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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 967

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 967

Wenn an einander wir, o Freund, nicht öfter dächten
Als schrieben, zweifelt' ich an unsrer Liebe Mächten.

Ich aber zweifle nicht, ich weiß mit Zuversicht:
Du gibst mir, wie ich dir, tagtäglichen Bericht.

Und ich empfang' ihn auch, wie du empfängst den meinen;
Wir unterreden uns, wenn wir zu schweigen scheinen.

Du weißt ja, wie ich war, drum weißt du, wie ich bin;
Und wie ich kannte dich, kenn' ich dich immerhin.

Doch wenn man ohne Schrift das Innre kann gewahren,
Von Zeit zu Zeit will man was Äußres auch erfahren.

Denn unsre Freundschaft ist Gefühl ins Ferne zwar,
Jedoch kein Ferngesicht, wovor uns Gott bewahr!

Drum geb' ich Nachricht dir, daß du mir Nachricht gebest,
Nicht, ob du mich noch liebst, nur, ob du auch noch lebest.

Ich leb' und freue mich noch jeder guten Stunde,
Und von der bösen nehm' ich lieber keine Kunde.

Noch minder gäb ich dir davon die Kunde gern,
Nah bliebe dir nur, was derweil mir schon ist fern.

Wie sollt' ich Dauer dem verleihn auf diesem Blatt,
Was in der Wirklichkeit zum Glück nicht Dauer hat!

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4. IX. 31

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