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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1380

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1380

Die heil'ge Brahmastadt, gleich einer Lotosblüte,
In welcher Brahma wohnt, o Mensch, ist dein Gemüte.

Fünf Thore hat die Stadt an ihren Außenwerken,
Das sind die Sinne, die die Welt von außen merken.

Die Fäden des Geruchs, die Fasern der Empfindung
Erhalten mit der Welt den Lotos in Verbindung.

Im Richtweg des Geschmacks, im Schneckengang des Ohres,
Die Brahmamitte bleibt bewußt des offnen Thores.

Am liebsten aber steigt auf seinem Lotosglanz
Der Gott ins Aug' empor und schaut die Schöpfung ganz.

Da wird die Schöpfung hell, vom Lotosglanz bethaut,
Und fühlet freudig, daß ihr Schöpfer sie beschaut.

Solang' er innen wacht, wacht außen Welt in Wonne;
Was hier die Sinnen macht, das machet dort die Sonne.

Und hat durchs Aug' er sich die Welt beschaut mit Ruh,
Steigt er ins Herz hinab, und macht die Fenster zu.

Die Lotosblüte schließt sich dann als Schlummermohn,
Und draußen träumt der Mond, und ist benannt davon.

Doch tief im Lotoskelch wird nun vom Schlummer frei,
Die müd' am Tage schlief, die Biene Schwärmerei.

Die schwärmt, den Nektarkelch des Lotos auszukosten,
Und tränk' ihn leer, wenn nicht Besinnung tagt' im Osten.

Und wieder wacht empor der Sinne Städterchor,
Und Lebensnahrung führt er ein durchs offne Thor.

Du schaust dem Treiben zu, und fühlst in stiller Lust
Den, der dies Alles lenkt, den Gott in deiner Brust.

Im Bilde zeigt er dir sein ew'ges Wohngefild,
Weil du ihn anders nicht kannst fassen als im Bild.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5. XII. 14

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