• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Die Psyche preist die unbefleckte Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria

    Zur Metten

    1
    Sei gegrüßt, du Frau der Welt,
    Königin ins Himmelszelt,
    Reinste Jungfrau der Jungfrauen,
    Morgenstern, auf den wir schauen.

    2
    Sei gegrüßt, du göttlichs Licht
    Voller Gnad, schön zugericht.
    Komm zu Hilf dem Erdenkreis,
    Du, o aller Frauen Preis.

    3
    Dich hat Gott von Ewigkeit
    Ausersehn, gebenedeit,
    Dich zur Mutter auserkorn,
    Daß sein Wort von dir geborn.


    Dich hat er ganz schön geziert
    Und zur Braut sich zugeführt,
    Dich, in der die sündig Art
    Adams nie gespüret ward.


    Zur Prim

    5
    Weise Jungfrau, sei gegrüßt,
    Haus, welchs Gott geweihet bist,
    Siebensäulig aufgeführt,
    Mit gedecktem Tisch geziert.

    6
    Sei gegrüßt, du edle Frucht,
    Frei von aller Sündensucht,
    Heilig, rein und auserkoren,
    Ehe du noch warst geboren.

    7
    Mutter alles, was Gott lebt,
    Tür der Heilgen, hoch erhebt,
    Neuer Stern von Jakobs Stamm,
    Frau der Engel, sanfte Flamm.

    8
    Satans Schrecken wie ein Blitz,
    Kriegesheer, Schwert und Geschütz,
    Sei der Christen unser Port,
    Unser Zuflucht fort und fort!

    Zur Tertie

    9
    Sei gegrüßt, du Arch der Pflicht,
    Salmons Thron voll Glanz und Licht,
    Regenbogen schön geneigt,
    Brombeerstrauch, da Gott sich zeigt.

    10
    Rute, die stets grünt und blüht,
    Gedeons Fell, wie man sieht!
    Samsons Honig für und für,
    Zugeschlossne Gottestür.

    11
    Billig war es, daß dein Kind,
    Der seins gleichen nirgend findt,
    Vor dem Erbfall hat behüt
    Deine Seel, Leib und Geblüt.

    12
    Denn weil er dich auserkoren,
    Um zu sein aus dir geboren,
    Hat er auch in keiner Schuld
    Wissen wollen solche Huld.

    Zur Sechste

    13
    Tempel der Dreifaltigkeit,
    Kammer ewger Reinigkeit,
    Freude, die der Engel küßt,
    Mutter, Jungfrau, sei gegrüßt.

    14
    Trost in Trübsal und in Leid,
    Garten der Wollüstigkeit,
    Wahre Palme der Geduld,
    Zederbaum der keuschen Huld.

    15
    Erde, die gebenedeit,
    Priesterlich von Gott geweiht,
    Heilig und von Evens Fall
    Frei erhalten überall.

    16
    Du, des Allerhöchsten Stadt,
    Morgenpforte, die er hat,
    Jungfrau sonderbarer Zier,
    Alle Gnade wohnt in dir.

    Zur None

    17
    Stadt der Zuflucht sei gegrüßt,
    Fester Turm, recht zugerüst
    Mit der Schutzwehr und dem Schild
    Davids, schön und wohlgebildt.

    18
    Durch der Liebe Feurigkeit
    Hast du zur Empfängniszeit
    Der vergiften Schlangen Schlund
    Unterdrückt, zerknirscht zu Grund.

    19
    O du Weib von großem Mut,
    Judith, die nichts scheuen tut,
    Schönste Abisai der Welt,
    Die den wahren David hält.

    20
    Rahel hat den Mann gebracht,
    Der Ägypten Kost gemacht.
    Aller Welt Heil, Trost und Zier
    Bringt Maria uns herfür.

    Zur Vesper

    21
    Sei gegrüßt, du Sonnenuhr,
    Dran die Sonn zurücke fuhr,
    Da das Wort der Ewigkeit
    Fleisch ward und ein Kind der Zeit.

    22
    Daß der Mensch vom tiefsten Tal
    Würd erhebt in höchsten Saal,
    Wird der Höchste, den man denkt,
    Niedrig und herabgesenkt.

    23
    Nun von dieser Sonnen Strahlen
    Ist Maria voller Prahlen,
    Diese Rötin hat von ihr
    Zur Empfängnis Zeit und Zier.

    24
    Diese Lilie, die das Haupt,
    Kraft und Macht der Schlang geraubt,
    Leuchtet wie der Mondenschein
    Denen, die verirret sein.

    Zum Completorio

    25
    Sei gegrüßt, schöns Blümelein,
    Mutter unbefleckt und rein,
    Königin voll Mildigkeit,
    Derer Krons Gestirn bereit.

    26
    Du bist ohne Makel ganz,
    Rein vor aller Engel Glanz,
    Stehst bei Königs rechter Hand
    Im vergoldeten Gewand.

    27
    Gib, daß wir, du Brunn der Huld,
    Hoffnung aller, die beschuldt,
    Meeresstern und süßes Licht,
    Zuflucht, denens Schiff gebricht,

    28
    Offenstehnde Himmelstür,
    Heil der Kranken für und für,
    Auf der Heilgen schönsten Auen
    Unsern König Jesum schauen.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Fünftes Buch 33
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone