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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4591

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4591

Der vielbenamte Liebesgott und der dreigeaugte Weltzerstörer

Vernimm, durch welch Geschick am heil'gen Strom der Ganga
Der einst leibhafte Gott entleibet ward Ananga.

Der schöngeleibte Gott der Liebe, Kama, stand,
Sein Bildniß in der Fluth bewundernd, an dem Rand.

Er sprach: Ein Blick von mir auf mich genügt, zu sehn,
Daß weder Götter mir, noch Menschen widerstehn.

Da ließ er seinem Geist vorübergehn die Schaaren
Der Götter, die schon all' einst seine Sklaven waren.

Die Menschen hat er nicht zu zählen vorgenommen,
Die wie die Blumen gehn und wie die Blumen kommen.

So in Bewunderung versunken seines Leibes,
Vergaß der Liebesgott selbst des geliebten Weibes.

Wie ist dein liebes Weib genannt, o Kamadewa?
Bei Menschen Wonne-Lus,t bei Göttern Rati-Rewa.

Die holde Wonne-Lust stand ungesehn ihm nah,
Und sah, daß er nicht sie, daß er sich selbst nur sah.

Sie wedte lächelnd ihn: »Besinn' dich, lieber Smara!
Denn dort kommt Siwa her, der hehre Herrscher Hara.

Fleuch, o Kandarpa, fleuch! dich mahnet deine Rewa,
Der grause Siwa kommt, der große Mahadewa.

Der Dreigeaugte denkt jetzt einer Welt Zerstörung;
Fleuch, Manmatha! daß uns nicht reue die Bethörung!«

Der Vielbenamte sprach: »Wer ist der Dreigeaugte,
Daß gegen ihn kein Pfeil aus meinem Köcher taugte?

O Lust, ich sollte fliehn? O Wonne, du sollst sehn,
Der Welt-Zerstörer kann der Liebe nicht entgehn.«

Da zitterte die Luft, er aber schoß verwegen
Dem starken Feinde gleich den stärksten Pfeil entgegen.

Den Pfeil empfing in's Herz der hartgeherzte Hara,
Und ward durch Liebesscherz drauf Vater des Kumara.

Erregt durch diesen Pfeil, zeugt' er das Kriegesfeuer
Kumara's, halb ein Heil und halb ein Ungeheuer.

Doch dies zu sagen wär' ein andres Abenteuer,
Wie aus der Liebe Glut entsprang des Krieges Feuer.

Hier sagen wir nur dies, wie es dem Smara ging,
Als Hara dessen Pfeil in seiner Brust empfing.

Sein Stirnaug' öffnet' er, und blitzt' ihm einen raschen
Zornfunken zu, davon sein schöner Leib ward Aschen.

Gott Siwa ging, und trug den Liebesbrand im Blut,
Die Liebesasche lag und glomm in Todesgluth.

Luft-Wonne kam, den Rest in Ganga's Flut zu waschen,
In ihren Thränen auch, und nahm an's Herz die Aschen.

In ihrem Herzen fühlt ihn leben neu das Weib,
Und nennt Ananga ihn, weil er ist ohne Leib.

Und nennt ihn Hritsaya, das will Herzschläfer sagen;
Sie will, bis er erwacht, ihn still im Herzen tragen.

Das macht die Wonne krank, sie wird nie mehr gesund,
Von innen zehret sie der Gott im Herzensgrund.

Die Wonne stirbt an Lieb', und seitdem tragen Herzen
Den Gott der Liebe, statt in Wonne, nur in Schmerzen.

Er ist, wenn innen sie ihn tragen, eine Pein,
Und wenn er tritt heraus, ein Schatten nur und Schein.

Nie leibhaft wieder wird, seit leiblos ward Ananga,
Und nur als Bild beschwebt er noch die Flut der Ganga.

Der Frühling ist sein Freund, der selbst ein flücht'ger Schatten,
Wie Lieb' und Wonn', im Flug bestreift der Erde Matten.

Der Frühling füllet ihm den Köcher, statt mit Pfeilen,
Mit Frühlingsblumen, die schnell wie die Lieb' enteilen.

Er lehrt die Nachtigall dazu die kurzen Lieder,
Durch die der Liebe Pfeil erhalte sein Gefieder.

Fünf Blumenpfeile sind's, weil fünf sind unsrer Sinne,
Damit durch jeden Sinn Eingang ein Pfeil gewinne.

Am Bogen statt der Senn' ist eine Bienenschnur;
Ein solcher Bogen kann zum Spiele dienen nur.

Wie kann der Bogner denn die Bienensenne spannen?
Die Senne fliegt wohl eh'r noch als der Pfeil von dannen.

Die Lieb' ist nur ein Spiel, ein Schatten und ein Schein,
Doch wirklich ist das Ziel der Herzen süße Pein.

Brahmanische Erzählungen I 82

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