Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Fünftes Bändchen, 1839. XIII


1

Der heilige Kebir sah eine Mühle drehn,
Und weinte, daß kein Korn da ganz hindurch kann gehn.

Er weint' ums Körnlein nicht, er weint' ums Weltgeschick,
Das tausend Leben so malmt jeden Augenblick.


2

Die Leiter unterm Baum liegt umgestürzt im Graben,
An der heut auf und ab geklettert unsre Knaben,

Der Jakobsleiter gleich, auf welcher Engel stiegen,
Von der, ich weiß nicht wo, bewahrt die Sprossen liegen.

Die Engel stiegen dort herab vom Himmelsraum,
Die Bengel stiegen hier hinauf zum Apfelbaum;

Hier schöne Wirklichkeit, und dort ein schöner Traum.


3

O Mücke, die du lebst und stirbst im Sonnenstral,
Heb höher deinen Tanz! die Sonne schwand vom Thal.

Sie scheint noch in der Höh; hinauf! ihr Licht zu trinken,
Dann in dein nächt'ges Grab, bethautes Gras, zu sinken.


4

Zufrieden mit mir selbst, mit Gott und mit der Welt,
Hab' ich das Gute nur zu thun, das mir gefällt.

Nicht als sei Gutes mir durchaus zu thun beschieden;
Doch wollt' ichs gern nicht thun, wie wär' ich denn zufrieden?


5

Der Ehre kannst du wol von andern leicht entbehren,
Wenn du dich selber nur zu halten weißt in Ehren.

Doch will dir Unverstand versagen die Gebühren,
Laß ihn nicht deinethalb, laß es ihn seinthalb spüren.

Denn jedem Manne ziemt vorm andern, und dem Knaben
Ziemt zwiefach Achtung wol vor einem Mann zu haben.

Die Lehre sollst du ihm, weil sie ist heilsam, geben;
Gib sie ihm so alsob es dich nicht angieng' eben.


6

Das Wasser trägt den Mann, wenn er zu schwimmen weiß;
So nährt das Land ihn, wenn er brauchet seinen Fleiß.

Wer Bein' und Arme nicht lernt in die rechte Lage
Zu bringen, hoffe nicht daß ihn das Wasser trage.

Und also wer geschickt nicht reget Fuß und Hand,
Schreib' es sich selber zu, wenn ihn nicht trägt das Land.

Gleichschwer von Leib sind zwei, der eine regt die Glieder
Und schwimmt, der andre sinkt wie ein Bleiklumpen nieder.

So sind auch zwei gleichstark, der eine braucht die Kraft
Und lebt, der andere lebt auch, doch kummerhaft.


7

Wenn etwas scheinet mehr als einen Grund zu haben,
So denke nur, du hast noch recht nicht nachgegraben.

Wenn du recht auf den Grund nachgrubest, wird dir kund:
Nicht viele Gründe sinds, es ist ein einz'ger Grund.


8

Dich lehrt ein Sprichwort: Nie trink aus zersprungnem Glase!
Dein junges Leben welkt sonst hin gleich mürbem Grase.

Ich aber lehre dich: Nicht deinen Leib zerrütten
Wird das zerrüttete, doch deine Lust verschütten.

Denn wenn beim frohen Fest du willst mit ihm anklingen,
So wird es klappen und dir in der Hand zerspringen.

So gieß auch dein Vertraun, dein Lieben rein und jung,
Nie in ein schadhaft Herz, das Riß hat oder Sprung.

Du hoffst es werde rein mit dir zusammenklingen,
Da wirds den Herzenswein verschütten und zerspringen.


9

Die Menschen müssen dir von Zeit zu Zeit es sagen,
Daß was für sie du thust, mög' ihren Beifall tragen.

Und sagen sie es nicht, so muß in deiner Brust
Die Stimm' es sagen, daß du nicht Unnützes thust.

Ohn' einen Zuruf so von außen oder innen,
Bleibt ohne Lust, und ohn' Erfolg auch, dein Beginnen.


10

Wenn dich am frühen Tag ein frommer Vorsatz hebet,
Dein froher Herzenschlag dem dankt durch den er lebet;

Als kühler Sommerhut wird dies Gefühl dir schatten,
Und an des Mittags Glut nicht deine Seel' ermatten.

Dann wenn du dir zur Nacht das Zeugnis geben kannst,
Daß etwas du vollbracht, dir etwas angewannst;

So wird bei Nacht ein Traum der Seele Kraft dir stärken,
Daß morgens sie im Raum erwacht zu neuen Werken.


11

Wenn du die Pflanze wirst mit kühler Flut besprengen;
Die Tropfen dunsten weg, die an den Blättern hängen.

Nur was zu Fuße fließt und bis zur Wurzel nieder,
Durchdringt als Lebenssaft von dort der Pflanze Glieder.

So was von außen sich mit Lust an dich mag drängen,
Die Reize schwinden weg, die an den Sinnen hängen.

Nur was zur Wurzel dringt und bis zum Herzen nieder,
Erfrischt als Nahrungssaft von dort des Lebens Glieder.


12

Der Kieß der Reue wird ein Edelstein genannt,
Der schönres Namens dir ist als Smaragd bekannt.

Ich sage dir, warum er heiße Kieß der Reue;
Daß sich an ird'schem Glanz kein Herz vollkommen freue!

Als Alexander zog der Held ohn' Hindernis
Von West zu Ost, und kam ins Land der Finsternis,
Wo er des Lebens Brunn gesucht, den er nicht fand,
Drang er mit seinem Heer tief in die Felsenwand.

Da hörten sie von fern den Brunn des Lebens rauschen;
Doch wo er fließ' und wie, das war nicht zu erlauschen.

Vor ihren Augen schwebt' ein falscher Wasserschein,
Der führt' itzt durstig sie heraus, wie erst hinein.

Da sahen sie den Grund mit grünem Kieß bestreut;
Die davon nahmen, und die nicht, hats gleich gereut.

Smaragde waren es, da sie ans Licht gekommen,
Und alle reut' es, die davon nichts mitgenommen.

Mehr aber reut' es die was mitgenommen hatten,
Weil sie das beste doch gelassen in den Schatten.

Denn wer die Gnüge nicht geschöpft im Lebensbronnen,
Der findet, o mein Sohn, nur Reue selbst in Wonnen.


13

Des Silbers reiner Glanz läßt Flecken am Gewand,
Das es bestreift, und Schmutz an der berührten Hand.

Nicht das gemeine nur, das Geld, das im Gedränge
Der Märkte kreist, es thut's auch edles Kunstgespänge.

Ein Zeichen sei es dir, daß du nie kannst benutzen
Weltgüter, ohne dich mit ihnen zu beschmutzen.


14

Wie fern der Wirklichkeit, wie fern der Ahnung liegt
Der Unschuld Friedenswelt, wonach die Sehnsucht fliegt!

Wo mit dem Äußern nicht im Streit das Innre war,
Dem Geiste klar die Welt, und er sich selber klar.

Wo rein im Wunschgenuß war Wunschbefriedigung,
Von Erdenschwere nicht behindert Himmelschwung.

Wir wünschen, Kindern gleich, nun Fest um Fest heran;
Und wie es ist erreicht, so ist es abgethan.

In nächster Zukunft scheint das goldne Glück zu liegen,
Und wird sie Gegenwart, so sehn wirs weiter fliegen.

Dein ganzes Leben ist verfallen dem Geschick,
Gewinnen mußt du's neu in jedem Augenblick.

Aus jedem Plätzchen läßt ein Paradies sich machen,
Und neugeschaffen fühlt sich täglich dein Erwachen.

Und neugeboren schläft die Welt in jedem Kinde,
Ihr Alter fühlt sich jung in jedem Frühlingswinde.

Das Alles ist ein Hauch, ein Schatten und ein Traum,
Doch kann das Ewige nicht anders stehn im Raum.


15

Nicht Pyramiden, die Jahrtausenden getrotzt,
Daran die Gegenwart wie Moos am Stamm schmarotzt;

Von Elefante nicht die Wunder noch Ellore,
Und nicht am Kaukasus Alanen-Hunnenthore;

Noch eine Mauer, die ein Weltreich weit umzirkte,
Spricht so vom Riesengeist, womit die Urzeit wirkte,

Alswie die Sprache, die auf einmal sie ersann,
Der nicht ein neues Wort der Geist zusetzen kann:

Der Thurm von Babel, den zum Himmel sie gebaut,
Von dessen Zinnen sie vernahmen Götterlaut.

Der Thurm ist umgestürzt, der Himmel unerstiegen,
Davon die Sprachen nun als Trümmerhaufen liegen,

Wovon mit einem je sich je ein Volk begnügt,
Und seinen Geistesbau daraus nothdürftig fügt.

Der umgebaute Schutt, verwitternd Jahr um Jahr,
Zeugt im Verfall noch klar, wie stark der Urbau war.

Nun sucht die Wissenschaft mit künstlicher Verküttung
Der Reste mühsam herzustellen die Zerrüttung.

Doch nur die Kunst besiegt die Stoffverkümmerung,
Die Uranfänglichs schafft auch aus Zertrümmerung.


16

Wenn du die Menschen siehst, mein Sohn, an einem Platze
Versammelt, und sich freun wie an gefundnem Schatze;

So frage nicht: worin mag dieser Schatz bestehn?
Sie freuen sich, daß sie einander freun sich sehn.

So magst du immer auch dich freun, daß sie sich freuen;
Und laß dich das gesehn zu haben nicht gereuen.


17

Du kannst aufs Feld nicht gehn, ohn' irgend eine Blume
Zu finden, welche sagt von ihres Schöpfers Ruhme.

Nicht in Gesellschaft kannst du gehn, ohn' ein Gesicht
Zu sehn, das deinem Bild vom Menschen widerspricht.

Drum unter Blumen bleib, und lerne Menschen meiden!
Die Menschen könnten dir die Blumen selbst verleiden.

Doch lieben lernest du, wo du bei Blumen bist,
Den Menschen selber, der unliebenswurdig ist.


18

Der Sturm der Menschenwelt bewegt dich wenig nur,
Vielmehr verstört dich noch das Schwanken der Natur.

Als kümmerte dich gar vom Menschen nicht das Beste,
Wenn nur der Schöpfung Gang dir bliebe stät und feste.

Doch wie du still dich kannst bei Schicksalswechsel fassen,
So mußt du endlich auch die Wetterlaunen lassen;

Und merken, daß am Band der Ordnung eine Hand
Hält Menschenwankelmut und Wetterunbestand.

Und wie zur Weltgeschicht' Unheil und Völkerplage,
So zum Kalender auch gehören schlechte Tage.

Drum wirke, dichte nur am angefangnen weiter,
Wenn trüb der Himmel ist, bis er wird wieder heiter.

Der Frosch allein verstummt bei kühler Nacht im Sumpf;
Die Nachtigall singt fort, wenn auch ein wenig dumpf.


19

Soviel ist auf der Welt, was Herzen trennt und einet,
Daß kein Verband und kein Zerspalt unmöglich scheinet.

Das unzertrennlich schien und unveruneinbar,
Nun unvereinbar scheint sich das getrennte Paar.

Und wieder wenn es sich verbunden wird erkennen,
Ists unbegreiflich ihm, wie es sich konnte trennen.

Was Wunder, wenn sich hier so viel bald stößt bald zieht,
Wo Tod und Leben selbst sich ewig sucht und flieht!


20

Viel lieber ist das Dach der Hütte, das bemoste,
Und dran das Gärtchen mir, das kleine doch beroste,

Als ein Palast, von Gold und Siber eingelegt,
Und Machtbesitz, von Furcht und Sorgen eingehegt.


21

In jedem Augenblick, wo ich von meiner Seite
Ließ gehn ein liebes Kind in seines Glücks Geleite,

Bis zu dem Augenblick, wo ich es wieder finde;
Wie mancher Unfall gieng vorüber meinem Kinde!

Wie vielmal mir zurück geschenkt hab' ichs erhalten
Von thätig ihm zum Schutz gewesenen Gewalten!

Nur vielfach ließen sie das Schutzgeld auch in Qualen
Mich mit vergeblichen Besorgnissen bezahlen.


22

Den Schmelz der Wiesen tränkt das Wasserrad nicht nur,
Es ist auch, fern gesehn, ein reger Schmuck der Flur.

Doch wenn du näher kömmst, hörst du es traurig stöhnen:
So schwer ist Nützliches vereinigen dem Schönen.


23

Weil das Vergnügen, das man bannen will, entweicht,
Und oft die Lustpartie dir keinen Lustpart reicht;

So geh nur dran, wie an ein andres Tagsgeschäfte,
An das du eben heut willst setzen Zeit und Kräfte.

Und war's nun ein Geschäft, so hast du's abgethan;
Und war die Lust dabei, so schreib zu Dank sie an.


24

Von Lebern aller Art möcht' ich Jahraus Jahrein
Am allerwenigsten ein Wirthshausleber seyn;

Und noch viel weniger nur eins: ein Wirthshauswirth,
Der schlechter selbst mir scheint als fremder Herden Hirt.

Er hat das ganze Jahr der Gäste Bauch zu weiden,
Die herzlos für ihr Geld fordern, und danklos scheiden.


25

Ich wollte, wär' ich reich, viel lieber als den Streit
Um nichts wan nicht'ges Gut zu hören weit und breit,

Mein eignes geben hin und sagen: Nehmt und theilt!
Doch würde so der Streit gemehrt nur, nicht geheilt.


26

Wie dir auf nächt'ger Fahrt die nächste Reih der Bäume
Am Weg vorüber eilt, als wären's deine Träume,

Dahinter langsamer dahin die Bergflur schreitet,
Und hinter ihr der Mond nur deinen Lauf begleitet;

So fliehn am schnellsten auch auf deines Lebens Fahrt
Dir die Erscheinungen vorbei der Gegenwart,

Langsam die größeren Gestalten ferner Zeiten,
Und nur die Ewigkeit bleibt ewig dir zur Seiten.


27

Nicht hemme du im Gang die sinnlichen Genüsse,
Die Leibeshaushalt braucht als Zuflüss' und Abflüsse.

Der Schaffner schaffe nur im Kreis, der ihm gehört,
Damit die Herrin herrsch' im Innern ungestört.


28

Alswie ein Thor, der wohnt im Haus mit einem Weisen,
Der Weisheit Einfluß fühlt in seiner Thorheit Kreisen,

Und sich vorm Nachbar schämt, was dem misfällt, zu thun;
So wohnt auch ja dein Leib so nah dem Geiste nun.

Der Thor wird zwar ein Thor vorm Weisen immer bleiben,
Doch ihm zum Ärgernis sein Thorenspiel nicht treiben.


29

Wer noch im Schlafe liegt, sei daraus aufgeweckt,
Und liegt er fest darin, so sei er aufgeschreckt.

Wer aber schon erwacht, doch noch nicht aufgebrochen
Zur Reise, sei dazu gespornt und angestochen.

Wer vom Verlangen schon gespornt ist, doch den Weg
Dahin nicht kennt, dem sei gezeiget Weg und Steg.

Wer aber kennt den Weg, und ihn nicht gehen mag,
Der hat auf immer nun versäumt den Reisetag;
Und wieder leg' er sich zum Schlaf hin, wie er lag!


30

Gewöhnen will dich, was du siehest hier vom Schönen,
Gewöhnen, was du hörst vom Schönen hier in Tönen,

Gewöhnen deinen Sinn, stets höher sich zu lenken,
Das höchste Schöne selbst zu fühlen und zu denken,

Das, ungesehn dem Aug', und ungehört den Ohren,
Ist für den Weisen da, und nicht da für den Thoren.


31

Welch eine Kunst du lernst, solang du lernend bist,
Wird halbgelungnes selbst dich freuen lange Frist.

Jemehr dann Meisterschaft sich wird dem Werk verbinden,
Je kürzer wird die Lust daran zusammenschwinden.

Was erst auf Wochen hielt, hält bald nur noch auf Tage,
Bald, was auf Tage, kaum noch Stunden in der Wage.

Am Ende fühlest du ein Glück das so entspringt,
Nur noch im Augenblick, wo dir das Werk gelingt.

Dann bleibt kein andrer Rath, als Arbeit früh und spat,
Weil nur das Thun dich freut, nicht die gethane That.

Darum nicht klage du, und schaff nur immer zu!
Die Schöpfung selber schafft deswegen spat und fruh.


32

Die Seele trägt ein Maß des Schönen selbst in sich,
Daher dem Menschen stets auch seine Liebe glich.

Dein schwarzer Bruder denkt sich schwärzlich seine Schöne,
Der Zwerg als Zwergin, und als Riesin Riesensöhne.

Und der vollkommne Mensch setzt in den Aufenthalt
Des höchsten Himmels selbst die menschliche Gestalt.

Es will der Menschengeist in andern Gotteswelten
Kein anderes Vernunftgeschöpfe lassen gelten.

Er will der Mittelpunkt der Schöpfungskreise seyn,
Des Schöpfers Ebenbild und Schöpfungszweck allein.

Doch andre Wesen sind noch denkbar außer dir,
In ihren Kreisen das, was du in deinem hier.

Du hast für sie kein Maß, sie keins villeicht für dich,
Und halten, so wie du dich hältst, für einzig sich.

Doch wenn sie höher stehn als du und heller sehn,
Begreifen sie wol dich, die du nicht kannst verstehn.

Jemehr du aber dich enthebst den engen Schranken,
Erweiterst du die Welt mit liebenden Gedanken.

Du freuest dich, daß auch in andern Sfären walten
Vernunftweltordnungen und Glaubensheilanstalten.

In jedem Himmelskreis, in allen Erdenkreisen,
Laß nur auf ihre Weis' ihr Höchstes alle preisen.

Den eignen Glauben sollst du dir nicht lassen rauben,
Allein auch rauben sollst du keinem seinen Glauben.

Und eiferig bekämpf' an dir und andern künftig
Nur was unmenschlich ist, unschön und unvernünftig.


33

Die Seele, die herab ist in den Leib gestiegen,
Hat halb, dem Vogel gleich im Baur, verlernt das Fliegen;

Nahm Schwere an und gab dem Leib des Schwunges Kraft,
Daß sie halb leibhaft ward, der Leib halb seelenhaft.

Sie hat ein dunkles Haus mit ihrem Licht erhellt,
Deswegen aber selbst ins Dunkle sich gestellt.

Sie hat dem todten Leib sein Leben eingegeben,
Aufgebend selbst um Tod ein Theil von ihrem Leben.

Die Liebe wars, die sie zu ihm herniederzog,
Mit ihm in Staub zu gehn, die ohn' ihn droben flog.

Sowie dem Glauben auch herab sich hat gelassen
Die Gottheit menschlich, daß sie Menschenherzen fassen.

Und wie ein Weiser aus der Weisheit hellen Sfären
Herabsteigt, um die Nacht der Blödheit aufzuklären.

Er will sich eines Theils der Weisheit gern begeben,
Um die Unwissenheit zum Wissen zu erheben.

In jeder Lebenssfär', in jedem Wirkungskreise,
Läßt sich der höhre Geist herab auf solche Weise.

Mit Demut, Dienstbarkeit, Lieb' und Aufopferung,
Sucht er das Niedre stets, und gibt ihm höhern Schwung.

Mit Tugend, Kraft und That, mit Anmut, Scherz und Witz,
Wie Sonnenschein und Thau, wie Regensturm und Blitz;

So manichfaltig steigt der Himmel stets zur Erde,
Damit das Irdische des Himmels theilhaft werde;

Damit das Leben so sich mit dem Tod versöhne,
Und aus dem Staub erblüh die Luft der Welt, das Schöne.


34

Die Seelen waren in der Weltseel' einst beisammen,
Wie Tropfen in dem Meer, alswie im Feuer Flammen.

Den Weltleib halfen sie beseelen und beleben,
Von ihnen keiner war ein eigner Leib gegeben.

Sie aber wünschten nun ein eigenes Gebiet,
Darin zu herrschen, wie der eigne Trieb es rieth.

Und abgegrenzet ward ein Weichbild so für jede,
Daß zwischen ihnen nicht Verwirrung werd' und Fehde.

Nun wirkt gesondert jed' in ihrem eignen Leibe,
Wie mit der Weltseel' einst in Sonn- und Mondenscheibe.

Die Sonn- und Mondenscheib' ist nicht dadurch verglommen,
Doch schöne Glieder sind zum Vorschein hier gekommen.

Darum gesegnet sei der Seele Trieb, zu walten
In einem Leib, und schön des Ird'sche zu gestalten.

Sie möge siegreich nun ihr kleines All verklären,
In Einklang haltend es mit Sonn- und Mondensfären.


35

Der Himmel, wenn er lang nicht hat geregnet mehr,
Bis wieder ordentlich er dazu kommt, hälts schwer.

Es scheint ihm rechte Müh'n zu kosten, bis den Wolken
Er gleich versiegten Küh'n ein Tröpflein erst entmolken.

Dem Tröpfeln folgt die Trauf', und ist es erst im Zug,
Gehts immer leichter ab, und mehr oft als genug.

So wie ein stät'scher Gaul bocksteif ist eine Frist,
Und erst gelenk wird, wann er warm geworden ist.

Und wie ein Dichter, der zulang an sich gehalten,
Anstrengung braucht, um neu die Flügel zu entfalten.

Darum in jedem Werk, bist du einmal im Zug,
Treib zu und schaffe fort, doch mehr nicht als genug


36

Ein jeder ist sich selbst der nächste. Zeugen sind
Von dieser Lehr' am Baum die Blätter, liebes Kind.

Die saugen oben ein begierig allen Regen,
Daß nichts zum Boden kommt, der trocken bleibt deswegen.

Wann aber sie sich satt getrunken, schütteln sie
Den Überfluß zur Erd', und nun kommts auch an die.

Was oft sie vom Palast hinaus zum Fenster schütten,
O käm' es ebenso auch an die armen Hütten!


37

Das Seelchen kam so früh vom Himmel schon hinaus,
Daß es vergessen hat sein elterliches Haus,

Sein elterliches Haus vergessen, davon kaum
Ihm die Erinnerung noch manchmal kommt im Traum.

Das Kind kam in der Fremd' an eine fremde Amme,
Ein Pflegevater auch ward ihm von fremdem Stamme.

Sie nannt' es Mutter, weil es ihre Brüste sog,
Ihn nannt' es Vater, weil er mit der Ruth' es zog.

Doch ein Gefühl erwacht ihm in der Brust und spricht:
Der rechte Vater ists, die rechte Mutter, nicht.

Ein bessrer Vater muß es seyn, den ich verloren,
Und eine schönere Mutter, die mich geboren.

Und seine Sehnsucht wächst, und Ruhe hat es nicht,
Bis es des Vaters sieht, der Mutter Angesicht.


38

Du siehst mit Augen nur und hörest nur mit Ohren;
Geht Sehn und Hören drum mit Aug' und Ohr verloren?

Nein, nur die Art zu sehn, zu hören, nicht die Kraft
Zu sehn, zu hören, die der Seel' ist wesenhaft;

Die Kraft, in der sie schwebt, in der sie ruht und fließt,
Sich ausgießt, in sich selbst sich schließt und sich genießt;

Die Kraft, die denkt im Haupt und dir im Herzen fühlt,
Die auch mit Hirn und Blut nicht ist hinweggespült;

Die, ist ihr jeder Weg der Äußrung abgeschnitten,
Ganz in sich selber ruht in ihrer eignen Mitten;

Und eben, wann sie sich nicht außen thätig zeigt,
In sich hinein, hinab, hinauf zur Gottheit steigt.

Wie wann die Blume Nachts sich schließt, sie nun in sich
Gesammelt hat den Duft, der Tags im Wind entwich.

Wie der entlaubte Baum im Winter seinen Saft
Zurück aus Stamm und Zweig zog in den Wurzelschaft.

So seiner Sinne Zweig' entfaltet in den Raum,
Und seine Wurzel birgt in Gott des Lebens Baum.

O laß die Sinne nicht sich in die Welt verirren,
Um ihre Mutter, die Besinnung, zu verwirren!

Vor lauter Sehen siehst du sonst nur Nebelflor,
Vor lauter Hören hörst du nur den Lerm vom Chor.

Doch wie der Astronom im Nebel nur den Stern,
So in den Hüllen der Erscheinung sieh den Kern.

Wie ein Tonkundiger den Grundton aus dem Braus
Der Stimmen, höre du ihn aus der Welt heraus.

Alswie ein Liebender erklärt für eine Lüge
Ein Bild, an dem er nicht erblickt geliebte Züge;

Denn sehenswerth ist nur am ganzen Weltgetriebe
Allein der Liebe Spur, gesehn vom Blick der Liebe.

Und wie der Freund dem Ruf des fernen Freundes lauscht,
Ob auch des lauten Markts Getös dazwischen rauscht;

Vom Meer, worin es schwimmt, wird er das Tröpfchen trennen,
Wird seines Freundes Stimm' als Perl' im Ohr erkennen.

Im Ton ist nah der Freund, von dem du bist geschieden;
Und wenn du treu ihm bist, so hörst du ihn zufrieden.

Im Herzen habe stets den Freund vor Angesicht,
Daß nie dich schrecke, was er in der Seele spricht.


39

Die Blumen in dem Korn, sie können dich nicht nähren;
Am Orte wo sie blühn, da könnten wachsen Ähren.

Die andern Ähren auch, die wachsenden daneben,
Zertreten Knaben dir, die nach den Blumen streben.

Dem Nachbar sind verschont die blumenlosen Saaten;
So übel hat dich Gott mit diesem Schmuck berathen.


40

Der Menschheit Geister sind zum Höchsten gleich berufen,
Doch Jüngling, Greis und Kind steht nicht auf gleichen Stufen.

Alswie ein Vogel fliegt, indes ein andrer flattert;
Alswie ein Vogel singt, indes ein andrer schnattert.

Auf, wenn du Schwingen hast, zu Gott dich aufzuschwingen!
Auf, wenn du singen kannst, in Gott dich auszusingen!


41

Was wird nun dieser Tag, der heutige, dir bringen?
Was wird er lassen dir gelingen und mislingen?

Was wirst du Schönes sehn, was wirst du Wahres denken?
Wohin wird Geist und Sinn sich heben und sich senken?

Was er auch bringen mag, du sammle den Ertrag!
Ein jeder Tag ist für den Geist ein Erntetag.


42

Die meisten Vögel bau'n für sich allein kein Nest,
Für ihre Jungen nur bau'n sie's bequem und fest.

So viele Menschen auch, sie würden ihre Kraft
Nicht nutzen, thäten sie's nicht für Nachkommenschaft.


43

Des Kindes erster Trieb ist sinnliches Bedürfen,
Und später wächst die Kraft zu geistigen Entwürfen.

Wie alle Menschen nun von Anfang Kinder sind;
Die Menschheit selber, war sie Anfangs auch ein Kind?

Sie war's in einem Sinn, im andern Sinne nicht;
Die Menschheit war ein Kind wie neugebornes Licht.

Wie neugebornes Licht, im Osten angeglommen,
Nicht gleich dem Mittag ist, doch ebenso vollkommen;

Am Licht des Tages wird zur Blüte sich entfalten
Nur was im Morgenthau der Knospe war enthalten:

So nur entfaltet sich am großen Menschheitstag
Was eingewickelt in der Kindheit Wiege lag.

Die Menschheit, Gottes Kind, ist niemals mehr noch minder,
Nur mehr und minder sind die Menschen Gottes Kinder:

Wie mehr und minder ganz ist einer Blume Glanz,
Doch ist ein ganzer Glanz der volle Blumenkranz.

Wie aber eine Blum' ins große Kranzgeflecht,
So tritt der Einzelmensch ins menschliche Geschlecht.

Die Blume weiß nicht, wie sie an die Stelle kam,
Und nicht der Mensch, wozu er seinen Ort einnahm.

An seinem Orte macht er seine Kräfte gelten,
Beherrscht die Welt, und dient nur dem Gesetz der Welten.

Das echte Herrscherbild ist aber da geprägt,
Wo menschliches Gemüt die volle Menschheit trägt.


44

So sprach des Löwen Muth zu seinem eignen Rachen,
Als er in ihrem Nest fand eine Brut von Drachen:

Friß du zum Frühstück sie oder zum Mittagsessen,
Eh sie zur Vesper dich oder zur Nachtkost fressen.


45

So sprach ein Wandersmann zu seinem Weggesellen,
Dem eingebildeten die Augen aufzuhellen:

Weil jeder Wandrer trägt die Bürd' auf seinem Rücken,
Siehst du die Übel leicht, die deinen Vormann drücken,

Bedenkest aber nicht, daß nach dir andre gehn,
Die ebenso die Last auf deinem Rücken sehn.


46

Wenn du mit deinem Schatz willst einen Bretterkasten,
Und mit Geheimnissen ein Frauenherz belasten;

Besorge, daß ein Dieb den Kasten dir erbreche,
Befürchte, daß dein Lieb das Schweigen brech' und spreche.

Drum trage deinen Schatz bei dir in deinem Seckel,
Und deine Heimlichkeit bewahrt vom Busendeckel.

Ein Schatz ist sicher auch im Seckel nicht zu tragen,
Doch immer sicher ein Geheimnis nicht zu sagen.


47

Die Seelen alle sind umher gestellt im Kreise,
In dessen Mitte ruht die Gottheit wirkend leise.

Die Punkte, die da sind die Seelen, all in Regung,
Sind um den Mittelpunkt in ewiger Bewegung.

Sie können, wie sie nah sich aneinander schließen,
Sich doch berühren nicht, noch ineinander fließen.

Von jedem Punkte ist zur Mitt' hineingeführt
Die Linie, womit an Gott die Seele rührt.

Der umgekehrte Stral, der, wie er ausgegangen
Vom Mittelpunkt, dahin zurück trägt ein Verlangen.

Die Stralen stralen all im Mittelpunkt zusammen,
Und werden eins in dem, aus dem sie alle stammen.

Die Seelen all in Streit und unter sich entzweit,
In Gott nur haben sie Einheit und Einigkeit.

Nur die Berührung, die sie in der Gottheit finden,
Kann die getrennten im Gefühl der Liebe binden.

Und welche Seele nicht zur andern Liebe spürt,
Der fehlt die Linie, die an die Gottheit rührt.


48

Sieh wie das Ährenfeld vom goldnen Abendduft
Befriedigt schweigt, und tief heraus die Wachtel ruft.

Sie ruft: So lange hab' ich euer Feld gehütet,
Nun hüt' ich's euch nicht mehr, denn ich hab' ausgebrütet.

Habt Dank, daß ihr geschont, solang ich hier gewohnt;
Kommt, erntet nun, und seid von Segen reich belohnt!

Die Ähren nicken drein im letzten Abendschein,
Geerntet wollen sie am nächsten Morgen seyn.

Vor einem andern Klang verstummt der Wachtel Sang,
Die Sicheln hämmert man das stille Dorf entlang.

O könnten wir es froh erwarten wie die reifen,
Wenn über Nacht man so wird uns die Sichel schleifen.


49

Sieh, mit den Füßen steht der Reis im Wasserbade,
Daß auf dem Haupte nicht der Sonnenbrand ihm schade.

Wenn du Besinnung kühl mit Glutgefühl vereinst,
Auch reife Segensfrucht trägst du villeicht dereinst.


50

Schenk' in dein Glas nicht mehr, als auf einmal zu trinken!
Gestandnes stehet ab und wird im Preise sinken.

Kein andrer wird von dir die Neige trinken wollen;
Laß jeden trinken und trink immer selbst vom vollen!


51

Ich habe doch genug des Schönen aller Art
Auf dieser eiligen Vorüberfahrt gewahrt,

Auf dieser eiligen Vorüberfahrt durchs Leben,
Genug, den Menschengeist über die Welt zu heben;

Genug des Göttlichen im Menschenangesicht,
Im Spiegel der Natur und Dichtung Zauberlicht.

Und wenn es mehr nicht war, so war es meine Schuld;
Und daß es soviel war, ist Gottes große Huld;

Die Stralen jener Huld, die selbst das Aug' erschließen,
Das eigensinnig sich dem Lichte will verschließen;

Den Augendeckel rührt der Himmelskuß gelind:
Sieh, das ist Gottes Welt, und du bist Gottes Kind.


52

Gewöhne Schönes dich zu sinnen und zu denken,
Und lerne jeden Sinn aufs Schöne hinzulenken,

Und strebe jeden Sinn ins Schöne einzusenken,
Und Schönes möge hold dir jede Stunde schenken,

In Schönes hüllen dich, dein Herz mit Schönem tränken,
Und mit dem Anblick nie dich des Unschönen kränken.

Wer mit entschlossnem Blick das Schöne liebt und sucht,
Vor dessen Auge nimmt das Häßliche die Flucht.

Der Götter höchste Gunst ist aber dem bewahrt,
Der im Unschönen selbst das Schöne nur gewahrt;

Sei's auch, Unschönes nur, das seyn will, zu vernichten,
Und Schönes an der Statt, das seyn sollt', aufzurichten.

Ein zartes Auge wird beleidigt vom Unschönen,
Alswie ein feines Ohr verletzt von falschen Tönen.

Feinzarter Sinn ist gut, nicht gut der zärtlich schwache;
Du härte deinen so daß es nicht stumpf ihn mache.


53

Solange du nur denkst, ohn' es in dir zu fühlen,
Wird ein Gedanke nur den andern weiter spülen.

Nicht wahr ist was du denkst, nur was du fühlst ist wahr;
Durchs Denken machst du dir nur das Gefühlte klar.

Was du Gefühltes denkst, das wirst du auch behalten,
Und im Gedächtnis wird dirs ewig nicht veralten.

Das seinen Namen zwar vom Denken hat empfangen,
Doch nur Gefühltes bleibt im Angedenken hangen.


54

Weil du der ganzen Welt nicht kannst als Herrscher walten,
Gib ganz sie auf! schlimm ist von ihr ein Theil behalten.

Im Tode mußt du es, thu's, weil du kannst, im Leben;
Gib auf die falsche Welt, eh sie dich auf wird geben.

Statt der Demüthigung gezwungener Entsagung
Sei dein das Hochgefühl freiwilliger Entschlagung.


55

O seht die Taube, wenn ihr ihre Jungen schlachtet,
Den Schlag verläßt sie nicht, wo ihr das Nest ihr machtet.

Sie wehrt sich nicht, noch klagt, wenn man ihr Liebstes raubt,
Zufrieden, wenn man nur das Daseyn ihr erlaubt.

Ich weiß nicht, ob ein Bild der vollen Sklaverei,
Ob der Ergebung sie vollkommnes Muster sei.


56

Will deine Heiterkeit trüben ein Tag ein trüber,
So denk: Am Abend ist der ganze Tag vorüber.

Und wenn so trüb' ist auch dein Leben, denk, es sei
Ein Tag, ein längerer, und doch sobald vorbei.


57

Vorgestern Hoffnungen, in Knospen eingeschlossen;
Und gestern Blütenfüll', in Duft und Glanz ergossen;

Am Boden liegen welk die Rosenblätter heut:
Das ist dein Glück, o Welt, und was ein Herz erfreut!


58

Im trocknen Sommer bringt der Westwind keinen Regen,
Im nassen regnet selbst der trockne Ost; weswegen?

Des Jahres Schicksal steht auf trocken oder feucht,
Dagegen hilft nun nichts was einer kämpft und keucht.


59

Der Esel, den mit Salz sie überladen hatten,
Im Flusse legt' er sich, und das kam ihm zu Statten.

Er widerholt es dann, da kam es ihm zu Schaden,
Weil er nun, statt mit Salz, mit Wolle war beladen.

Das Salz im Wasser schmolz, die Woll' im Wasser schwoll;
Dort gieng er leicht davon und schwerer hier mit Groll.

Er grollte dem, der ihm gegeben diesen Rath,
Da doch der Esel sich es zuzuschreiben hat.

Nur einmal gilt ein Rath, nur einmal eine List;
Gelernt vom Esel hat dies, wer da weiser ist.


60

Der Baum merkt nicht die Last, hält drauf ein Vogel Rast;
Doch fliegt der Vogel weg, so schwankt davon der Ast.

So fühlst du nicht die Lust, die wohnt in deiner Brust;
Doch wenn sie dir entfliegt, so fühlst du den Verlust.

So merkt, was einer strebt, die Welt nicht, weil er lebt;
Sie merkt es dann villeicht, wenn man den Mann begräbt.

Der Zweig erschüttert bebt dem Vogel, der entschwebt;
Fest steht der Stamm, indes ein Zweig sich senkt und hebt.


61

Aus dem Talmud.

1.

Wer sagt: ich suchte doch ich fand nicht; glaub, er lügt.
Wer sagt: ich suchte nicht und fand; glaub, er betrügt.

Wer sagt: ich sucht' und fand; dem glaub, er redet wahr;
Anstrengung und Erfolg sind ungetrennt ein Paar.

2.

Verschwende nicht dein Wort, wo man es nicht wird sparen;
Und spar' es nicht, wo man es sparend wird bewahren.

3.

Wirf in den Brunnen, wo du trankest, keinen Stein;
Sag Übles dem nicht nach, bei dem du kehrtest ein.

4.

Ein Spinnenfädchen ist dein Böses im Anfange,
Am Ende wird es dir zu einem Wagenstrange.

5.

Der Schatten läuft dem Leib, der Tiefe läuft der Bach,
Dem Wild der Jäger und die Noth dem Armen nach.

6.

Wohlthaten sind wol gut, und wohl dem der sie thut!
Wohlwollen aber ist viel besser noch als gut.

Wohlthat wird Armen nur und Lebenden entboten,
Wohlwollen arm und reich den Lebenden und Todten.

7.

Wenn du nicht kaufen willst, so steh nicht an dem Laden;
Du drängst die Käufer weg und bringst dem Krämer Schaden.

8.

Sprich Keinem Trost zu, wenn sein Todter vor ihm liegt,
Und keinem Zornigen, eh ihm der Zorn verfliegt.

9.

Da wo das rechte Werk kam an den rechten Mann,
Kommt einer weit, so weit ein Mensch nur kommen kann.

10.

Des Knaben Pfennig klingt im blechnen Büchslein hohl,
Im Lederbeutel schweigt das Gold des Mannes wohl.

11.

Wo man dich kennt, da brauchst du nicht zu gehn in Seide;
Doch wo man nicht dich kennt, trit auf im Ehrenkleide.

12.

Die Liebe stört alswie der Haß das Gleichgewicht
Der Seele, das der Welt stören sie beide nicht.

13.

Weh mir, folg' ich der Pflicht! weh mir, folg' ich dem Triebe!
Der Trieb hat keine Ruh, die Pflicht hat keine Liebe.

14.

Weh dir wenn du es sagst, weh dir wenn du's verschweigest,
Wohl dir wenn, was du weißt, du halb im Schleier zeigest.

15.

Mit einem Theil des Lob's sollst du den Freund nur schmücken
Ins Antlitz, einen Theil sag hinter seinem Rücken.

16.

Verderber sind der Welt nothwendig wie Erwerber;
Sei ein Erwerber du, es gibt genug Verderber.

17.

Die Welt gieng ohne Weib und ohne Mann bald aus;
Wohl dem der ist ein Mann und hat ein Weib im Haus.


62

Gleich gut in guter Zeit gehts Dummen wie Gescheiten,
Weit besser diesen doch, wann kommen böse Zeiten.

Solang' im Tümpfel frisch das Wasser war, da schlüpfte
So froh darin der Fisch, alswie der Frosch drin hüpfte.

Doch als verrätherisch in Sommerglut erlosch
Die Flut, kam um der Fisch, und weiter sprang der Frosch.

Drum klage nicht ein Mann, wenn Nahrungsquellen schwinden,
Der leicht wo anders kann ein Unterkommen finden.


63

Von einer Seele träumt' ich, einer fernen lieben,
An die ich lange nicht gedacht und nicht geschrieben.

In der Erinnerung war mir das Angesicht
Erblichen, und nun zeigt' ein Traum es mir ganz licht.

Ich sprach im Traum: Wer sagt mir, was der Traum bedeute,
Daß ich dich schleierlos erblick' im Glanz der Bräute?

Des andern Tages kam die Botschaft mir, es sei
Die liebe Seele hingegangen körperfrei.

Das hat der Traum gemeint, daß sie nicht ist gestorben,
Daß sie den rechten Glanz des Daseyns nun erworben.


64

Mag meine Seele, die im Wachen aufwerts steigt
Zum Himmel, und sich nie im Traum zur Erde neigt,

Mag meine Seele rein ein Licht aus jenem Licht,
Mit ihm vereinigt seyn in froher Zuversicht!

Mag meine Seele, die des Leibes Opferschale
Füllt, bis ergossen sie wird seyn zum Opfermale,

Mag meine Seele rein aus jenem Thau ein Thauen,
Mit ihm vereinigt seyn in Sehnsucht und Vertrauen!

Mag meine Seele, die das Spiel der Kräfte treibt
Planeten gleich, und wie die Sonn' in Ruhe bleibt,

Mag meine Seele rein ein Trieb von jenem Triebe,
Mit ihm vereinigt seyn in Seligkeit und Liebe!

Mag meine Seele, die bewußtvoll hält umfangen,
Was gegenwärtig hie, was künftig und vergangen,

Mag meine Seele rein, dem Ew'gen nicht zu rauben,
Mit ihm vereinigt seyn in Ewigkeit, im Glauben!

Mag meine Seele, die sich wie mit Flammendochten
Mit lichter Harmonie des Weltalls hat durchflochten,

Mag meine Seele, rein durchtönt vom Schöpfungswort,
Mit ihm vereinigt seyn in Andacht fort und fort!


65

Wer Alles mag in Gott, in Allem Gott betrachten,
Hat keinen Grund ein Ding groß oder klein zu achten.

Wie sollte scheinen ihm ein Allergröstes groß,
Da es ein Kleinstes ist vorm Einziggroßen bloß?

Wie dürfte gelten ihm das Allerkleinste klein,
Da mit dem Grösten es hat Gottes Geist gemein?

Nach deiner Einsicht nur erhebest du zumeist
Das, was am klarsten dir abspiegelt Gottes Geist.

Je höher aber selbst wird deine Einsicht steigen,
Je klarer wird der Geist in Allem dir sich zeigen.

Des Bösen Schein ists, was des Guten Glanz verhält;
Zerstör das Bös' in dir, so siehst du gut die Welt.


66

Solang des Schönen Hauch nicht so dich auch durchwittert,
Daß jede Saite rein in seiner Ahnung zittert;

Daß allen Erdentand sein Himmelsglanz entflittert,
Und jedes Götzenbild sein Gottesblitz zersplittert;

Unheil'ges all ausschließt, Allheiligstes entgittert,
Den Rausch der Lust entsüßt, des Todes Kelch entbittert:

Solang hast du die Höhn des Schönen nicht gekannt,
So lange hast du schön ein Schattenbild genannt.

Das Schöne muß dich ganz durchleuchten und durchtönen,
Durchhauchen und durchblühn, durchscheinen und durchschönen;

Durchströmen und durchwehn, durchrauschen und durchdröhnen,
Und machen lieblich schön dein Jauchzen und dein Stöhnen:

Dann hast du hoch und hehr des Schönen Spur erkannt,
Dann hast du schön nicht mehr sein Scheinbild nur genannt.

Komm, laß erst unsern Rauch in seinem Hauch verklären;
Dann seine lichte Macht der blinden Nacht erklären;

Laß als ein Wahres erst das Schön' an uns bewähren,
Dann das Gewahrte auch der Welt zum Schaun gewähren!

Du sollst in seinem Dienst, ein Priester jungalt, Ähren
Und Blüten streuend, weihn viel Herzen zu Altären;

Damit die Welt erkennt, du habest es erkannt,
Und nicht, was sie so nennt, ein Wahnbild schön genannt.


67

Die Lehrer sind im Streit, womit hier auf der Erde
Am würdigsten gesucht das Antlitz Gottes werde.

Die einen: Ehren soll man Gott mit Opfergaben,
Im Dienste, welchen wir von unsern Vätern haben.

Die andern: Loben soll man ihn mit guter That,
Wozu er Kraft verliehn und Trieb zum Guten hat.

Die dritten: suchet ihn in heiliger Gesinnung,
Gesammelten Gemüts Weltsinnenlustentrinnung.

Die vierten sagen: Gott hat nur, wer ihn erkennt;
Die Wissenschaft allein ist Gotteselement.

Ich aber sage dir: Mit jedem von den vieren
Magst du ihn suchen hier, und wirst ihn nicht verlieren.

Wer ihm die Gaben weiht, genießet seiner Gaben;
Wer durch ihn Gutes thut, wird im Gemüt ihn haben.

Mit ihm ist ungestört, wer von der Welt sich trennt,
Und Eines ist mit ihm, wer ihn als Eins erkennt.


68

Zu lernen halte nur dich nie zu alt, und lerne
Von denen, die von dir gelernt, nun wieder gerne.

Sie haben manches wol, was dir aus schlaffern Falten
Indes entfallen, fest in strafferen gehalten;

Gebildet manches aus, was du nur angelegt,
Zu Blüt' und Frucht gebracht, was du nur angeregt.

Nimmst du von ihnen nun, was sie von dir genommen,
So hast du schöner dich verjüngt zurück bekommen.


69

Wenn du den Augen hältst das Buch so nahe vor,
Schwimmt die verwirrte Schrift in einem Dämmerflor.

Und wieder wenn du hältst den Augen es so fern,
Wird jeder Buchstab ein unklarer Nebelstern.

Und unzufrieden wirst du leicht mit deinem Auge,
Daß weder fern noch nah es recht zu sehen tauge.

Doch halte nicht zu nah und nicht zu fern das Buch,
Und leserlich nach Wunsch erscheint dir jeder Spruch.

Nur zwischen deinem Ziel und dir mußt du dem Licht
Raum lassen grad soviel, als taugt für dein Gesicht.

Und also siehst du auch die Welt und die Natur
In rechter Deutlichkeit bei rechtem Abstand nur;

Wenn zwischen ihr und dir du lässest eine Weite,
Daß klar im Zwischenraum sich Gottes Licht verbreite.

Die Weite doch ist gleich für jedes Auge nicht,
Wie ihm beschieden ist Fern- oder Nahgesicht.

Die Weite wechselt selbst mit jeder Lebenszeit,
Wie eben wechseln mag Fern- und Nahsichtigkeit.

Das wechsle nun wie's mag, wenn du nur nicht erblindest,
Noch in Verblendung dir die Augen selbst verbindest.

Gebrauch dein Auge nur, wie es ist Gottes Wille
Und der Natur, und nie bedürfe mir der Brille!


70

Viel schlimmer, als wenn dich die andern hintergehn,
Ist dieses, von dir selbst dich hintergangen sehn.

Gefährlich ist vom Feind des Hinterhaltes Lauer
Im Feld, gefährlicher in deines Hauses Mauer.

Die äußre Hinterlist kannst du noch hintertreiben;
Die hinter'm Herzen ist, die wird dahinter bleiben.


71

Der Affe hat gehört, daß süß der Nußkern schmecke,
Und Nüsse nahm er vor mitsamt der grünen Decke.

Die wegzuräumen sollt' er brauchen seine Pfote,
Doch nimmt er sie ins Maul gleich einem süßen Brote.

Und ruft, wenn ihm den Mund verbitterte die Schale:
Betrogen hat mich, wer dich mir empfahl zum Male.

Noch eine Weile fährt er fort hineinzukaun,
Und immer will es nicht dem Gaumen süßer thaun.

Eh er den Kern geschmeckt, hat er den Überdruß
Gefressen an der Schal', und wirft hinweg die Nuß.

So sah ich manchen, den man keinen Affen hieß,
Der, von der Schale satt, den Nußkern fallen ließ.


72

Nur wer daheim ist, mag wol einen Gast empfangen,
Nicht wer auf Reisen selbst ist in die Welt gegangen.

Nur wer allein ist, mag empfangen wohl den Gast,
Nicht wenn das ganze Haus du schon voll Gäste hast.

Sei immer nur daheim, allein und unbeklommen;
Dir wird der Himmelsgast, den du erwartest, kommen.


73

Vor allem lerne nur, dich selber zu belehren;
So werden andre dich als ihren Lehrer ehren.

Vor allem bilde nur, dich selber zu erfreun;
So wird sich Lust der Welt an deinem Bild erneun.

Vor allem bleibe dir der Friede nur beschieden
So wirst du rings um dich verbreiten Gottes Frieden.


74

Das höchste Liebeswerk, das Menschen ist verliehn
Zu thun, ist andere zur höchsten Liebe ziehn.


75

Zwar geben kann nur, wer empfangen hat die Gaben,
Und um zu lehren, muß man erst gelernet haben.

Doch wer ein Licht mittheilt, wie es ihm aufgegangen,
Wird würdig selbst dadurch zu Lichterm zu gelangen.


76

So wie dein Auge schaut mit Lust das grüne Laub,
Doch weh thut wenn darein gefallen ist der Staub;

So mögest du die Welt mit klarem Sinn genießen,
Doch vor Befleckungen des Staubs dein Herz verschließen.


77

Einst sprach ein frommer Mann, der stets im Geiste lebte,
Der in der Nacht bald rang und bald im Lichte schwebte:

Herr, wenn dir immer so, wie mir zuweilen, ist,
Wenn in dir selber du so süß als in mir bist;

So führest du ein alzuwonnigliches Leben.
Darauf hat Gott in ihm die Antwort ihm gegeben:

Wärst du im Kampfe nicht, du schmecktest nicht den Frieden,
Noch Süßes, wäre nicht auch Bittres dir beschieden.

Ich bin die Seligkeit, und fühlte selbst in mir
Die Seligwerdung nicht, fühlt' ich sie nicht in dir.


78

Das heilige Sanskrit, das vorlängst sich verloren
Vom Menschenmunde, nennt drei Dinge zweigeboren.

Zuerst den Vogel, der als Ei zum erstenmale
Geboren ist, sodann zum andern aus der Schale.

Dann nennt es so den Zahn, der in des Menschen Munde
Erst schwächer einmal wächst, und dann auf festerm Grunde.

Zum dritten nennt es so den Weisen, den zumeist
Die Mutter erst gebar, und wieder dann der Geist.

Der Vogel, zweimal nicht geboren, bleibt im Nest,
Und zweimal nicht der Zahn geboren steht nicht fest.

Der Weise wird nicht fest in Weisheit stehn noch fliegen,
Wenn er der anderen Geburt nicht ist entstiegen.


79

Zur Hülle diene dir das Kleid, wol auch zum Schmucke,
Nie zur Behinderung der Glieder, noch zum Drucke.

So nütze dir zum Schutz das Wissen, auch zum Putz;
Nur Wissen, das den Geist beschweret, ist nichts nutz.


80

Dem unbeschriebnen Blatt des Geistes in dem Kinde
Schreib unbedächtig nicht zu viel ein zu geschwinde.

Zwar wird nie voll das Blatt, stets neu zu überschreiben,
Doch keine Schrift so fest wird als die erste bleiben.

Ja keine Kunst vermag sie völlig wegzuwischen;
Was man auch drüber schreibt, sie schimmert durch dazwischen.

Und manchen Forscher freuts, den Neues wenig freut,
Wenn rathend er die halb sichtbare Schrift erneut.

Du selber mögest einst, wann spätre Schriften schwinden,
Erloschne Kinderzüg' im Herzen wieder finden.


81

Der Wurzelschößling wächst nach seinem Vaterstamm;
Und wie die Mutter thut, geberdet sich das Lamm.

Fest von der Schöpfung Band ist das Geschöpf umwoben,
Doch in die Schranken kommt des Menschen Geist von oben.

Zum Himmel wendet ihn das Vorbild edler Väter;
Doch kriechen sie am Staub, ihn spornt es doch zum Äther.

Denn jede Seele steigt neu von den höchsten Stufen
Hernieder, und ist neu zum Höchsten stets berufen.

Zum Höchsten kommt sie nicht, solang im Leib sie bleibt,
Doch bleibt der Trieb in ihr, der sie zum Höchsten treibt.

Wer diesem Triebe folgt, fühlt sich in Einigkeit,
Und wer ihn unterdrückt, ist mit sich selbst entzweit.


82

Was gut ist und was schlecht, ist schwer nicht zu entscheiden;
Doch unentschieden schwankt viel andres zwischen beiden.

Das Gute zieht mich an, das Schlechte widerwärtig
Stößt schnell mich ab, und leicht bin ich mit beiden fertig.

Das Zweifelhafte nur macht langes Kopfzerbrechen,
Bis man zu Stande kommt ein Urtheil ihm zu sprechen,

Das ich nach meinem Recht am Ende so entscheide:
Was weder gut noch schlecht, ist schlechter mir als beide.


83

Der du im Lichte bist, und bist in mir das Licht,
Ich nehme was du gibst, und andres will ich nicht.

Du gabest mir den Drang, so klar dein Lob zu sagen,
Als Mund und Ohr von mir und Welt es konnt' ertragen.

Du gabest mir die Kunst, nicht schöner uns zu lügen,
Als, Welt und ich, wir sind, doch schöner uns zu fügen.

Das bleibe mir bewußt: Nur Gottes Macht besiegeln
Wollt' ich in der Natur, nicht drin mich göttlich spiegeln.

Und darum dank' ich dir für jeden hellen Blick,
Den du mich ließest thun in Leben-Tod-Geschick.

Ich danke dir, daß du die Augen mir erschlossen,
Durch die von außen auch dein Glanz in mich geflossen.

Ich will, solange mir zum Sehn die Augen taugen,
Nur deinen Glanz aus Stern- und Blumenaugen saugen.

Und soll dem Auge nun das äußre Licht erblinden,
So laß als innres dich in meiner Seele finden.

Ich habe gnug gesehn, um lebenslang zu malen
Ein Bild, wie dein Geschöpf nicht stralt, doch sollte stralen.


84

Dort in der Sonne steht, dir ungesehn, ein Geist,
Von dessen Blick gelenkt, um ihn die Schöpfung kreist.

Du fühlest seinen Blick, der dir das Auge füllt!
Ihn siehst du nicht, den dir sein eigner Glanz verhüllt.

Du sehnest dich empor in seinem Glanz zu gehn,
Mit ihm vereinigt dort im Mittelpunkt zu stehn.

Vom Mittelpunkte dort zu schauen frohbewußt
Mit gradem Blick, was hier du schaun mit schiefem mußt.

Des wohlgeordneten Planetentanzes Spiel,
In dem der Sonnengeist wirkt und erkennt sein Ziel.

Er stralt von Wonn' und ist von Schöpferlust bewegt,
Wie er mit seinem Blick sein Weltgetrieb erregt.

Doch sieh, nun blicket er aus seinem Dienerchor
Vom Umkreis höher auf, wie du zu ihm empor.

Und selber sieht er sich an höherm Sonnenband,
Fühlt sich, dem Mittelpunkt entrückt, wie du, am Rand.

Das aber lähmt ihn nicht, und trübt nicht seinen Glanz;
Erst als des Ganzen Glied fühlt er sich selber ganz.

In seinem Kreis mit Lust wirkt er durch höh're Kraft;
Und also wirke du in deinem sonnenhaft.

Wo du in Gott dich fühlst, stehst du im Mittelpunkt;
Und wo du ihn verlierst, bist du ins All zerfunkt.


85

Wenn jener Funke Licht in dir vom höchsten Licht
Vergisset seiner Pflicht und seines Ursprungs nicht;

Wenn er das dunkle Haus, das er bewohnen soll,
In stiller Freudigkeit macht Himmelsglanzes voll;

Wenn seine Spitze treu er stets zur Höhe lenkt,
Und eigenwillig nicht sich in die Tiefe senkt;

Nicht gleich der Pflanze will im Boden Wurzel schlagen,
Noch gleich dem Thier am Staub nach niederm Raube jagen;

Nein, wie die Blume sich dem Licht eröffnet gern,
Und immer aufzugehn bereit ist wie ein Stern;

Ja Zeugnis, daß im Licht er lebt in dunklen Schranken,
Stets gibt mit lichter That, Lichtwort und Lichtgedanken:

Dann wird von oben gern das Licht mit ihm verkehren,
Und im gesunknen Stern den hohen Ursprung ehren;

Ihm helfen, wenn er sicht, bis er die Schranke bricht,
Und aus der Scheitel tritt ein Licht hervor ins Licht:

Dann wird ein Sonnenstral, und wär' es in der Nacht,
So wird ein Mondenstral, beliehn mit Sonnenmacht,

Sich unterbreiten ihm, und heben ihn und tragen
Ins Lichtreich sicher, daß kein Sturm ihn kann verschlagen,

Vorbei dem Wirbel, der die schwerern Geister zieht,
Der Tiefe, die er floh, und der er jetzt entflieht.


86

Mein Licht! du bist nicht warm, die Sonne steht zu schief;
Du streifest nur mein Aug' und dringst ins Herz nicht tief.

Die Blume will nicht blühn, der Anger wird nicht grün;
Weltsehnsucht ist umsonst, umsonst dein Liebesmühn.

O hebe dich, mein Licht, aus winterlicher Schiefe
Zur Sommerhöh', und geuß Erregung in die Tiefe!


87

Laß einen Heilversuch dir meines Auges sagen,
Des äußern, den du magst aufs Innre übertragen.

Mein Auge sah sich selbst von einem Flor umhangen,
Von einem Wirrgeweb aus Punkten, Flecken, Schlangen.

Ein Netz der Täuschung, das die Sehkraft selbst sich wob,
Das mit dem Blick sich senkt' und mit dem Blick sich hob.

Ein Schatten, welcher nie vom Lichte sich verlor,
Der, aus dem Aug' erzeugt, schwebt' überall ihm vor;

Nur um so nächtlicher, als heller war der Tag,
Wie vor der Unschuld wol die Schuld sich fühlen mag.

Mir war davon die Lust an Gottes Welt benommen,
Daß rein ihr Schönes nicht mir sollt' ins Auge kommen;

Getrübt der Glanz der Flur, des Menschen Angesicht,
Und jede Schrift, durch die der Geist zum Auge spricht.

Den himmlischen Genuß des Lichtes wollt' ich missen
Ehr als ihn haben so versetzt mit Finsternissen.

Heilwasser heilen nicht, einfache noch zusammen
Gesetzte, weil sie rein dem Lichte nicht entstammen.

Sollt' ich die ird'sche Kunst des Augenarztes brauchen?
Ich will mich in den Quell des Lichtes selber tauchen.

Die Lüfte waren blau, die Fluren waren grün,
Und meinen Blick erhob zur Sonn' ich adlerkühn.

Entweder soll die Welt in dir mir untergehn
Auf immer, oder ich will rein wie du sie sehn.

Die Feuerwirbel ließ ich mir im Auge wallen,
Wie sie mich blendeten fühlt' ich mit Wohlgefallen.

Solange duldet' ich den Einstrom, bis zusammen
Die krausen Schlanggewind' in eine Masse schwammen.

Vom Himmel blickt' ich dann zurück zur Erdenflur,
Und statt der Schlangen sah ich Sonnenblendung nur.

Die lichte Finsternis zerfloß dann, und o Glück,
Die Schlangen kehrten nicht, die sie verschlang, zurück.

Und sollten doch einmal sie mir im Auge kehren,
So soll ein neuer Stral der Sonne sie verzehren.


88

Ein Tempel Gottes hat sich die Natur gebaut,
Worin er tausendfach geahnt wird und geschaut.

Als Tempeldiener gehn hindurch die Jahreszeiten,
Die bunten Teppiche am Boden hinzubreiten.

Stralend im höchsten Chor lobsingen Sonn' und Sterne,
Der Abgrund und das Meer antworten aus der Ferne.

Das Mittelfeuer glüht am ew'gen Opferherde,
Und alles Leben naht, daß es das Opfer werde.

Als Opferpriester kniet der Geist an viel Altären,
Die er mit Bildern schmückt, und sucht sie zu erklären.

In viele Hüllen hat die Fülle sich verhüllt,
Doch von der Fülle nur ist jede Hüll' erfüllt.

Und wo der Geist vermag hinweg der Selbsucht Schleier
Zu heben, sieht er hell darunter Gottes Feier.

Und Gottes Athem geht ein Morgenhauch durchs Schiff,
Einsammelnd jeglicher Verehrung Inbegriff.

Sein Lächeln streuet Duft in trüber Inbrunst Glimmen,
Sein Säuseln Einigung in widerstreit'ge Stimmen,

Aus jedem Opferrauch nimmt er das feinste Korn,
Den reinsten Tropfen auch aus jedem Andachtsborn;

Aus jedem Wortgebet den ihm bewußten Sinn;
Er selbst legt ihn hinein, und findet ihn darinn.

Dann will er auch den Sinn der Sinnenden entfalten,
Daß immer würdiger sie ihm die Feier halten;

Daß die gebundnen frei zu höhrer Wonn' aufgehn;
Denn das ist seine Lust, der Schöpfung Lust zu sehn.


89

Wenn nichts vom Erdenstaub mehr abzuschütteln bleibt,
Kann sich der freie Geist entschwingen lichtgeleibt.

Solang er sich bestrickt fühlt vom Unreinen Bösen,
Muß er des Lebens Kampf fortkämpfen, sich zu lösen.

Weh aber ihm, wenn er muß aus dem Kampfe weichen,
Eh er des Lichtes Sieg konnt' an der Nacht erreichen.

Er hüllt sich ins Gefühl der Niederlage ein,
Und dies wird seine Pein, wo er auch seyn mag, seyn.

Darum beglückt seid ihr, die ihr hinüberschwebtet
Früh, eh ihr tiefer euch hinein ins Leben lebtet.

Den Frühlingsblumen gleich, im Morgenthau gepflückt,
Womit am Festtag man den Tempel Gottes schmückt.

Doch was am Stengel bleibt und soll zu Früchten reifen,
Mit Schmerzen lass' es sich von Sonn' und Wind ergreifen.

Auch die unreife Frucht wird abgeschüttelt werden,
Zum Festmahl kommt sie nicht, sie fällt mit Schmach zur Erden.


90

Horch, das Gewitter braust, des Donners Scheltwort rollt
Dem rothen Blitz nach, der ein Blick des Zornes grollt.

So früh im Jahr, eh neu zum Leben sich verbündet
Der Elemente Kraft, ist schon ihr Kampf entzündet.

Was in der Gährung sonst der Sommerglut erwacht,
Ist nun im schwellenden Lenzäther angefacht.

Vorüber fahren sie vor deinem Aug' und Ohr,
Das sie erschreckt vernahm, dann spurlos sie verlor.

Und also meinst du wol, daß sie auch ohne Spur
Vorüberfahren der erwachenden Natur.

Doch eine Spur davon, und ich will sie dir deuten,
Wird bleiben, die bemerkt nicht wird von vielen Leuten.

Der Kukuk, der den Sang jetzt rüstet, um zu locken
Die Blätter aus dem Wald, hört und verstummt erschrocken.

Und der Verstörung wird er diesen Lenz nicht frei,
Und seines vollen Klangs entbehrt der blüh'nde Mai.

Doch die Kastanie, die eben sich erkeckte,
Und eine Blütenkerz' auf ihren Leuchter steckte,

In der verschmolzen blühn soll Weiß und Gelb und Roth,
Erblaßt vor Furcht, wie sie der rothe Blitz umloht.

Wenn nun die Kerz' erblüht, so scheint sie dir dieselbe,
Ich aber seh', es fehlt das Roth im Weiß und Gelbe.


91

Wie legst du so vergnügt zur Ruh dich Abends nieder,
In Hoffnung aufzustehn verjüngt am Morgen wieder.

So kannst du auch vergnügt im Grab zur Ruhe gehn,
In Hoffnung auch verjüngt am Morgen aufzustehn.


92

Gebrauche deine Kraft nur Güter zu erwerben,
Die du gebrauchen kannst zum Leben und zum Sterben.

Nützt irdischer Erwerb zum einen nur allein,
So ist der geistige gleich nütz zu allen zwein.

Denn wie der Leib bestehn nicht ohne Speise kann,
So ohne Wissen nicht, wer einen Geist gewann.

Den irdischen Besitz vererbest du beim Sterben;
O such den geist'gen auch beim Scheiden zu vererben.

Du lässest irgendwie der Welt ihn eingeprägt,
Als Korn, das Wurzel schlägt, als Zweig, der Früchte trägt.

Dir selbst ist dort villeicht, wie was du hier besessen,
Auch was du hier gewußt, verloren und vergessen.

Allein die Kraft, die es erwarb, ist nicht verloren;
Zu höherem Erwerb ist sie dir neu geboren.

Drum auf Erwerben üb' im Ernst der Kräfte Spiel;
Nicht der Erwerb ist hier, die Übung ist das Ziel.

Wie eines Knaben Fleiß bald bunte Steinchen sammelt,
Bald Wörter ohne Sinn' in fremder Sprache stammelt;

Was hat der Mann dereinst vom Steinchen und vom Wort?
Er hat nun Lust und Kraft zu sammeln andern Hort.


93

Die besten Fechter sind im Kampf gefallen immer,
So wie ertrunken meist im Strom die besten Schwimmer.

Warum? weil in den Strom sich nur ein Schwimmer wagt,
Und nur ein Fechter nicht vorm Spiel der Waffen zagt.

So reizend ist Gefahr, daß, wer nur halb sie kennt,
Sich gleich in sie verliebt, und zu mit Lust ihr rennt;

Wer aber nicht sie kennt, und nie sie hat versucht,
Sie scheuet und sich ihr entzieht mit feiger Flucht;

Und nur die Weisesten die rechte Mitt' erzielen,
Weder Gefahr zu scheun, noch mit Gefahr zu spielen.


94

Gar viele Geister gehn beim Menschen aus und ein,
Und selber weiß er nicht, ob bös' ob gut sie seyn.

Er merkt es nicht, bis sie zuletzt sich selbst verrathen,
Ausbrütend im Gemüt gut' oder böse Thaten.

Es war ein Nest gebaut an meines Hauses Wand
Im tiefen Mauerritz hart unterm Fensterrand.

Vom Boden auf zu hoch, zu tief vom Fenster oben;
Was in dem Neste sei, ich konnt' es nicht erproben.

Im ersten Morgengraun, im letzten Abendschimmer,
Flog etwas aus und ein mir unter'n Augen immer.

Doch eh ich mich besann, so war es schon vorbei,
Ob es der Zwietracht Spatz, des Friedens Schwalbe sei.

So bis zum Frühlingsend' erhielt sichs still im Neste,
Doch um die Sommerwend' erwachten laute Gäste.

Sie flogen, flatterten und schwirrten allenthalben,
Und froh erkannt' ich erst, es waren junge Schwalben.


95

Ich sage dir, mein Sohn, von welchen Lehrern lernen
Du sollst soviel du kannst, von welchem dich entfernen.

Einer bescheiden ist des Stoffes treu beflissen,
Des andern höhrer Sinn erhebt den Stoff ins Wissen.

Der dritte dünkelhaft will nicht die ew'gen Sachen
So nehmen wie sie sind, will wie er denkt sie machen.

Der eine wird mit Fleiß das Einzle weiter bringen,
Der andre sucht mit Geist das Ganze zu durchdringen.

Der dritte dünkelhaft will ein System nur baun,
Um wohlgefällig sich als Schöpfer zu beschaun.

Vom einen kannst du viel, vom andern alles lernen,
Vom dritten nichts; von dem sollst du dich, Sohn, entfernen.

Beim ersten magst du Fuß auf festem Grunde fassen,
Vom andern dir zum Flug die Richte geben lassen.

Vorm dritten hüte dich! es ist um dich gethan,
Füllt er mit Dünkel dich und leerem Fachwerk an.


96

Aus Hitopadesa.

Der gröste Kummer ist im kummervollen Leben,
Daß man das Glück erreicht nur das man aufgegeben.

Wo die Begierd' erlischt, ist auch der Arme reich,
Und wo sie herrscht, da ist der Fürst dem Sklaven gleich.

Wieviel du wünschen magst, der Wunsch wird weiter gehn,
Und Glück ist da nur wo die Wünsche stille stehn.


97

Du wärest gerne reich, umhäuft von Überfluß,
Und gern auch arm zugleich, zufrieden im Genuß.

Du wärest gern berühmt, von aller Welt genannt,
Und gern auch ungestört, von Niemand gar gekannt.

Du hättest gern zugleich den Himmel und die Erde;
Ich fürchte, daß dir so von beiden keines werde.


98

Sieh diesen Mann! wie steht ihm felsenfest sein Glauben!
Der Zweifel kann daran ihm nicht ein Iota rauben.

Und was er glaubt, erhebt er auch zur Wissenschaft;
Wie braucht er so geschickt dazu des Geistes Kraft!

Nicht daß sein Glauben selbst bedürfte der Vernunft;
Doch schlagen will er so auch der Ungläub'gen Zunft.

Was aber glaubt er denn, und was beweist er sich?
Was ganz ist abgeschmackt und völlig lächerlich.

So weit ist Glauben und Menschenverstand geschieden,
So schwer ist Aberwitz von Weisheit selbst vermieden.

Wo aber beide blind den Liebesbund beschworen,
Da ist ein Spottgebild der Wahrheit ausgeboren.

Wer keck nur vorwerts schließt und eins ans andre hängt,
Hat eine Kette bald, die alle Welt umfängt.

Nur daß er eins vergaß, und eines nicht besaß,
Wodurch im Gleichgewicht die Welt sich hält, das Maß.

Das Maß hielt Gottes Geist, als er erschuf die Welt,
Dadurch erhält er sie, daß er ihr Maß erhält.

Wo dieses Äußre nicht das Innre hält in Schranken,
Versteigen sich ins Blau die schwindelnden Gedanken.

Das Maß fürs Äußere gilt auch für das Abstrakte:
Das Krumme ist nicht grad, nicht wahr das Abgeschmackte.

Dies Richtmaß halte fest! der Glaube wird zum Thoren,
Zum Narr'n die Wissenschaft, wo sie das Maß verloren.


99

Man pflanzet einen Baum, damit er Früchte trage,
Und rennet einen Weg, daß man ein Ziel erjage.

Und alle Segel wehn entgegen ihrem Port,
Und alle Ströme gehn zum Ozeane fort.

Wir aber wissen nicht, wozu wir thun die Thaten,
Was wir bezwecken, kaum, nie, wie es wird gerathen.

Das will mit Zweifeln uns bestricken und verwirren,
Die Thatkraft lähmen, und im Werkberuf uns irren.

Wir aber wollen froh uns fühlen im Beruf,
Zu wirken das wozu Gott Lust und Kraft uns schuf.

Wer handelt oder denkt, wer herrschet oder schreibt,
Der thue nur mit Gott, wozu der Geist ihn treibt.

Wen aber keiner treibt, mag wie er will es treiben,
Die Welt mit Gottes Geist wird doch im Gange bleiben.


100

Drei Stufen sind es die der Mensch empor muß streben,
Um sich vom dunklen Ich zum lichten zu erheben.

Zuerst trit aus dir selbst ins Leben rings um dich,
Und freue dich daran, wie alles freuet sich.

Dann gib den Kummer auf, daß Alles rings verfällt,
Und freu dich, daß sich jung die Welt im Ganzen hält.

Dann laß dies Ganze selbst zurück ins Ew'ge schwinden,
Dort erst wirst du dich ganz im großen Ich empfinden.


101

Von ferne kannst du nicht die Trommel hören schlagen,
Ohn' unvermerkt im Takt darnach den Schritt zu tragen.

O hörtest du auch so die Sternentrommel nur,
Wonach das lichte Heer dort aufzieht im Azur.

Gib Acht! du kannst den Ton vernehmen allerwegen
In dir, um jeden Tritt harmonisch mit zu regen.


102

Solang du jung bist, mag es dir villeicht behagen,
Um eines Hauptes Läng' ob andern aufzuragen.

Doch wenn du älter wirst, dein Auge blöd' und schwach,
Erscheint der Vorzug dir villeicht als Ungemach.

Denn nicht den Sternen wirst du darum näher gehn,
Doch minder deutlich wol am Weg die Gräser sehn.

Dann um so tiefer wird dein Haupt sich auf die Brust
Absenken, um zu sehn der Erde grüne Lust;

Wie jeder Greis es senkt, um noch einmal zu grüßen
Die Blumen, die nun bald das Grab ihm hüten müßen.


103

Laß uns besonnen seyn! Wir waren unbesonnen,
Darüber ist die Frist des Lebens fast verronnen.

Bedenken wir es recht! wir sannen Eitlem nach,
Das gab dem kranken Sinn kein Heil, das ihm gebrach.

Laß uns bescheiden seyn! Wir waren unbescheiden,
Und wollten neben uns nicht gleichen Anspruch leiden.

Bedenken wir es recht, bescheiden uns damit,
Daß selber neben sich manch besserer uns litt.

Laß uns zufrieden seyn! Wir waren unzufrieden,
Daß uns nicht mehr, als wir verdienten, war beschieden.

Bedenken wir es recht! Man räumt noch mehr uns ein,
Als uns gebührt, und gnug, zufrieden auch zu seyn.


104

Aus Kalila wa Dimna.

Ist dir ein Freund verstimmt, so sieh aus welchem Grunde;
Und findest du den Grund, so ists zur guten Stunde.

Du brauchest nur den Grund hinwegzuräumen eben,
Und die Verstimmung wird von selbst sich wieder heben.

Doch wenn du keinen Grund im Stand zu finden bist,
Das eben ist ein Grund, der nicht zu heben ist.


105

In langem Umgang kann vermeiden ganz kein Mann,
Zu kränken und gekränkt zu werden dann und wann.

Wer aber weis' ist, sucht des Freunds Entschuldigung
In sich, und wer da sucht, der findet bald genung,

Sieht, ob er kann verzeihn mit Ehren und Gewissen,
Und will um Eitelkeit ein Menschenherz nicht missen.


106

Eh du ein Werk beginnst, sieh zu, ob auch die Krone,
Die es verheißt, der Müh, die es erfordert, lohne.

Bist du erst mitten drinn, und nimmst es dann zu Sinn,
Zu spät, was du auch thust, ist dann nur Ungewinn.

Denn wenn du abstehst, hast du dich umsonst geplagt;
Und setzest du es fort, so ist noch mehr gewagt.


107

Wohl würde sich ein Mann in seine Lage finden,
Wenn den Begriff von sich er nie sich ließ' entschwinden.

Darum zufrieden ist er nie mit seiner Lage,
Weil er sich anders fühlt an jedem andern Tage.


108

Wol lebt des Mannes Geist im großen Allgemeinen,
Doch leben will auch sein Gemüt im eignen Kleinen.

Wol will er für die Welt des Schön' und Guten warten,
Doch es auch blühen sehn in seinem Haus und Garten.


109

Von allem was ein Mann an Gut der Welt gewann,
Hat er nur soviel selbst, als er genießen kann.

Das andre hat er nicht, das er nur wird verschließen;
Doch wem ers gibt, mit dem wird er auch das genießen.


110

Was dir mislang, wirf weg, wenn du ein Meister bist;
Und wenn dich's reut, so laß es gut seyn wie es ist.

Nur müh dich nicht umsonst es bessernd umzuschaffen;
Denn während hier du fugst, wird es dort wieder klaffen.


111

Solang hast du gesäumt an manchem guten Tage
Das Werk zu thun, und nun führst du am schlechten Klage.

Solange gab dir Frist der Himmel es zu thun,
Da hast du ruhn gewollt, nun heut heißt er dich ruhn.


112

Wenn dein Gemüt ist frisch vom Thau der Nacht befeuchtet,
Und deine Seele klar vom Morgenglanz durchleuchtet;

So schwinge mit Vertraun in Andacht dich empor,
Und trage dein Gebet dem Herrn der Schöpfung vor!

Ein Vaterauge schaut, es hört ein Vaterohr;
Ihm trage dein Gebet mit aller Schöpfung vor!

Zum Himmel aufwerts blickt und ruft der Wesen Chor;
Nun trage dein Gebet mit Blick und Worten vor!

Den Wünschen aufgethan ist der Erhörung Thor;
O trage dein Gebet in frommen Wünschen vor!


113

Wer mit Erholung recht weiß Arbeit auszugleichen,
Mag ohn' Ermüdung wol ein schönes Ziel erreichen.

Ein Thor ist, wer, anstatt Erholung seiner Kräfte
Zu suchen, selber macht Erholung zum Geschäfte.

Ein Weiser ist, wer Scherz und Ernst zu sondern weiß,
Und sich an heiterm Spiel neu stärkt zu strengem Fleiß.

Noch weiser doch ist, wer sich solch ein Spielwerk macht,
Wodurch sein Tagewerk selbst weiter wird gebracht.

Der erste kann zu nichts, der andre weit es bringen,
Doch nur dem dritten wird Vorzügliches gelingen.


114

Bedenke, wenn du gehst, daß nichts von dir hier bleibt,
Als was ein Wort, ein Werk von dir in Herzen schreibt.

Bedenke, wenn du gehst, daß du nichts nimmst von hier,
Als was von dort war und nach dort gestrebt in dir.

O Heil dir, wenn du gehst und beides dies empfindest,
Daß du hier bleibest und dich drüben wieder findest.


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