Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

SPRUCHLEXIKON 2

Aberglaube
O Aberglaube, dickste Nacht,
Wie drückst du schwer die Welt!
Das Licht, es ist umsonst erwacht
Am hohen Sternenzelt!

Karl Aug. Georg Max Graf von Platen-Hallermund, Gedichte. Verm. u. Gelegenheitsgedichte. In Palermo (ged. 1835).

Aberglaube
Wuchern wird der Aberglaube,
Wo man weg den Glauben warf.

Friedr. Rückert, Gesammelte Gedichte (1834-1838). Bd. 3.

Aberglaube
Vom Aberglauben ist Unglauben stets begleitet,
Und Aberglauben hat zum Glauben oft geleitet.
So im Unglauben ist der Glaube schon enthalten;
Durch Gottes Kraft geweckt, wird er sich draus entfalten.

Friedr. Rückert, D. Weisheit d. Brahmanen (1836-1839). B. 18, Nr. 43. (Stufe 6. Prüfung. Nr. 341.)

Aberglaube
Sklaverei und Aberglaube können Kampanien zu einem Lande von Bettlern machen und die Ebene von Enna in eine Wüste verwandeln.
Engl.: Slavery and superstition can make Campania a land of beggars, and can change the plain of Enna into a desert. Thomas Babington Lord Macaulay, Reden. Übers. v. Beseler. Rede zur Eröffnung d. Glasgow College (21. März 1849).

Aberglaube
Das einzige Mittel gegen Aberglauben ist Wissenschaft. Nichts anderes kann diesen Pestflecken aus dem menschlichen Geiste hinwegwischen. Ohne sie bleibt der Aussätzige ungereinigt und der Sklave unbefreit.
Engl.: The only remedy for superstition is knowledge. Nothing else can wipe out that plague-spot of the human mind. Without it, the leper remains unwashed, and the slave unfreed. Henry Thomas Buckle, Gesch. d. Zivilisation (1858-1861). Übers. v. Ritter. K. 15.

Aberglaube
Glaube, dem die Tür versagt,
Steigt als Aberglaub' ins Fenster;
Wenn die Götter ihr verjagt, Kommen die Gespenster.

Emanuel Geibel, Gedichte u. Gedenkblätter (1864). Spr. Nr. 44

Aberglaube
Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.
Joh. Wolfg. von Goethe. Maximen und Reflexionen 500 9,563

Aberglaube
Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens, beide erfinden eingebildete Wesen, und zwischen dem Wirklichen, Handgreiflichen ahnen sie die seltsamsten Beziehungen; Sympathie und Antipathie walten hin und her. Die Poesie befreit sich immer gar bald von solchen Fesseln, die sie sich immer willkürlich anlegt; der Aberglaube dagegen läßt sich Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zusammenziehn, je mehr man sich gegen sie sträubt.
Joh. Wolfg. von Goethe. Schriften zur Literatur - Justus Möser 14,325

Aberglaube
Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet's dem Dichter nicht, abergläubisch zu sein.
Joh. Wolfg. von Goethe. Maximen und Reflexionen 171 9,515

Aberglaube
Der Aberglaube ist ein Erbteil energischer, großtätiger, fortschreitender Naturen; der Unglaube das Eigentum schwacher, kleingesinnter, zurückschreitender, auf sich selbst beschränkter Menschen.
Joh. Wolfg. von Goethe. Geschichte der Farbenlehre 3. Abt. - Roger Bacon 16,362

Aberglaube
Der Aberglaube, sowie manches andre Wähnen, verliert sehr leicht an seiner Gewalt, wenn er, statt unserer Eitelkeit zu schmeicheln, ihr in den Weg tritt und diesem zarten Wesen eine böse Stunde machen will; wir sehen alsdann recht gut, daß wir ihn loswerden können, sobald wir wollen; wir entsagen ihm um so leichter, je mehr alles, was wir ihm entziehn, zu unserm Vorteil gereicht.
Joh. Wolfg. von Goethe. Dichtung und Wahrheit III,11 10,506

Aberglaube
Der sogenannte Aberglaube beruht auf einer viel größeren Tiefe und Delikatesse als der Unglaube.
Joh. Wolfg. von Goethe. Riemer, 12.12.1806 22,429

Aberglaube
...eigentlich ergreift der Aberglaube nur falsche Mittel, um ein wahres Bedürfnis zu befriedigen [...] Denn wer kann sagen, [...] daß er sich nicht neben dem ernstesten Tun und Leisten, wie mit Glauben und Hoffnung, so auch mit Aberglauben und Wahn, Leichtsinn und Vorurteil hinhalte.
Joh. Wolfg. von Goethe. Geschichte der Farbenlehre 3. Abt. - Roger Bacon 16,359

Aberglaube
Ist es denn zuviel gesagt, daß ein gewisser Aberglaube an dämonische Menschen niemals aufhören, ja daß zu jeder Zeit sich immer ein Lokal finden wird, wo das problematisch Wahre, vor dem wir in der Theorie allein Respekt haben, sich in der Ausübung mit der Lüge auf das allerbequemste begatten kann.
Joh. Wolfg. von Goethe. Tag- und Jahreshefte 1805 11,775

Aberglaube
...unterdessen sind wir nicht Herren unseres Aberglaubens und unserer Hoffnungen.
Joh. Wolfg. von Goethe. An Zelter, 29.5.1817 21,23

abfinden, sich
Man muß lernen, sich mit dem Leben abzufinden, um es ertragen zu können und sich nicht von ihm niederschlagen zu lassen.
Joh. Wolfg. von Goethe. Soret, 5.3.1830 23,671

abgeben, sich
Die Menschen glauben, daß man sich mit ihnen abgeben müsse, da man sich mit sich selbst nicht abgibt.
Joh. Wolfg. von Goethe. Maximen und Reflexionen 930 9,62

Abgeschiedene, das (für «Vergangenes»)
...dieses Festhalten aber am Abgeschiedenen bringt jederzeit einen revolutionären Übergang hervor, wo das vorstrebende Neue nicht länger zurückzudrängen, nicht zu bändigen ist, so daß es sich vom Alten losreißt, dessen Vorzüge nicht anerkennen, dessen Vorteile nicht mehr benutzen will.
Joh. Wolfg. von Goethe. Schriften zur Literatur - Klassiker und Romantiker in Italien 14,801

Abgeschiedenen, die (für «die Verstorbenen»)
Die Abgeschiednen betracht ich gern,
Stünd ihr Verdienst auch noch so fern;
Doch mit den edlen lebendigen Neuen
Mag ich, wetteifernd, mich lieber freuen.

Joh. Wolfg. von Goethe. Den Besten 1,456

Abgeschiedenen, die (für «die Verstorbenen»)
Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind, auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt uns.
Joh. Wolfg. von Goethe. Egmont A V, Gefängnis / Egmont 6,97

Abgeschiedenen, die (für «die Verstorbenen»)
Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im Grabhügel als im Denkmal.
Joh. Wolfg. von Goethe. Wahlverwandtschaften II,1 9,138

Abgeschiedenen, die (für «die Verstorbenen»)
Tadeln darf man keinen Abgeschiedenen; nicht was sie gefehlt und gelitten, sondern was sie geleistet und getan, beschäftige die Hinterbliebenen.
Joh. Wolfg. von Goethe. Biographische Einzelnheiten - Ferdinand Jagemann WA I 33,363

Abgeschmackte, das
...daß ein Abgeschmacktes gewiß auf ein anderes hindeutet...
Joh. Wolfg. von Goethe. Tag- und Jahreshefte 1805 11,779

Abgesondertheit
...wie der gesellig geborne Mensch sich öfters den süßen Trug vorbilden kann, als lebe er besser, bequemer, froher in der Abgesondertheit...
Joh. Wolfg. von Goethe. Schriften zur Literatur - Zu brüderlichem Andenken Wielands 12,709

Abglanz
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
Joh. Wolfg. von Goethe. Faust II A I,Anmutige Gegend / Faust Vs 4727 5,294

abhängen, von
Am Ende hängen wir doch ab
Von Kreaturen, die wir machten.

Joh. Wolfg. von Goethe. Faust II A II,Laboratorium / Mephisto Vs 7003 5,363

abhängen, von
Wer die Menschen braucht, von ihnen abhängt, nimmts nicht genauer, als sie es selbst haben wollen...
Joh. Wolfg. von Goethe. Schriften zur Literatur - Der deutsche Gil Blas 14,493

Abhängigkeit
Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe.
Joh. Wolfg. von Goethe. Wahlverwandtschaften II,5 9,176

abhärten
Sie [die Natur] härtet vielmehr, Gott sei Dank, ihre echten Kinder gegen die Schmerzen und Übel ab, die sie ihnen unablässig bereitet, so daß wir den den glücklichsten Menschen nennen können, der der stärkste wäre, dem Übel zu entgegnen, es von sich zu weisen, und ihm zum Trutz den Gang seines Willens zu gehen.
Joh. Wolfg. von Goethe. Schriften zur Kunst - J. G. Sulzer - Die schönen Künste 13,28f.

abhärten, sich
Nun wurden wir abermals gewahr, daß man, anstatt sich der Weichlichkeit und phantastischen Vergnügungen hinzugeben, wohl eher Ursache habe, sich abzuhärten, um die unvermeidlichen Übel entweder zu ertragen oder ihnen entgegen zu wirken.
Joh. Wolfg. von Goethe. Dichtung und Wahrheit I,2 10,76

abhärten, sich
Und daß sich gegen die Witterung abhärten eigentlich sei, seinen Körper allen mannigfaltigen Veränderungen mitfühlend machen.
Joh. Wolfg. von Goethe. An Charlotte v. Stein, 1.5.1777 18,359

ableiten
...ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt finde, von dem sich vieles ableiten läßt, oder vielmehr der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und mir entgegenträgt, da ich denn im Bemühen und Empfangen vorsichtig und treu zu Werke gehe.
Joh. Wolfg. von Goethe. Schriften zur Natur- und Wissenschaftslehre - Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort 16,882

Ableitungsgründe
Es ist mit den Ableitungsgründen wie mit den Einteilungsgründen: sie müssen durchgehen, oder es ist gar nichts dran.
Joh. Wolfg. von Goethe. Maximen und Reflexionen 414 9,547

Abmüden, das
Alles, was wir treiben und tun, ist ein Abmüden; wohl dem, der nicht müde wird!
Joh. Wolfg. von Goethe. Maximen und Reflexionen 303 9,531

Abneigung
Gewöhnlich aber wirft man eine Abneigung auf etwas, das man nicht vollenden kann, als auf ein Ding, das uns widerstrebt und des wir nicht Herr werden können.
Joh. Wolfg. von Goethe. An Zelter, 7.5.1807 19,515

Abnorme, das
Alles, auch das sittlich Abnormste, bietet eine Seite dar, von wo es als groß erscheinen kann.
Joh. Wolfg. von Goethe. F. Weitze, 19.8.1805 22,380

abrechnen
Es ist auch so viel besser, daß man freundlich abrechnet, als daß man sich immer einander anähnlichen will, und wenn das nicht reüssiert, einander aus dem Wege geht.
Joh. Wolfg. von Goethe. An Charlotte v. Stein, Februar 1789 19,136

Abreise
Bei der Abreise fällt einem doch immer jedes frühere Scheiden und auch das künftige letzte unwillkürlich in den Sinn...
Joh. Wolfg. von Goethe. Italienische Reise I, 21.2.1787 11,192

Abreise
Sie wissen, wenn man sich zur Abreise anschickt, so finden sich am Ende mehr Schulden und Reste abzutun, als man denken konnte.
Joh. Wolfg. von Goethe. An Varnhagen v. Ense, 20.2.1832 21,1035

Abschied
Heute geh ich. Komm ich wieder,
Singen wir ganz andre Lieder.
Wo so viel sich hoffen läßt,
Ist der Abschied ja ein Fest.

Joh. Wolfg. von Goethe. Sprichwörtlich 1,438

Abschied
Laß mein Aug den Abschied sagen,
Den mein Mund nicht nehmen kann!
Schwer, wie schwer ist er zu tragen
Und ich bin doch sonst ein Mann.

Joh. Wolfg. von Goethe. Der Abschied 1,33

Abschiednehmen, das
Es ist doch in der Welt immer Abschiednehmen.
Joh. Wolfg. von Goethe. An Charlotte v. Stein, 27.8.1777 18,364

Absicht
...hat mich die Erfahrung gelehrt, daß man, besonders in Deutschland, vergebens Mehrere zu einer Absicht zusammenruft.
Joh. Wolfg. von Goethe. An F. L. Passow, 20.10.1811 Stein 6,213

Absicht
In den Werken des Menschen, wie in denen der Natur, sind eigentlich die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert.
Joh. Wolfg. von Goethe. Maximen und Reflexionen 462 9,557

Absicht
Nicht jede Absicht ist offenbar, und manches Mannes Absicht ist zu mißdeuten.
Joh. Wolfg. von Goethe. Egmont A IV, Der Culenburgische Palast / Egmont 6,73

Absicht
So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.
Joh. Wolfg. von Goethe. Tasso A II Sz 1 / Tasso Vs 969 6,241

Absicht
Wer aus großen Absichten fehlgreift, handelt immer lobenswürdiger, als wer dasjenige tut, was nur kleinen Absichten gemäß ist. Man kann auf dem rechten Wege irren und auf dem falschen recht gehen.
Joh. Wolfg. von Goethe. Aufgeregten A II Sz 3 / Magister 6,733

Absolute, das
Das Absolute steht noch über dem Vernünftigen.
Joh. Wolfg. von Goethe. F.v.Müller, 20.6.1827 23,481

Absolute, das
Vom Absoluten in theoretischem Sinne wag' ich nicht zu reden; behaupten aber darf ich, daß, wer es in der Erscheinung anerkannt und immer im Auge behalten hat, sehr großen Gewinn davon erfahren wird.
Joh. Wolfg. von Goethe. Maximen und Reflexionen 261 9,525

Abstammung
Die Heilige Schrift redet allerdings nur von einem Menschenpaare, das Gott am sechsten Tage erschaffen. Allein die begabten Männer, welche das Wort Gottes aufzeichneten, das uns die Bibel überliefert, hatten es zunächst mit ihrem auserwählten Volke zu tun, und so wollen wir auch diesem die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir andern aber, sowie auch die Neger und Lappländer, und schlanke Menschen, die schöner sind als wir alle, hatten gewiß auch andere Urväter...
Joh. Wolfg. von Goethe. Eckermann, 7.10.1828 24,286


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