• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie singt dem heiligen Geist einen schönen Lobgesang

    1
    Du süße Taube, heilger Geist,
    Der du zu uns kommst hergereist
    Vom Vater und vom Sohne,
    Dir soll jetzt durch des Mundes Klang
    Erschalln meins Herzens Lobgesang
    Vor deiner Gottheit Throne.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    2
    Du bist, der ob den Wassern schwebt,
    Der Herr, durch welchen alles lebt,
    Der alls Geschöpf beseelet.
    Durch dich ist aller Himmel Pracht
    Und ihre ganze Kraft gemacht,
    Du hast sie ausgehöhlet.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    3
    Du hast durch der Propheten Schar
    Verkündiget, was künftig war,
    Und Christum prophezeiet.
    Du zündst auch noch auf frischer Bahn
    Das Licht der Wahrheit kräftig an,
    Wer nur sein Herz dir leihet.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    4
    Du bist der Brunn der Fruchtbarkeit,
    Du hast Mariam benedeit,
    Vor dir hat sie empfangen.
    Durch dich ist Gottes ewger Sohn
    Ein Mensch geworden und in Thron
    Des Leibs der Jungfrau gangen.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    5
    Du hast gar huldreich dich erzeigt,
    Als Christi Menschheit sich geneigt,
    Die Taufe zu bekommen.
    Hast auch mit deiner Süßigkeit
    Auf ihm geruht zu jeder Zeit
    Und ihn ganz eingenommen.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    6
    Du kamest wie ein starker Wind
    Zu Christi heilgem Hofgesind
    Und machst sie voller Wonne.
    Du feurest ihre Zungen an,
    Sie reden Sprachen, die man kann,
    So weit auch geht die Sonne.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    7
    Du bist der Geist der Gnad und Huld,
    Du flehst in uns für unsre Schuld,
    Du bist der Geist der Güte.
    Du machest uns zu Kindern Gotts,
    Du machst uns würdig seines Brots,
    Vergottest das Gemüte.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    8
    Du salbest uns mit Freudenöl,
    Bist Honigseim in unsrer Kehl,
    Bist Trost in allen Schmerzen.
    Du bist die heilge Liebesbrunst,
    Die weg treibt allen bösen Dunst
    Aus den zerknirschten Herzen.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    9
    Du bist der Strom, klar wie Kristall,
    Der mit so gnadenreichem Fall
    Jerusalem erfreuet.
    Du strömest wie ein Harfenton
    Aus Gottes und des Lammes Thron,
    Durch dich wird alls verneuet.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    10
    Du bleibst bei uns in Ewigkeit,
    Wirst uns bei Endigung der Zeit
    Frei und lebendig machen.
    Du wirst mit deiner Gottheit Schein
    Uns, die wir deine Küchlein sein,
    Ganz seliglich anlachen.
    O süße Taube, heilger Geist,
    Sei ewiglich von mir gepreist.

    11
    Sei doch auch mir ein süßer Gott,
    Ein süßer Gott in Todesnot,
    Ein süßer Gott im Leben.
    Laß mich dein liebes Küchlein sein,
    Führ mich in deine Gottheit ein,
    Ohn End ob mir zu schweben.
    Daß du werdst ewiglich gepreist,
    O süße Taube, heilger Geist.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Fünftes Buch 67
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone