• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Die Psyche dürstet nach dem Wasser des Herzens Jesu

    1
    Wie ein Hirsch zur dürren Zeit
    Nach dem frischen Wasser schreit,
    Also schreiet auch mit Schmerzen
    Nach dem Wasser deines Herzen,
    Jesu, meine matte Seel
    In der dürren Leibeshöhl.

    2
    Ach, wer gibet mir zur Stund,
    Daß ich meiner Seelen Mund
    An dein offne Brust ansetze
    Und mich da erquick und letze!
    Ach, wer führet mich zu dir,
    Oder aber dich zu mir!

    3
    Ach, wie süß ist dein Geschmack,
    Wohl dem, der ihn kosten mag!
    Ach wie lauter, rein und helle
    Ist dein Ausfluß, deine Quelle!
    Ach wie voller Trost und Lust
    Spritzet deine milde Brust.

    4
    Dein Geruch ist über Wein,
    Macht die Engel trunken sein.
    Er erfreuet die Betrübten,
    Er vergnüget die Verliebten,
    Ja, du gleichst dich einem Strom,
    Wäschst die Herzen rein und fromm.

    5
    Ei, so fließ doch schleuniglich
    In mein Herz und tränke mich!
    Fließ herein, auf daß ich trinke
    Und mit dir in Gott versinke,
    Da ich bis in Ewigkeit
    Schmecke deine Süßigkeit.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Zweites Buch 15
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone