• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie bittet um Keuschheit

    1
    Du keusche Seele, die du mich
    Anreizest keusch zu lieben dich,
    Wann wird denn deine keusche Brunst
    Verzehret haben allen Dunst?

    2
    Ich wollte, daß mein Herz und Sinn
    So keusch wie deine möchten blühn.
    Ich wollte, daß mein Fleisch und Blut
    Wie deines wär, o keusches Gut.

    3
    Ich weiß, daß du, o keuscher Gast,
    Dein Lusthaus in der Keuschheit hast.
    Ich weiß, daß dir mit keuschem Herzen
    Beliebt zu spielen und zu scherzen.

    4
    Du bist der Keuschen Bräutigam,
    Der Keuschheit Ursprung, Wurzel, Stamm.
    Du gibst und säest keuschen Rat,
    Wer dir nur folgt auf frischem Pfad.

    5
    So säe denn auch keusche Lust
    In mein Gemüt und meine Brust.
    Vertreib aus meinem Fleisch und Blut
    Alls, was zum Fleisch anreizen tut.

    6
    Zeuch mich mit deiner Keuschheit an,
    Verhüll mich mit der Keuschheit Fahn,
    Daß ich, du Keuscher, frisch und frei
    Dein keuscher Tempel ewig sei.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Fünftes Buch 36
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone