• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie betrauert ihren Jesum

    1
    O so hast du nun dein Leben
    Für die Psyche hingegeben,
    Jesu, meine Freud und Ruh!
    Bist du nun für mich gestorben
    Und hast mir das Heil erworben,
    Du verwundte Liebe du!

    2
    Freilich ja, du bist gestorben,
    Daß du mir das Heil erworben,
    Liegest so elende tot!
    Nicht ein Atem ist zu spüren,
    Nicht ein Glied kannst du mehr rühren,
    Ach der unerhörten Not!

    3
    Deine Lippen sind verblichen
    Und dein Geist von dir gewichen,
    Alle Kräfte sind verzehrt.
    Alle Rosen deiner Wangen
    Sind verwelket und vergangen,
    Alle Schönheit ist verheert.

    4
    Dein erfreulich Angesichte
    Ist nun worden ganz zunichte,
    Deine Stirn ist ungestalt.
    Ja dein Augen, meine Sonnen,
    Sind verloschen und zerronnen,
    Alles ist verstarrt und kalt.

    5
    Ach, wo werd ich Feuer finden,
    Mich hinfüro anzuzünden
    In der ewgen Liebesbrunst!
    Wenn dein Augen, o mein Leben,
    Keine Funken von sich geben,
    Ist all unser Tun umsunst.

    6
    Ach, was soll ich weiter sagen?
    Du bist auch so gar zerschlagen,
    Daß mir Herz und Seele weint.
    Deine Schultern sind zerschmissen
    Und dein Haupt so sehr zerrissen,
    Daß es lauter Wunde scheint.

    7
    Du bist ganz mit Blut umflossen,
    Welches du für mich vergossen
    Aus dem tiefsten Lebensgrund.
    Alle Glieder sind zerrenket
    Und, was mehr mein Herze kränket,
    Dein verliebtes Herz ist wund.

    8
    O der Wunde! O des Schmerzens!
    O du Herze meines Herzens!
    O du Arznei meiner Pein!
    O, daß ich meins Herzens Leben
    Möchte haben hingegeben
    Und für dich verwundet sein!

    9
    Weil dirs aber so gefallen,
    Daß du Treuester vor allen
    Meinetwegen dies getan,
    Will auch ich mich zu dir strecken
    Und dein teures Blut auflecken,
    Weil mein Mund sich rühren kann.

    10
    Deine Wunden will ich küssen
    Und das liebste Herze grüßen,
    Wie ich immer kann und weiß.
    Deinen Leichnam will ich pflegen,
    Mit Gewürz und Myrrhn belegen
    Und ihn ehrn mit großem Fleiß.

    11
    Gib nur, wenn ich dich so küsse,
    Daß mir Seel und Geist zerfließe,
    Daß mein Herze werde weich.
    Daß der Balsam deiner Wunden
    Heile meiner Seelen Schrunden,
    Daß mein Geist dein Herz erreich.

    12
    Denn ich will mich, o mein Leben,
    In dein offnes Herz begeben
    Als den besten Felsenstein,
    Weil man vor dem Grimm der Höllen,
    Vor der Welt und ihren Wellen
    Kann darinnen sicher sein.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Zweites Buch 17
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone