• Angelus Silesius (1624-1677)

  • Sie wünscht alles zu sein ihrem Jesu

    1
    Ach, wer gibt mir noch auf Erden
    Engelssitten und Geberden?
    Daß ich meinem Bräutigam,
    Der von königlichem Stamm,
    Wohl geschmücket in die Höh,
    Wenn er kommt, entgegen geh.

    2
    Meine Seele wünscht, vor allen
    Ihrem Jesu zu gefallen,
    Und darum begehrt sie ihr
    Aller Dinge Pracht und Zier,
    Daß sie ihme möcht allein
    Aller Schönheit Ausbund sein.

    3
    Wenn sie schauet in den Maien,
    Daß die Wiesen sich verneuen
    Und so fein und wunderschön
    Die beblümten Felder stehn,
    So verlangt sie ihm zu sein
    Eine Welt voll Blümelein.

    4
    Ach, ach, spricht sie, möcht ich werden
    Wie die bunte Frühlingserden!
    Möchte doch mein Herz allein
    Hunderttausend Rosen sein
    Und die Brust wie Lilien weiß,
    Das vor allem hat den Preis.

    5
    Oder wär ich wie Narcissen
    Bei den stillen Wasserflüssen!
    Oder wie ein Hyazinth,
    Den man himmelfarben findt!
    Und wie niedrige Violn,
    Die man muß im Grase holn.

    6
    Oder wär ich wie ein Garten
    Voll Gewürze bester Arten!
    Daß mein Jesus für und für
    Sich ergötzen könnt in mir
    Und mit Lust stets bei mir sein,
    Wie in einem ewgen Mai'n.

    7
    Ofte wünsch ich aller Dingen
    Wie ein edler Brunn zu springen.
    Ofte wünsch ich, daß ich wär
    Eine See und ganzes Meer,
    Voller Gottes Süßigkeit,
    Ihme zur Ergötzlichkeit.

    8
    Ach, wer wird mein Herz bereiten,
    Daß es sei zu allen Zeiten
    Wie die Sänfte Salomons
    Und die Wonne seines Throns,
    Wie sein Bett, um dessen Pracht
    Sechzig Starke halten Wacht.

    9
    Oder daß ich ihn erfreue
    Wie Jerusalem, das neue.
    Oder wie ein Paradeis,
    Das von keiner Unruh weiß.
    Oder wie ein schöner Saal,
    Den man lobet überall.

    10
    Oder wie ein Flammenwagen,
    Den die Seraphine tragen.
    Oder wie ein güldner Schrein,
    Oder wie Karfunkelstein.
    Oder wie die Perlen sind,
    Welche man im Aufgang findt.

    11
    Endlich wünsch ich mir, zu haben
    Solche Heiligkeit und Gaben
    Wie die Jungfrau und die Braut,
    Die dem Joseph war vertraut,
    Daß das ewge Wort in mir
    Jesus würde, wie in ihr.

    12
    O du Geist der großen Güte,
    Überschatte mein Gemüte,
    Denn auch ich bin deine Magd,
    Die von Herzen zu dir sagt:
    Mir gescheh nach deinem Wort
    Immer und in jedem Ort.

    13
    Komm doch, Jesu, mein Verlangen,
    Laß mich meine Seel umfangen,
    Daß sie dich gebär in ihr
    Und frohlockend über dir
    Sich erfreue nach der Zeit
    In der süßen Ewigkeit.

    Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder - Drittes Buch 40
  • Angelus Silesius
    LYRIK - operone