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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3709

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 3709

Bitte am Anstellung in der andern Welt

Herr Gott, großmächtiger Herr und Kaiser,
Der, als der Mensch noch nicht war weiser,
Du hast regiert die ganze Welt.
Bedeckt von deinem Himmelszelt,
Die Fürstenthümer, Königreich',
Und all den Plunder allzugleich.
Da war's bestellt auf Erden leidlich;
War schon das Bös' auch unvermeidlich,
Doch griff's nicht um sich sa gefräßig;
Denn du Herr herrschtest sanft und mäßig.
Drauf als die Welt bekam Verstand,
Entschlug sie mählich sich dem Band
Von deiner Oberlehnsherrschaft,
Sich zu regieren mit eigener Kraft;
Und in des Antichristes Orden
Ist sie nun souverän geworden.
Nun thut sie nichts nach dir mehr fragen,
Und du hast nichts darein zu sagen,
Hast gar darum dich nichts zu kümmern,
Ob sie will stehn, ob gehn zu Trümmern.
Nun ist's auf Erden so bestellt,
Wie es gar manchem wohlgefällt;
Ich aber muß dir offen klagen,
Daß mir's, o Herr, nicht will behagen.
Ich passe ganz und gar mit meiner
Leibsconstitution zu keiner
Der Landesconstitutionen,
Die man pflanzt wie Kartoffeln und Bohnen;
Ich auch kein brauchbares Organ
Im Organismus werden kann,
Wozu man organisirt den Staat,
Daß überall greift Rad in Rad.
Drum bitt' ich, da ich nicht mehr jung,
In deinem Reich um Anstellung,
Wenn etwa dort es giebt Geschäfte,
Worin zu brauchen meine Kräfte.
Zwar weiß ich wohl, daß von der Erden,
Wenn sie des Treibens hier urdrüß werden,
Die Menschlein eines noch dem andern
Alle nach deinem Reich auswandern,
Und dort begehren allesammt
Irgend ein himmlisches Freudenamt.
Drum hast du bei diesem Drang und Zug
Der Candidaten schon übrigs g'nug;
Doch wird ja stets noch dem Talent
Ein Platz, sobald man's nur erkennt;
Und wenn es ihm nicht wird auf Erden,
So wird's ja doch im Himmel werden.
Drum fleh' ich dich, o Herr, für meins,
Das freilich ein gar sehr gemeins
Geworden ist zu dieser Frist,
Wo jedermann ein Dichter ist.
Denn weil die Dichter geboren werden,
So glauben ohne viel Beschwerden
Dichter zu sein gleich alle Thoren,
Sobald sie eben sind geboren.
Drum wag' ich kaum, o Herr, zu beten,
Daß du zu deinem Hofpoeten
Mich machst, weil ich nicht hoffen kann,
Du werdest einen eignen Mann
Besoldet für solch Aemtlein halten,
Das jeder kann beiher verwalten;
Und weil auch leider überdem
Im himmlischen Jerusalem,
Außer den englischen Musikchören,
Die dir von Haus aus angehören.
Wird sein gar mancher Dichterling,
Der hungernd vor mir von der Erde ging,
Der gerne für dein Himmelsmanna
Nun singen wird sein Hosianna.
Allein ich überlass' es gern
Der Huld und Weisheit meines Herrn,
Selbst, wie es auch sich mag betiteln,
Mir irgend ein Stellchen auszumitteln,
Auch wohl ein neues mir zu gründen,
Wenn sich kein altes sollte finden,
Wie ich denn muß besorgen fast,
Daß dort auch keines für mich paßt,
Vielmehr, ich selbst für keines dort
Passe, wie hier an diesem Ort.
Doch das auch sei dir überlassen,
Uns beid' einander anzupassen,
Mich und das Amt im ewigen Leben,
Das du mir wirst aus Gnaden geben,
Weil's ich nicht kann entbehren eben.

Fest- und Trauerklänge 37

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