• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie sehnt sich nach der geistlichen Geburt Jesu Christi und bittet, daß solche in ihrem Herzen geschehen möge

    1
    Geh auf, meins Herzens Morgenstern,
    Und werde mir zur Sonne;
    Geh auf und sei nunmehr nicht fern,
    Du wahre Seelenwonne.
    Erleuchte mich
    Ganz inniglich,
    Daß ich in deinem Lichte
    Noch diesen Tag
    Beschauen mag
    Dein liebstes Angesichte.

    2
    Ich wünsche nichts als dich zu sehn,
    Hab auch sonst kein Verlangen;
    Ach, ach, wann wird es doch geschehn,
    Daß ich dich werd umfangen!
    Du bist das Licht,
    Das mein Gesicht
    Alleine kann berücken.
    Du bist der Strahl,
    Der allzumal
    Mein Herze kann erquicken.

    3
    Du bist der Glanz der Herrlichkeit,
    Du gibst der Welt das Leben;
    Dein Anblick macht noch in der Zeit
    Mich in den Himmel schweben.
    Dein Freudenschein
    Macht meine Pein
    Mir über Zucker süße.
    Deins Geistes Gruß,
    Deins Mundes Kuß
    Macht, daß ich ganz zerfließe.

    4
    Wo bist du, schönster Bräutigam,
    O auserkorner Knabe?
    Wo bist du, süßes Gottes Lamm,
    Daß ich mit dir mich labe?
    Komm doch geschwind,
    Du Jungfraun Kind,
    Komm, komm, eh ich vergehe.
    Mein Geist und Sinn,
    Der fällt schon hin,
    Schau, wie so schlecht ich stehe!


    5
    Der Leib wird matt, die Seel ist schwach,
    Die Augen stehn voll Tränen;
    Der Mund verblaßt, ruft ach und ach,
    Das Herz ist voller Sehnen.
    O Jesu mein,
    Der du allein
    Mich herzlichst kannst erquicken,
    Verzeuch doch nicht,
    Mit deinem Licht
    Mich gnädig anzublicken.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Erstes Buch 13
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone