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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4153

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4153

Mein Park

Jüngst ward ich unzufrieden
Mit mir und meinem Thal,
Darin mir ist beschieden
Ein Streifchen kurz und schmal;

Ein Gärtchen, dessen Räumchen
In sich zusammendrängt
Zwei Beetchen und ein Bäumchen,
Das über's Zäunchen hängt.

Und als ich ausspazieret,
Ward erst mein Sehnen stark,
Wie sich mein Blick verlieret
Im weiten Herrenpark.

Der Schattengänge Windung
Durch grüne Dämmernacht!
Fast wäre die Empfindung
Des Neids in mir erwacht

Wie laut die Bächlein schwätzen,
Wie still die See'n stehn,
Und auf umbüschten Plätzen
Nach mir die Rehe sehn!

Wie lieblich wär es wohnen
In diesem Gartenhain,
In diesen Laubeskronen,
Wenn alles wäre mein!

Sein Herr sieht nicht in Jahren
Hier wachsen Laub und Gras;
Und wenn er kommt gefahren,
Sieht er durch Fensterglas.

Doch wird für ihn im Parke
Gerüstet fort und fort;
Es gehn mit Hack und Harke
Geschäft'ge hier und dort:

Ein Junger und ein Alter,
Ein Mädchen und ein Kind,
Ein Gärtner, ein Verwalter,
Und allerlei Gesind.

Und wenn ich sollte walten
Nun dieser Gartenwelt,
Womit sollt' ich erhalten
Das Volk, das sie erhält?

Da wollt' ich selbst nicht länger
Der Herr des Parkes sein;
Nur zum Spazierengänger
Bedang ich drin mich ein.

Doch so, wie mancher Leser
Als Herrn der Dichterflur
Sich selbst, und als Verweser
Ansieht den Dichter nur;

So träumt' ich Wandelgeher
Mich in den Traum hinein,
Bestellt zum Parkaufseher
Sei mir der Herr allein.

Wie schön weiß er zu ziehen,
Was ich mir ausgedacht!
Wie hat er die Partieen
Mir hier zum Dank gemacht!

Das konnt' ich selbst nicht hoffen;
Das hat mich überrascht.
Mein Wunsch ist übertroffen,
Und mein Gedank' erhascht.

Hier tadl' ich zwar im Stillen,
Die Aussicht hemmt der Strauch;
Doch läßt man seinen Willen
Einmal dem Gärtner auch.

Da stieß ich mich im Traume
An einen starren Pfahl;
Der steht in diesem Raume
Doch nicht nach meiner Wahl.

Und hoch am Pfahl ein Brettchen
Besagte klar und scharf,
Daß man hier jedes Blättchen
Sehn, doch nicht brechen darf;

Dieweil der Herr der gnäd'ge
Den Park hab' aufgethan,
Daß man darin nicht schäd'ge,
Und es mit Dank seh' an.

So bin ich nun nicht länger
Der Herr in diesem Hain;
Doch läßt man Frühlingssänger
In jeden Garten ein.

Ich kann hier taglang fliegen
Durch's Grün im freien West,
Und Nachts mich ruhig schmiegen
Daheim in's enge Nest.

Und fällt es ein dem Herren,
Den Park zu sperren gar;
Wie denn die Herren sperren
Jetzt manches wunderbar;

So acht' ich's gleich dem Quarke,
Um den ein Hund sich zerrt,
Und flüchte zu dem Parke,
Den mir kein Mensch versperrt;

Zum Park von allen Parken,
Der über Berg und Thal
Sich zieht, so weit die Marken
Setzt Sonn' und Mondenstrahl.

Bestellt zu seinen Pförtnern
Sind Früh- und Abendroth,
Und angestellt zu Gärtnern
Lenz, Sommer, Herbst und Tod.

Der Park steht offen allen
Vom Herrn dem gnädigen,
Die drinnen friedlich wallen
Und auch nicht schädigen.

Sommer 61

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