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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1148

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1148

Es ist ein schöner Traum, im Anfang der Natur
Sei alles Lebende gewesen harmlos nur.

Und mit der Geister erst, oder des Menschen Falle,
Hab' auch hervorgekehrt die Schöpfung Klau' und Kralle.

Erst friedlich wandelten Hirsch, Elefant und Stier,
Kamel und anderes unschuldiges Gethier.

Hervorgesprungen dann sei später Löw' und Tieger,
Wie aus der Menschheit Schooß der Mörder und der Krieger;

Die nun von Blut und Raub sich ihrer Brüder nähren,
Da jene sich mit Laub und Gras begnügt und Ähren.

Die goldne Zeit wird neu, wann seinen Fraß vergißt
Der Leu einmal und Heu alswie der Ochse frißt.

War eine Unschuld das, zu essen Pflanzenspeise?
Doch eine Unschuld war es nur vergleichungsweise.

Alsob nur Leben sei, wo Athem ist und Hauch!
Die Thiere nicht allein, die Pflanzen athmen auch.

Einst hatten desto mehr die armen aufzuschüsseln
Den uranfänglichen mit ungeheuern Rüsseln.

Und wo ein Lebendes noch hat der Nahrung Noth,
Da mit dem Leben ist gegeben auch der Tod.

Der Schmetterling allein, der fräß'gen Raup' entstammt,
Ißt Duft nur und beschämt die andern allesammt.

Ein Vorbild ist er drum des Menschen höherm Streben,
Wenn aus dem Raupenstand er einst sich wird erheben.

Inzwischen steht er hier, wie er vom Anfang stand,
Die Thiere beider Art zu recht- und linker Hand.

Die edlen Räuber hier, und dort die Pflanzenfresser;
Er thut es beiden gleich, und Niemand kann es besser.

Dazu sind ihm verliehn die beiderart'gen Zähne,
Die einen von dem Lamm, die andern der Hyäne.

Er kann, nach Zeit und Ort, mehr die, mehr jene brauchen,
Ins irdisch schwere sich mehr oder minder tauchen.

Unschuld'ger machet ihn unschuld'ge Pflanzenspeise,
Doch diese Unschuld auch ist nur vergleichungsweise.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4. X. 59

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