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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4490

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4490

Edelstein und Perle 13

Verfallen war der Schacht und unbefahren,
Und ich in tiefer Einsamkeit geblieben,
Wo ich nun keine Menschen sah seit Jahren.

Da fing ich sie von neuem an zu lieben.
Ich hatte jetzt die volle Mannesblüthe
Und liebte mit verständig reifen Trieben.

Das sah ich wohl, daß ich umsonst mich mühte,
Mit Lieb' hinauf zu langen, wenn hernieder
Nicht Gott mir schickt' ein liebendes Gemüthe.

Einst rauscht' es droben aus der Höhe wieder,
Als ob zu Schacht man führe, und ich zagte,
Hernieder kommen sah ich Menschenglieder;

Daß ich ein Weilchen nicht zu leuchten wagte.
Ich wollt' im Dunkeln, was es wär', erlauschen;
Da richtet' es im Schutt sich auf und klagte:

O weh mir Armen! Immer hätt' ich tauschen
Gern mögen mit dem Loos der Bergmannsleute,
Die in die goldnen Schachten niederauschen;

Da mich so wenig das Gestein erfreute,
Mit welchem ich die Straßen mußte pflastern,
Gefallen bin ich in den Schacht nun heute.

Der Neid ist doch das schlimmste von den Lastern.
Wie gerne wär' ich nun zurück zu meinem
Geschäfte, ja zu einem noch verhaßtern!

Ich tauge freilich fast mehr zu gar keinem,
Da ich beim Pflastern ward vom feinen Staube
Auf einem Aug' halb blind, und ganz auf einem.

Der Blindheit ward mein schwacher Fuß zum Raube,
Und klagen muß ich hier nun meinen Jammer,
Wo das Gestein ihn nicht vernimmt, das taube.

Nun wartet meine Frau in ihrer Kammer,
Und komm ich nicht, wird sie das Geld bedauern,
Das ich noch jüngst wandt' auf den neuen Hammer.

Den Hammer muß ich allermeist betrauern;
Er wird so leicht nicht einen wieder finden,
Und käm' er noch zu tausend Straßenbauern,

Wie mich verlorenen Dreiviertelsblinden,
Der ihn stets in so ordentlichem Takte
Bewegte, wenn gleich nicht im zu geschwinden.

Was hilft es nun, daß ich mich plagt' und plackte
Und immer wandelt' auf geraden Wegen,
Was auch mein Weib zuweilen seitwärts schnackte?

Gold graben hätt' ich mögen ihretwegen;
Doch schlich ich nie darum als Dieb zum Schachte;
Nun lieg' ich mitten drin, recht ungelegen.

In Gottes Namen, der's so mit mir machte,
Will ich denn hier mein letztes Schläflein halten.
Da schlief der blinde Mann ein und — erwachte.

Zu mußt' er sich die blöden Augen halten
Vor'm hellen Glanz, der ihm entgegenblendete:
Ich leuchtete mit leuchtenden Gewalten,

Indem ich freudig alle Kraft aufwendete,
Den blinden Mann zu zwingen, daß er sähe,
Und seines Unglücks Nacht mein Lichtstrahl endete.

Er kam auch und besah mich in der Nähe,
Versucht' es und konnt' ohne Müh mich brechen
Aus dem Gestein, es war mit Fleiß nicht zähe.

Da hub das alte Männlein an zu sprechen:
Das heiß' ich mir doch wunderthät'ge Steine,
Die so den grauen Staar den Augen stechen!

So hätt' ich freilich auf den Straßen keine
Gefunden, wenn ich pflastert' hundert Jahr.
Wüßt' ich nur jetzt, wo 'naus bei seinem Scheine!

Er sprach's, und mit erstarktem Augenpaar
Umsah er sich, und bei dem Schein des klaren
Gesteins sah er des Himmels lichtes Klar.

Ich glaube, daß es jene Spalten waren,
Eröffnet wieder, oder nie geschlossen,
Durch die der Engel einst hindurch gefahren.

Er aber frug nicht lange, kurz entschlossen
Arbeitet' er zu Tag sich durch's Geschichte,
Mich selb mitnehmend, seines Glücks Genossen.

So förderte die Blindheit mich zum Lichte.

Erzählungen. Winterleben 16

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