hin; doch still
Und unbemerkt nimm zwischen den Ruinen
Der wenigen Gebäude deinen Platz,
Und gieb auf alles Acht. Sprich, kömmst du auch gewiß?
ARIODANT.
Ich komme; ja, gewiß.

Für sich.

O welche Bangigkeit!
POLINESS für sich.
Nun hab‘ ich ihn.

Laut.

Wohl, bleibe ja nicht aus.
ARIODANT.
Befürchte nichts.

Für sich.

Weh mir, dies überleb‘ ich nicht.
POLINEß.
Komm nur, ich werde dich erwarten,
Dann wirst du sehen den Verrath.
Dann wirst du völlig anerkennen,
Wie glücklich mich Ginevra macht.
ARIODANT.
Ich komme, du kannst mich erwarten
Doch, nur um Frevler dich zu strafen.
Nein, nimmer ist die Vielgeliebte
Solch einer Untreu fähig, nein.
POLINEß.
Nun wohl, du wirst es selbst ja sehen …
ARIODANT.
Wie vor Schaam du dann erbleichst.
POLINEß.
Wie sie dich betrügt …
ARIODANT.
Du lügst.
BEYDE jeder für sich.
Wie viele widrige Gefühle
Empören kämpfend mir das Herz!
Es schwanket zwischen Zorn und Klagen
Und kann nicht länger widerstehn.
POLINEß.
Leb wohl, ich eile zum Genusse.
ARIODANT.
Weh dir, Elender! wenn du lügest.
POLINEß.
Nur zu sehr ist mein ihr Herz.
ARIODANT.
Zu sehr betrügst du dich, Verräther.
POLINEß.
O höre nur …
ARIODANT.
Ich will nichts hören.
POLINEß.
Ein Wort …
ARIODANT.
Was ist’s, hör‘ einmal auf.
POLINEß.
Wenn du dann siehst, daß sie mich liebet …
ARIODANT.
Ha! dann, dann ist Ginevra dein.
Gott! Meine Wuth steigt immer höher,
Zu Boden drücket mich der Schmerz.
Von tausend Furien zerfleischet,
Seufzet meine Brust.
O diese unerhörte Quaalen
Bringen mich dem Grabe nah.
POLINEß.
Ha! seine Wuth steigt immer höher,
Zu Boden drücket ihn sein Schmerz.
Ja, fühle nur in deinem Herzen
Die Furien, wie ich sie fühle.
O welche Angst! wie grausam nagen
Sie an meiner Brust.

Beyde auf verschiedenen Seiten ab.

Zehnter Auftritt.

Vafrin, der auf der Seite herauskömmt, auf welcher Ariodant abgegangen war.

Wie aufgebracht schien mein Gebiether mir!
Wie abgebrochen war ein jedes seiner Worte!
Auf seinem Angesicht war dumpfer Schmerz zu lesen.
Was mag die Ursach seyn? Er, der vor allen andern
Der Freude ganz sich überlassen sollte,
Ganz glücklich sollte seyn vor allen andern,
Scheint unglücklich zu seyn? Und heut an diesem Tage?
An diesem schönen Tag?
Vielleicht, ich fürcht‘ es, und zu wahr nur scheint es mir,
Ist mitten unter Ruhm und allgemeiner Freude
Die Liebe sein Tyrann und peinigt ihm das Herz.

Ich zittre unruhvoll und klage
In dieser bangen Zeit.
Und von unzähligen Gefühlen
Wird mein Inneres bestürmt.
Mitleid, Furcht und tiefer Kummer
Quälen wechselsweise mich,
Und gejagt von Angst und Schrecken
Schwillt von Seufzern meine Brust.

Eilfter Auftritt.

Nacht mit Mondhelle.

Auf der einen Seite sieht man das Aeußere des Königl. Pallasts, da wo er an den unbewohnten Theil der Stadt stößt, mit gangbaren Gallerien. Auf der andern Seite einige alte verfallene Gebäude, und im Hintergrunde eine Brücke über den am Pallaste vorbey fließenden Strom.

Ariodant kömmt tief nachdenkend mit langsamen Schritten, darauf Lurcanio.

ARIODANT.
Schon deckt die Nacht das Land mit ihrem Schatten.
Rings um mich her liegt öde Todes-Stille.
In tiefe Ruh‘ ist die Natur gehüllt.
Nur leise hör‘ ich das Geräusch des nahen Stromes,
So wie den schweren Flug der Lüfte dunkler Nacht.
Auch der Elendeste, der Weggeworfenste
Der Menschen findet jetzt gewünschte Ruh‘ und Schlaf;
Nur ich, ich wache noch und tausend Furien
Zerreißen mir die Brust.
LURCANIO im Herauskommen.
Nun, Bruder …
ARIODANT.
Ha! Lurcan wenn du es wüßtest …
Doch still, mir ist, als käme jemand dort.
Komm laß verbergen uns. In dies Gewölbe hier
Verberg‘ ich mich; du bleibst in jenem dort.
Verlaß es nicht, bis ich dich rufe.
Umarme mich …

Sie umarmen sich.

LURCANIO.
Was ist’s? …Mein Bruder deine Wangen
Sind ja von Thränen naß.
ARIODANT.
Ich … nein … o schweig,
Eil‘ und verbirg dich nur.
LURCANIO.
Mein theuerster …
ARIODANT.
Leb wohl.

Sie verbergen sich. Lurcan in ein entferntes Gewölbe nahe an der Brücke; Ariodant mehr nach der Tiefe des Theaters dem Erker gegen über.

Zwölfter Auftritt.

Polineß, darauf Dalinde auf der Gallerie und die Verborgenen.

POLINEß.
Nun ist er da, der meiner Rache
Gewünschte Augenblick

Er blickt nach den Ruinen.

Im finstern Bogen dort
Seh‘ ich beym Strahl des Mond’s der Waffen schwachen Glanz.
Er ist auf seinem Platz. Schon sieht er, oder glaubt
Sie wenigstens zu sehn, die Schmach die ich bereitet.
Du mir verhaßter Nebenbuhler,
Ja, zittre nur vor Wuth. In kurzer Zeit soll dich
Verzweiflung ganz zu Boden drücken,
Wie freu‘ ich mich …

Man sieht auf der Gallerie eine Thüre öffnen; Dalinda erscheint ganz wie Ginevra gekleidet, und ihr am Kopfpuz und allem Uebrigen völlig ähnlich.

Doch sieh, schon öffnet sich der Erker.
Dalinda ists.

Gegen die Ruinen gekehrt.

Sieh hin und dieser Augenblick
Gieß dir das Höllengift der Eifersucht ins Herz.
LURCANIO der sich auf eine Stufe am Gewölbe stellt und nach dem Erker blickt.
Was seh‘ ich! Wehe mir, das ist Ginevra selbst.
DALINDA leise.
Bist du es Herzog? Sprich.
POLINESS laut.
Ich bin es, zweifle nicht
Du Angebethete …
LURCANIO.
Betrogner Bruder! Ach!
POLINEß.
Sogleich siehst du, o du mein Leben
In deinem Arme mich.

Leise.

Vollbracht ist meine Rache.

Polineß geht zur Thüre hinein, und schließt hinter sich zu.

Dreizehnter Auftritt.

Ariodant, aus seinem Gewölbe herausgehend, darauf Lurcanio.

ARIODANT.
O wehe mir! Was hab‘ ich sehen müssen?
Ginevra – sie – Ach! wär‘ ich blind gebohren.
Welch eine Quaal! Die sittsame Ginevra …
Nein, das ertrag‘ ich nicht. Zu wahr hast du gesprochen
Verworfner Herzog … Und wohl wußt‘ er, was er sprach.
Und ich …

Nachdenkend.

ich lebe noch? Und welch ein Leben, Gott!
Ja …

Entschlossen.

Rache … doch, wozu soll sie mir nützen?
Nichts hilft mir mehr in meiner Lage
Voll Angst und Höllen-Quaal.
Mir bleibt kein Ausweg mehr als die Verzweifelung.
Verbrecherisches Weib! voll Undank und Verrath.
Hier hast du auch mein Blut. Nun wirst du Grausame
Doch wohl zufrieden seyn?

Zieht das Schwerdt sich zu tödten, Lurcanio aber eilt herzu, und reißt es ihm aus der Hand.

LURCANIO.
Was wilst du thun, mein Bruder?
Welch eine Wuth treibt dich?
ARIODANT.
Gieb mir den Stahl,
O laß mich sterben … Sprich, hast du es wohl gesehn?
LURCANIO.
Ich hab’s gesehn; und wer war der Verräther?
ARIODANT.
Wie! du erkanntst ihn nicht?
LURCANIO.
Ich konnt‘ ihn nicht erkennen.
ARIODANT.
Das freut mich sehr. Nur ich, ich ganz allein
Will in mein Grab mit mir verschließen mein Geheimniß.
Leb wohl; und wenn du mich noch liebst …
Wenn ich dir theuer bin … wenn du Erbarmen fühlest
So gieb mir diesen Stahl … denn ich will sterben … gieb.

Sprich, für wen sollt‘ ich noch leben,
Was, um zu leben sollt‘ ich thun?
Die Einzige ward mir entrissen,
Für mich giebt’s nirgends mehr ein Glück.
Geh, du siehst die Falsche wieder,
Geh, sag‘ ihr, daß ich nicht mehr bin.
Sag‘ ihr, daß ich ihr verzeyhe,
Daß ihr Meineid unerhöret
Ganz allein ins Grab mich stürzt.
O Schmerz! …ich kan nicht widerstehen.
Gieb mir den Stahl … ja … ich will sterben.
Vergebens hältst du mich zurück.
Der Brust wo die Verzweiflung wohnet
Fehlt nie Gelegenheit zum Tod.

Eilt der Brücke zu.

LURCANIO ihm nachfolgend.
Halt ein, was willst du thun?
ARIODANT.
Mein Bruder lebe wohl.

Stürzt sich in den Fluß.

Vierzehnter Auftritt.

Lurcanio, darauf mehrere Krieger, Waffenträger und Volk, unter welchen einige brennende Fackeln tragen.

LURCANIO.
Mein armer Bruder! …

In der größten Verzweiflung auf die Brücke eilend.

Ach! …zu Hülfe! Eilt herbey.
Vielleicht … er ist nicht mehr … zu Hülfe … rettet … eilt …
Mein Bruder … wehe mir!

Steigt von der Brücke herab, und läuft nach Hülfe rufend auf dem Theater umher. Unterdessen kommen von verschiedenen Seiten mehrere Krieger, Waffenträger und eine Menge Volks.

Zu Hülfe! …doch vielleicht
Ist jede Hülfe schon vergebens.
CHOR.
Welch ein Toben! – welche Stimmen!
Hört, welch ein lautes Angstgeschrey!
LURCANIO.
Herbey, ihr Krieger! eilet, eilet.

Zu allen wechselsweise.

CHOR.
Sprich, Lurcan, was ist geschehen?
LURCANIO.
O Freunde! …höret mich … mein Bruder.
Mein Ariodant … er ist nicht mehr.
CHOR bestürzt und erschrocken.
Er ist nicht mehr? …
LURCANIO.
Fort, eilt, zu rächen
Seinen Tod, nach dem Pallast.
CHOR.
Ja, dieser Arm und diese Waffen
Sey ruhig, rächen ihn gewiß.

Während sie dem Pallaste zu eilen, kömmt Polineß heraus.

Fünfzehnter Auftritt.

Polineß aus dem Pallaste herauskommend, tritt den Hineindringenden entgegen, und spricht mit stolzem Tone.

POLINEß.
Zurück, wo wollt ihr hin? Welch tobendes Geschrey
An diesem Ort‘ in dieser Stunde?
Welch eine Wuth treibt euch Rebellen?
Gilt die Gefahr, die ihr zu brüten scheint,
Dem König meinem Herrn, so habt ihr euch zuvor
Mit meinem tapfern Arme noch zu messen.

Verweg’ne! ich allein
Setz‘ eurem Frevel mich entgegen.
Ich will allein den König schützen,
Und zittern werdet ihr.
CHOR UND LURCANIO.
Sey ruhig, Herzog, wir beweinen
Nur unsers Führers / meines Bruders graußen Tod.
POLINESS mit geheucheltem Schmerz.
Wie? Was sagt ihr? Todt der Arme?
Was muß ich hören!

Für sich.

welch Entzücken!

Laut.

Wer war der Mörder, der verruchte?

Für sich.

Ha! jetzt fang‘ ich an zu athmen,
All‘ meine Wünsche sind erfüllt.
CHOR UND LURCANIO.
O weine mit uns, o der Arme!
Vernichtet sey wer ihn erwürgte.
POLINEß.
Fort, der uns so theure Schatten
Erwartet unsre Rache, fort.
Schon fühl‘ ich meine Wuth entflammen,
Fort zur Rache folget mir.
CHOR.
Fort, seinen Mörder zu vernichten,
Zertreten sey der Bösewicht.

Alle ab nach der Burg zu, Polineß und Lurcan voran.

Sechzehnter Auftritt.

Ein mit Laternen erleuchteter Theil im Innern des Pallasts, von welchem man zu verschiedenen Zimmern kömmt.

Der König in der heftigsten Bewegung. Seine Wachen bleiben im Hinter-Grunde. Darauf Ginevra.

DER KÖNIG.
Gott! entfern‘ aus meinem Busen
Dieses schmerzlich bange Klopfen.
O schenke dem gepreßten Herzen
Wieder die verlohrne Ruh.

Man hört von ferne Stimmen, die sich immer mehr nähern.

CHOR VON INNEN.
O Unglück! Unglück ohne Gleichen!
DER KÖNIG.
Welche Klagen! – Welch Entsetzen macht erstarren meine Brust!
CHOR VON INNEN.
O welch Unglück ohne Gleichen!
Unser Feldherr, ach! der Arme …

Ginevra kömmt.

GINEVRA.
Mein Vater … sprich … beruhige mein Herz …
CHOR VON INNEN.
Blut’ge Rache soll ihm werden
Dem theuren Schatten, ja es soll.
GINEVRA zum König.
Welch ein Tumult! hörst du ihn nicht?
DER KÖNIG.
O meine Tochter
Ich weiß nicht was es ist …
GINEVRA.
Er steiget immer noch.
DER KÖNIG.
Und naht sich immer mehr.
GINEVRA.
O Gott! wie wird dieß enden.
Wer nahet dort?
DER KÖNIG.
Welch eine Menge Volks!
GINEVRA.
Ich zittere vor Angst.

Siebzehnter Auftritt.

Polineß, Lurcanio, Heerführer, Krieger und Waffenträger kommen vom Hintergrunde her.

DER KÖNIG.
Was ist geschehn?
GINEVRA zu Lurc.
Sag‘ an, was fordern sie?
LURCANIO mit wildem Tone zu Gin.
Wir fordern deinen Tod.
DER KÖNIG.
Verwegner! welche Sprache!
GINEVRA erschrocken.
O weh mir!
LURCANIO auf Gin. deutend.
Seht! Sie ists, die unsern armen Feldherrn
Ganz zur Verzweiflung zwang, die in das Grab ihn stürzte.
Seht Brüder, dies ist die Verrätherin.
GINEVRA.
Halt‘ ein! was sagtest du? – Mein Ariodant ist todt,
Ist’s möglich … ach! ich bin verlohren.

Sinkt zurück an ihrem Vater.

DER KÖNIG.
Unglückliche! …O sagt …
POLINEß.
Ein Unfall sonder Gleichen,
Ein unersetzlicher Verlust, den du Schaamlose

Zu Ginevra.

Verursacht hast. Wie ganz wirst du zum Abscheu mir.
Durch dich allein fiel er, der Lieblig dieses Reichs,
Die Stütze Schottlands fiel, und ich verlohr den Freund.
Dies fordert Rache, blut’ge Rache.
Ich bin Vollzieher der Gesetze,
Und zittern wirst du bald vor ihrem strengen Sinn,
Du, welche Lieb‘ und Treu, die Ehre selbst verletzte,
Wirst die gerechte Strafe tragen,
Und ehrlos, gleich Verbrecherinnen,
Wirst auf dem Holzstoß du des Todes Opfer seyn.
GINEVRA.
Halt‘ ein! Fort, flieh, daß ich dich nicht mehr sehe.
Du Ungeheuer! War, ach! war ich ohne ihn
Den theuren Ariodant, nicht schon unglücklich genug?
Ha! mußtest du, verworfner Bösewicht,
Durch einen Streich, der mehr als alle Schmerzen tödtet,
Zerreißen mir das Herz? Ginevra Frevlerin!
Ginevra ehrlos! – Sieh, ich bin bereit von dir
Jetzt alles, alles zu ertragen.
Mach, wenn du kannst, mich noch elender als ich bin,
Und sättige an mir all‘ deiner Wuth Begehren;
Doch, nicht Verbrecherin, nicht ehrlos nenne mich.

Hier ist mein Blut, auf, laß es fließen,
Wenn du meinen Tod begehrst.
Doch schone meiner Unschuld, schone,
Raube mir die Ehre nicht.
CHOR zu Ginevra.
Schweig, und rühme deiner Ehre
Deiner Unschuld dich nicht weiter.
GINEVRA.
Der du die Reinheit meiner Seele
O Ew’ger! so vollkommen kennst,
O wend‘ erbarmend die Gefahren
Die mir drohn, verlaß mich nicht.
CHOR aber jeder für sich.
Diese Sprache, diese Klagen
Könnten mir das Herz erweichen.
DER KÖNIG UND POLINEß.

Jeder für sich.

Bey ihren Schmerzen, ihren Klagen
Fühl ich brechen / hüpfen mir das Herz.
GINEVRA.
Und ihr alle, ach! ihr schweiget?
Ihr alle könnt mich so verlassen?
Weh mir, so könntet ihr mich hassen?
Du wenigstens, mein Vater … du …
DER KÖNIG für sich.
O welche bittre Todes-Schmerzen!
CHOR.
Nein, Monarch, nein hör sie nicht.
GINEVRA zu den Uebrigen.
So bin ich euch denn nicht mehr theuer?
CHOR.
Nein.
GINEVRA wie vorher.
Ist kein Erbarmen mehr?
CHOR.
Nein.
GINEVRA.
Soll diese Härte, dieses Wüthen
Gegen mich, denn niemals enden?
CHOR.
Nein.
GINEVRA ZU LURCANIO.
O Barbar!
LURCANIO.
Ich will nichts hören.
GINEVRA ZU POLINENEß.
Du Ungeheu’r.
POLINEß.
Ich hasse dich.
GINEVRA.
Das ist zu unerhört. Nicht länger,
Entsetzliches Geschick, ertrage
Ich alle diese Höllen-Quaalen,
Das Leben ist ein Abscheu mir.
Doch ja, mein Unglück ohne Gleichen
Erregt gewiß einst Mitleid noch.
POLINEß.
Ha! es steiget immer höher
Die Wuth die meine Brust entflammt.
DER KÖNIG zu Gin.
Unglückliche! du gehst zum Tode.
Ach! mein Elend meine Leiden
Zerreißen mir das Herz.
POLINEß.
Mit jedem Augenblicke mehret
Mein heißer Durst nach Rache sich.
LURCANIO zu Ginevra.
Unglückliche! Fort geh zum Tode.
CHOR zu Ginevra.
Schon harret deiner dein Geschick.
LURCANIO zu Ginevra.
Verlohrne, ach! was thatest du?
LURCANIO UND CHOR.
Geh, Schaamlose, geh zum Tode,
Abscheu nur und kein Erbarmen
Erregst du allen die dich sehn.

Ende des ersten Akts.

Zweiter Aufzug.

Erster Auftritt.

Ein abgelegener Ort vor der Stadt, der an der einen Seite an das Meer und an der andern an den Wald der Eremiten von Schottland stößt.

Vafrin kömmt mit trauriger Miene von der Meeresseite her und Dalinda von Innen.

VAFRINO.
Wie unglücklich bin ich! Wie bin ich zu beklagen!
So soll‘ ich meines Herrn entseelten Körper
Nicht wieder finden? Hier im Strome sucht‘ ich ihn,
Allein umsonst. Ich hoffte, daß vielleicht
Das Wasser ihn ans Ufer ausgeworfen.
Doch eitler Wahn! – O könnten diese meine Thränen
Ihn doch benetzen und …
DALINDA von Innen.
Weh! Weh!
VAFRINO.
Welch ein Geschrey!
DALINDA wie vorhin.
Zu Hülfe! O ihr Ungeheuer!
VAFRINO nach Innen hinblickend.
Was seh‘ ich dort! …

Zweyter Auftritt.

Dalinda in dem verwirrtesten Aufzuge aus dem Pallaste fliehend verfolgt von einigen Schergen mit bloßen Dolchen, u. der Vorige.

DALINDA.
Erbarmen! …ach … mein Leben …
VAFRINO zu den Schergen.
Steht, Niederträchtige!
Wie, gegen eine Frau? …

Zieht das Schwerdt und geht auf die Mörder loß; sie entfliehen, er verfolgt sie.

DALINDA.
Ich kann nicht mehr … die Müdigkeit … die Angst …
Treuloser Polineß …

Vafrin kömmt zurück.

VAFRINO zu Dal.
Du bist in Sicherheit.
DALINDA den Vafr. erblickend.
Was seh‘ ich! Du Vafrin?
VAFRINO sie erkennend.
Dalinda! du in dieser Lage,
So in Gefahr muß ich dich finden?
O sprich, ich bitte dich …
DALINDA.
Ha! kenntest du, Vafrin
Den teuflischen Betrug, und die Verrätherey
So unerhört und groß … Doch alles ist vielleicht
Noch nicht verlohren. Komm, bring mich nur weg von hier.
VAFRINO.
Doch sage mir zuvor …
DALINDA.
Bald sollst du alles wissen.
O! Entsetzen wird dich fassen,
Und heiße Thränen wirst du weinen.
In mir kannst du ein Opfer sehen
Der schrecklichsten Verrätherey.
Unfähig bist du, ganz zu fassen,
Die Quaalen meiner Brust.
Mit Abscheu füllt mich ein Verräther,
Unzählige Gewissensbisse
Zernagen mir das Herz.
Ja, ich selbst bin mir der Schande
Mitleidswerther Gegenstand.

Ab.

Dritter Auftritt.

Ein sehr großer dicht verwachsener Wald. Auf der einen Seite desselben ein prächtiges Gebäude mit Thürmen und Obelisken, welches den Eremiten von Schottland zum Aufenthalte dient und zum Theil von den Bäumen verdeckt wird.

Ariodant erscheint im Hintergrunde des Waldes. Sein ganzes Aeußeres zeugt von einer verborgenen heftigen Leidenschaft. Langsam und im tiefen Nachdenken versunken kömmt er näher, er seufzt und stöhnt. Darauf gleichsam sich ermannend blickt er umher.

ARIODANT.
Wo bin ich, und wohin führt mich der Weg?
Welch dichtes Schattendach verbreitet rings umher
Der labyrinthsche Wald, und macht den Tag zur Nacht!
Welch tiefes Schweigen herrscht! Stumm scheint hier die Natur.
O wie so alles hier ein heil’ges Schaudern haucht!
Hier kann ein Herz an seiner Quaal sich weyden.
Dies, ja dies ist der Ort, den meine Klagen fodern.
Aus tiefem Strom, aus dem gewissen Tod
Hätt‘ also mich der Himmel aufgespart,
Um neue Leiden zu ertragen.
Und was bleibt mir zu dulden übrig noch?
Mein Elend ist aufs höchste ja gestiegen.
Da Alles ich verlohr, was könnte mich noch schmerzen.
Nein, für mich giebt’s keinen Frieden,
Giebt es kein Erbarmen mehr.
Ach! was wird aus dir noch werden
Armes Herz!

Lehnt sich vom Schmerz gebeugt an einen Stamm.

Vierter Auftritt.

Die Thüre des Gebäudes öfnet sich; viele Eremiten kommen heraus und verliehren sich im Walde. Mit trauriger Miene singen sie.

CHOR.
O Tag des Unglücks! Welch Entsetzen!
O wer mögte hier nicht weinen.
Ohn‘ Erbarmen soll die Arme
Zum Tode gehn?
ARIODANT.
Horch, welch ein klägliches Gewimmer!
Welch ein Geschwirr von Trauertönen!
Antwortet so vielleicht das Echo meinen Klagen?

Steht auf und geht vorwärts.

CHOR.
Gott, laß durch unsre Thränen
Besänft’gen endlich deinen Zorn.
Laß diese Schrecken, diese Leiden
Doch enden nun einmahl.
ARIODANT.
Was für ein Unfall mag … Sieh‘, nein ich irre nicht,
Dieß sind die weisen Eremiten.
O wie so ganz sind sie im tiefen Schmerz versenkt!
Wie wird dies endigen?
CHOR.
O Tag des Unglücks! welch Entsetzen!
O wer kann den Thränen wehren,
Ohn Erbarmen soll die Arme
Zum Tode gehn?
ARIODANT.
Bey Gott, sie soll es nicht.

Für sich.

Wie könnt ich es ertragen,
Daß sie für mich sich opferte.

Laut.

Nein, nein
Dies wäre unerhört. Die Unglückseelige!
Noch in der Blüthe ihrer Jahre …
Bang zitternd … und Entsetzen in dem Blick …
Zum Tode hingeführt … O welches Greuel-Bild!
Und ehrlos sollten dann auf einem Scheiterhaufen
Verbrennen ihre schönen Glieder?
Ha! fort, zur Rettung fort, es drängt der Augenblick;
Ich bin bereit, für sie, die Angebethete

Für sich.

Die mir so theuer ist, mein Blut auch bis
Zum letzten Tropfen zu vergießen.

Zu den Eremiten.

O wüßtet ihr es, welch ein Feuer
Welch Gefühl mich so durchglüht.
Könntet ihr mein Herz durchschauen
Mitleid fühltet ihr mit mir.
Dies Herz …
CHOR.
Laß‘ es von Ehre glühen.
ARIODANT.
Ach! Liebe …
CHOR.
Höre nur den Ruhm.
ARIODANT.
Ja, fort, und ohne weitres Zaudern
Einmal zu enden diese Quaal.
CHOR.
Es freue Schottland seiner Rettung
Durch dich zum zweitenmale sich.
ARIODANT zu den Eremiten.
Wenn untern Waffen dann ich kämpfe,
So laßt ihr heil’ge Lieder tönen.
Gott, der du selbst die Siege leitest
Verleihe du mir Ruhm und Kräfte
Hilf mir und führe mich zum Sieg.
CHOR.
Geh, kämpf‘ es leitet dich der Himmel;
Geh, du bist deines Siegs gewiß.
ARIODANT für sich.
Doch, wenn man nun sie schuldig findet …
CHOR.
Fort, was weilst du länger noch.
ARIODANT für sich.
Und wenn ich weiche …
CHOR.
Die Zeit hat Flügel.
ARIODANT für sich.
Sie werd‘ ich sehn …
CHOR.
Fort, eile fort.
ARIODANT.
Gott, wer hat wohl je ertragen
Ein härteres Geschick als ich?
Treulos hat sie mich verrathen,
Doch kann ich sie vergessen nicht.
CHOR.
Geh, siege, weile nun nicht länger,
Es steigt für sie schon die Gefahr.
ARIODANT.
Was sie bedroht setzt mich in Flammen,
Für sie wag‘ ich mich in den Tod.

Ab. Er wird von den Eremiten bis an den Hintergrund des Waldes begleitet, worauf diese umkehren und wieder in das Gebäude hineingehen.

Fünfter Auftritt.

Der König, darauf Lurcanio.

DER KÖNIG.
Welch schreckliches Geschick stürzt über mich herein!
Die theure Tochter, sie, die einz’ge Hoffnung mir,
Des Lebens Trost und meine Freude
Soll ich verliehren? Ach! wo ist ein Vater, wo,
Unglücklicher als ich? Wo elend so ein König?
LURCANIO.
Monarch …
DER KÖNIG.
Lurcan! Ha! deine Gegenwart
Erreget Schaudern mir. O du Verworfener!
Mit welchem blut’gen Dank vergiltst du mir, was ich
Dir Gutes that.
LURCANIO.
Ich theile deinen Schmerz;
Dein Zustand rühret mich; doch deine Tochter
Ist mir ein Abscheu; hat den Bruder mir gemordet.
Dies fordert Rache …
DER KÖNIG.
Gott!
LURCANIO.
An ihr muß ich den Schatten
Versöhnen, der ungerächt noch ist.
DER KÖNIG.
Und dann …
LURCANIO.
Befiehl, daß man den Holzstoß richte.
DER KÖNIG.
Und werd ich dies Gesetz
Der Blutdurst wohl erfüllen können?
LURCANIO.
Du mußt es.
DER KÖNIG.
Und du sprichst mit einem Vater so?
LURCANIO.
Ich spreche jetzt mit Schottlands König
Heilig ist das Gesetz; und du …
DER KÖNIG.
Unmenschlicher
Nichts mehr, ich will handhaben das Gesetz;
Die theure Tochter wird dem graußen Schicksal folgen.
Doch wird vielleicht der Himmel selbst, gerührt
Von meinem unnennbaren Leiden,
Der Unschuld Retter seyn, und den Verläumder strafen.
Du tödtest mich, o Undankbarer!
Du raubest meiner Brust die Ruh;
Nein fähig konnt‘ ich dich nicht halten
Einer solchen Grausamkeit.

Für sich.

Ach! mir schwankt das Herz im Busen,
Ich fühle mich dem Tode nah.
Gott! welch ein Augenblick der Schrecken,
O erbarm, erbarm dich mein.

Ab.

Sechster Auftritt.

LURCANIO allein.
Unglücklicher Monarch, dein Leiden rührt mich tief;
Doch ist die Quaal, die du erduldest groß und bitter,
So ist es auch nicht weniger die meine.
Bist du mir nah‘ o Schatten meines Bruders,
O so beruh’ge dich; sie ist nicht ferne mehr
Die längst erwartete gerechte Rache,
Sie naht mit raschem Schritt.

Ab.

Siebenter Auftritt.

Cabinet der Ginevra.

Ginevra, weis gekleidet, mit losen Haaren und ohne allen Schmuck, wird umgeben von ihren Frauen, die sie beklagen; darauf der König mit seinen Großen, und Wachen.

GINEVRA.
In welchen Abgrund voll Entsetzen
Bin ich gestürzt, ich Unglückseelige!
Ist’s möglich, so an einem einz’gen Tage
Auf einmal Alles zu verliehren?
Was bleibt dir übrig nun, o grausames Geschick,
Elender mich, als ich schon bin zu machen?

Der König kömmt.

DER KÖNIG.
O Tochter! O beklagenswerthe Tochter!
GINEVRA.
Mein Vater!
DER KÖNIG.
Komm an dieses Herz.
GINEVRA.
Du weinst?
DER KÖNIG.
Wie könnt‘ ich meine Thränen hemen,
Da ich dich jetzt so nah dem Grabe sehe.
GINEVRA.
Mein Vater, nicht der Tod ist es, was mich erschreckt.
Denn Ariodant ist todt, mein Einziger, und nun
Wird ohne ihn das Leben mir zur Last.
Doch, die Ehrlosigkeit, der Tod der Schande
Ist das Entsetzliche, dem ich zu widerstehn
Nicht Kraft genug in meinem Busen fühle.
Mein Vater, liebst du mich, so gieb mir einen Dolch …
So gieb mir Gift … denn ich will sterben.
Doch, sterben will ich, wie ich lebte,
Schuldlos, und treu dem theuren Ariodant,
Des Einzigen, so wie des Vaters würdig,
Und meiner würdig … o versage
Mir diesen letzten Dienst zu meiner Rettung nicht.
DER KÖNIG.
Was forderst du von mir!
Ich schaudre … zittre … Gott!
GINEVRA.
Wenn ich dir theuer bin,
O so bedenk dich nicht. Mit meinem Leben wird
Auch alle meine Quaal sich enden.
Ich werd‘ ihn wieder sehn den Einzigen, und dort,
Dort unter treu sich Liebenden, werd‘ ich
Mit ihm der Stunden viel, und glückliche genießen.
Dort werden rings um uns nur Wonnetage seyn.
Ein süßer Augenblick wird wechseln mit dem andern.
Und trunken vom lebhaftesten Gefühl
Der Unschuld, wird dann unsre Seelen
Entzücken nur durchglühn.
Die Liebe winkt mir, süßen Frieden
Mit dem Geliebten zu genießen.
Sie ruft mich, von so vielen Schrecken
In ihrem Schooße auszuruhn.
Mein Vater hemme deine Thränen,
Tröste dich in deinem Schmerz.
Ich sterbe zwar, doch mein Verhängniß
Erpresse keine Seufzer dir.
Ich gehe ja nur süßen Frieden
Mit dem Geliebten zu genießen,
Im Schooß der Liebe dort;
Wo, ach! von so vielen Schrecken
Sie mir winket auszuruhn.
Ja, du wirst befriedigt werden
O hartes Schicksal, und dein Zürnen
Fürcht‘ ich jetzt nicht mehr.

Zum König.

Doch, dich mein Vater zu verlassen,
Dieß macht mich zittern, dieß allein.
Drum auf, zu ihm dem Vielgeliebten
Er allein stillt meinen Schmerz.

Ab mit ihren Jungfrauen.

Achter Auftritt.

Der König, Große des Reichs und Wachen.

DER KÖNIG.
Wie groß ist die Gefahr!
O Ewiger, der du mein Inneres durchschaust,
Der du so gerne dich erbarmest,
O neig‘ erbarmend auch den Blick auf meine Leiden.
Zeig einem Vater auch, wenn so Gefahr ihm droht,
Wo Rettung für ihn ist.

Ab mit dem ganzen Gefolge.

Neunter Auftritt.

Ein Theil im Innern des Königlichen Pallasts. Hier und da sind Wachen ausgestellt. Viele Großen und Heerführer in trauriger Stellung, nachher Polineß, darauf der König mit Ginevra und ihren Jungfrauen.

CHOR DER GROßEN DES REICHS.
Schon eilt der Sonne rascher Wagen
Dem Untersinken zu.
Welch einen Auftritt des Entsetzens
Wird sie, wenn sie schwindet sehn.
Ach! Ginevra, ach! die Arme,
Für sie ist nun dahin geschwunden
Auch der kleinste Hoffnungs-Strahl.
Sie muß dem blutigen Gesetze
Sich ohne Rettung unterziehn.

Polineß steht während der ganzen Zeit mit gezwungen mitleidiger Miene; doch läßt er zuweilen seinen Haß und Schadenfreude durchblicken.

POLINEß.
Ja, weint, und seufzet nur ihr traurigen Vasallen.
Ihr treuen Diener des unglücklichen Monarchen.
Dies ist der Thränen Tag – ein Tag des Schreckens.

Für sich.

Für mich der Freude Tag.

Laut.

O welch ein Schauspiel des Entsetzens,
Welch ein Auftritt ohne Gleichen,
Wird jetzt für eines Vaters Herz bereitet.

Der König kömmt.

Da kommt er her … die Schuldige mit ihm.
Er flößet Mitleid ein … ihr Schicksal macht mich seufzen.

Für sich.

Schon nähert sich das Ende meiner Rache.
DER KÖNIG.
Nun Herzog, sprich, was forderst du von mir.
POLINEß.
Unglücklicher Monarch, mich führt Nothwendigkeit
Die grausame, zu deinen Füßen her.
Des unerbittlichen Gesetzes Strenge
Ist dir bekannt. Schon neiget sich der Tag;
Und es verlangt Lurcan von mir, denn ich
Bin ja Vollzieher der Gesetze,
Zum Richtplatz die Verbrecherin zu führen,
Und das Gesetz an ihr mit Strenge zu vollziehn.
DER KÖNIG.
Mein Schmerz ist allzugroß, er raubet mir die Sinne.
GINEVRA für sich.
Es räche sich der Niederträcht’ge nur.
POLINESS zu Ginevra.
Von Seufzern schwillt mein Herz … allein Prinzessin …
GINEVRA.
Schweig.
Wie? du – du liebtest mich? Du der mich dem Geschick
So völlig überläßt? der selbst kömmt, mich
Zum Tod der Schmach, zum unverdienten Tod zu führen?
Wie Ungeheu’r, rührt so mein Elend dich?
POLINEß.
O wüßtest du, wie viel mich’s kostet …
Allein die heil’ge Pflicht des Stand’s in dem ich lebe …
DER KÖNIG zu Polineß.
Geh nur, sobald die ernste Stunde schlägt,
Wird wohl bereit seyn meine Tochter.
POLINEß.
Ich geh‘ wie du befiehlst. Mit deines Volkes Klagen
Vereinige, du siehst’s, ich auch die meinigen.
Dein Unglück, das zugleich mein eignes Unglück wird,
Preßt mir die Brust, erfüllt mit Schaudern mich.
Ja, fordertest du es, es flösse all mein Blut,
Um dich zufrieden nur zu stellen,
Wie soll ich meinen Thränen wehren,
Bey deinem übergroßen Schmerz.
O du unglücklichster der Väter!
Wie sehr beklag‘ ich dich.
CHOR zu Polineß.
So komm‘ als Kämpfer in die Schranken.
POLINEß.
Für sie? Was fordert ihr von mir!
CHOR.
Vertheidige die Königstochter.
POLINEß.
Nein, Freunde, nein, das kann ich nicht.
DER KÖNIG.
Wie? bist du Krieger?
POLINEß.
Und du fragest?
DER KÖNIG.
Und, Feiger, und doch zitterst du?
POLINEß.
Ich zittern? Nein, nichts macht mich beben,
Nein, Gefahren kenn‘ ich nicht.

Zum König.

Für dich,

Zu den Großen.

für euch würd‘ in den Schranken
Ich dem Tod entgegen gehn.
CHOR.
Und sie darf also nicht mehr hoffen?
Und sie soll sterben in der Schmach?
POLINEß.
O grausamstes, der Blut-Gesetze!
Pflicht, die nur Grausamkeit gebeut.
CHOR.
Gerechter Himmel voll Erbarmen
Entferne dieser Stunde Quaal.
POLINEß.
Prinzessin, König, meine Freunde,
In dieser fürchterlichen Stunde
Bricht vor Wehmuth mir das Herz.

Für sich.

Ha! endlich wird mein Wunsch erfüllet,
Denn die Uebermüth’ge fällt.

Ab.

Zehnter Auftritt.

Der König, Ginevra, die Großen des Reichs und Wachen, darauf Lurcanio und von neuem Polineß.

DER KÖNIG.
O Tochter!
GINEVRA.
Vater …
DER KÖNIG.
Welche Stunde!
GINEVRA.
Und noch besinnst du dich? – Und noch verweigerst du
Mir einen Dolch und Gift …
DER KÖNIG.
Noch kann ich mich zu nichts entschließen,
Und noch verliehr‘ ich alle Hoffnung nicht.
GINEVRA.
Nein, die Gefahr ist nah – ach! allzugroß ist sie.
LURCANIO.
Nichts mehr. Fort Wachen, fort führt zur gerechten Rache
Das Opfer hin zum Tod. Schon ist der Abend nah,
Auch läßt sich noch kein Kämpfer sehen,
Der meinem Muthe sich entgegen stellen will,
Und der es wagt, mit mir zu fechten.

Ariodant tritt auf.

Eilfter Auftritt.

Ariodant in schwarzer Rüstung, das Gesicht mit dem Visir bedeckt und die Vorigen.

ARIODANT.
Ich bin es, der es wagt,
Ja, vertheid’gen werd‘ ich sie.
Heraus zum Kampf in diese Schranken
Wer ihr Ankläger war.
GINEVRA.
Dank, Ewiger, es lächelt wieder
Ein Strahl von Hoffnung meiner Brust.
ARIODANT.
Wie bey unzähligen Gefühlen
Mir das Herz im Busen schlägt.
DER KÖNIG.
Bedenk‘ o Tochter, daß der Himmel
Stets der Unschuld Schirmer ist.
LURCANIO UND POLINEß.
Zu lang verzögert sich die Rache,
Höher steigt mein Durst nach Blut.
LURCANIO zu Ariodant.
Wer bist du Krieger?
ARIODANT.
Ich bin einer der Ginevra
Vertheid’gen will. – Hier ist das Zeichen
Der Ausfordrung.

Wirft einen Handschuh hin.

LURCANIO ihn aufnehmend.
Und ich – ich nehm sie von dir an.
DER KÖNIG zu Ariodant.
O Held! Großmüthiger, o tapfrer Krieger!
Du der in unsrer Noth uns Hülfe bringt, die uns
Um so viel theurer ist, je wen ger wir sie hofften.
O zeig mir dein Gesicht.
GINEVRA zu Ariodant.
O sag mir, wer du bist, mitleidiger Erretter.
ARIODANT.
Ich kann nicht.
GINEVRA.
Wenigstens …
ARIODANT.
Es sey dir g’nug Prinzessin,
Daß du vertheidigt wirst. Nur nach dem Kampf werd‘ ich
Dir mein Gesicht und wie ich heis‘ entdecken.
LURCANIO zu Ariodant.
Auf, laß nunmehr den Kampf beginnen.
Ich bin bereit. Siehst du,

Das Schwerdt ziehend.

dies ist der Stahl,
Der unbesiegte Stahl des mir so theuren Bruders.
Erbeb vor seinem Glanz. Denn heut wird er ihn rächen.

Ab.

DER KÖNIG zu Polineß.
Nun Herzog, geh‘ und laß im großen Platz
Zu diesem Kampf die Schranken schließen.
POLINEß.
Wie du befiehlst Monarch; o mögte doch der Himmel
Dir huldvoll endlich Trost gewähren,
Und lange noch das Leben fristen dir.

Für sich.

O daß auch dieser noch dem Abgrund nahe wäre.
DER KÖNIG.
Man lass‘ in Freyheit nun, so wie’s die Sitte heischt,
Den edlen Ritter mit der Tochter.

Zu Ariodant.

Leb wohl, o Krieger, dir vertraue ich sie an.
Und alles hoff‘ ich jetzt von deinem Muthe.

Die Großen des Reichs und die Heerführer trennen sich bey dem Worte Freyheit, und gehen auf verschiedenen Seiten ab. Auch der König entfernt sich darauf mit seinem Gefolge.

Zwölfter Auftritt.

Ginevra und Ariodant.

ARIODANT für sich.
Entsetzlicher Moment!
GINEVRA.
O edler Krieger,
Du übernahmst mit hohem Muthe
Mich zu vertheidigen,
Nun wohl, so wirst du auch ganz überzeugt dich halten
Daß ich unschuldig bin und daß Verläumdung bloß
So meine Ehre kränken konte.
ARIODANT für sich.
Welch eine Frechheit!
GINEVRA.
Geh, der Himmel ist gerecht;
Er wird gewiß dir Sieg verschaffen.
Doch darf ich wen du siegst, um eine Gnade bitten?
ARIODANT.
O sprich …
GINEVRA.
Der Sieg macht mich alsdann zu deiner Beute;
Trägst du nun in der Brust ein edelmüthges Herz,
So ehre meinen Wunsch, entsage deinem Recht.
Nimm die Provinzen all, die meine Mitgift sind,
Doch laß dafür unglücklichen Gefühlen
Die arme Freyheit dann.
Denn lieben, wollt‘ ich auch, würd‘ ich dich doch nicht können.
ARIODANT.
Ist’s möglich?
GINEVRA.
Zürne nicht, denn meine erste Liebe
War Ariodant.

Für sich.

O du mir ewig theurer Name!

Laut.

Und wird die letzte seyn.
ARIODANT für sich.
O wär‘ es würklich wahr?
Welch eine Quaal! Welch eine Lage!

Laut.

Und Ariodant, nur ihn hast du geliebt?
GINEVRA.
Ja; so wie er, als er noch lebte, immer
Der Theuerste mir war, so bleibt er mir es auch
Im Tode noch, und nie gehör‘ ich einem andern.
ARIODANT heftig.
Die Undankbare! …
GINEVRA.
Wie? Was sagtest du?
ARIODANT für sich.
Gott! was hab‘ ich gesagt; fast hätte mich
Die allzugroße Heftigkeit verrathen.
Doch, sie bezaubert mich. Auch weiß ich nicht, wodurch
Sie so mich zwingt, ihr mehr zu trauen
Als meinem eignen Blick.
GINEVRA.
Was hast du Krieger?
Warum sprichst du so viel mit dir allein?
Und blickst so wild aus dem Visir hervor?
Woher die Wuth, die so umher dich treibet?
Warum verbirgst du mir sogar die Seufzer? Sprich …
ARIODANT.
Nichts mehr, laß mich …
GINEVRA.
Dich lassen?
ARIODANT.
Fort, du weist
Es nicht, wie sehr mir deine Gegenwart
Zum tiefen Abscheu wird.
GINEVRA.
Gott! Welch ein Wort. Weh mir! … O höre mich – o bleib …

Für sich.

Verführerisch Gesicht … Ha! könnten aus den Gräbern
Gestorbene zurück auf diese Erde kommen …
Dieses Zürnen … Diese Worte …

Laut.

O Ritter, sprich, bist du elend vielleicht wie ich?
ARIODANT.
Ja wohl bin ich’s.
GINEVRA.
Warum?
ARIODANT.
Wie, und du weist es nicht?
GINEVRA.
Erklär dich deutlicher.
ARIODANT.
Leb wohl.
GINEVRA.
Erbarmen! Nein, verlaß mich nicht.
O bleib und lindre meine Schmerzen,
Bleib, laß erst dein Gesicht mich sehen
Dann eile zu dem Siege hin,
ARIODANT.
Nein, mein Gesicht wirst du nicht sehen,
Wenn ich nicht todt am Boden liege.
Doch schaudre, seine Todten-Blässe
Macht dann gewiß zu Eis dein Blut
GINEVRA.
Wie? So hoffst du zu triumphiren?
ARIODANT.
Ich werde tapfer für dich kämpfen.
GINEVRA.
So wirst du mich dem Tod entreißen?
ARIODANT.
Nur wer das Recht vertheidigt, siegt …
GINEVRA mit Würde und Nachdruck.
Bey Gott, das thust du.
ARIODANT.
Welche Sprache!
Bey Gott du irrst. Nein, fürchte, bebe …
GINEVRA.
Welche Furcht darf Unschuld hegen,
Nein mein Herz erzittert nie.
ARIODANT für sich.
Wie, darf sie noch mit Unschuld prahlen?
Gott, was soll ich davon denken.
GINEVRA.
Nur einen Blick …
ARIODANT.
O laß mich, schweige.
GINEVRA.
Doch, wirst du siegen?
ARIODANT.
Ich weiß es nicht.
BEYDE.
O wie schlägt so bange, bange
Mir in der Brust das Herz.
Welche Leiden unerhöret,
Welche immer neue Quaalen,
Zu Klagen ist mein Herz bestimmt.
ARIODANT.
Leb wohl.
GINEVRA.
Du gehst?
ARIODANT.
Ich darf nicht weilen.
GINEVRA.
Ein Wort …
ARIODANT.
Was ist’s …
GINEVRA.
Entdecke dich.
ARIODANT.
Erbeb‘.
GINEVRA.
Umsonst.
ARIODANT.
Ich bin …
GINEVRA.
Sprich weiter.
Wer bist du?
ARIODANT.
Zittre …
GINEVRA.
Ich will’s wissen.
ARIODANT.
Du willst’s, so wisse …

Indem er das Visir aufschlagen will, hört man von Innen einen Trompeten-Stoß.

GINEVRA.
Welch ein Tönen!
ARIODANT.
Hörst du das Schmettern der Trompeten?
Leb wohl, ich geh für dich zum Tod.

Will forteilen.

GINEVRA.
O höre mich – ach! bleibe … bleibe;
Gott! zu groß sind diese Leiden,

Gin. entfernt sich auf der einen und Ariod. mit der größten Schnelligkeit auf der entgegengesetzten Seite.

Nein, ich trage sie nicht mehr.

Dreizehnter Auftritt.

Großer Platz in der Stadt. In der Mitte Schrauken für die Kämpfenden. Auf der einen Seite ein Scheiterhaufen; rund herum Logen von Zuschauern angefüllt, und eine Loge im Hintergrunde für den König und die Großen des Reichs.

Polineß in Rüstung und Helm, Waffenträger folgen ihm. Dann Lurcanio begleitet von einigen Feldherrn und zwey Waffenträgern mit seinem Schild und Schwerdte von der einen Seite. Darauf von der andern Seite Ariodant nebst einigen Großen des Reichs, und zuletzt der König, welchen Ginevra mit ihren Frauen, die Hofleute und Leibwachen begleiten.

ALLGEMEINES CHOR.
O welch ein Tag der Angst, der Schrecken!
O des Entsetzens Augenblick!
Dem Kampfe der Entscheidung nahe
Bebt das Herz mir in der Brust.
CHOR DER HEERFÜHRER, welches mit Lurcanio kömmt.

Zu Lurcanio.

Geh, den Unglücklichen zu rächen,
Es falle die Verrätherin.
Schon nahet der Entscheidung Stunde
Auf, waffne dich mit Muth.
CHOR DER GROßEN DES REICHS, die den Ariodant begleiten.

Zu Ariodant.

Geh, kämpfe für der Unschuld Ehre,
Geh, lindre eines Königs Schmerz.
Es verleihe dir der Himmel
Sieg im großen Kampf.

Der König nimmt seinen Platz ein; dies thun auch die Großen des Reichs. Polineß stellt sich neben den König; Ariodant und Lurcanio nehmen an den beyden Seiten der Schranken ihren Platz. Ihre Waffenträger stehen neben ihnen. Ginevra steht zwischen ihren Frauen.

DER KÖNIG.
Sieh, treues Volk, die Tochter deines Königs.
Ob strafbar sie, ob sie unschuldig ist,
Wird bald im Muthe der beyden Kämpfer hier,

Auf die beyden Ritter deutend.

Der Himmel, der gerecht ist, offenbahren.

Zu Polineß.

Jetzt gieb zum Kampf Befehl.
POLINEß.
Man schließ die Schranken. Auf! ihr Kämpfer, waffnet euch,

Zu Ginevra.

Und du Prinzessin thu‘ was Kampfes Sitte fordert.

Lurcanio schlägt sein Visir herab, und nimmt Schild und Schwerdt von seinen Waffenträgern.

Für sich.

Ha! wie klopfet mir das Herz!
Welch ein Gefühl, so unbekannt so bang
Beherrschet meine Brust.
GINEVRA zu Ariodant indem sie von ihren Frauen Schild und Schwerd nimmt und ihm beydes reicht.
Hier, nimm den Stahl der Rache
Des Unrechts, das mich schwer darnieder drückt.
Hier ist der Schild; auf, Ritter fasse Muth,
Vertheidige die Reinheit meiner Seele.
ARIODANT für sich.
Nein, nein es ist nicht wahr. Es ist Verläumdung nur.
POLINESS zu den Kämpfern.
Auf, in die Schranken tapfre Kämpfer.
LURCANIO in die Schranken tretend.
Willkommen Augenblick! Wo ich den theuren Schatten
Des Bruders rächen kann.
ARIODANT für sich, indem er in die Schranken tritt.
Vielleicht von Bruders Hand,
Sink‘ ich zum Staube jetzt.
GINEVRA.
O Himmel sieh‘ ihm bey.
O könnt‘ er meine Ehre retten.
POLINEß.
Wohlan! Es töne die Trompete.

Eine Trompete giebt das Zeichen zum Kampfe.

LURCANIO.
Zum Kampf!
ARIODANT.
Zum Kampf!

Sie kämpfen; im nämlichen Augenblick kommt Vafrin.

Vierzehnter Auftritt.

Vafrin und die Vorigen.

VAFRINO.
Ihr Ritter, haltet ein.

Zum König.

Mein König tröste dich,
Unschuldig ist Ginevra deine Tochter,
Und der Verräther, der den mörderischen Plan
Entworfen hat, ist, Völker hörts und schaudert,
Ist Polineß …
POLINEß.
Wer wagt’s …
DER KÖNIG.
Was hör‘ ich! …
GINEVRA zu Polineß.
Ungeheuer!
ARIODANT zu Polineß.
Ha! Niederträchtiger!

Letzter Auftritt.

Dalinda, welche eilt sich der Ginevra zu Füßen zu werfen und die Vorigen.

DALINDA zu Ginevra.
In mir siehst du, Prinzessin,
Die Antheilnehmerin an der Verrätherey
Des Bösewichts. Ich war es, die in vor’ger Nacht
In deinen Kleidern auf der Gallerie erschien.
Ich wars, die er, der Treuvergessene vermochte
Ihn selbst in meinem Zimmer aufzunehmen.
Doch ach! ich liebte ihn, und hätte nie
Für so unmenschlich, nein, so schlecht ihn nicht gehalten.
Und dann zum Lohn, gab der Elende mich
Den Schergen Preis, mich zu ermorden.
DER KÖNIG.
Der Schändliche.
LURCANIO.
O der Betrügerey!
GINEVRA zu Polineß.
Du Höllen-Ungeheuer.
POLINEß.
Verläumder, welch unsinniges Beginnen
Waget ihr mir anzudichten?
DER KÖNIG.
Verruchter.
POLINESS mit scheinbarer Festigkeit zum König.
Lügen sind’s, was sie erfinden,
Mit diesem Stahl

An sein Swerdt fassend.

will ich sie alle widerlegen.
Wo ist der Frevler, der mit mir zu kämpfen wagt?
ARIODANT.
Ich wag’s, Verräther. Komm und zittere vor mir.
POLINEß.
Ich bin bereit.

Für sich.

Die Noth macht mich beherzt.

Er steigt von seiner Loge herab, nimt seinem Waffenträger den Schild aus der Hand, schlägt sein Visir herab, und tritt in die Schranken, aus welchen Lurcanio heraustritt.

ARIODANT.
Auf, zu dem Kampf!
POLINEß.
Zum Kampf!

Sie fechten, Polineß wird entwaffnet und zu Boden geworfen.

GINEVRA.
Schon straft der Himmel das Verbrechen.
ARIODANT dem Polineß das Schwerdt ins Visir setzend.
Stirb Bösewicht.
POLINEß.
Halt ein, o Krieger!
ARIODANT wie vorher.
Bekenne mir, daß du, Elender, uns betrogst,
Wo nicht, so tödt‘ ich dich.
POLINESS für sich.
Weh mir!

Laut.

Ja, schuldlos ist Ginevra.
Ich allein bin der Verbrecher, ich.

Ariodant läßt ihn frey, und beyde treten aus den Schranken.

DER KÖNIG zu Polineß.
Treuloser.
POLINESS zu König.
Strafe mich, verdient hab‘ ich den Tod.
Schon mangelt mir die Kraft, das Nagen des Gewissens
Und alle Greuel meiner Schuld zu tragen.
Mich hat der Ehrgeiz und die Liebe,
So wie die Eifersucht vermocht zu dem Verrath.

Wirft sich auf die Knie.

Hier lieg‘ ich Reuevoll; ich flehe um den Tod
Und um Verzeihung dich.
DER KÖNIG.
Steh‘ auf, Unglücklicher.

Polineß steht auf. Der König steigt vom Thron herab, und eilt seine Tochter zu umarmen. Mit ihm verlassen auch alle Große mit Aeußerungen der Freude ihre Sitze.

GINEVRA.
Mein Vater!
DER KÖNIG.
Komm an meine Brust, o Tochter,
Du bist gerettet.
GINEVRA.
Ja; gerettet ist mein Ruf.
Wie glücklich bin ich jetzt. Doch fort aus dem Getümmel,
Von nun an weyh‘ ich mich, wenn du es mir erlaubst,
Der Einsamkeit, um dort den theuren Ariodant
Auf immer, immer zu betrauren.
Und denkend nur an ihn in unbegränzter Treue
Die wenigen und martervollen Tage
Die mir der herbe Schmerz noch fristet, zu verleben.
DER KÖNIG.
Wie! daran denkest du?
ARIODANT.
O nein, Ginevra, nein …
GINEVRA.
Doch du, Großmüthiger, der du für mich so viel gethan;
Beruhige mein Herz …
Laß dein Gesicht mich sehn …
ARIODANT schlägt das Visir auf und wirft sich der Prinzessin zu Füßen.
Ginevra! Theuerste!
Sieh‘ Ariodant zu deinen Füßen.

Bei diesen Worten sinkt Ginevra überrascht und außer sich vor Freude in ihres Vaters Arme, ihre Jungfrauen halten sie.

LURCANIO.
Oeffne deine Augen wieder,
Erwache, komm zurück ins Leben.
GINEVRA zu sich kommend.
Wie! du lebest! Mein Geliebter …
Ach ich fürcht‘ es ist nur Traum.
ARIODANT.
O Theure …
GINEVRA.
Bist du’s?
ARIODANT.
Ja, der Deine,
Ja ich bin’s, es ist kein Traum.
GINEVRA, ARIODANT, DER KÖNIG, LURCANIO UND VAFRINO.
O Wonne! Nie hab‘ ich empfunden
Einen seel’gern Augenblick.
POLINEß UND DALINDA.
Nein, frey die Augen aufzuheben
Wag‘ ich bei diesem Anlaß nicht.
ALLE ACTEURS UND CHOR.
O schönster aller Wonnetage
O Augenblick voll Seeligkeit,
Völlig glücklich ganz zufrieden
Hüpft das Herz in unsrer Brust.

Ende.