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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1513

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1513

Du siehst mit Augen nur und hörest nur mit Ohren;
Geht Sehn und Hören drum mit Aug' und Ohr verloren?

Nein, nur die Art zu sehn, zu hören, nicht die Kraft
Zu sehn, zu hören, die der Seel' ist wesenhaft;

Die Kraft, in der sie schwebt, in der sie ruht und fließt,
Sich ausgießt, in sich selbst sich schließt und sich genießt;

Die Kraft, die denkt im Haupt und dir im Herzen fühlt,
Die auch mit Hirn und Blut nicht ist hinweggespült;

Die, ist ihr jeder Weg der Äußrung abgeschnitten,
Ganz in sich selber ruht in ihrer eignen Mitten;

Und eben, wann sie sich nicht außen thätig zeigt,
In sich hinein, hinab, hinauf zur Gottheit steigt.

Wie wann die Blume Nachts sich schließt, sie nun in sich
Gesammelt hat den Duft, der Tags im Wind entwich.

Wie der entlaubte Baum im Winter seinen Saft
Zurück aus Stamm und Zweig zog in den Wurzelschaft.

So seiner Sinne Zweig' entfaltet in den Raum,
Und seine Wurzel birgt in Gott des Lebens Baum.

O laß die Sinne nicht sich in die Welt verirren,
Um ihre Mutter, die Besinnung, zu verwirren!

Vor lauter Sehen siehst du sonst nur Nebelflor,
Vor lauter Hören hörst du nur den Lerm vom Chor.

Doch wie der Astronom im Nebel nur den Stern,
So in den Hüllen der Erscheinung sieh den Kern.

Wie ein Tonkundiger den Grundton aus dem Braus
Der Stimmen, höre du ihn aus der Welt heraus.

Alswie ein Liebender erklärt für eine Lüge
Ein Bild, an dem er nicht erblickt geliebte Züge;

Denn sehenswerth ist nur am ganzen Weltgetriebe
Allein der Liebe Spur, gesehn vom Blick der Liebe.

Und wie der Freund dem Ruf des fernen Freundes lauscht,
Ob auch des lauten Markts Getös dazwischen rauscht;

Vom Meer, worin es schwimmt, wird er das Tröpfchen trennen,
Wird seines Freundes Stimm' als Perl' im Ohr erkennen.

Im Ton ist nah der Freund, von dem du bist geschieden;
Und wenn du treu ihm bist, so hörst du ihn zufrieden.

Im Herzen habe stets den Freund vor Angesicht,
Daß nie dich schrecke, was er in der Seele spricht.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5. XIII. 38

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