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LYRIK Otto Julius Bierbaum - Poetische Werke 478

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Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

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Poetische Werke 478

Diskret

Bei Mädchen, die einen schlechten Lebenswandel führen
Und sich dabei nicht einmal zieren,
Bei Mädchen, die, wenn es dämmert, spazieren,
Indem sie sich in den Hüften wiegen,
Während sie sonst meistens im Bette liegen
Oder Patience legen
Oder einer Lektüre pflegen,
Die man nicht anders als mißbilligen kann,
Weil sie die Seele nicht hinan,
Sondern hinunter führt in Sphären,
Wo reine Seelen niemals verkehren,
Bei Mädchen, sag ich, solcher Sorte,
Daß, sie nach Gebühr zu charakterisieren,
Die deutsche Sprache ermangelt der Worte,
Weil sich sogar die ältesten Adjektive genieren,
Bei solchen Mädchen, kurz und gut,
Sieht man, legt man seinen Hut
Auf der Kommode oder sonstwo nieder,
Hergestellt durch Photographie
Oft eine ganze Bildergalerie
Von Männerantlitzen brav und bieder.

Zumal die Armee und Reichsmarine
Steuert dazu bei manche stolze Miene
Von kriegerischer Entschlossenheit
Und Schnurrbartesisterreichtigkeit.
Aus allen Truppen treffen sich hier
Korporal, Sergeant und Unteroffizier,
Wobei natürlich der Kavallerist
Immer bei weitem der schönste ist.
Das Zivil ist nicht so stark vertreten,
Und wenn, so sind es meist Athleten,
Die auf dem Bizeps eingegraben
Einen blauen Reichsadler haben
Oder das Bildnis seiner Majestät
Oder eine schöne Nudität
Oder ein nützliches Gerät,
Z.B. einen Anker oder eine Kanone.
Zum Beweise aber, daß auch Gefühl in ihnen wohne,
Sieht man auf ihrer Mannesbrust zumeist
Ein Herz, aus dem eine Flamme schlägt,
Was, gut und richtig ausgelegt,
Auch bei Athleten soviel wie Liebe heißt.

Trotzdem ist, wenn man den Mädchen glaubt,
Der Gedanke an Liebe hier nicht erlaubt.
Alle diese Gefreiten und Sergeanten
Gehören zu Annas Anverwandten,
Desgleichen ein jeder Kraftathlet
Zu ihr in Verwandtschaftsbeziehungen steht
(Woraus ein jeder ersehen mag:
Sie ist von einem guten Schlag),
Doch ist es besser, sie offenbart
Ihre tüchtige Herkunft auf aktive Art,
Denn, ohne ungalant zu sein,
Möchte ich mir zu bemerken erlauben,
Es ist diesen Mädchen nicht sehr zu glauben,
Sie sind geübt in Schwindelein.
Ein jeder weiß, daß jede erzählt,
Sie sei die Tochter eines Pastoren
Und zu was anderem geboren
Und sei auch schon Gouvernante gewesen,
Habe einer alten Gräfin vorgelesen
Und was so mehr Geschichten sind,
Bis zum bewußten ersten Kind
Vom sittenlosen Sohn des Hauses, der
Ihr plötzlich raubte ihre Ehr.
In solchen Romanen haben sie
Eine Ossip Schubinische Phantasie.
Und also mag man den Lilienstengeln
Auch in Hinsicht der vielen Cousängeln
Mit einigem Mißtrauen entgegentreten:
Es sind die Krieger und Athleten
Nicht mehr mit ihr verwandt als wie
Ein jeder andre Besucher und sie.

Woher dann aber die Photographie?

Das, wertes Publikum, ist die Magie
Der Liebe, ist die Wahlverwandtschaft,
Hier waltet mehr als flüchtge Bekanntschaft,
Hier waltet tiefe Sympathie.

Was hier auf lichtempfindlichen Papieren
Gerahmt in Plüsch und Zelluloid
Mit starrem Aug bezahltes Karressieren
Allstündlich vor sich gehen sieht,
Ist der Beweis, daß auch in Annas Seele
Die Liebe lebt, die gratis sich ergibt.

Ausgewählte Gedichte 118

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