• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Die Psyche beweint ihre Sünden

    1
    Ach weh, ach weh, wo soll ich hin
    Vor meinen großen Sünden!
    Wo wird mein Geist und toter Sinn
    Das Leben wieder finden!
    Wer gibt mir eine Tränenflut,
    Daß ich mein Leid beweine?
    Wer glüht mein Herz mit Kraft und Glut
    Und macht mich wieder reine?

    2
    Ich hab des Schöpfers schönstes Bild,
    Mein arme Seel, beflecket
    Und seiner Gleichnis besten Schild
    In Kot und Schlamm gestecket?
    Ich hab mich von der Herrlichkeit
    In Schmach und Spott gefället?
    Ach weh! Ach weh! O Herzeleid,
    Daß ich mich so verstellet!

    3
    Ach weh! ich habe mich von Gott,
    Dem höchsten Gut, gewendet
    Und zu der Sünd, dem höchsten Tod,
    Ganz töricht angelendet.
    Ich hab ihn nicht, wie ich gesollt,
    Von Herzensgrund geliebet
    Und ihm zu Lob, wie er gewollt,
    Mich nicht sehr streng geübet.

    4
    Ich hab dem Herrn der Herrlichkeit
    Sehr lau und kalt gedienet
    Und ihm durch meine ganze Zeit
    Mit schlechter Treu gegrünet!
    Ich hab nicht acht auf ihn gehabt,
    Nicht wie ein Knecht geehret,
    Noch auch, mit dem er mich begabt,
    Sein schönes Pfund vermehret!

    5
    Ich hab wie ein verstocktes Kind
    Den Vater, ach, verlassen!
    Und bin gerennet wild und blind
    Auf meiner Bosheit Gassen.
    Ich habe meine Pflicht und Schuld
    Ihm leider nicht erzeiget,
    Noch vor der väterlichen Huld
    Mich nach Gebühr geneiget!

    6
    Ich habe meinem besten Freund
    Die Freundschaft aufgesaget
    Und ihn, wie treu ers auch gemeint,
    Von mir hinweg gejaget.
    Ich habe mich zum Feind gewendt
    Und bin sein Sklave worden,
    Zum Feind, der mich doch hat behend
    Auf ewig wolln ermorden.

    7
    Ich habe meinen Bräutigam,
    Der mich sich auserkoren,
    Meins Herzens Schatz, das Gottes Lamm,
    Elendiglich verloren!
    Ich hab des Schönsten Angesicht,
    Des Liebsten Kuß verscherzet,
    Ich habe meines Lebens Licht
    (O tausend Weh!) versterzet!

    8
    O tausend Weh, o tote Lust,
    Wie hast du mich vernichtet!
    O Eitelkeit, o Sündenwust,
    Wie bin ich zugerichtet!
    Du, du, o Sünd, o Seelentod,
    Hast mich mir selbst genommen!
    Durch dich bin ich um Vater, Gott,
    Herrn, Freund und Bräutgam kommen.

    9
    Ach, ist auch irgends eine Pein,
    Die meiner gleich zu schätzen?
    Kann auch ein einzigs Übel sein,
    Das neben meins zu setzen?
    Gott ist für mich aus bloßer Huld
    Am Kreuzesstamm gestorben
    Und ich hab mich aus eigner Schuld
    Doch wiederum verdorben.

    10
    Wem soll ich nun mein Herzeleid
    Und großen Jammer klagen?
    Wem soll ich meine Traurigkeit
    Und ewgen Schaden sagen?
    Ich, ich bin selbst mein Seelengift,
    Mein Tod und Feind gewesen.
    Ich hab mir selbst, was mich jetzt trifft,
    Das Übel auserlesen.

    11
    O ewge Güt, o großer Gott,
    Zu dir wend ich mich wieder.
    Dir klag ich meines Herzens Not,
    Vor dir werf ich mich nieder.
    Dir ruf ich zu, dich schrei ich an
    Um Ablaß meiner Sünden,
    Du bist allein, der helfen kann
    Und mich vom Tod entbinden.

    12
    Es ist mir leid, was ich getan
    Und was ich mißgehandelt.
    Es reut mich, daß ich auf der Bahn
    Der Sünder hab gewandelt.
    Ach, daß ich doch mein Angesicht
    Von dir je abgewendet
    Und auf die Kreatur mein Licht
    So sündig angelendet!

    13
    Es ist mir leid, ich bin nicht wert,
    Dein Antlitz zu erblicken.
    Ich bin nicht wert, daß mich die Erd
    Erduld auf ihrem Rücken.
    Jedoch vergib, schrei ich zu dir,
    Vergib, o große Güte,
    Vergib, vergib, vergib es mir,
    O gnädiges Gemüte.

    14
    Du bist ja huldreich, gut und mild,
    Barmherzig und gelinde.
    Du wirst ja deiner Gottheit Bild
    Nicht lassen in der Sünde!
    Wer wird dich loben in dem Pfuhl,
    Wer in dem Abgrund preisen?
    Wer Opfer bringen deinem Stuhl
    Und eingen Dienst erweisen?

    15
    So du willst ins Gerichte gehn
    Und nach den Taten sprechen,
    Wer ist, der vor dir wird bestehn
    Und sich dem Zorn entbrechen.
    Die Himmel sind nicht rein vor dir
    Und deine Heilgen alle,
    Vielmehr der Mensch, das Sündentier,
    Der so geneigt zum Falle.

    16
    Schau an, schau deinen eingen Sohn,
    Der meine Schwachheit träget,
    Der meine Pein und Sündenlohn
    Sich selbst hat aufgeleget.
    Schau, wie er an des Kreuzes Stamm
    Für mich ist angeschlagen
    Und als ein treuer Bräutigam
    So liebreich sich läßt plagen.

    17
    Was willst du mehr, die Sünd ist hin,
    Die Schulden sind bezahlet.
    Verändert ist mein Herz und Sinn,
    Sein Blut hat mich bemalet.
    Ich bin nun Freund, ich bin nun Kind,
    Ich bin nun neugeboren,
    Es sauset nun seins Geistes Wind
    In meines Herzens Ohren.

    18
    Hinfüro werd ich nimmermehr
    Aus deinen Wegen schreiten,
    Ich werde deines Namens Ehr
    Durch alle Welt ausbreiten.
    Ich will dich lieben über mich,
    Ich will mein Leib und Leben
    Zu deinem Lobe williglich,
    So oft du willst, aufgeben.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Viertes Buch 4
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone