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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3719

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 3719

Zu einem Hochzeitsfeste

1815

1.

Die beiden Ringe

Hervor aus unterird'schen Domen,
Erhebt sich, als der Tag entfloß,
In stiller Nacht ein Paar von Gnomen,
Sie treten ein in's Hochzeitschloß,
Wo sie im Saale sich begegnen,
Das schönste Brautbett einzusegnen.

Und wenn sie schwängen Fackelbrände,
Sie wären Amor'n anzusehn,
Statt dessen sieht man ihre Hände
Ein seltnes Paar von Ringen drehn
Die so im eignen Lichte funkeln,
Daß nicht die Zwerge gehn im Dunkeln.

Sie eilen sich zum Tanz zu stellen,
Und mit den goldnen Ringen schön
Zusammenschlagend wie mit Schellen,
Erwecken sie ein Wohlgetön,
Und hell in ihrer Reife Klingen
Hört man das Hochzeitlied sie singen:

Aus unsern Schachten, wo begraben
Sich Edelstein dem Gold vermählt,
Erscheinen wir mit unsern Gaben,
Die wir für euch mit Fleiß gewählt.
Die Kunst ist uns allein beschieden,
Das rechte Brautgeschmeid zu schmieden.

Die schweren Gold- und Silberschlacken,
Die aus der Erde zieht der Geiz,
Belasten freie Menschennacken,
Sie sind ein niedrer Sinnenreiz;
Das Herz, erfaßt von solchen Ketten,
Ist vom Versinken nicht zu retten.

Doch wenn das Gold zum Ring sich ründet,
Und drinnen blitzt der Edelstein,
Wird eine Gluth in ihm entzündet,
Die irdisches macht himmlisch rein;
Die Lieb' ergreift die goldnen Reifen,
Sie, die das Höchste darf ergreifen.

Da wo, zum künft'gen Ring berufen,
Ein Erz im Grund schläft unbewußt,
Da wandelt über seine Stufen
Ein lichter Geist mit stiller Lust,
Und läßt es hell im Traume tönen
Von seinem Loos, dem himmlisch schönen.

O wunderbare Vorbestimmung!
Getrennt im Dunkel hier und dort,
Ruh'n unter fremden Stoffs Umschwimmung,
Zwei Funken Gold's an ihrem Ort,
Die drauf, vom Glück hervorgezogen,
Sich wandeln zu solch edlen Bogen.

Der eine mag aus Osten stammen,
Der andre stamm' aus fernem West,
Sie finden endlich sich zusammen
Zur Mitte, für ein Hochzeitfest,
So wie dazu aus fernen Landen
Zwei Herzen sich zusammen fanden.

Paar, das du so dich hast gefunden!
Wir haben mit geschickter Hand
Die Hochzeitringe dir gewunden,
Wie sie geziemen eurem Stand.
Nun halt', o liebende Gesinnung,
Die Ring' in unzerbrochner Innung.

2.

Einführung in die Speisekammer

Komm, geliebteste der Bräute,
Die du's gestern warst, und heute
Junge Frau geworden bist;
Durch Triumph- und Ehrenbogen
Bist du g'nugsam nun gezogen,
Jedes Ding hat seine Frist.

Einen Schauplatz andrer Ehren
Wollen wir dich kennen lehren,
Wo die Frau am schönsten prangt;
Hier des festen Schlosses Klammer
Thut dir auf die Speisekammer,
Wenn dein Sinn danach verlangt.

Von dem ganzen lauten Hause,
Das sich treibt in Saus und Brause
Ist das hier der Mittelpunkt;
Hier aus unscheinbaren Töpfen
Ist das köstlichste zu schöpfen,
Was bei allen Festen prunkt.

Nicht zu einem bloßen Spiele
Führ' ich dich auf diese Diele,
Sondern recht zu wahrem Ernst.
Alles ist zwar hier im Kleinen,
Aber größer wird's erscheinen,
Wenn du's erst zu brauchen lernst.

Klein ist Anfang aller Enden,
Doch mit großem muß es enden.
Wenig braucht ein junges Paar,
Lebt zuerst von seiner Liebe,
Meint, daß es ja ewig bliebe,
Doch so bleibt's kein volles Jahr.

Stellt zuerst sich ein ein Püppchen,
Heischt es gleich ein Kindersüppchen,
Das ist noch ein kleiner Schmaus,
Läßt sich leicht zusammen stoppeln;
Wenn die Mäuler sich verdoppeln,
Richtet sich's so leicht nicht aus.

Darum mußt du kennen lernen,
Wo in Pflanzen, Früchten, Kernen,
Liegt für's Haus der Nahrungskeim.
Davon ein'ges treu beflissen
Wollen mit dir thun zu wissen,
Alles sagt sich nicht im Reim.

Mehr als hier auf diesem Zettel
Find'st du groß und kleinen Bettel
Hier in Ecken überall.
Hier in diesem größern Sacke
Birnenschnitz', in ihrer Jacke,
Brauchbar doch auf jeden Fall.

Hier im kleinren ausgewählte
Feinre Schnitze, wohlgeschälte,
Von Borsdorferäpfelzucht.
Auch nicht minder trockne Zwetschen,
Die zu Muts sich lassen quetschen,
Kochen auch in ganzer Frucht.

Lauter heimische Gesellen;
Auch ein Vorrath von Kornellen,
Nutzbar kaum, doch find sie hie.
Doch die edle Frucht der Quitten
Muß dein Augenmerk erbitten,
Keinem Kranken schadet sie.

Hier noch manches Eingemachtes,
Unter Gläsern, wohl beacht' es,
Doch nicht mehr als billig ist;
Denn es ist bei'm Mahl das letzte
Klein in Näpfchen aufgesetzte,
Wenn man nur zur Lust noch ißt.

Mehr betrachte dies daneben!
Das ist, was kann Nahrung geben,
Unsrer Erde Mark und Kern:
Habergries, und Graupengerste,
Immer auf dem Tisch das erste,
Suppen hat ein jeder gern.

Doch das Sprichwort sagt, daß Schwaben
Ganz besonders gern sie haben.
Drum besonders zeig' ich dir's.
Dies, was du wohl nicht wirst kennen,
Muß ich dir auf fränkisch nennen,
Frankenkost ist das, der Hirs.

Sonst bei fränk'schen Hochzeitfesten
Gab man Hirsenbrei zum besten,
Dick, daß drin der Löffel stand.
Dieser Brauch ist eingerostet,
Und du hast es nicht verkostet,
Was das Best' am Frankenland.

Aber hier die Erbs- und Linsen
Sind die wohlbekannten Prinzen
In dem ganzen deutschen Reich.
Wo in ungeles'nen Haufen
Beide durcheinander laufen,
Kennt man schlechten Haushalt gleich.

Sonst, als Allem, auch dem Essen,
Seine Zeit war zugemessen,
Aß man Linsen Samstag nur.
Heut zu Mittag sollst du sehen,
Ob wir noch in einem gehen
Auf der guten alten Spur.

Nun sieh schnell noch im Getümmel,
Hier ein Plätschchen Salz und Kümmel,
Zwiebeln und Wachholderbeer;
Das sind unsre heim'schen Würzen,
Fremde sollen sie nicht stürzen,
Keine fremden that ich her.

Zimmet, Nelken und Muskaten
Kann man meistentheils entrathen,
Und kommt nicht dabei zu kurz.
Aber erst die Modewürze,
Welche scheut die Küchenschürze,
Das ist erst die schlimmste Wurz.

Hier im Körbchen noch die Eier!
Sonst galt's: Drei für einen Dreier,
Und: Ein Ei auf Einen Mann.
Jetztund will das erste selten,
Und das letzte nie mehr gelten;
Was man nun nicht ändern kann.

Hier daneben Käs' und Butter
Sind's, warum die kluge Mutter
Mehr das Gras als Blumen liebt,
Weil die Blumen nutzlos welken,
Aber um die Kuh zu melken,
Man ihr nur Heublumen giebt.

Nicht allein mit Blut und Säften
Dient dem Mensch das Thier nach Kräften,
Sondern selb mit Stumpf und Stiel.
Hier in dieser Hausregierung
Siehst du rings als Wandverzierung
Hangen solcher Stücke viel.

Zungen, Würste, Speck und Schinken
Sind bereit zu deinen Winken;
Das ist erst das Fleisch im Topf.
Daß man langsam sie verbrauche,
Hat man sie bewahrt im Rauche;
Diese Kunst erfand sein Tropf.

Nun in Winkeln und in Ecken
Mag sich maches noch verstecken,
Was dein erster Blick nicht sieht;
Eins zum Vorschein nach dem andern
Wird es kommen, wenn du wandern
Fleißig wirst durch dies Gebiet.

Jetzt zum Schluß das Essignäpfchen,
Mit dem wohlverwahrten Zäpfchen,
Das im Haus nicht fehlen darf.
Sonsten hieß es: Böse Frauen
Können guten Essig brauen.
Sei, statt böse, du nur scharf.

Scharf ist gut im Haus am Essig,
Scharf, allein nicht übermäßig,
Daß man ihn auch kosten darf.
Scharf ist gut im Haus am Messer,
Aber nicht zu scharf ist besser,
Schartig macht ja allzuscharf.

Daß ich hier mich auf will werfen,
Dir die Lehren einzuschärfen,
Nimm auch das nicht allzuscharf.
Nun ich seh' in deinen Mienen,
Les' ich anders recht in ihnen,
Was der Haushalt hoffen darf.

Fest- und Trauerklänge 47

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