• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie heißt ihren Lieben von ihr fliehen

    1
    Fleuch, mein Geliebter, auf die Höhe,
    Fleuch immer hin und warte nicht.
    Fleuch gleichsam wie ein junges Rehe,
    Das von der Ebne sich entbricht.
    Je mehr du fleuchst und läufst von mir,
    Je stärker zeuchst du mich nach dir.

    2
    Mein Herz ist an dein Herz gebunden
    Mit deiner ewgen Liebe Band.
    Drum wird von ihme bald empfunden,
    Wo sich das deine hingewandt.
    Fleuch immer, fleuch, es ist dein Fliehn
    Nichts anders, als mich nach dir ziehn.

    3
    Fleuch über alle Berg und Hügel,
    Fleuch in die Wüste weit und breit.
    Entlehne dir des Adlers Flügel,
    Fleuch mit des Winds Geschwindigkeit.
    Fleuch außer aller Kreatur,
    Ich fehle schon nicht deiner Spur.

    4
    Ich hoff, es wird mir noch gelingen,
    Daß du mich über Ort und Zeit
    Mit deinem Ziehn zur Ruh wirst bringen
    Und in die Schoß der Ewigkeit.
    Drum fleuch nur fort, ich folge dir,
    So stark du fleuchst und laufst von mir.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Drittes Buch 17
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone