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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1368

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1368

Im Meer der Schöpfung schwamm zuerst die Lotosblume,
Die wölbte ihren Kelch gleich einem Heiligthume.

Im Heiligthume lag der Geist wie unter Zelten,
Und lächelte im Traum, er träumte künft'ge Welten.

Als sich entfaltete darob die Blum' in Wonne,
Ging aus der Blum' ein Glanz, und ward das Licht der Sonne.

Aufstieg ein Duft, ein Hauch, und ward zu Ätherrauch,
Ward feuchte Frühlingsluft und Wolkenhimmel auch.

Ein Blättchen riß sich los als Schmetterling-Cicade,
Und flog der Lebenswelt noch unbekannte Pfade.

Im Kelche brütend saß ein vogelgleich Gebild.
Die Flügel hobs und schwang sich in des Seyns Gefild,

Sie kämpften in der Luft, und bunt stob manche Feder,
Ein eigenes Geschlecht Luftgänger ward aus jeder.

Doch außen an dem Kelch die Schuppe wasserfrisch
Abtrennte sich und ward halb Krokodil, halb Fisch.

Der Fisch entschwomm zum Strand der Zukunft voll Begier,
Und stieg dort halb ans Land, ganz als vierfüß'ges Thier.

Die Lotoswiege schwankt, es gährt der Wasserschaum,
Der Geist erwacht und sieht die Schöpfung, seinen Traum.

Er sprach: Ich träumte das, doch nun will ich im Wachen
Der Traumwelt wachen Herrn, den Menschen selber machen.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5. XII. 2

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