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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 105

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 105

Ruhm und Gold

Weltherrscher Raghu kehrt vom Welterobrungszug
Als Sieger heim und bringt Weltschätze mit genug.

Die Schätze theilet er beim Siegesopfer aus,
Und hat nun keinen Schatz als seinen Ruhm im Haus.

Ihm kommt ein frommer Gast; wie soll er ihn empfangen?
Die Goldgefäße sind dem Hauswirth ausgegangen.

Ein hölzernes Gefäß, gefüllt mit Willkommsflut,
Trägt er entgegen ihm, und grüßet wohlgemuth.

Den ehrenden Besuch, sprich, was ihn mir gebracht?
Gewährt ist dein Gesuch, wenn's steht in meiner Macht.

Doch jener, der erkennt die Armuth an den Zeichen,
Will ohne Wortverlust zurück bescheiden weichen.

Doch als mit bittendem Befehl der König dringt,
Sagt er das wichtige Anliegen, das ihn bringt:

In Waratantu's Hain, vom Weltgeräusch entfernt,
Lernt' ich zwölf Jahre lang, nun hab' ich ausgelernt.

Als er mich nun entließ, den Schüler und den Sohn,
Fragt' ich beim Abschied ihn: was ist der Lehre Lohn?

Er sprach: »Fürs Wissen ist kein ird'scher Lohn beschieden;
Ich bin mit langem Dienst und treuem Fleiß zufrieden.«

Doch als ich ungestüm mit meinen Bitten drang,
Ergriff der Zorn ihn, den kein Weiser selbst bezwang.

Er rief: »Und wenn du Lohn denn bietest, wahnumhüllt;
Der Lohn sei soviel Gold, als Raghu's Schatzhaus füllt.«

Dein Holzkrug laut genug sagt was dein Schatzhaus fasse;
Drum mit Entschuldigung, o König, mich entlasse!

Ich seh', o König, wohl, dir blieb kein Eigenthum,
Als unveräußerlich allein der eigne Ruhm.

Doch König Raghu spricht: Ist mir der Ruhm geblieben,
Was wär' er, wenn er nicht auch Gold hätt' aufgetrieben?

Geruh' in meinem Haus als Gast dich auszuruhn;
Nachts denken wir wol aus, was wir am Morgen thun.

Der König sinnt bei Nacht: wo soll ichs her bekommen?
Den Kön'gen rings umher hab' ich es längst genommen.

Doch auf dem Goldberg wohnt Kuwera, Gott der Güter,
Der hat bei mir sein Amt versäumt als Schatzhaushüter.

Und Raghu in der Nacht läßt rufen aus mit Schall:
Dem Gott Kuwera droht von Raghu Überfall.

Noch in der Nacht besteigt er seines Ruhmes Wagen,
Der mit dem Tag ihn soll zum Sieg am Goldberg tragen.

Und als er Morgens nun zur Abfahrt ist bereit,
Tritt sein Schatzmeister her mit eil'ger Freudigkeit:

»O Herr, es hat zu Nacht im Schatzhaus Gold geregnet.«
Dem drohnden Überfall ist so der Gott begegnet.

Und Raghu spricht zum Gast: Du siehst, o frommer Mann,
Wie in der Noth der Ruhm das Gold ersetzen kann.

Dann leert er für den Gast die volle Kammer aus,
Und hat nun wieder nichts als seinen Ruhm im Haus.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1. II. 21

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