• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Betrachtung der peinlichen Ewigkeit

    1
    O Ewigkeit! O Ewigkeit!
    Mein Herz muß in mir weinen,
    Wenn es das Unend deiner Zeit
    Bedenkt und deine Peinen.
    Ich werde blaß und ungestalt
    Ob deiner Jahre Länge,
    Ich bin erstaunt und sterbe bald
    Vor deiner Qualen Menge.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    2
    Miß alle Tropfen, die im Meer,
    In Flüssen und in Brünnen,
    Zähl alle, die von oben her
    Gefalln und fallen können.
    Rechn alle Flocken noch dazu,
    Die je der Schnee gegeben,
    So ist doch diese Zahl ein Nu
    Zum ewgen Jammerleben.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    3
    Zähl alles Laub, mit welchem je
    Die Wälder uns erfreuet,
    Und alles Gras, das spät und früh
    Die Zeit hat abgemeiet,
    Auch noch die Stäublein allzumal,
    Die in der Sonne streichen,
    So wirst du doch noch nicht die Zahl
    Der Ewigkeit erreichen.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    4
    Setz einen Berg, der mit der Spitz
    Des Himmels Burg berühre,
    Und seiner starken Wurzeln Sitz,
    So weit die Welt geht, führe.
    Trag dann ein einzigs Gränelein
    In tausend Jahrn herunter,
    So bleibt doch noch die ewge Pein,
    Wenn er ganz weg ist, munter.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    5
    Beschreib das ganze Firmament,
    So dicht du kannst, mit Zahlen,
    Laß drauf die Erd bis an ihr End
    Mit Ziffern übermalen.
    Sprichs aus, so's dein Verstand vermag,
    So wirst du doch nicht sprechen
    Das Jahr, in dem der erste Tag
    Der Ewigkeit wird brechen.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    6
    Die Ewigkeit ist wie ein Kreis,
    Der in sich selber gehet,
    Wie eine Schlange, die mit Fleiß
    Auf sich gewunden stehet.
    Ist wie ein Rad, das fort und fort
    Um seine Well sich schwinget
    Und doch nicht einen Ruck zum Port,
    So lang sie währet, bringet.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    7
    Sie ist ein Feuer, dessen Brunst
    Von seinem eignen zehret,
    Ein Brand, der sich durch sondre Kunst
    Von seinem Dampf ernähret.
    Sie ist ein Rachen und ein Schlund,
    Der sich stets selbst verschlucket,
    Sie ist ein Abgrund ohne Grund,
    Der immer tiefer rucket.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    8
    Wenn du vermeinst, sie sei nun aus
    Nach hunderttausend Zeiten,
    So tut sie erst ihr Trauerhaus
    Das erstemal beschreiten.
    Wenn sie sich endt, so fängt sie an,
    Ihr Anfang, der ist immer,
    Ihr Mittel schaut sie niemals an,
    Wie auch ihr Ende nimmer.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    9
    Sie ist ein ungeheure Glut,
    Die unerleidlich brennet,
    Ein schneidend Schwert, das Mut und Blut,
    Das Leib und Seel zertrennet.
    Sie ist ein Wurm, der Tag und Nacht
    In dem Gewissen naget,
    Sie ist ein Stachel, der mit Macht
    Die Herzen sticht und plaget.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    10
    Sie ist ein Donner und ein Blitz,
    Der ohne Trost erschrecket,
    Ein Strahl, der mit subtiler Hitz
    Durchdringet und erstecket.
    Ein Sturm, der alls, was Hoffnung heißt,
    Im Grimm zu Boden schläget,
    Ein Ungewitter, das im Geist
    Ein ewges Weh erreget.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    11
    Sie ist ein Abscheu, eine Kluft,
    Die das Gesicht bestürzet,
    Ein tiefes Loch und finstre Gruft,
    Die alle Bahn abkürzet.
    Sie ist ein Kerker, den der Schein
    Der Sonne nicht begrüßet,
    Ein Fessel, welches Mark und Bein
    Ohn Auslaß in sich schließet.
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    12
    Sie ist ein Wütrich und Tyrann,
    Ein ewger Herzenbrecher,
    Ein grausam Tier und zornger Mann,
    Ein strenger Sündenrächer.
    Sie ist ein Heulen und ein Schrein,
    Ein ewger Seelenjammer,
    Ein ewiges Vermaledein,
    Ein ewiger Verdammer!
    Ach, ach, was ist die Ewigkeit!

    13
    Sag, was du willst, die Ewigkeit
    Wird nie genug beschrieben.
    Wer weiß die Höh der Grausamkeit,
    Die sie pflegt zu verüben.
    Kein Auge hat ihrn Schlund gesehn,
    Kein Ohr ihr Brülln vernommen,
    Es ist auch ihre Qual und Drehn
    Noch in kein Herze kommen.
    So grimmig ist die Ewigkeit!

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Viertes Buch 32
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone