• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie vergleicht das Jesulein einem Blümelein

    1
    Ich weiß ein liebes Blümelein
    Mit Gottes Tau begossen,
    In einem jungfräulichen Schrein
    Zur Winterszeit entsprossen.
    Dies Blümelein heißt Jesulein,
    Ewger Jugend, großer Tugend,
    Schön und lieblich, reich und herrlich.
    Menschenkind,
    Wie selig ist, der dieses Blümlein findt!


    2
    Es hat so lieblichen Geruch,
    Erquicket Leib und Seele,
    Vertreibt die Gift, verjagt den Fluch
    Und gibt ein heilsam Öle.
    Es stillt den Schmerz
    Und stärkt das Herz,
    Bringt im Leide süße Freude,
    Kann uns geben ewges Leben.
    Menschenkind,
    Wie selig ist, der dieses Blümlein findt!

    3
    Ich hab mir dieses Blümelein
    Vor allen auserlesen.
    Wills meinem Herzen pfropfen ein,
    Auf daß ich kann genesen.
    Ich wills allzeit in Lieb und Leid
    Bei mir haben,
    Mich zu laben
    Und mit Freuden abzuscheiden.
    Menschenkind,
    Wie selig ist, der dieses Blümlein findt!

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Erstes Buch 28
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone