Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

Angelus Silesius (1624-1677)

Sie dankt Gott für viel empfangene Wohltaten

1
Tritt hin, o Seel, und dank dem Herrn
Für seine tausend Gaben,
Mit denen er dich frei und gern
Geziert hat und erhaben.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

2
Er hat aus nichts dich hergebracht,
Zu seinem Bild formieret,
Zu seinem Gleichnis dich gemacht
Und stattlich ausstaffieret.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

3
Er hat sogar seins Herzens Blut
Für deine Schuld vergossen
Und dich von Banden und der Glut
Der Höllen losgeschlossen.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

4
Drauf hat er dich zum Kind und Sohn
Als Vater angenommen
Und will, daß du auf seinen Thron
Sollst ewger Erbe kommen.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

5
Für dich hat er die ganze Welt
Erschaffen und erbauet.
Für dich ist sie so wohl bestellt
Und was man drinnen schauet.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

6
Dir dienet jede Kreatur,
Vor dir muß alls sich neigen.
Botmäßig muß sich die Natur
Des Ganzen dir erzeigen.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

7
Dir trägt die Erde Brot und Wein,
Dir Arznei für die Schmerzen.
Dir hegt sie Tiere groß und klein,
Dir Gold in ihrem Herzen.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

8
Dort läuft und strömt das Wasser dir,
Da stehet es dir stille,
Bringt Perln, Koralln und andre Zier
Und Fische dir die Völle.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

9
Die Luft erquickt dich spät und früh
Von außen und von innen.
Die Vöglein und das Federvieh
Ergötzen deine Sinnen.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

10
Dir fährt die Sonn des Tags herein
Auf ihrem goldnen Wagen,
Dir läßt der Mond mit seinem Schein
Des Nachts herum sich tragen.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

11
Zu deinen Diensten sind bereit
Die engelischen Scharen,
Sie wachen jetzt und alle Zeit,
Daß sie nur dich bewahren.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

12
Der Himmel ist für dich gemacht
Mit allen seinen Schätzen.
Er wart, mit seiner Lust und Pracht
Vor alln dich zu ergötzen.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

13
Ach, ach, ist das nicht große Gunst,
Nicht große Huld und Güte,
Die dir schon jetzt erzeigt umsunst
Das göttliche Gemüte.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

14
Und was noch mehr, er sieht nicht an
(Willst du nur Gnade finden)
Die Schmach, die du ihm angetan
Mit tausendfachen Sünden.
Dank ihm jetzt und zu allen Zeiten
Dafür mit tausend Innigkeiten.

15
Er gibt sogar sich selbst für dich,
Er liebt dich wie sein Leben
Und will sich endlich ewiglich
Dir schenken und ergeben.
Drum dank ihm stets zu allen Zeiten,
Dafür mit tausend Innigkeiten.