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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4561

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4561

Das Spiegelbild

Vorm klaren Spiegel stand der unerfahrne Knabe,
Nicht wissend um das Glas, welchen Bewandt es habe.

Mit Lächeln sah er drein, es lächelt ihm entgegen;
Und wie er regte sich, so sah er's drin sich regen.

Da kam die Ungeduld, er drohte mit der Hand,
Und fand, daß drohend ihm entgegen eine stand.

Da hob er seine Faust, zu rächen diese Schmach;
Der Lehrer stand dabei, hielt ihn zurück und sprach:

Laß deine Ungeduld! Nicht dieses Glas ist schuld,
Das dir zurück nur giebt die Unhuld wie die Huld.

Ein solcher Spiegel ist für dich die ganze Welt,
Die, was du ihr bezeigst, dir auch entgegen hält.

Verklage nicht das Glas, du mußt dich selbst verklagen;
Das Glas hat Gott gemacht, du darfst es nicht zerschlagen.

Brahmanische Erzählungen I 52

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