• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie erzählt, wie ihr Freund gestaltet ist

    1
    Ihr Schäferinnen, die ihr bald
    Wollt wissen, wie mein Freund gestalt,
    Kommt, tretet her in einen Reihen,
    Ich wills euch sagen und erfreuen.

    2
    Mein Freund ist wie ein Röselein
    Wohlriechend, schön, ausbündig fein.
    Ist mit des Himmels Tau begossen,
    Viel Dornen haben ihn umschlossen.

    3
    Mein Freund ist wie ein Täubelein
    Sanftmütig, liebreich, weiß und rein.
    Betrübt niemand, erfreuet alle,
    Ist ohne Falsch, hat keine Galle.

    4
    Mein Freund ist wie ein Lämmelein,
    Das nie kann ungeduldig sein.
    Huldselig, sittsam an Geberden
    Ist er vor allen auf der Erden.

    5
    Mein Freund ist wie der Morgenstern,
    Der sehr erfreulich leucht von fern.
    Ergötzend ist sein Angesichte
    Vor aller andern Sternen Lichte.

    6
    Mein Freund ist wie der Sonnen Glanz,
    Wenn sie die Welt bescheinet ganz.
    Er kann mit seiner Augen Strahlen
    Ein Licht in Leib und Seele malen.

    7
    Mein Freund ist wie das Firmament,
    Beständig aber doch behend.
    Bald steigt er auf, bald steigt er nieder,
    Bald geht er hin, bald kommt er wieder.

    8
    Mein Freund ist wie der ewge Blitz
    In des durchlauchtsten Gottes Sitz.
    In ihm zerschmelzen alle Herzen
    Von sich und ihren Liebesschmerzen.

    9
    Also, ihr Mägdlein jung und alt,
    Ist mein geliebter Freund gestalt.
    Wollt ihr ihn sehn und auch genießen,
    So sucht ihn und fallt ihm zu Füßen.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Viertes Buch 8
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone