• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie begehrt verwundet zu sein von ihrem Geliebten

    1
    Jesu, du mächtiger Liebesgott,
    Nah dich zu mir,
    Denn ich verschmachte fast bis in Tod
    Vor Liebesbegier.
    Ergreif die Waffen und in Eil
    Durchstich mein Herz mit deinem Pfeil,
    Verwunde mich.

    2
    Komm meine Sonne, mein Lebenslicht,
    Mein Aufenthalt,
    Komm und erwärme mich, daß ich nicht
    Bleib ewig kalt.
    Wirf deine Flammen in den Schrein
    Meins halbgefrornen Herzens ein,
    Entzünde mich.

    3
    O allersüßeste Seelenbrunst,
    Durchglüh mich ganz
    Und überform mich aus Gnad und Gunst
    In deinen Glanz.
    Blas an das Feuer ohn Verdruß,
    Daß dir mein Herz mit schnellem Fluß
    Vereinigt sei.

    4
    Dann will ich sagen, daß du mich hast
    Erlöst vom Tod
    Und als ein lieblicher Seelengast
    Besucht in Not.
    Dann will ich rühmen, daß du bist
    Mein Bräutigam, der mich liebt und küßt
    Und nicht verläßt.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Erstes Buch 39
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone