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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1114

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1114

Nichts Greuelvollres ist berichtet im Berichte
Der zwar von Greueln ganz erfüllten Weltgeschichte,

Als wenn ein fremdes Volk, an Glauben fremd' und Sitt',
Eroberisch ein unbekanntes Land betritt.

Der Sieger, sei er auch von Hausaus mild und gütig,
Doch die Besiegten würgt er schonungslos kaltblütig.

Warum? es machet wild ihn ein wildfremd Gefild,
Und nicht als seins erkennt er andrer Menschheit Bild.

In fremdgekleideten, fremdblickend fremdgefärbten,
Fremdredenden vernimmt er nichts vom Angeerbten.

Nicht die Bewegung fühlt er seiner Eingeweide,
Die jeder Bruder fühlt bei seines Bruders Leide.

Gottes Gepräge mit dem Stempel der Natur,
In seiner Schrift und Form hält er für echt sie nur.

Und fragt er sich, ob sie sein Schöpfer auch erschaffen,
Gibt ers nur zu im Grimm und sich zum Spott als Affen.

Wie Tiger nicht und Wolf bei Rehes Mord und Lamms
Gewissensbisse fühlt, weil sie sind andern Stamms.

Wie seit Jahrhunderten Mohammedaner hetzten
Harmlose Indier, die kaum sich widersetzten.

Die, wann sie erst im Kampf die Männer übermannten,
Wehrlose Städte drauf und Tempel niederbrannten;

Und wo ein Häuflein sich entzog durch scheue Flucht,
Auch diesem Wilde gab nicht Freistatt Wald und Schlucht:

Gehalten ward auf sie ein ordentliches Jagen,
Erlegtes Menschenwild gezählt mit Wohlbehagen.

Wer hat der wilden Jagd gesetzet Ziel und Fristen?
Gesegnet seien, die zuletzt es thaten, Christen;

Zuletzt es thaten, als sie besser sich besonnen,
Nachdem sie besser nicht, und schlechter fast begonnen.

Gesegnet seien sie, nicht weil sie Christen sind,
Doch Menschen, weniger für fremde Menschheit blind.

Gesegnet aber sei, die langsam langsam schreitet,
Bildung, doch durch die Welt sich weiter weiter breitet.

Die Bildung, die dazu will alle Sprachen lernen,
Und Völkersitte sehn in allen Länderfernen,

Damit die Menschheit einst, von einem Band umschlungen,
In allen Farben sich erkenn' und allen Zungen.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4. X. 25

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