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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4551

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4551

Der Mauspalast

Vernimm, wie einer Maus es ging, und lerne draus,
Wie große Mühsal hat, wer baut ein großes Haus.

Die hatte sich erschaut den Garten, reich an Kraut
Und Früchten, und ihr Haus im Boden weit erbaut.

Im Garten war sie einst auf einem Wandelgange,
Da nahn von ihrem Haus Besitz die schwarze Schlange.

Der Hausherr kam zurück, und fand in dem Palast
Den unterirdischen, den eingedrungnen Gast.

Entgegen zischt' er so dem Wirth, daß er entfloh;
Beim nächsten Nachbar klagt' er laut mit Ach und O.

Der Nachbar sprach: Sei froh, daß sie dich nicht gefressen;
Laß ihr das Loch, du hast es lang genug besessen.

»So nimmst du wohl mich auf in deinem?» — Es ist enge,
Doch neue Löcher giebt's zu graben Platz die Menge.

Der Nachbar schlüpft' in's Loch, und ließ den Nachbar stehn,
Der traurig sich entschloß zum Könige zu gehn.

Zum Könige der Mäus' im Königreich der Mäuse,
Dem klagt' er's, daß die Schlang' ihn trieb aus dem Gehäuse.

Der König schnaubt' ihn an: Treuloser Unterthan,
Warum nicht besser hast du deine Pflicht gethan?

Als Festung mußtest du, dir anvertraut zur Hut,
Dein Haus vertheid'gen mit dem letzten Tropfen Blut.

Entfleuch von meinem Thron, eh' der verdiente Lohn
Verrath und Feigheit trifft! — Das Mäuslein schlich davon,

Und kam zuletzt zum Haus, worin der Philosoph
Der Mäuse einsam wohnt', entfernt vom Königshof.

Dem klagt' es auch die Noth, der tröstet' es mit Huld:
Ertrag es mit Geduld! dein eigen ist die Schuld.

Die Schlang' ist nicht gemacht ein eigen Loch zu graben,
Sie muß sich nehmen eins, wenn sie will eines haben.

Daß sie nicht nehme meins, grub ich mir ein so kleins,
Worin sie Platz nicht hat, zu groß wohl grubst du deins.

Nun grab' dir auch ein kleins, Müh' macht es minder dir,
Gemach giebt dir's genug, und reizt nicht Schlangengier.

Brahmanische Erzählungen I 42

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