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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4340

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4340

Herbstes Tage sind mit labend,
Weil mir lieb ist Abendlicht;
Ist ein schön verlängter Abend
Solch ein, ganzer Herbsttag nicht?

Die gedehnten Schatten wallen,
Und die Lichter streifen schief:
Denn die Sonn' an Himmelshallen
Steht im höchsten Mittag tief.

Völlig gleich des Maien Tagen
Könnten diese still und lind
Des Septembers mir behagen,
Nur daß sie viel kürzer sind.

Jene werden immer länger,
Immer kürzer diese da,
Und die Ahnung immer bänger,
Daß der kürzeste ist nah.

Dort die Sonne feurig steiget,
Und der Erdkreis betet an;
Hier der Mond erblassend schweiget,
Gleich als hätt' er nichts gethan.

Doch den Wassernebel dämpfen
Mußte Nachts sein Silberlicht,
Half voran der Sonne kämpfen,
Die jetzt leicht den Sieg erficht.

Wenn du dir die Augen blenden
Lassen willst, so schau zum Ost;
Willst du dich nach Westen wenden,
Giebt der Mond dir blassen Trost.

Dort die neue lüpft den Schleier,
Hier versinkt die alte Zeit:
Eint nicht diese Morgenfeier
Zukunft und Vergangenheit?

Diese beiden Glanzgesichter
Sind das Doppelglück der Welt,
Wenn das eine seine Lichter
Fein entfernt vom andern hält.

Wenn der Mond will mit der Sonne
Treten an zugleich den Tanz,
Fehlt der Nacht die lichte Wonne,
Und nicht wächst des Tages Glanz.

Immer dünner, immer später,
kommt der Mond nun in der Nacht,
Braucht zu reinigen den Aether
Immer schwächer seine Macht.

Immer stärker, immer dichter,
Ringt der Nebel Nachts empor,
Und der Sonne Morgenlichter
Sterben hinter'm Trauerflor.

Laß uns auf der Wiese wallen,
Denn die Sonne scheint schon lau.
Reichlich ist der Thau gefallen,
Reichlicher als Maienthau.

Heute magst du Thau noch nennen
Diesen weißlichgrauen Streif;
Morgen, kaum vom Frost zu trennen,
Ist es schon ein Wasserreif.

Was nicht ganz der Sonne glücket,
Das vollendet nun der Frost:
Jeder Morgennebel drücket
An der Traub' und keltert Most.

Darum was du siehst am Laube
Silbern glänzen, nennt man Reif,
Weil er pflückt das Laub der Traube,
Und sie selber machet reif.

Die im Lenz als Sproß und Blüthe
Keinen rauhen Hauch vertrug,
Trägt mit reiferem Gemüthe
Nun heilsamen Frost genug.

Ach, man lernt in spätern Tagen
Wohl ertragen mancherlei,
Was man früher nicht ertragen,
Und man fühlt, daß gut es sei.

Immer noch erklärt für zeitig
Er sie nicht, wie ich und du;
Und sie nimmt, es ist unstreitig,
Noch an inn'rer Güte zu.

Mag er denn, der Winzer, walten,
Der das Ernstliche bezweckt,
Nämlich, daß sich Wein soll halten,
Nicht, daß uns die Beere schmeckt.

Eine fand ich angeschimmelt,
Eine fand ich angefault,
Habe wohl darum gebimmelt,
Habe wohl darum gemault.

Doch mein Brausen überbrausend,
Sprach der Winzer: Liebes Kind!
Reif inzwischen wurden tausend,
Während zwei verdorben sind.

Hat das Sprichwort die einseit'gen
Klagen nicht beseitiget:
Daß die Zeit verdirbt die zeit'gen
Und unzeit'ge zeitiget?

Nicht um Einzles ziemt sie Klage,
Wo das Ganze soll gedeihn.
Lese wird an Einem Tage,
Nicht für Eine Traube sein.

Herbstlieder 20

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