• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie bittet ihn um ein seliges Ende

    1
    O treuer Jesu, der du bist
    Mein Hirte, Trost und Leben,
    Mein bester Freund zu jeder Frist,
    Dem ich mich ganz ergeben.
    Ich bitte dich
    Ganz inniglich,
    Laß mich doch nicht verderben,
    Wenn kommt die Zeit zu sterben.

    2
    Steh mir am letzten Ende bei
    Und hilf mir überwinden,
    Mach mich von meinen Schulden frei
    Und sprich mich los von Sünden.
    In aller Not
    Sei mir dein Tod
    Und unverschuldtes Leiden
    Ein Anblick großer Freuden.

    3
    Erscheine mir zur selben Zeit
    Mit deinen offnen Wunden,
    Die du, daß ich soll sein befreit,
    Aus lauter Lieb erfunden.
    Dein teures Blut
    Komm mir zu gut
    Und labe meine Seele
    In ihrer matten Höhle.

    4
    Und wenn ich nicht mehr sprechen kann
    Noch meinen Mund bewegen,
    So nimm die schwachen Seufzer an,
    Die sich im Herzen regen.
    Laß für und für
    Gar süß in mir
    Den Namen Jesus schallen,
    Wenn mirs Gehör entfallen.

    5
    Daneben bitt ich, treuer Gott,
    Du wollst mich ganz umfassen
    Und ja nicht in derselben Not
    Aus deinen Armen lassen.
    Ach, möcht ich doch
    Auch heute noch
    Die teure Gunst erwerben,
    In deiner Schoß zu sterben.

    6
    Ei nun, so komm zu deinem Lamm,
    Mein Hirte, Trost und Leben,
    Mein bester Freund und Bräutigam,
    Dem ich mich ganz ergeben.
    Komm bald zu mir,
    Nimm mich mit dir
    Aus diesem See der Leiden
    Ins Reich der ewgen Freuden.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Zweites Buch 21
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone