• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie freut sich über seiner Herrlichkeit

    1
    Ach Gott, was hat für Herrlichkeit,
    Für Majestät und Wonne
    In seiner großen Seligkeit
    Mein Jesus, meine Sonne.
    Die Kaiser und Könige reichen ihm dar
    All ihre Szepter und Kronen,
    Viel tausendmal tausend in mächtiger Schar
    Sind, die ihm dienen und fronen.

    2
    Er herrschet über Cherubim,
    Gebeut den Tiefen allen.
    Die Thronen und die Seraphim
    Schaun auf sein Wohlgefallen.
    Die Helden und Martyrer warten ihm auf,
    Die Väter falln vor ihm nieder,
    Die Jungfern, die singen mit künstlichem Lauf
    Die allerlieblichsten Lieder.

    3
    Er ist dem Vater gleich an Macht,
    Er sitzt auf seinem Throne.
    Er trägt der ganzen Gottheit Pracht
    Auf seines Hauptes Krone.
    Die Himmel der Himmel begreifen ihn nicht,
    Er reicht von Ende zu Ende.
    Die Mächtigen leisten ihm schuldige Pflicht
    Und alle himmlischen Stände.

    4
    Sein Antlitz leucht wie Sonn und Schnee
    Und tausend Morgensterne,
    Glänzt wie der Aufgang in der Höh
    Und wie der Blitz von ferne.
    Die Engel und Menschen, die schauen ihn an
    Mit unaussprechlichen Freuden.
    O selig und abermal selig, wer kann
    Sein Herz und Sinne da weiden.

    5
    Und alles dieses soll auch ich
    Mit hunderttausend Küssen
    In seinen Armen ewiglich
    Empfinden und genießen.
    Die Freude, die Wonne, die ewige Lust,
    Die er mir dorten wird geben,
    Ist weder dem Herzen noch Sinnen bewußt
    In diesem sterblichen Leben.


    6
    Drum will ich froh und fröhlich sein
    Und guten Mut mir fassen,
    Ich will in allem Kreuz und Pein
    Mich auf sein Wort verlassen.
    Er wird mir nach dieser betrübeten Zeit
    In seinem ewigen Maien
    Schon wieder ersetzen das wenige Leid
    Und unaufhörlich erfreuen.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Drittes Buch 46
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone