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LYRIK Otto Erich Hartleben - Poetische Werke 172

Otto Erich Hartleben (1864-1905)

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Poetische Werke 172

Ein Abschied

›Du willst nun gehn?‹ Weißt du denn nicht, daß ich schon lang
von dir gegangen bin? Daß nur ein Schatten noch,
ein Schein vor deinen Augen steht, den du nur siehst?

Fest glaubt ich mich gewappnet mit dem Panzerhemd
heiter klirrenden Hasses wider eine Welt,
nur wenige Eisenmaschen standen offen noch
von ungefähr – die fandest du und trafst mich gut!

Wie einsam war ich schon – und wars noch nicht genug!
jetzt kann ich erst leicht mit vielen spöttisch und freundlich sein,
in Stunden, wo der Ekel überlistet ist –
jetzt tanzen die Götter mir auf der flachen Hand!
Und das dank ich dir und meinem geflickten Eisenwamms.

Du aber wußtest nicht, was du getan – du stehst
und fragst: ›Du willst nun gehn?‹ – Und bin doch schon so weit! –
O sichre dir in der Brust dein unfühlend Herz –:
Wertvolleres Erbteil spendet uns die Erde nicht.

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