• Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

  • Die Erscheinung

    Ist's Dein Schatten, der mit lindem Wehen
    Leise oft, und flüsternd um mich schwebt,
    Dass mir ahnungsvoll das Herz erbebt
    Und mir Thränen in den Augen stehen?

    Deinen Körper birgt das dunkle Grab;
    Doch in lichte, höh're Regionen,
    Unter Engeln schwesterlich zu wohnen,
    Schwang der Geist sich, welchen Gott Dir gab.

    Sollt' er liebevoll mir wiederkehren,
    Weil er weiss, wie bang ich Dich entbehrt?
    Weil mein Herz, von Sehnsucht still verzehrt,
    Sich des bittern Grams nicht kann erwehren?

    O gieb Antwort mir auf diese Frage,
    Denn Dein nachtumhülltes Schattenbild
    Ohne Deine Rede, sanft und mild,
    Weckt nur inniger der Wehmuth Klage.

    Sprich wie sonst, mit freundlichem Vertrauen,
    Das Dich wiederum mir näher bringt,
    Ach der Schmerz, der jetzt mich tief durchdringt,
    Löst sich sonst in schauerliches Grauen.

    »Fasse Muth, und hebe ohne Thränen
    Deine Blicke liebend zu mir auf.
    Um zu lindern Dein unendlich Sehnen
    Stieg ich aus der Schattenwelt herauf.

    Sieh, ich bin noch ─ nimmer kann vergehen,
    Was in reiner Unschuld einst gelebt,
    Und gestillt in wonnevollen Wehen
    Wird der Schmerz, der irdisch uns durchbebt.

    Warum klagst Du, dass ich früh gesunken,
    In der Erde kühlen Mutterschooss?
    Vom Entzücken höh'rer Sphären trunken,
    Ist der Himmel Wonne nun mein Loos.

    Denn in Staub zerfallen ist die Hülle,
    Die so schmerzvoll meinen Geist umwand;
    Doch ihn selbst belohnt des Leidens Fülle
    Jetzt mit ew'ger Ruh' ein bessres Land.

    Dass ich noch Dir tröstend wiederkehre,
    Ist der Freundschaft Werk, die fest und rein
    Uns vereinigte, und sieh, ich ehre
    Ihr Gebot auch noch im bessern Seyn.

    Scheiden muss ich, aber stillen Frieden
    Statt der bangen Sehnsucht nimm von mir.
    Wiedersehen ist uns einst beschieden,
    Denn des Lebens Fackel löscht auch Dir.

    Ruhig sieh zu meiner Gruft hinab,
    Denn der Menschheit edelste Gefühle
    Werden nicht zu Staub im tiefen Grab ─
    Fest bestehn sie noch am letzten Ziele.«

    Gedichte 5
  • Charlotte von Ahlefeld
    LYRIK - operone