• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie sehnt sich, seinen Mund zu küssen

    1
    Du Allerschönster, den ich weiß,
    Du meiner Augen Paradeis,
    Du Süßer, dem ich mit Verlangen
    Von Jugend auf bin nachgegangen,
    Vergönne mir, daß ich dich küsse
    Und deines Munds einmal genieße.

    2
    Es ist zwar viel, daß ich zu dir
    Mich nahen darf mit der Begier.
    Du aber hast mir selbst, mein Leben,
    Zu dieser Kühnheit Ursach geben,
    Weil du in meiner Menschheit Orden
    Mein nächster Freund und Bruder worden.

    3
    Ich danke dir wohl, daß du mich
    Hast angeblickt genädiglich
    Und nach der Huld bei deinen Füßen
    Die heilgen Hände lassen küssen.
    Wirst du mich aber nicht erheben
    Zum Mund, so hast du nichts gegeben.

    4
    Dein Mund, o Jesu, soll allein
    Das Ende meiner Liebe sein.
    Und ob sich zwar die Seraphinen,
    Ihn zu berühren, nicht erkühnen,
    Schätz ich doch mich dazu geboren,
    Weil du mich hast zur Braut erkoren.

    5
    So laß mich denn nach diesem Bund
    Erreichen deinen Rosenmund.
    Erhebe mich, daß ich ihn küsse
    Und seines Honigseims genieße,
    Damit sich ende mein Verlangen,
    Das mich von Jugend hat gefangen.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Drittes Buch 20
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone