• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie befiehlt sich ihm bei angehender Nacht

    1
    Dieweil nunmehr die finstre Nacht
    Der Sternen Heer führt auf die Wacht,
    Und Phöbus seinen Glanz
    Vor uns verbirget ganz,
    So will ich mich zu dir,
    Mein Leitstern Jesu, wenden
    Und diesen Tag vollenden
    Mit himmlischer Begier.

    2
    Ich sage dir von Herzen Dank
    Mit aller Heilgen Lobgesang
    Für alls, was deine Gnad
    Mir heut erzeiget hat.
    Und so ich was vor dir,
    Das sündlich ist, gehandelt
    Und ärgerlich gewandelt,
    Bitt ich, vergib es mir.

    3
    Ich lege mich mit heilger Lust
    Auf deiner Menschheit offne Brust,
    Damit du mir den Wein
    Deins Herzens flößest ein.
    Laß mich, o süßes Bild,
    In deinen keuschen Armen
    Entschlafen und erwarmen
    Und ruhn, so lang du willt.

    4
    Laß meinen Sinnen für und für
    Nichts anders träumen als von dir.
    Bei dir, mein Schatz, allein
    Laß mein Gemüte sein.
    Laß deiner Engel Schar
    Mein Leib und Seel bewachen,
    Daß mir vom höllschen Drachen
    Kein Unglück widerfahr.

    5
    Und so du etwan meine Seel
    Willst nehmen aus des Leibes Höhl,
    O allerliebstes Licht,
    So denk an deine Pflicht.
    Laß mich im selben Nun
    Auf einem Engelswagen
    Ins Paradeis hin tragen,
    Daß ich mög ewig ruhn.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Drittes Buch 50
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone