• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Die Psyche betrachtet den blutigen Schweiß Christi im Garten

    1
    O du allerliebster Gott,
    Was wird mit dir werden?
    Daß du liegst voll Angst und Not
    Bebend auf der Erden,
    Daß dein rosenfarbnes Blut
    Durch dein Antlitz dringet
    Und ein Engel Trost und Mut
    Dir, dem Tröster, bringet?

    2
    Ach, du siehst die große Pein
    Und das bittre Leiden,
    Welches dir wird Mark und Bein,
    Leib und Seel durchschneiden.
    Siehst, daß aller Menschen Schuld
    Und, was ich verbrochen,
    Ernstlich und ohn einge Huld
    Wird an dir gerochen.

    3
    Ach, wie sollte nicht dein Herz
    Zittern, beben, zagen,
    Weil es schon des Todes Schmerz
    Fühlt und all die Plagen!
    Weil auf dich alleine fällt
    Alle Last der Sünden,
    Mußt du freilich, Heil der Welt,
    Große Pein empfinden!

    4
    Ach mein Heiland, könnt ich doch
    Mindern solches Leiden
    Und von diesem schweren Joch
    Eine Bürd abschneiden!
    Könnt ich doch, o Gotteslamm,
    Dir was helfen tragen
    Und für dich, mein Bräutigam,
    Zittern, stehn und zagen.

    5
    Denn du bist in diesen Tod
    Meinetwegen kommen,
    Hast aus Liebe meine Not
    Ganz auf dich genommen.
    Du ergibst dich willig drein,
    Gottes Vaterwillen
    Auch in unerhörter Pein
    Gänzlich zu erfüllen.

    6
    Ei, so hilf denn, ewger Freund,
    Meiner armen Seele,
    Wenn sie vor dem Tod und Feind
    Bebt samt ihrer Höhle.
    Laß mir deinen teuren Schweiß
    Wohl zustatten kommen,
    Wenn ich von dem Erdenkreis
    Werde weggenommen.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Zweites Buch 1
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone