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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 290

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 290

Der Mond rollt um die Erd', und um die Sonne sie,
Und die um höhere Sonn', und um noch höhere die!

Und immer weiter so, und immer weiter nur?
In der Unendlichkeit verliert der Geist die Spur.

Unendlich sei die Kraft, unendlich sei das Leben,
Doch nicht unendlich sei der Raum deswegen eben.

Was wär' Unendlichkeit die äußerliche so?
Der innerlichen nur des Geistes bin ich froh.

Jenseit der Körperwelt muß eine Lichtwelt stehn,
Aus der sie niedersank, in die sie auf will gehn.

Die Sonnen leuchten nicht von ihrem eignen Lichte,
Sie leuchten von dem Licht auf Gottes Angesichte.

Licht ist das geistige Kleid, das diese Welt umfließt,
Das sich an jedes Glied des großen Leibes schließt.

Dis geistige Netz, gewebt aus Gottes Liebesblicken,
Will immer brünstiger die Körperwelt umstricken.

Und jedes Glied schließt an ein höheres sich an,
Durch dessen Zug es will gezogen seyn hinan.

Zu Sonnen werden, die sich stark im Licht verklären,
Von deren Ausfluß dann die schwächeren sich nähren.

Doch wie sie nach dem Saum des Lichtes ewig greifen,
Zu Sonnen werden auch die letzten endlich reifen.

Und was auf ihnen ist, reift durch der Sonnen Kraft,
Die Welt wird durch und durch mehr und mehr sonnenhaft.

O Geist, mit diesem Thau mußt du dich auch befeuchten,
Wenn du in diesem Bau mit willst als Sonne leuchten.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. V. 23

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