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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4573

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4573

Leben und Nahrung

Vernimm ein altes Wort, das fremd und seltsam klingt,
Doch, wenn du es verstehst, dir auch Belehrung bringt.

Nachdem das Leben schuf der Schöpfer, schuf er Nahrung,
Die er aus Wasser zog, dem Leben zur Bewahrung.

Die Nährung aber floh wie einen Feind das Leben,
Das nun mit jedem Sinn ihr suchte nachzustreben.

Nachsandt' es ihr den Blick, die flüchtige zu fassen,
Doch Nahrung wollte sich vom Blick nicht halten lassen.

Hätte sie so gedient dem Leben zur Bewahrung,
So würde satt ein Mensch durch's bloße Sehn der Nahrung.

Nachsandt' es ihr das Wort, die flüchtige zu fassen,
Doch Nahrung wollte sich vom Wort nicht halten lassen

Hätte sie so gedient dem Leben zur Bewahrung,
So würde satt ein Mensch durch's Nennen schon der Nahrung.

Nachsandt' es ihr den Hauch, die flüchtige zu fassen,
Doch Nahrung wollte sich vom Hauch nicht halten lassen.

Hätte sie so gedient dem Leben zur Bewahrung,
So würde satt ein Mensch durch den Geruch der Nahrung.

Nachsandt' es ihr das Ohr, die flüchtige zu fassen,
Doch Nahrung wollte sich vom Ohr nicht halten lassen.

Hätte sie so gedient dem Leben zur Bewahrung,
So würde satt ein Mensch durch Hören von der Nahrung.

Gedanken sandt' es nach, die flüchtige zu fassen,
Doch Nahrung wollte sich vom Geist nicht halten lassen.

Hätte sie so gedient dem Leben zur Bewahrung,
So würde satt ein Mensch durch's Denken an die Nahrung.

Da sandt' es nach die Hand, die flüchtige zu fassen,
Doch Nahrung wollte sich auch so nicht halten lassen.

Hätte sie so gedient dem Leben zur Bewahrung,
So würde satt ein Mensch durch's Rühren an die Nahrung.

Da nahm das Leben selbst die Nahrung in den Mund,
Zog sie in sich hinab, und fühlte sich gesund.

Und wenn das Leben krank vor Hunger wird, so sucht
Es Nahrung wieder so, die stets ist auf der Flucht.

Brahmanische Erzählungen I 64

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