• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie vermahnt ihre Seele zu der wahren Innigkeit des Geistes

    1
    Schwing dich auf, mein Täubelein, behende
    Und verflieg dich in dein letztes Ende.
    Fleuch hinweg vom irdischen Getümmel
    Und begib dich in den stillen Himmel.

    2
    Dein Gemahl, mit dem du dich verbunden,
    Wird in keiner Unruh je gefunden.
    Drum, so du mit ihm willst selig nisten,
    Schwenk dich in die ungeschaffne Wüsten.

    3
    Töt in dir all eitele Verlangen
    Und was sonsten dich noch hält gefangen.
    Halt dein Herz und deine Kräft und Sinnen
    Ledig und mit wahrer Andacht innen.

    4
    Steig hinauf mit englischen Geberden
    Und vergiß der Dinge, die auf Erden.
    Halte dich dem Eingen abgescheiden,
    Der dich ewig trösten kann und weiden.

    5
    Also wird der König dich begehren
    Und sein gnädges Antlitz dir gewähren.
    Also wird der Bräutigam dich küssen
    Und du seiner wonniglich genießen.

    6
    Drum flieg auf, mein Täublein, meine Seele,
    Schwing dich aus den Schranken deiner Höhle.
    Flieg zu Gott mit innigem Gemüte
    Und empfah sein ewge Lieb und Güte.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Viertes Buch 26
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone