• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Die Psyche sehnt sich nach Jesu alleine

    1
    O, wo bist du mein Leben,
    Dem ich mich ergeben,
    Deß ich will ganz leibeigen sein?
    Wo soll ich mich wenden,
    Mein Suchen zu enden?
    Wo soll ich dich finden,
    Erleuchter der Blinden,
    Und spüren deinen Glanz und Schein?

    2
    Sag mir an, wo du weidest,
    Die Mittagbrunst leidest,
    Auf daß ich eilends zu dir geh,
    Daß ich mit dir weide,
    Mein einzige Freude,
    Daß ich dich umfasse
    Und nimmermehr lasse,
    In Lieb und Leid steif bei dir steh.

    3
    Soll ich unter der Linden,
    Mein Herze, dich finden,
    Soll ich zum Apfelbaume gehn?
    Die Büsch und die Wälder,
    Die Wiesen und Felder
    Mit sehnlichem Schnaufen
    Durchsuchen, durchlaufen?
    Soll ich mich geben auf die Höhn?

    4
    Sag mir, ob ich bei'n Flüssen
    Soll deiner genießen,
    Weil du der starke Liebstrom bist?
    Sag, ob wir bei'n Flammen
    Solln kommen zusammen,
    Daß du mich durchglühest,
    Mein Herze besiehest,
    Obs lauter in dich schmelzt und fließt.

    5
    Nun ich will mich ausrüsten,
    Durchwandern die Wüsten
    Um dich, mein Turteltäubelein.
    Ich will mich bemühen,
    Sehr ferne zu ziehen,
    Kein Ungemach achten,
    Nur emsiglich trachten,
    Wie daß ich möge bei dir sein.


    6
    Ja, ich will mich begeben,
    Dir nach zu streben,
    So lang ich Atem schöpfen kann.
    Durch Dornen und Hecken,
    Durch Stauden und Stecken,
    In Höhlen und Grüften,
    In Tälern und Klüften
    Will ich mir machen eine Bahn.

    7
    O, begegne mir, Leben,
    Dem ich mich ergeben,
    Deß ich nunmehr ganz eigen bin!
    Ach, ach, ich verschmachte,
    Kein Labsal mehr achte,
    Bis daß ich dich habe,
    Du himmlischer Knabe,
    Wo nicht, so nimm mein Leben hin.

    8
    O, du bist ja bei'n Schafen
    Nicht etwan entschlafen
    Und liegst in süßer Rast und Ruh.
    O soll mirs gelingen,
    Dich da zu umringen,
    So will ich wohl wissen,
    Inbrünstig zu küssen
    Den Mund, dem ich jetzt rufe zu.

    9
    Wart, ich will auf die Höhen
    Des Myrrhenbergs gehen,
    Daß ich dich, Myrrhenbüschlein, find.
    Und wenn ich dich funden,
    Verwundt und gebunden,
    So will ich dich legen,
    Um deiner zu pflegen,
    Wo meine beiden Brüste sind.

    10
    Oder liegst du im Grabe,
    Weil ich noch nicht habe
    Ein einzigs Wort gehört von dir?
    Oder bist in der Krippen,
    So rühre die Lippen,
    Des Schalls mich gewähre,
    Den ich so begehre,
    O Jesu mein, gezweig es mir.

    11
    Ach mir Armen, Elenden,
    An aller Welt Enden
    Hab ich gesucht und find dich nicht!
    Doch will ich zugehen
    Auch noch nicht abstehen,
    Jerusalem sehen,
    Da wirds wohl geschehen,
    Daß ich erblick dein Angesicht.

    12
    Ich will sprechen: Jungfrauen,
    Sagt mir im Vertrauen,
    Wo mein Geliebter sich aufhält?
    Sagt mir doch geschwinde,
    Wo ich ihn nun finde?
    So werden sie eben
    Die Antwort mir geben:
    Auf Zion hat er sein Gezelt.

    13
    Alsdann will ich, mein Leben,
    Dich hurtig umgeben
    Und in meins Herzens Kammer führn.
    Da will ich dich küssen
    Und deiner genießen,
    In seligen Freuden
    Mich laben und weiden,
    Bis du mich krönen wirst und ziern.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Erstes Buch 4
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone